Wieso ich immer noch an Entwicklungshilfe glaube

10 Mai

Entwicklungshilfe ist nicht gerade das populärste Thema. Konkret sprechen zwei Dinge dagegen: Die Schuldenkrise und die Sinnfrage. Das erste erklärt sich eigentlich von selbst. Wenn man selber kein Geld zu haben scheint (und eigentlich ist es für uns in Deutschland oder der Schweiz ja mehr ein Gefühl, klagen wir doch auf sehr hohem Niveau), denkt man nicht auch noch an die anderen. Das zweite ist eher eine philosophische Kritik: Wenn die Menschheit Hilfe von aussen gebraucht hätte, wären wir nie so weit entwickelt. Tönt ganz gut – und stimmt eigentlich auch. Denn trotz der milliardenschweren Hilfe kommen Entwicklungsländer einfach nicht vom Fleck.

Und doch gibt es mindestens drei Gründe, wieso sich jeder im Westen – und das wenigstens mit dem Geldbeutel – in der Entwicklungshilfe betätigen sollte:

  1. Im Moment fliesst das Geld von den Armen zu den Reichen! Trotz aller Zahlungsströme von Staaten und von NGOs in Entwicklungsländer, fliesst ein zigfaches dieses Betrages wieder zurück. Zum einen scheffelt die Elite ihr Vermögen auf ausländische Konten – kaum noch in die Schweiz, sondern eher nach London, Singapur und Guernsey. Zum zweiten verlieren viele Länder massig Steuern durch internationale Holdingstrukturen. Da ist die Schweiz mit ihrem Steuersystem ganz vorne mit dabei. Zum dritten ist es der Tribut an ausländische Investoren in Form von Zinsen und Dividenden. Und zum letzten sind es Handelshemmnisse, die Produzenten in Entwicklungsländern von unseren Märkten ausschliessen und der Abzug von gut ausgebildeten Arbeitskräften – genannt Brain Drain. Die beste Entwicklungshilfe wäre also ein Abbau all dieser Ungerechtigkeiten. Und so lange das nicht geschieht, schafft unser Einsatz wenigstens eine Ausgleich – auch wenn nur einen kleinen, denn von gleich langen Spiessen sind wir noch weit entfernt. Schätzungen gehen davon aus, dass für jeden durch Entwicklungshilfe investierter Euro mit 10 Euro zurück in den Westen fliesst.
  2. Entwicklungshilfe schafft wirkliche Realität. Jedes mal, wenn ich aus Afrika zurück komme, erscheint mir die Schweiz und das Leben hier als surreal. Wenn du mit den Herausforderungen von Menschen in Entwicklungsländern zu tun hattest, kommen dir die Probleme hier fast lächerlich vor. Natürlich ist es schön, wenn dein Kind Frühförderung kriegt und wenn die Krankenkasse die Physiotherapie zahlt – noch schöner ist es, wenn Aminata mit 27 endlich Lesen und Schreiben lernen darf oder Alfred mit 30 dank dem nachgeholten Schulabschluss seine erste Arbeitsstelle findet und damit auch noch seinem jüngeren Bruder eine Schulbildung ermöglichen kann.
  3. Entwicklungshilfe ist unsere Pflicht als Christen. Schon die ersten Apostel gaben dem Paulus mit auf den Weg, sie sollen die Armen in Jerusalem nicht vergessen. Und in jeder Kirche des ersten Jahrhunderts gehörte praktische Hilfe für Menschen in Not ganz selbstverständlich dazu. Nur wir reichen, fetten Christen im Westen spenden lieber für eine neue Lichtanlage im Gottesdienstsaal oder das Schnurlosmikrofon des Preachermans. Kirche soll ja schliesslich auch Spass machen – und Spass ist die Maxime dieser Zeit. Entwicklungsarbeit dagegen macht keinen Spass, sondern kostet nur: Geld, Schweiss, Schlaf, Gesundheit, Gemütlichkeit. Und es fordert ganz schön heraus – denn je mehr man hinsieht, desto mehr merkt man, dass man nie aller Not begegnen kann.

Trotz aller Entwicklungsarbeit, den vielen nachhaltigen Projekten, werden wir nie aller Not begegnen und alle Ungerechtigkeit ausgleichen. Wir werden nie jedem der mehr als einer Milliarde Menschen helfen können, die mit weniger als einem Dollar pro Tag auskommen müssen. Wir werden nie alle der 27 Millionen Menschen befreien, die im Moment in Sklaverei leben. Wir werden nie allen 25’000 Kinder unter fünf Jahren zu Essen geben können, die jeden Tag an Hunger sterben.

