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Wieso ich immer noch an Entwicklungshilfe glaube

10 Mai

Entwicklungshilfe ist nicht gerade das populärste Thema. Konkret sprechen zwei Dinge dagegen: Die Schuldenkrise und die Sinnfrage. Das erste erklärt sich eigentlich von selbst. Wenn man selber kein Geld zu haben scheint (und eigentlich ist es für uns in Deutschland oder der Schweiz ja mehr ein Gefühl, klagen wir doch auf sehr hohem Niveau), denkt man nicht auch noch an die anderen. Das zweite ist eher eine philosophische Kritik: Wenn die Menschheit Hilfe von aussen gebraucht hätte, wären wir nie so weit entwickelt. Tönt ganz gut – und stimmt eigentlich auch. Denn trotz der milliardenschweren Hilfe kommen Entwicklungsländer einfach nicht vom Fleck.

Und doch gibt es mindestens drei Gründe, wieso sich jeder im Westen – und das wenigstens mit dem Geldbeutel – in der Entwicklungshilfe betätigen sollte:

  1. Im Moment fliesst das Geld von den Armen zu den Reichen! Trotz aller Zahlungsströme von Staaten und von NGOs in Entwicklungsländer, fliesst ein zigfaches dieses Betrages wieder zurück. Zum einen scheffelt die Elite ihr Vermögen auf ausländische Konten – kaum noch in die Schweiz, sondern eher nach London, Singapur und Guernsey. Zum zweiten verlieren viele Länder massig Steuern durch internationale Holdingstrukturen. Da ist die Schweiz mit ihrem Steuersystem ganz vorne mit dabei. Zum dritten ist es der Tribut an ausländische Investoren in Form von Zinsen und Dividenden. Und zum letzten sind es Handelshemmnisse, die Produzenten in Entwicklungsländern von unseren Märkten ausschliessen und der Abzug von gut ausgebildeten Arbeitskräften – genannt Brain Drain. Die beste Entwicklungshilfe wäre also ein Abbau all dieser Ungerechtigkeiten. Und so lange das nicht geschieht, schafft unser Einsatz wenigstens eine Ausgleich – auch wenn nur einen kleinen, denn von gleich langen Spiessen sind wir noch weit entfernt. Schätzungen gehen davon aus, dass für jeden durch Entwicklungshilfe investierter Euro mit 10 Euro zurück in den Westen fliesst.
  2. Entwicklungshilfe schafft wirkliche Realität. Jedes mal, wenn ich aus Afrika zurück komme, erscheint mir die Schweiz und das Leben hier als surreal. Wenn du mit den Herausforderungen von Menschen in Entwicklungsländern zu tun hattest, kommen dir die Probleme hier fast lächerlich vor. Natürlich ist es schön, wenn dein Kind Frühförderung kriegt und wenn die Krankenkasse die Physiotherapie zahlt – noch schöner ist es, wenn Aminata mit 27 endlich Lesen und Schreiben lernen darf oder Alfred mit 30 dank dem nachgeholten Schulabschluss seine erste Arbeitsstelle findet und damit auch noch seinem jüngeren Bruder eine Schulbildung ermöglichen kann.
  3. Entwicklungshilfe ist unsere Pflicht als Christen. Schon die ersten Apostel gaben dem Paulus mit auf den Weg, sie sollen die Armen in Jerusalem nicht vergessen. Und in jeder Kirche des ersten Jahrhunderts gehörte praktische Hilfe für Menschen in Not ganz selbstverständlich dazu. Nur wir reichen, fetten Christen im Westen spenden lieber für eine neue Lichtanlage im Gottesdienstsaal oder das Schnurlosmikrofon des Preachermans. Kirche soll ja schliesslich auch Spass machen – und Spass ist die Maxime dieser Zeit. Entwicklungsarbeit dagegen macht keinen Spass, sondern kostet nur: Geld, Schweiss, Schlaf, Gesundheit, Gemütlichkeit. Und es fordert ganz schön heraus – denn je mehr man hinsieht, desto mehr merkt man, dass man nie aller Not begegnen kann.

