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Der Schlüssel für gesunde Organisationen

17 Mai

Letzten Sommer bekam ich in der Türkei das Kotzen. Nicht wegen Schlechtedöner. Vielmehr war ich mit Murat, Johannes und Conny unterwegs und wir haben Gemeinden besucht. Pastoren genauer gesagt. Wir wollten zuhören und sie kennen lernen. Da war aber ein richtiger Schocker drin, der noch immer den Aggro in mir aufsteigen lässt.

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Die Gemeinden in der Türkei sind klein und schwach. Die meisten Gemeinden werden von Amerikanern oder Koreanern geleitet. Fast keine von Türken selbst. Und die Ausländer haben große Häuser, leben in Strandnähe und treffen sich zur Besprechung im Starbucks. Sie haben dann fast alle Geschichten erzählt, dass die Türken ein bisschen unzuverlässig seinen und wenn sie merken, dass man kein Geld bekommt in der Gemeinde, dann wollen sie auch keine Christen mehr sein.

Du – ich frag mich warum! Und dann gäbe es Manche, die waren richtig gut – die wurden dann Pastoren und von der Gemeinde bezahlt. Und manche wurden sogar für ein Scholarship gesponsort und nach Amerika verschifft. Als die dann drei Jahre in Pasadena ihren inneren Theologen gepflegt haben, merkten sie, dass Gott sie nach Amerika beruft. Schwubdiwub, waren die Besten der möglichen Leiter weg.

Das ganze Geld floss, weil die Türkei nun mal da liegt, wo früher Paulus seine Kreis zog. Tarsus, Ephesus, die 7 Sendschreiben. Wenn man viel in der Bibel liest, dann bekommt man schon Lust, mal die Türkei wieder zu christianisieren. Und so fließt der Dollar aus den Ländern mit vielen Mega-Churches. Keine einzige von den Gemeinden, mit denen wir zu tun hatten, hat richtig reportet, wie sie das Geld ausgeben. Bei fast allen war der Pastor der Heimatgemeinde ein Mal da, und dann nie wieder. (Und sie fanden alle, seine Krise wie in Syrien ist ein guter Anlass, nochmal einen Rundbrief nach Hause zu schicken und um Geld zu fragen; auch wenn die meisten kein konkretes Projekt hatten und mit ihren 15 Leuten auch wahrscheinlich nicht viel machen würden).

Du verstehst meinen Aggro.

Turns out – das Problem ist nicht neu. Früher nannte man das Problem „Reischristen“. Und zwar in Indien, so vor ungefähr 200 Jahren. Damals, als das britische Empire die Mission für sich entdeckte und den indischen Kontinent zu Jesus bringen wollte. Gleiches Spiel – gebildete Ausländer mit tiefen Taschen verursachen großen Appetite bei den Einheimischen. Das brachte auch das komische Dynamik ins Spiel – von Christen um des Geldes wegen bis zu Abwanderung der besten Leute ins verregnete Königreich auf der Insel.

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Damals hat der Missiologe Henry Venn (nicht der vom Diagramm; sondern der mit der Offenbarung-Frisur) ein Prinzip benannt, das dem entgegen wirken soll. Three-Self Principle. Darin meint er, dass jede lokale Gemeinde eigentlich drei Dinge machen muss, um gesund und robust zu sein. 1) self-financing. Keine oder wenig Kohle von außen. Durch den Zehnten kann jede Gemeinde in jedem Kontext überleben. Ob in Manhatten oder Timbuktu. (by the way – die Entwicklungshilfe kann auch ein Lied davon singen, dass Geld oft Probleme nicht lösen kann.) 2) self-governing. Jede Truppe braucht vor Ort eine Art, Entscheidungen abzusegnen und Korrekturen vorzunehmen. Älteste oder Aufsichtsräte. Wenn jemand von außen die Fäden zieht, ist das immer gefährlich, dass man einer anderen Agenda folgt oder zu weit weg ist vom geschehen.

Und 3) self-propagating. Sie müssen selbst das Evangelium verkünden. Das ist ja irgendwie klar, betont aber nochmal, dass man sich nicht von Billy Grahams, Alpha Kursen und Traktaten von irgendwo abhängig macht. Sondern man muss selbst seinen Kontext lesen und in die eigene Kultur sprechen. Irgendwie steckt da auch ein 4. Prinzip drin, das manche beim nähren Nachdenken noch dazu gefügt haben (wie zum Beispiel Vincent Donovan). Das ist 4.) self-theologizing. Seine eigene Theologie formulieren. Das hört sich zunächst etwas crazy und gefährlich an. Ist die Theologie denn nicht schon genug formuliert? Naja, halb. Zum einen muss man immer Kontextualisierung machen – also verstehen, wie die Nachricht gute Nachricht für den eigenen Kontext ist (siehe Punkt 3). Zum anderen stellt auch jede Kultur andere Fragen.

