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Es geht auch anders…

1 Jan

Neben allen finanziellen Krisen, die wir in den letzten Jahren gesehen haben, gab es auch viel Anlass, für Hoffnung. Immer wieder sind es modellhafte Beispiele von Mikroökonomie und Selbstverwaltung, die uns aufzeigen, dass es auch anders geht. Und das manchmal auch ganz klassisch: So wie im chinesischen Dorfkollektiv Nanjie, in dem die Bauern an der Wirtschaft unmittelbar beteiligt sind. Für ihre Familien haben sie eine lebenslange Versorgungsgarantie mit Gütern des Grundbedarfs. Im Augenblick muss diese Garantie aber nicht in Anspruch genommen werden. Jeder der beteiligten Genossen ist x-facher Millionär – dank blühender Konjunktur und hohem Tourismusinteresse. Sicherlich kann man das Ganze ideologisch und politisch hinterfragen, aber es gibt auch weitere Positivbeispiele von kollektiver Organisation – und diese liegen nicht so weit entfernt von uns.

So wie etwa im Schwäbischen Gammesfeld: Dort sitzt die kleinste Raiffeisenbank Deutschlands, die noch zentrale Gedanken ihres Gründers, Friedrich Wilhelm Raiffeisen, weiter lebt. Raiffeisen hatte die Lokalität des Bankgeschäfts auf die eigene Dorfgemeinde beschränkt. Also keine Wachstumsziele um jeden Preis. Dafür regionales und persönliches Geschäft und Solidaritätsprinzip. Seine Maxime war: Jeder Kunde wird gleich behandelt. Und so ist es in Gammesfeld möglich, dass Kredite mit einem Zinssatz von 3,5% ausgegeben werden – und das an jeden.

Die Idee für seine Bank, die der eigenen Gemeinde mit Grundbedürfnissen dient, kam Raiffeisen während der Hungersnot Mitte des 19. Jahrhunderts. In dieser Zeit begann er, Brot für Bedürftige zu backen und gründete den Brotverein. Raiffeisen kümmerte sich auch um den Bau von Schulen und die Anlage von Wäldern und Straßen – er dachte sehr langfristig und investierte nachhaltig in Vernetzung und Infrastruktur, Grundlagen für gesunde Marktwirtschaft. Seine Motivation wurzelte im christlichen Glauben, der ihn angesichts der Armut der Bevölkerung und dem Wucher gegenüber den Bauern zu Taten bewegte, die paradigmatisches Veränderungspotenzial besaßen.

Wir erleben heute ja eine Art von Renaissance von sozialem Engagement, die aber auch in manchen Bereichen schon wieder fast einem Start-up Hype ähnelt. Dabei haben wir viele Vorbilder, die geradezu rebellenhaft in ihrer Zeit konzeptionelle Grundsteine gelegt haben, die wir heute fortführen können. So wie in Gammesfeld, wo der Vorstand auch noch die Bank putzt. Jeder im Dorf kann einsehen, was er verdient und über die Verwendung des Gewinns mitentscheiden. Der Lohn für die Bank ist höchstes Vertrauen der Kunden und Anteilsinhaber und langfristige Beziehungen über Generationen hinaus.

Aber es geht Fritze Vogt, dem ehemaligen Bankvorstand in Gammesfeld, um weit mehr als gute Geschäftsbeziehungen:
„Ich bin ein Rebell – gegen ungute Entwicklungen“ und „Widerstand lohnt sich“ sagt er. Ein gutes Vorbild für eine aktive, konstruktive und Werte schaffende Grundhaltung, die weit über das Okkupieren hinaus geht und alternative Modelle für das Wohl der Gemeinschaft bietet – und damit auch überregional Impulse sendet, sowohl national als auch international, bis hin nach Japan:

Das Ende extremer Armut – die Beseitigung eines Unwortes unserer Zeit

30 Okt

Bald wird wieder das Unwort des Jahres ausgewählt. Heiße Kandidaten sind Begriffe wie „Rettungsschirm“, „Stresstest“ oder „Stuttgart21“. Und obwohl unsere heimischen Probleme durchaus ihre Aufmerksamkeit erhalten müssen, sind sie doch nicht mit der Tragödie vergleichbar, die anderswo auf diesem Planet stattfindet. Mein Unwort des Jahres 2011 besteht aus zwei Wörtern: Vermeidbarer Hungertod.