Trotz aller Entwicklungsarbeit, den vielen nachhaltigen Projekten, werden wir nie aller Not begegnen und alle Ungerechtigkeit ausgleichen. Wir werden nie jedem der mehr als einer Milliarde Menschen helfen können, die mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen müssen. Wir werden nie alle der 27 Millionen Menschen befreien, die im Moment in Sklaverei leben. Wir werden nie allen 25’000 Kinder unter fünf Jahren zu Essen geben können, die jeden Tag an Hunger sterben.

Aber fangen wir doch wenigstens bei einem an!

Dies ist ein Artikel von Boris Eichenberger. Er leitet die Vineyard Aarau und das Hilfswerk Vision West Afrika.

Das Ende extremer Armut – die Beseitigung eines Unwortes unserer Zeit

30 Okt

Bald wird wieder das Unwort des Jahres ausgewählt. Heiße Kandidaten sind Begriffe wie „Rettungsschirm“, „Stresstest“ oder „Stuttgart21“. Und obwohl unsere heimischen Probleme durchaus ihre Aufmerksamkeit erhalten müssen, sind sie doch nicht mit der Tragödie vergleichbar, die anderswo auf diesem Planet stattfindet. Mein Unwort des Jahres 2011 besteht aus zwei Wörtern: Vermeidbarer Hungertod.

In den letzten 3 Monaten sind in Somalia und im Norden von Kenia 30.000 Kinder verhungert. In Worten: Dreißig Tausend!! Weitere 12 Millionen Menschen wissen nicht, ob sie Weihnachten noch leben. Die fünf größten deutschen Städte zusammen – Berlin, Hamburg, München, Köln und Frankfurt – bringen es nicht auf diese Zahl an Bewohnern. Man stelle sich vor, in Deutschland würden 30.000 Kinder verhungern oder die deutschen Großstädte stünden kurz vor dem Untergang – die Nachrichten, Talkshows, Facebook Postings und Twitter Tweets hätten kein anderes Thema mehr. Spontane Hilfsbündnisse würden sich formen und die Politiker würden handeln, müssten handeln.

Hunger in Afrika (Quelle: tagesschau.de)

Hunger in Afrika (Quelle: tagesschau.de)

Und Afrika? Abgesehen von einigen mitleidvollen Erwähnungen kommt das Thema nicht vor und motiviert auch nicht zum demonstrieren oder campen vor dem Entwicklungshilfe-ministerium. Ein Gefühl der Hilflosigkeit? Oder Resignation? Beides muss nicht sein, es kann etwas sinnvolles getan werden. Mit etwas Anstrengung und Aufmerksamkeit könnte die extreme Armut mittelfristig, bis 2020, eliminiert sein. Extreme Armut ist von Menschenhand gemacht! Eine Dürre muss nicht zum Hungertod führen! Im Folgenden erzähle ich von einem positiven Beispiel sinnvoller Hilfe zur Entwicklung, es gäbe noch viele weitere zu berichten.