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In der Türkei haben sie erzählt, dass kürzlich Joyce Meyer in Istanbul war. Und da sind viele hin. Und dann haben die sich das angehört und die Pastoren und ihre Frau fanden Joyce Meyer ganz schlüssig und hilfreich. Aber ihre ich-bin-reich-habe-trotzdem-problem-aber-jesus-hilft-mir Botschaft war an der ersten Abzweigung für die meisten schon schräg. Türken sind nämlich nicht reich. Die meisten jedenfalls. Und  ein Joyce-Meyer Evangelium der Selbstfindung in Jesus ist irgendwie gar nicht die Medizin wenn die ISIS im Nachbargarten sitzt, Erdogan eine Moschee nach der anderen aus dem Boden sprießt und auf den Straßen fast nur Männer rumlaufen. Nicht nur anderer Kontext, sondern andere Fragen.  Und so muss jede Gemeinde auch für sich durchdenken, welche Antworten ein lebendiger Glaube auf dies Fragen hat. Klar kann man sich mit anderen zusammen tun und auch Theologen die Hauptarbeit machen lassen. Aber es müssen Theologen aus dem eigenen Kontext sein, und nicht welche aus Colorado Springs.

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Interessant werden diese drei Prinzipien wenn sie mal richtig getestet werden. Da stellt sich raus, dass die Chinesische Kirche genau darauf abfährt. Das Three-Self-Patritotic Movement (TSPM) ist genau im Kern auf diese Selbst-Prinzipien aufgebaut. Und in China geht es ab. Christentum ist dort Trend. Man sagt, es gibt aktuell 80-100 Millionen Christen. Das sind fast 10% der Bevölkerung. Und das in einem Land, wo Meinungsfreiheit in Frage steht und Kommunismus als Feind der Religion regiert. Powerful stuff, dieses Selbst-Prinzip. Es scheint, dass Gott jeder Kultur und jeder Gemeinde genug Möglichkeiten gegeben hat, mit ihren eigenen Herausforderungen umzugehen.

The Age of the Netzwerk

9 Mrz

Kürzlich war ich mit einem alten Arbeitskollegen beim Italiener in Mannheim. Wir treffen uns alle Jahre mal und erzählen uns, was so läuft. Seine Story hat mich irgendwie durcheinander gebracht. Er arbeitet in seinem Job in einer großen Firma. Daneben lehrt er noch an einer renommierten Business School und macht hier und da Executive Coachings. Dann erzählte er mir von einem Netzwerk, das sich über postmoderne Org Formen Gedanken macht. Und Teil der Coaching Föderation ist er auch noch, genauso wie ab und zu auf dem Lecture Circuit, wo ein paar Leute seiner Sorte sich über Organisation und so austauschen.

Klingt stressig. Irgendwie war er aber drin, und sah Flow in den ganzen Dingen. Auf dem Heimweg habe ich gedacht, endlich mal einer wie ich, der einfach nicht genug kriegen kann.

In den Tagen drauf lief die Wahl zum Weltfussballer. Manu Neuer sollte die zwei Titel-Abonnenten stoppen und durchstarten. Warum war er nominiert? Für seine Spiele bei Bayern, und natürlich weil er mit dem DFB Weltmeister wurde. Für wen gewinnt er denn? Für beide. (Und wer weiß was der Manu sonst noch so macht).

Und dann hat kürzlich mein Freund Tim in Zürich seine Metropolis gestartet. Er war mal bei Vineyard und fühlt sich da noch zugehörig (wie ich). Allerdings war er die letzten Jahre stärker mit Mike Breen und 3DM unterwegs. Die Gemeinde wird von Seacoast Church und ARC unterstützt. Was ist denn jetzt sein Label?

Solche Fragen stellt eigentlich kaum jemand mehr. Natürlich ist man vernetzt. Natürlich hier und da dabei. Natürlich haben unterschiedliche Organisation was zu geben. Und natürlich kann man sich unterschiedlich hier und da einbringen.

Diese Netzwerk-Idee wird schon seit Jahren in Firmen gelebt. Der frühere SAP Chef Henning Kagermann nannte die Organisation von heute mal „Network of Brains“. Um dein Produkte zum Kunden und dort zum Laufen zu bringen, brauchst du ganz viele Leute. Einige von deiner Firma. Aber noch viel mehr von anderen Firmen. Es ist ein Netzwerk, das ein Ergebnis schafft.