In den letzten 3 Monaten sind in Somalia und im Norden von Kenia 30.000 Kinder verhungert. In Worten: Dreißig Tausend!! Weitere 12 Millionen Menschen wissen nicht, ob sie Weihnachten noch leben. Die fünf größten deutschen Städte zusammen – Berlin, Hamburg, München, Köln und Frankfurt – bringen es nicht auf diese Zahl an Bewohnern. Man stelle sich vor, in Deutschland würden 30.000 Kinder verhungern oder die deutschen Großstädte stünden kurz vor dem Untergang – die Nachrichten, Talkshows, Facebook Postings und Twitter Tweets hätten kein anderes Thema mehr. Spontane Hilfsbündnisse würden sich formen und die Politiker würden handeln, müssten handeln.

Hunger in Afrika (Quelle: tagesschau.de)

Hunger in Afrika (Quelle: tagesschau.de)

Und Afrika? Abgesehen von einigen mitleidvollen Erwähnungen kommt das Thema nicht vor und motiviert auch nicht zum demonstrieren oder campen vor dem Entwicklungshilfe-ministerium. Ein Gefühl der Hilflosigkeit? Oder Resignation? Beides muss nicht sein, es kann etwas sinnvolles getan werden. Mit etwas Anstrengung und Aufmerksamkeit könnte die extreme Armut mittelfristig, bis 2020, eliminiert sein. Extreme Armut ist von Menschenhand gemacht! Eine Dürre muss nicht zum Hungertod führen! Im Folgenden erzähle ich von einem positiven Beispiel sinnvoller Hilfe zur Entwicklung, es gäbe noch viele weitere zu berichten.

Im Sommer war ich für sechs Wochen beruflich in Ostafrika: Kenia, Tansania, Ruanda. Was ich gesehen habe, hat mich tief betroffen gemacht und gleichzeitig tief berührt. Als selbständiger Personal- und Organisationsentwickler war ich für eine deutsche Organisation unterwegs, Eos Visions. Diese Firma, von einem Deutschen gegründet, betreibt eine Form von Tourismus in Ostafrika, die sie „educational tourism“ nennen: Individuen oder Gruppen wenden sich an Eos mit einem bestimmten Lerninteresse. Als ich dort war, tourte gerade eine Gruppe von 13 westlichen Notfallärzten durch Ruanda um (a) zu lernen, wie Notfallmedizin unter schwierigsten Bedingungen stattfindet, und (b) zu sehen, ob und wie einheimischen Medizinern geholfen werden kann. Durch eine solche, speziell auf die Interessen zugeschnittene Tour, entstehen tiefe Einblicke, verändern sich Sichtweisen und werden oft nachhaltige Partnerschaften gebildet. Beide Parteien, die reisenden Gäste und die einheimischen Gastgeber, profitieren enorm.
Was mich so bewegt hat, war aber ein bestimmtes Erlebnis: Bereits vor der Reise mit den Notfallärzten bin ich einen Tag mit Eos-Mitarbeitern in ein abgelegenes Dorf der Twa gefahren. Die Twa oder Batwa machen mit weit weniger als 100.000 Mitgliedern noch nicht einmal 1% der Bevölkerung Ruandas aus und sind damit die kleinste Volksgruppe, gleichzeitig aber auch die älteste in Ruanda lebende. Diese Ureinwohner, wenn man so will, lebten traditionell vom Jagen und Sammeln im Regenwald. Seitdem die Regenwälder aber als Nationalparks unter Naturschutz stehen, ist ihnen die Lebensgrundlage entzogen. Die Folge ist, dass sie in bitterer Armut leben. Entwicklungshilfeprojekte gibt es viele, sowohl von diversen NGOs als auch der ruandischen Regierung. Aber was hilft die schöne moderne Schule im Dorf, wenn die Kinder mit ihren aufgeblähten Bäuchen nichts zu essen haben, weil das Land, auf das sie umgesiedelt wurden, von rauem Vulkanstein durchzogen ist und die Eltern auch sonst keine Einnahmequelle und vorallem keine Hoffnung haben? Es war bewegend und erschreckend zugleich, diese Ärmsten der Armen zu erleben. Noch bewegender war es allerdings, zu erleben, wie viel Hoffnung und Zuversicht sie hatten, als sie vom Angebot von Eos hörten: Eos würde Gruppen in das Dorf bringen, damit diese auch über die sozio-kulturelle Geschichte des Landes, und hier des Volksstammes, lernen würden. „Was könnt und wollt Ihr Euren Gästen bieten?“ fragten wir sie. Ideen sprudelten: Am Lagerfeuer die Geschichte der Volksgruppe erzählen, den ureigenen Volkstanz darbieten, ein einfaches traditionelles Essen kochen. Genau was wir uns erhofft hatten, denn es geht darum, dass sich die Betroffenen durch ihrer eigenen Ideen und ihrer eigener Hände Werk aus der Armut arbeiten. Zum einen bekommen sie für Ihr Engagement einen Teil dessen, was Eos den Reisenden in Rechnung stellt, zum anderen können sie ihre selbst hergestellte Töpferware als Souvenirs verkaufen. Und darüber hinaus gewinnen sie durch die Gäste eine Stimme und oft auch Freunde. Letztlich bekommen sie aber etwas, was noch viel mehr wert ist: Hoffnung, Respekt, Mut. Es ist doch immer wieder verblüffend, wie Hoffnung Menschen verändert. Sie haben uns fast die Füße geküsst, dass ihnen eine solche Gelegenheit eröffnet wurde. Es ist nicht das Pro-Kopf-Einkommen, dass den Ausschlag gibt, sondern die Freiheit der Menschen, ein Leben leben zu können, dass ihre Wertschätzung verdient. Dazu gehört die ökonomische Komponente genauso wie soziale.