Im Sommer war ich für sechs Wochen beruflich in Ostafrika: Kenia, Tansania, Ruanda. Was ich gesehen habe, hat mich tief betroffen gemacht und gleichzeitig tief berührt. Als selbständiger Personal- und Organisationsentwickler war ich für eine deutsche Organisation unterwegs, Eos Visions. Diese Firma, von einem Deutschen gegründet, betreibt eine Form von Tourismus in Ostafrika, die sie „educational tourism“ nennen: Individuen oder Gruppen wenden sich an Eos mit einem bestimmten Lerninteresse. Als ich dort war, tourte gerade eine Gruppe von 13 westlichen Notfallärzten durch Ruanda um (a) zu lernen, wie Notfallmedizin unter schwierigsten Bedingungen stattfindet, und (b) zu sehen, ob und wie einheimischen Medizinern geholfen werden kann. Durch eine solche, speziell auf die Interessen zugeschnittene Tour, entstehen tiefe Einblicke, verändern sich Sichtweisen und werden oft nachhaltige Partnerschaften gebildet. Beide Parteien, die reisenden Gäste und die einheimischen Gastgeber, profitieren enorm.
Was mich so bewegt hat, war aber ein bestimmtes Erlebnis: Bereits vor der Reise mit den Notfallärzten bin ich einen Tag mit Eos-Mitarbeitern in ein abgelegenes Dorf der Twa gefahren. Die Twa oder Batwa machen mit weit weniger als 100.000 Mitgliedern noch nicht einmal 1% der Bevölkerung Ruandas aus und sind damit die kleinste Volksgruppe, gleichzeitig aber auch die älteste in Ruanda lebende. Diese Ureinwohner, wenn man so will, lebten traditionell vom Jagen und Sammeln im Regenwald. Seitdem die Regenwälder aber als Nationalparks unter Naturschutz stehen, ist ihnen die Lebensgrundlage entzogen. Die Folge ist, dass sie in bitterer Armut leben. Entwicklungshilfeprojekte gibt es viele, sowohl von diversen NGOs als auch der ruandischen Regierung. Aber was hilft die schöne moderne Schule im Dorf, wenn die Kinder mit ihren aufgeblähten Bäuchen nichts zu essen haben, weil das Land, auf das sie umgesiedelt wurden, von rauem Vulkanstein durchzogen ist und die Eltern auch sonst keine Einnahmequelle und vorallem keine Hoffnung haben? Es war bewegend und erschreckend zugleich, diese Ärmsten der Armen zu erleben. Noch bewegender war es allerdings, zu erleben, wie viel Hoffnung und Zuversicht sie hatten, als sie vom Angebot von Eos hörten: Eos würde Gruppen in das Dorf bringen, damit diese auch über die sozio-kulturelle Geschichte des Landes, und hier des Volksstammes, lernen würden. „Was könnt und wollt Ihr Euren Gästen bieten?“ fragten wir sie. Ideen sprudelten: Am Lagerfeuer die Geschichte der Volksgruppe erzählen, den ureigenen Volkstanz darbieten, ein einfaches traditionelles Essen kochen. Genau was wir uns erhofft hatten, denn es geht darum, dass sich die Betroffenen durch ihrer eigenen Ideen und ihrer eigener Hände Werk aus der Armut arbeiten. Zum einen bekommen sie für Ihr Engagement einen Teil dessen, was Eos den Reisenden in Rechnung stellt, zum anderen können sie ihre selbst hergestellte Töpferware als Souvenirs verkaufen. Und darüber hinaus gewinnen sie durch die Gäste eine Stimme und oft auch Freunde. Letztlich bekommen sie aber etwas, was noch viel mehr wert ist: Hoffnung, Respekt, Mut. Es ist doch immer wieder verblüffend, wie Hoffnung Menschen verändert. Sie haben uns fast die Füße geküsst, dass ihnen eine solche Gelegenheit eröffnet wurde. Es ist nicht das Pro-Kopf-Einkommen, dass den Ausschlag gibt, sondern die Freiheit der Menschen, ein Leben leben zu können, dass ihre Wertschätzung verdient. Dazu gehört die ökonomische Komponente genauso wie soziale.

Eos bezeichnet die eigene Philosophie als „more then profit“-Ansatz – mehr als Profit, was sowohl auf die eigene Unternehmensführung zutrifft, als auch die nachhaltige Entwicklungsarbeit durch Eos in Ostafrika treffend beschreibt. Von dieser Art Entwicklungshilfe gibt es immer mehr, weil sie Sinn macht. Darum geht es, das braucht Afrika: Nachhaltige Hilfe zur Entwicklung, die Gelegenheiten schafft. Gelegenheiten für die Ärmsten der Armen, sich selbst Respekt zu erarbeiten und einen Weg aus der Armut einschlagen zu können. Sie werden es nicht ohne uns schaffen. Sie brauchen aber nicht unser Geld, sondern eine Chance. Oder, wie es der Nobelpreisgewinner Amartya Sen formuliert hat, eine „Entwicklung als Freiheit“ ist nötig: Die Vergrößerung der individuellen Freiheit durch die Eröffnung von Verwirklichungsmöglichkeiten, die Erarbeitung von Wertschätzung und die Generierung von Einkommen durch die eigene Arbeit.