Ist es an der Zeit, dass sich Gemeinden und Verbände auch in die Richtung entwickeln? Bisher haben viele Verbände und Gemeinden den Anspruch, ganz viel vom Gemeindeleben abzudecken. Von den Jungen zu den Alten, von Kunst zu Theologie, von Mission bis Evangelisation. Und wenn ein Verband ne gewisse Größe hat, macht er seine eigenen Schulen, Zertifizierungen, Gründungen, Musiklabels etc. Wäre es an der Zeit, sich weiter zu entwickeln?

Es gibt ja schon „Ministries“ seit einigen Jahrzehnten. Spezialisten für Seelsorge, für Musik, für Jüngerschaft, für Mission. Eigentlich für alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Mir scheint aber, dass das noch nicht integriert ist in die Strategie von Verbänden oder Gemeinden.

Ich denke, über die nächsten Jahre wird sich das ändern. Wir werden weniger exklusive Mitgliedschaft sehen. Weniger „das ist meins“ und mehr Ineinandergreifen von Angeboten. Menschen heute haben eine Option und sind nicht mehr durch Familienloyalität oder Ideologie gebunden. Das Netzwerk wird flexibel sein, und die Informationsflut wird helfen, darin zu navigieren.

Vielleicht sind wir im Zeitalter des Netzwerks angekommen. Vielleicht werden damit mehr als ein Team spielen statt nur auf unser Spiel zu schauen. Ich freue mich drauf.

die ersten Christen, Bewegungen und Europa – ein Soziologieprofesser über die Dynamik, die die Welt veränderte

14 Aug

Morgends um 7 Uhr ist die beste Zeit, um mit ihm ein Interview zu machen. Seine Stimme hört sich an als hätte er viel geraucht, etwas wir Roberto Blanco. Vor einigen Woche hatte ich Rodney Stark am Telefon – den Professor für Soziologie, der seit den 1960ern Religion untersucht und neue religiöse Bewegungen. Ich habe einiges von ihm gelesen und auch sehr viel darüber gebloggt. Also habe ich ihm ein Email geschickt, ob ich ein paar Fragen direkt an ihn stellen kann:

  • Herr Stark, war der Aufstieg des Christentums unaufhaltbar?
  • Waren die ersten Christen strategisch in ihrer Mission?
  • Welche Rolle spielte Nächstenliebe in der Ausbreitung des Christentums?
  • Wie beobachten sie Gemeindegründung im Christentum?
  • Herr Stark, was sind Ihre Vorraussagen für die Entwicklung von Religion in Europa?
  • Was können wir in Europa von den ersten Christen lernen?

Mit wenig Zeit kannst du dir die Soundbites reinziehen:

Rodney Stark über Gemeindegründung (81 sek)
Was können wir in Europa von der ersten Christen lernen (93 sek)

Mit etwas mehr Zeit (1 Stunde) kannst du das ganze Interview hören:
die ersten Christen, Bewegungen und Europa. – Interview mit Rodney Stark (mp3).

Wie entstehen Bewegungen? – Gott erkennen

27 Feb

Eigentlich hat war es nur die eine Frage, warum ich 496 Seiten viel zu spät in die Nacht gelesen habe: wie entstehen Bewegungen? Mit Rodney Stark und seinem Buch Discovering God habe ich jemand getroffen, der diese Frage von den Urzeiten her betracht. Als Soziologieprofessor ist er auch geschult genug, um nicht jedem Trend nachzulaufen oder einfach Behauptungen aufzustellen. Im letzten Teil der Zusammenfassung seines Buchs (Teil 1, Teil 2, Teil 3) geht es darum, wie Bewegungen aus Innovation geboren, über Netzwerke sich ausbreiten, dort hohe Intensität und Spannung bewirken und einen einfachen komplexen Fokus haben.

Warum kaufen sich Menschen ein neues Auto, wenn sie schon eins haben? Weil das neue besser fährt, Klimaanlage und MP3 hat ist man bereit, Euros auf den Tisch zu legen. Religiöse Bewegungen entstehen nach Rodney Stark genauso: Innovation führt zu klare Vorteilen bei den Menschen und daher machen sie mit. Stark beobachtet, dass Bewegungen und Innovation fast immer von Außenseitern passieren. Nie sind es die Leiter oder Vorstände, die eine religiöse Innovation starten und ausbreiten. Wie erfolgreich eine Innovation ist, hängt von der Befriedigung ab, die sie ermöglicht.