Eos bezeichnet die eigene Philosophie als „more then profit“-Ansatz – mehr als Profit, was sowohl auf die eigene Unternehmensführung zutrifft, als auch die nachhaltige Entwicklungsarbeit durch Eos in Ostafrika treffend beschreibt. Von dieser Art Entwicklungshilfe gibt es immer mehr, weil sie Sinn macht. Darum geht es, das braucht Afrika: Nachhaltige Hilfe zur Entwicklung, die Gelegenheiten schafft. Gelegenheiten für die Ärmsten der Armen, sich selbst Respekt zu erarbeiten und einen Weg aus der Armut einschlagen zu können. Sie werden es nicht ohne uns schaffen. Sie brauchen aber nicht unser Geld, sondern eine Chance. Oder, wie es der Nobelpreisgewinner Amartya Sen formuliert hat, eine „Entwicklung als Freiheit“ ist nötig: Die Vergrößerung der individuellen Freiheit durch die Eröffnung von Verwirklichungsmöglichkeiten, die Erarbeitung von Wertschätzung und die Generierung von Einkommen durch die eigene Arbeit.

Genau wie die meisten Deutschen bin ich der Meinung, dass es keinen Sinn macht, Geld in eine Region zu geben, die, wie im Fall von Südsomalia, von einem militanten, terroristischen System beherrscht wird. Selbst wenn der Sack Reis ankommt, so verändert er doch nicht die mittel- und langfristige Perspektive. Es rettet zwar akut gefährdete Leben und ist kurzfristig daher wohl oder übel die angebrachte Form zu helfen! Mittel- und langfristig ist allerdings die Frage viel entscheidender, wie unterentwickelten Ländern ein Wandel zum Positiven ermöglicht werden kann. Eine mögliche Antwort: Durch nachhaltige Entwicklung in Form von Chancen. Eos Visions ist nur ein Beispiel einer solchen nachhaltigen Unternehmung, es gibt immer mehr von diesen positiven Initiativen.

P.S.  Zum Schluss noch drei Links und eine Buchempfehlung:

Dies ist ein Gastbeitrag von Stefan Lingott. Er wohnt in Heidelberg und ist selbständiger Personal- und Organisationsentwickler.

Social Business, und nun?

24 Jan

Seit November produziere ich Zeilen über Social Businesses. Ob Mikrofinanz oder Computer, Ratten oder Toiletten – diese Projekte faszinieren mich und zeigen, dass gutes Tun in wirtschaftlichem Kontext ein verheißungsvoller Rahmen ist. Was ziehe ich jetzt aus diesen Beobachtungen für mich? Will ich der neue Bono aus dem Kraichgau werden?

Das sei ferne.

Ich hatte bei INSEAD eine gute Unterhaltung mit einer Frau, die in Portugal Wohnung für Arme baut. Ich erklärte ihr wie wir als Christen einen sozialen Beitrag leisten – eben eher Connection-orientiert und weniger über Not und geplante Linderung. Außerdem geht es bei uns auch um das Gute an sich – ob da immer viel dabei raus kommt, ist zweitrang. Alles Gute ist gut, war meine Aussage. Das hat irgendwie ihr sündländisches Temprament geweckt und sie widersprach mir aufs Heftigste. Mehr Gutes ist besser als wenig Gutes. Man will schon was bewegen, war ihre Meinung.

Good point – habe ich gecheckt und das Argument hat was. Es geht ja nicht nur um das Gefühl, was Gutes zu tun. Sondern um reale Nöte, die echten Menschen wirklich das Leben schwer machen. Daher sollte der motivierte Allgemeintäter auch gefälligst schauen, dass seine guten Ambitionen und Verbesserung bei den Armen führt. Was mache ich aber im wohlversorgten Deutschland mit ausgeprägten Sozialsystemen und meiner begrenzten Fähigkeit, die Welt zu verbessern?