Genau wie die meisten Deutschen bin ich der Meinung, dass es keinen Sinn macht, Geld in eine Region zu geben, die, wie im Fall von Südsomalia, von einem militanten, terroristischen System beherrscht wird. Selbst wenn der Sack Reis ankommt, so verändert er doch nicht die mittel- und langfristige Perspektive. Es rettet zwar akut gefährdete Leben und ist kurzfristig daher wohl oder übel die angebrachte Form zu helfen! Mittel- und langfristig ist allerdings die Frage viel entscheidender, wie unterentwickelten Ländern ein Wandel zum Positiven ermöglicht werden kann. Eine mögliche Antwort: Durch nachhaltige Entwicklung in Form von Chancen. Eos Visions ist nur ein Beispiel einer solchen nachhaltigen Unternehmung, es gibt immer mehr von diesen positiven Initiativen.

P.S.  Zum Schluss noch drei Links und eine Buchempfehlung:

Dies ist ein Gastbeitrag von Stefan Lingott. Er wohnt in Heidelberg und ist selbständiger Personal- und Organisationsentwickler.

Social Business, und nun?

24 Jan

Seit November produziere ich Zeilen über Social Businesses. Ob Mikrofinanz oder Computer, Ratten oder Toiletten – diese Projekte faszinieren mich und zeigen, dass gutes Tun in wirtschaftlichem Kontext ein verheißungsvoller Rahmen ist. Was ziehe ich jetzt aus diesen Beobachtungen für mich? Will ich der neue Bono aus dem Kraichgau werden?

Das sei ferne.

Ich hatte bei INSEAD eine gute Unterhaltung mit einer Frau, die in Portugal Wohnung für Arme baut. Ich erklärte ihr wie wir als Christen einen sozialen Beitrag leisten – eben eher Connection-orientiert und weniger über Not und geplante Linderung. Außerdem geht es bei uns auch um das Gute an sich – ob da immer viel dabei raus kommt, ist zweitrang. Alles Gute ist gut, war meine Aussage. Das hat irgendwie ihr sündländisches Temprament geweckt und sie widersprach mir aufs Heftigste. Mehr Gutes ist besser als wenig Gutes. Man will schon was bewegen, war ihre Meinung.

Good point – habe ich gecheckt und das Argument hat was. Es geht ja nicht nur um das Gefühl, was Gutes zu tun. Sondern um reale Nöte, die echten Menschen wirklich das Leben schwer machen. Daher sollte der motivierte Allgemeintäter auch gefälligst schauen, dass seine guten Ambitionen und Verbesserung bei den Armen führt. Was mache ich aber im wohlversorgten Deutschland mit ausgeprägten Sozialsystemen und meiner begrenzten Fähigkeit, die Welt zu verbessern?

Ich weiß es noch nicht. Aber ich bin auf eine Fährte gekommen, die ich nicht verlassen will. Als reicher Mensch fühle ich eine Verantwortung, meine Gaben für den unteren Teil der Pyramide einzusetzen – wo Leute weniger Optionen haben und zum Erhalt meines Reichtums leiden. Die deutsche Reaktion ist meistens, zu verzichten – wie etwa mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren, oder etwas teureren Fairtrade-Kaffee zu kaufen. Das wird nichts ändern. Ich werde vielmehr meine Augen offen halten nach Nöten in meinem Umfeld. In Heidelberg. Und wenn ich dann eine finde, dann werde ich meine Kreativität bemühen, eine Verbesserung dafür zu finden. Und ich werde meine Freunde anstacheln, mit mir diesen Weg zu gehen. Und wenn wir in einigen Monaten nichts finden, dann werden wir fragen – den Bürgermeister, die Einwohner von HD, andere Social Business Interessierte – und einfach schamlos kopieren.

Und bei Psalm 2011 wird es einen Round Table dazu geben. Mit einigen Freunden habe ich mich zusammen getan und wir werden einfach interessierte sammeln, um unsrer Frage zu folgen: was nun?