Aber fangen wir doch wenigstens bei einem an!

Dies ist ein Artikel von Boris Eichenberger. Er leitet die Vineyard Aarau und das Hilfswerk Vision West Afrika.

4 Antworten to “Wieso ich immer noch an Entwicklungshilfe glaube”

  1. Volker Seitz 14 Mai, 2012 um 8:00 am #

    Was glauben wir von Afrika zu wissen? Wer der Entwicklungshilfe kritisch gegenüber steht, wird in die Ecke „sozialer Kälte“ gestellt. Aber ich habe nicht den Eindruck, dass die Akteure der Entwicklungshilfe sich je Gedanken machen, ob ihr Produkt bei den Bedürftigen in Afrika auch gut ankommt, gebraucht und verstanden wird. Hilfe darf nicht die Leistungsbereitschaft untergraben. Entwicklungszusammenarbeit befindet sich seit Jahren in einer Sphäre des Wünschbaren und ist nicht Gegenstand einer dringend nötigen öffentlichen Debatte. Irrig ist die Vorstellung, dass Entwicklungshilfe Migrantenströme verringert. Die Entwicklungshilfeindustrie scheint fast immun gegen Rückschläge. Das Geld muss um jeden Preis ausgegeben werden. Aber geschenkte Finanzmittel -wie Budgethilfe- zumal sie auf Dauer und in hohem Umfang ohne echte Wirkungskontrolle fließen, verleiten auch zur Finanzkriminalität. Wichtiger aber ist, dass sie die Leistungs-und Reformbereitschaft mindern oder behindern und es zudem reformwilligen Politikern erschweren, Leistungen zu verlangen und Veränderungen herbeizuführen.Wir sollten Afrikaner ernst nehmen, die sagen, dass Korruption eine Folge der Entwicklungshilfe ist. Ja, wir sollten helfen wenn nötig, d.h. aber nur wenn Eigeninitiativen an ihre Grenzen kommen. Sinnvoll ist es die Fähigkeit und Bereitschaft sich selbst zu helfen zu fördern.Bislang ist die „Hilfe zur Selbsthilfe“ aber oft eine leergedroschene Phrase. Das Evaluierungssystem der staatlichen Hilfe begünstigt eine milde Grundhaltung. Wir sollten mit dem Privatsektor mehr als bisher kooperieren, etwa Fraueninitiativen unterstützen, die einen Radiosender oder Schulen betreiben wollen. Oder Risikokapital bereitstellen für den Aufbau von Fabriken. Aber weg von dem „Bemutterungsnetzwerk“ wie es der Koordinator des Bonner Aufrufs Kurt Gerhardt nennt. Sobald wir helfen, projizieren wir unsere Vorstellungen davon, was gut und richtig sein soll, auf die Afrikaner. Dort wo es den politischen Willen gibt demokratische Rahmenbedingungen zu schaffen sollten wir dies auch unterstützen. Aber die Initiative muss von Afrika ausgehen. Jene Programme die nicht von Regierungen angeregt und unterstützt werden, sollten nicht weitergeführt werden. Dort wo die Anforderungen an eine gute Regierungsführung verstanden wurden und demokratische Verhältnisse nicht nur vorgespiegelt werden, sind auch Ansätze eines eines Wirtschaftswachstums festzustellen.
    Volker Seitz, Autor „Afrika wird armregiert“

  2. Boris 14 Mai, 2012 um 8:25 am #

    Volker, du scheinst mir vor allem von staatlicher Entwicklungshilfe zu sprechen. Da verstehe ich dein Votum sehr gut: Achtung vor zu viel Geld, klare Zielvereinbarungen und Kontrolle der Geldströme, Initiative muss von Regierung ausgehen, Unterstützung von Eigeninitiativen in den Mittelpunkt rücken, etc.

    Weiter stimme ich mit deinem Ansatz, vor allem mit dem Privatsektor zu operieren, sehr überein. Meine Frage dabei aber ist, ob dies mit der öffentlichen Entwicklungshilfe überhaupt möglich ist? Gibt es da Ansätze oder Beispiele, dass es funktioniert?