Ich weiß es noch nicht. Aber ich bin auf eine Fährte gekommen, die ich nicht verlassen will. Als reicher Mensch fühle ich eine Verantwortung, meine Gaben für den unteren Teil der Pyramide einzusetzen – wo Leute weniger Optionen haben und zum Erhalt meines Reichtums leiden. Die deutsche Reaktion ist meistens, zu verzichten – wie etwa mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren, oder etwas teureren Fairtrade-Kaffee zu kaufen. Das wird nichts ändern. Ich werde vielmehr meine Augen offen halten nach Nöten in meinem Umfeld. In Heidelberg. Und wenn ich dann eine finde, dann werde ich meine Kreativität bemühen, eine Verbesserung dafür zu finden. Und ich werde meine Freunde anstacheln, mit mir diesen Weg zu gehen. Und wenn wir in einigen Monaten nichts finden, dann werden wir fragen – den Bürgermeister, die Einwohner von HD, andere Social Business Interessierte – und einfach schamlos kopieren.

Und bei Psalm 2011 wird es einen Round Table dazu geben. Mit einigen Freunden habe ich mich zusammen getan und wir werden einfach interessierte sammeln, um unsrer Frage zu folgen: was nun?

Hero Rats

13 Jan

Hier der letzte Post zu Social Business Fällen. Nächste Woche kommt dann mein Resüme, aber das hier ist interessant:

Landminen sind ein unlösbares Problem bisher in der Welt – bis die Hero Rats kamen. Es gibt geschätzte 70 Millionen Landminen auf der Welt. Sie töten jedes Jahr 15.000-20.000 Menschen, häufig Kinder und Bauern. Es kostet im Schnitt 1.000 Euro, eine Landmine durch den Einsatz von Metaldetektoren und Ortungsfahrzeuge zu finden und zu entfernen. Es kostet 3 Euro, eine Landmine zu legen. Das heißt: dieses Problem löst sich auf die herkömmlich Weise nie. Was kann man tun?

Bart Weetjens ist ein interessanter Kerl – er hat schon immer gerne Ratten gehabt, mit ihnen gehandelt und keine seine Pappenheimer ziemlich gut. Ihm ist irgendwann aufgefallen, dass bestimmte Ratten sehr gut sind im Riechen. Fast wie Hunde, nur ungefähr 10 Mal besser. Und wenn Hunde Sprengstoff riechen können, dann vielleicht auch seine Viecher. Also probierte er mit seinen Ratten, sie auf Explosive zu trainieren. Und fürwahr: die ostafrikanische Riesenratte lässt sich trainieren und riecht Sprengstoff über weite Distanzen.

Bart Weetjens auf TED –

Also probierte Weetjens das auf einigen Feldern in ehemaligen Kriegsgebieten in Afrika. Und die Ratten schlugen zu – sie fanden die Landminen im Feld. (nicht das jetzt die Tierschützer meinen Blog auf eine schwarze Liste setzen: die Ratten gingen beim finden nicht drauf. Sie waren leicht genug, dass die Landmine nicht detoniert. (Wäre ja auch etwas krass sonst). Weetjens hatte eine Lösung für ein Problem, das jedes Dritte Land der Welt betrifft.

Frage die Leute nicht danach, was die Lösung sein könnte. Die sind von den gleichen Annahmen befangen, wie die aktuellen Anbieter. Gehe hin und verstehe das Problem. Es liegt am Entrepreneuer, die Lösung zu finden. Die etablierten Größen in einem Feld sind zu weit entfernt. Es geht darum, zu beobachten und zu verstehen.

Aber so leicht ging es dann nicht weiter. Plötzlich kam die Landminen-Lobby auf und machte Weetjens das Leben schwer. Wenn er für ein paar Cent das machen kann, was ihnen 1.000 Euro einbringt, dann finden die das nicht lustig. Und so muss sich Weetjens in den letzten Jahren mit der Lobby rumschlagen und Wege finden, den Vorteil seiner Ratten zu kommunizieren. Und diese Kampf ist noch nicht entschieden.

Das war eine ernüchternde Erkenntnis beim INSEAD Programm vor einigen Tagen: der Weg zu sozialer Veränderung ist lang und anfällig für Schwierigkeiten. Gute Ideen setzen sich nicht einfach durch. Sie lassen sich nicht einfach transportieren. Die ganzen Strategie-Tools und Management-Expertisen ersetzen nicht die harte und häufig zufällige Arbeit. Dennoch ist es ein begeisterndes Feld, um mit neuen Ideen Probleme der Menschheit zu lösen. Weetjens Lösung für den Moment – Adopt a Rat.