Hero Rats

13 Jan

Hier der letzte Post zu Social Business Fällen. Nächste Woche kommt dann mein Resüme, aber das hier ist interessant:

Landminen sind ein unlösbares Problem bisher in der Welt – bis die Hero Rats kamen. Es gibt geschätzte 70 Millionen Landminen auf der Welt. Sie töten jedes Jahr 15.000-20.000 Menschen, häufig Kinder und Bauern. Es kostet im Schnitt 1.000 Euro, eine Landmine durch den Einsatz von Metaldetektoren und Ortungsfahrzeuge zu finden und zu entfernen. Es kostet 3 Euro, eine Landmine zu legen. Das heißt: dieses Problem löst sich auf die herkömmlich Weise nie. Was kann man tun?

Bart Weetjens ist ein interessanter Kerl – er hat schon immer gerne Ratten gehabt, mit ihnen gehandelt und keine seine Pappenheimer ziemlich gut. Ihm ist irgendwann aufgefallen, dass bestimmte Ratten sehr gut sind im Riechen. Fast wie Hunde, nur ungefähr 10 Mal besser. Und wenn Hunde Sprengstoff riechen können, dann vielleicht auch seine Viecher. Also probierte er mit seinen Ratten, sie auf Explosive zu trainieren. Und fürwahr: die ostafrikanische Riesenratte lässt sich trainieren und riecht Sprengstoff über weite Distanzen.

Bart Weetjens auf TED –

Also probierte Weetjens das auf einigen Feldern in ehemaligen Kriegsgebieten in Afrika. Und die Ratten schlugen zu – sie fanden die Landminen im Feld. (nicht das jetzt die Tierschützer meinen Blog auf eine schwarze Liste setzen: die Ratten gingen beim finden nicht drauf. Sie waren leicht genug, dass die Landmine nicht detoniert. (Wäre ja auch etwas krass sonst). Weetjens hatte eine Lösung für ein Problem, das jedes Dritte Land der Welt betrifft.

Frage die Leute nicht danach, was die Lösung sein könnte. Die sind von den gleichen Annahmen befangen, wie die aktuellen Anbieter. Gehe hin und verstehe das Problem. Es liegt am Entrepreneuer, die Lösung zu finden. Die etablierten Größen in einem Feld sind zu weit entfernt. Es geht darum, zu beobachten und zu verstehen.

Aber so leicht ging es dann nicht weiter. Plötzlich kam die Landminen-Lobby auf und machte Weetjens das Leben schwer. Wenn er für ein paar Cent das machen kann, was ihnen 1.000 Euro einbringt, dann finden die das nicht lustig. Und so muss sich Weetjens in den letzten Jahren mit der Lobby rumschlagen und Wege finden, den Vorteil seiner Ratten zu kommunizieren. Und diese Kampf ist noch nicht entschieden.

Das war eine ernüchternde Erkenntnis beim INSEAD Programm vor einigen Tagen: der Weg zu sozialer Veränderung ist lang und anfällig für Schwierigkeiten. Gute Ideen setzen sich nicht einfach durch. Sie lassen sich nicht einfach transportieren. Die ganzen Strategie-Tools und Management-Expertisen ersetzen nicht die harte und häufig zufällige Arbeit. Dennoch ist es ein begeisterndes Feld, um mit neuen Ideen Probleme der Menschheit zu lösen. Weetjens Lösung für den Moment – Adopt a Rat.

Investoren und Entrepreneurs nehmen weniger große Worte in den Mund. Wir dachten, wir können die Welt mit unseren Werkzeugen verändern. Aber das ist nicht immer so. Wir sind noch nicht dort. Es ist immer noch viel Experimentieren. Wir finden die Lösungen nicht im Denken, sondern im Probieren.

Ein ganzer Gebiet verändert, aber nur wenn alle mitmachen

30 Dez

Hier ist die Story hinter dem letzten Video von Melinda Gates: Der ärmste Bezirk in Indien Ist Orissa. Strom gibt es dort keinen, fließendes Wasser nicht und keine Toiletten. Menschen gehen auf die Felder um die Stadt herum und in den Fluß. Da man da auch seine Kleider und das Geschirr wäscht, ist das nicht witzig. Aber es geht ja schon einige Jahrhunderte so, und Menschen werden eben öfter krank und sterben früher.