    Nun, wie lassen sich diese Ansätze auf die Entwicklungshilfe von NGOs übertragen:
    – Lokale Mitarbeiter sind Partner und keine Angestellten
    – Projekte nur dann aus oder weiter führen, wenn sie von lokalen Mitarbeitern initiiert und getragen werden.
    – Fokus legen auf Aus- und Weiterbildung, sowie auf die Schaffung von Arbeitsplätzen
    – Gemeinsame Zielvereinbarungen in jedem Projekt und fortlaufende Evaluation derselben.
    – Klare Kontrolle der Finanzen

    Ergänzungen und Anregungen willkommen!

  3. Volker Seitz 14 Mai, 2012 um 8:31 am #

    Ja ich spreche von staatlicher Hilfe.In Bildung investieren ist immer richtig. Jedes Problem Afrikas geht auf starke Bildungsdefizite zurück. Der südafrikanische Wissenschaftler Moeletsi Mbeki ist überzeugt, dass „einige afrikanische Machthaber Angst vor zu viel Bildung haben, denn damit werden sie automatisch zunehmend hinterfragt. „Diese Länder haben nicht verstanden wie stark der Wohlstand eines Landes von der Bildung abhängt. Die Anstrengungen lohnen sich. Das Bildungsniveau ist heute ein zuverlässiger Gradmesser für die langfristige Wohlstandsentwicklung eines Landes. Seit der Unabhängig wurden in vielen Ländern noch nie vom Staat Schulen gebaut. Entweder sind es Schulen aus der Kolonialzeit, kirchliche Bildungseinrichtungen, durch ausländische Entwicklungshilfe und Privatinitiativen errichtete Schulen. Afrikas Milliardäre und Millionäre investieren nicht im eigenen Land, 700 Milliarden Dollar sind außerhalb des Kontinents geparkt. Engagierte und leistungswillige junge Menschen sehen in ihren Ländern keine Perspektiven und verlassen sie unter unwürdigen Bedingungen.
    Deshalb halte ich jede Art von Schulprojekten /Ausbildungsprojekten für sehr sinnvoll. Aus langjähriger Erfahrung weiß ich, dass Projekte aber bei den Afrikanern auch gut ankommen und verstanden werden müssen. Menschen wertschätzen Dinge danach, welche Opfer sie für sie bringen müssen. Was bringt es wenn gutmeinende Ausländer Schulen bauen, die nach ein paar Jahren mangels Unterhaltung verfallen.
    Nach meinen Erfahrungen sind Projekte schief gegangen, wenn nicht sichergestellt werden kann , dass ein -auch nicht zu geringer finanzieller- Beitrag von den Empfängern geleistet wird. Damit geht man sicher, dass angemessene Selbsthilfe-Maßstäbe nach Lebensstandard, Wohlstand und Gesundheit gesetzt werden. Durch die Selbstbeteiligung kann auch die meist problematische Wartung(Die Beteiligten bestimmen Verantwortliche)gesichert und Diebstahl verhindert werden. Auch Spenden per Container sind meist falsch, weil die örtlichen Zollbehörden hohe Auslösekosten fordern.Für diese Menschen ist es eine große Leistung aktiv und kreativ nach Lösungen zu suchen statt abzuwarten. Menschen, die in einem System aufgewachsen sind, in dem sie sich über Jahrzehnte mit bestehenden erheblichen Missständen abfinden mußten, fehlt oft der Antrieb. Sie müssen ermutigt werden.Dies war in Armenien wo ich auch tätig war nicht anders. Unbedingt müssen aber die Bewohner und die Kommune die Schule akzeptieren und zumindest einen Teil der Folgekosten tragen. Die Hoffnung, die Leute werden schon kooperieren wenn die Schule einmal steht kann zu einem weiteren Fehlschlag führen.
    Volker Seitz

  4. Boris 14 Mai, 2012 um 8:39 am #

    Danke für die wertvollen Hinweise.

    Das deckt sich eigentlich sehr mit unseren Erfahrungen in West Afrika:
    – Die Leute vor Ort sind Teilhaber und nicht Empfänger
    – Als Teilhaber leisten sie selber einen Beitrag
    – Die Ideen für die Weiterentwicklung sollen von ihnen selber kommen. So bleiben die Projekte nachhaltig
    – Eine Anfangsinvestition ist nötig, um überhaupt neue Wege aufzuzeigen, resp. Hoffnung und Ermutigung zu schaffen.

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