Intensität und Spannung machen neue Bewegungen vor allem aus. Neue religiöse Bewegungen formulieren eine Aussage über Gott und die Welt, die zu einem intensiveren Erleben führt: ob emotional, intellektuell, moralisch oder kulturell. So haben die Gruppen im alten Rom eine Art von Glaubensleben, die ekstatische Tänze und ausgefeilte Philosophie beinhaltete. Das Resultat ist eine reichere Erfahrungen (wenigsten für einige Leute damals) und dadurch sind sie auch bereit, höhere Kosten an Hingabe und Beteiligung zu bezahlen. Ohne diese Intensität auf irgendeinem Level entsteht keine neue Bewegung. Die Intensität führt auch zu Spannungen mit dem Umfeld: ein Gruppe wird um neue Werte und Praktiken geformt, die so in der Umwelt nicht bekannt sind. Das kann zu Abgrenzung und Verachtung führen, aber auch zu einer gestärkten Identität und emotionalen Unterstützung für die Menschen in der Gruppe. Das ist der Grund, warum extreme Gruppen schneller wachsen als liberale. Diese scharfen Konturen sind lohnend, weil sie den neuen Mitgliedern einen emotionalen Lohn für ihren neuen Lebensstil geben.

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Aber bevor eine Gruppe entsteht, müssen ja einzelne die neue Weltsicht formulieren und vermitteln. Wie geht das? Rodney Stark beobachtet, dass die meisten Bewegungs-Gründer zunächst in ihrem direkten Umfeld die ersten Anhänger fanden: Buddha bekehrte seine Frau und Familie, Mohammed ebenfalls, genauso wie Konfuzius und bei Jesus war die Familie auch nicht weit entfernt. Nach dem direkten Umfeld ist es dann häufig die Oberschicht, die mit dem Glauben in Berührung kommt und ihn unterstützt. Aber dieser Weg über die Familie zeigt einen wichtigen Zusammenhang: Bekehrungen zu einem neuen Glauben sind keine kalten philosophischen Analysen, sondern ein Beziehungseffekt.

„Bei der Untersuchung von Bekehrungen hat noch niemand eine spontane Hinwendung einer Person nach der ersten Präsentation einer Botschaft gesehen. Menschen bekehren sich, wenn ihre Bindungen zu einer religiösen Gruppe ihre anderen Bindungen überwiegen. Und selbst mit starken Bindungen brauchen Personen ihre Zeit bis zur Bekehrung und das meist erst nach viel Selbstanalyse. Damit spielen sie eine aktive Rolle, sich selbst zu bekehren.“

„Bekehrung bedeutet hauptsächlich, das religiöse Verhalten in Einklang mit dem Umfeld zu bringen. Es ist nicht die Analyse von attraktiven Dogmen. Wenn die Zahl der Bindungen zur Gruppe höher ist als zu Ideologie-Gegnern, dann bekehren sich Menschen. Und das passiert, bevor man im Details weiß, was die Gruppe glaubt. Bekehrung ist hauptsächlich ein Schritt der Konformität, genauso wie Ablehnung. Soziale Netzwerke sind der Mechanismus, wie Bekehrungen entstehen. Um jemand zu bekehren, musst du erst ihr enger und vertrauter Freund werden.“

Das erklärt die Ausbreitung von neuen Bewegungen zunächst im nahen Umfeld. Wie ich schon früher geschrieben habe: belong – behave – believe. Es erinnert mich auch stark an die Vorteile von Clustern und einer beziehungsorientierten Gemeinde.

Wenn man sich also ein neues Auto zulegen will, dann erwartet man ausgefeiltere Technik und mehr Power. Allerdings darf es nicht komplizierter werden, sondern muss noch einfacher werden als die primitivere Variante. Das gleiche passiert bei religiösen Innovationen, die zu Bewegungen werden: sie formulieren ein klareres Bild von Gott mit mehr Aspekten als zuvor, und können das auf einfache Weise kommunizieren. „Einfachheit ist der Höhepunkt der Intelligenz,“ meint Zinedine Zidane. Die Inhalte der Gründer sind einfache Geschichten, die über Hunderte von Jahren große Wirkung entfachen. Sie lassen uns klarer auf Gott sehen und bewirken ein Leben, das mehr kostet aber auch mehr bringt.

Das sind die Mechanismen von Bewegungen. Es braucht eine Botschaft mit Nutzen, die für das direkte Umfeld was bringt, dort gelebt wird und einen besseren Lebensstil verspricht. Und es muss einfach sein. Dafür haben sich ein paar kurze Nächte allemal gelohnt.

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