Joe Madiath hatte schon früh eine Mission für sein Leben, den Ärmsten zu helfen. Fließend Wasser und Toiletten sind auch in anderen armen Gegenden vorhanden, also müsste es auch in Orissa machbar sein, dachte er sich. Zusammen mit ein paar Technikern und Ingenieuren bauten sie ein Projekt für ein Dorf in Orissa. Es musste billig sein und von den Dorfbewohnern zu warten. Sie fanden eine technische Lösung dafür und wollten loslegen.

Allerdings hat Indien noch eine andere Besonderheit: das Kastensystem separiert Menschen voneinander und schließt die Ärmsten am Fortschritt aus. Wenn die unterste Kaste nicht mitzieht bei den Toiletten, dann wird es auf den Feldern nicht besser und das Grundwasser ist genauso in Gefahr. Damit wäre also nichts gewonnen. Was sollte er machen?

Die meisten Ideen gibt es schon. Entrepreneuers nehmen diese Ansätze in ein neues Feld oder kombinieren Aspekte neu, so dass etwas bewegt wird.

Madiath hatte die Idee, eine Wasseranlage nur dann in einem Ort zu bauen, wenn alle dort mitmachen. 100%. Jeder musste was einzahlen und die Arbeit wurde von jedem Ort selbst erledigt. Wer wenig Geld hatte, konnte weniger zahlen, oder brachte Material, oder arbeitete mehr. Aber alle mussten dabei sein. Die ersten Dörfer lehnten das ab. Zwar konnte man hohe Zustimmungsraten finden, aber nicht 100%. Madiath blieb hart. 100%

http://www.youtube.com/v/tVy1qg1Fiqo&hl=en&fs=1

Dann war ein Dorf bereit. Sie zahlten das Geld und Meredith baute seine Wasseranlage rein. Die Leute waren begeistert. Das erste Mal haben sie an etwas zusammen gearbeitet. Der Ort wurde zum Vorbild. Andere kamen und machten mit. Nicht alles, aber über 700 Dörfer bekamen Wasserversorgung und 100% Beteiligung. Jetzt waren die Toiletten der beste Teil am Ort, so dass sie auch die Häuser und Straßen verbesserten.

Fast alle sozialen Probleme wurden schon irgendwo von irgendjemand gelöst. Die Lösungen lassen sich leider nicht immer transportieren – Bill Clinton

Es war so ein Erfolg, dass die Idee nahe lag, in einen anderen Teil Indiens zu gehen. Gram Vikas (Madiaths Organisation) ging in die Dörfer, erzählte die Geschichte, zeigte Bilder und erklärte den Prozess. Nur waren in diesem Teil Indiens noch mehr Klassenunterschiede. Und sie konnten innerhalb von 1-2 Jahren keine Dörfer finden, die mitmachten. Sollte er das Kriterium aufweichen?

Der Fall zeigt das Problem, soziale Innovation zu transportieren. Was in einem Teil der Welt funktioniert, kann woanders nicht klappen. Das hat mich beim INSEAD-Kurs erstaunt: die soziale Welt ist so superkomplex. Jeder einzelne Faktor kann eine soziale Veränderung zum Scheitern bringen.

was die Welt von Cola lernen kann

27 Dez

Das ist wahrscheinlich das beste TED-Video, das ich bisher gesehen habe. Melinda Gates präsentiert – ja, richtig, die Frau von Bill Gates. Ich habe sie noch nie sprechen sehen und nur von ihrem Involvement in der Stiftung gehört. Hier stellt sie eine Frage: „Wie kann es sein, dass Coca-Cola die entferntesten Regionen der Welt erreicht?“ Und was kann die Welt (und vor allem Social Business) von Coke lernen?

Daten – genau den Punkt hatten wir auch bei INSEAD diskutiert. Woher weißt du, ob dein social business auch was bewegt. Das Bild von Melinda ist interessant: es ist häufig wie Kegeln im Dunkeln, wenn man sein Projekt ohne Daten steuert. Und Daten sind dazu da, genau die Disziplin aufzubringen, Korrekturen vorzunehmen oder Ressourcen umzusteuern.

Lokalisierung – seit ein paar Wochen habe ich wirklich eine Abneigung gegen Großspender entwickelt. Das führt nur zur Abhängigkeit und gefährdet Projekte. Lieber im lokalen Kontext eine Unterstützung aufbauen – sei es durch ein Business Model oder lokale Spenden.

Marketing – interessant, was Melinda dazu sagt. Da hatte ich mir noch nicht so gedanken dazu gemacht. „Wir gehen davon aus, dass wenn Leute etwas brauchen, wir ihnen nicht sagen müssen, wie gut es ist“ – interessantes Statement.

Ich applaudiere Bill und Melinda Gates für ihren Einsatz! Die könnten auch was anderes machen. Aber sie haben sich vorgenommen, etwas Positives in der Welt zu bewegen und das verdient Respekt. Und sie ziehen andere (wie Warren Buffet etc) mit auf den Weg. Wenn mehr Menschen entscheiden, dass sie eigentlich genug haben und ihre Talente einsetzen, um die Welt zu verbessern, dann ist das eine gute Entwicklung. Im nächsten Post geht es weiter mit der Story „no loo, no I-do“.

Digitale Revolution in Rios Favelas – rumprobieren, bis es passt

12 Dez

In den Slums von Rio herrscht viel Armut und Gewalt und wer da aufwächst hat ein schweres Los im Leben erwischt. Wer mal am Rande der Gesellschaft endet hat es schwer, wieder Fuß zu fassen. Rodrigo Baggio sah das und dachte: irgendwie muss man doch junge Menschen wieder integrieren können und ihnen eine Perspektive vermitteln. Aber wie?

Computer – war seine Idee. In den 90ern wurden die immer mehr eine generelle Fähigkeit und wer mit Computer umgehen konnte, hatte mehr Chance auf Jobs. Und außerdem interessierte Kinder das; sie liebten es, Zeit am Computer zu verbringen. Also entwickelte Baggio ein Bulletin-Board, damit Kinder und Jugendliche dort Nachrichten posten und kommunizieren konnten. In den 90ern war das hip und eine echte Innovation. Es scheiterte.

Eine Theorie der sozialen Veränderung steckt in jedem Ansatz. Darin steckt, wie mein Ansatz eine positive Veränderung bewirkt. Das ist der Grund, warum ich etwas tue.

Niemand wollte wirklich in die Bulletin-Boards kommen. Baggio ging in die Slums und schaute nach. Im fiel auf, dass den Leuten häufig der Computer fehlte. Aha – dachte er sich. Also gründete er eine Organisation zur digitalen Inklusion (CDI) und warb bei Firmen, dass sie ihre alten Computer an ihn gaben. Und es war ein Riesenhit. Firmen wollten helfen und er hatte Tausende Computer, die er in Community-Centern aufstellt. Und wenig später merkte man gar nichts von seinen Aktivitäten. Es scheiterte.

Baggio ging wieder hin und schaute nach. Die Computer waren ein paar Tage da – und dann geklaut, verkauft, verschrottet. Das hatte er unterschätzt. Was könnte er machen? Er entwarf ein Curriculum, um Grundkenntnisse zu vermitteln (Word, Excel usw) und fand ein paar freiwillige Lehrer, die 5-7 Kinder unterrichteten. Das Programm schlug ein wie eine Bombe. Innerhalb von ein paar Jahren gab es über 1.000 solche Center in ganz Brasilien. Es funktionierte.

CDI wurde so erfolgreich, dass vor einigen Jahren die brasilianische Regierung begann, eigene Center zu errichten. Sie nahmen keine gebrauchten, sondern nagelneue Computer und stellten Lehrer direkt vom Arbeitsmarkt ein. Es entstanden in 3 Jahren über 8.000 Telecentros durch die Regierung. Baggio hat seine Mission erfüllt, die Menschen am Rande einzubinden.

Sei hartnäckig mit der Mission, aber nicht mit den Lösungen. Jedes Scheitern ist eine Lernerfahrung zur Lösung hin. Wenn man zu viel plant, wird es zu kompliziert und teuer. Entrepreneurship heißt, Dinge zu probieren und rauszufinden, was funktioniert.

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