Investoren und Entrepreneurs nehmen weniger große Worte in den Mund. Wir dachten, wir können die Welt mit unseren Werkzeugen verändern. Aber das ist nicht immer so. Wir sind noch nicht dort. Es ist immer noch viel Experimentieren. Wir finden die Lösungen nicht im Denken, sondern im Probieren.

was die Welt von Cola lernen kann

27 Dez

Das ist wahrscheinlich das beste TED-Video, das ich bisher gesehen habe. Melinda Gates präsentiert – ja, richtig, die Frau von Bill Gates. Ich habe sie noch nie sprechen sehen und nur von ihrem Involvement in der Stiftung gehört. Hier stellt sie eine Frage: „Wie kann es sein, dass Coca-Cola die entferntesten Regionen der Welt erreicht?“ Und was kann die Welt (und vor allem Social Business) von Coke lernen?

Daten – genau den Punkt hatten wir auch bei INSEAD diskutiert. Woher weißt du, ob dein social business auch was bewegt. Das Bild von Melinda ist interessant: es ist häufig wie Kegeln im Dunkeln, wenn man sein Projekt ohne Daten steuert. Und Daten sind dazu da, genau die Disziplin aufzubringen, Korrekturen vorzunehmen oder Ressourcen umzusteuern.

Lokalisierung – seit ein paar Wochen habe ich wirklich eine Abneigung gegen Großspender entwickelt. Das führt nur zur Abhängigkeit und gefährdet Projekte. Lieber im lokalen Kontext eine Unterstützung aufbauen – sei es durch ein Business Model oder lokale Spenden.

Marketing – interessant, was Melinda dazu sagt. Da hatte ich mir noch nicht so gedanken dazu gemacht. „Wir gehen davon aus, dass wenn Leute etwas brauchen, wir ihnen nicht sagen müssen, wie gut es ist“ – interessantes Statement.

Ich applaudiere Bill und Melinda Gates für ihren Einsatz! Die könnten auch was anderes machen. Aber sie haben sich vorgenommen, etwas Positives in der Welt zu bewegen und das verdient Respekt. Und sie ziehen andere (wie Warren Buffet etc) mit auf den Weg. Wenn mehr Menschen entscheiden, dass sie eigentlich genug haben und ihre Talente einsetzen, um die Welt zu verbessern, dann ist das eine gute Entwicklung. Im nächsten Post geht es weiter mit der Story „no loo, no I-do“.

Digitale Revolution in Rios Favelas – rumprobieren, bis es passt

12 Dez

In den Slums von Rio herrscht viel Armut und Gewalt und wer da aufwächst hat ein schweres Los im Leben erwischt. Wer mal am Rande der Gesellschaft endet hat es schwer, wieder Fuß zu fassen. Rodrigo Baggio sah das und dachte: irgendwie muss man doch junge Menschen wieder integrieren können und ihnen eine Perspektive vermitteln. Aber wie?

Computer – war seine Idee. In den 90ern wurden die immer mehr eine generelle Fähigkeit und wer mit Computer umgehen konnte, hatte mehr Chance auf Jobs. Und außerdem interessierte Kinder das; sie liebten es, Zeit am Computer zu verbringen. Also entwickelte Baggio ein Bulletin-Board, damit Kinder und Jugendliche dort Nachrichten posten und kommunizieren konnten. In den 90ern war das hip und eine echte Innovation. Es scheiterte.

Eine Theorie der sozialen Veränderung steckt in jedem Ansatz. Darin steckt, wie mein Ansatz eine positive Veränderung bewirkt. Das ist der Grund, warum ich etwas tue.

Niemand wollte wirklich in die Bulletin-Boards kommen. Baggio ging in die Slums und schaute nach. Im fiel auf, dass den Leuten häufig der Computer fehlte. Aha – dachte er sich. Also gründete er eine Organisation zur digitalen Inklusion (CDI) und warb bei Firmen, dass sie ihre alten Computer an ihn gaben. Und es war ein Riesenhit. Firmen wollten helfen und er hatte Tausende Computer, die er in Community-Centern aufstellt. Und wenig später merkte man gar nichts von seinen Aktivitäten. Es scheiterte.

Baggio ging wieder hin und schaute nach. Die Computer waren ein paar Tage da – und dann geklaut, verkauft, verschrottet. Das hatte er unterschätzt. Was könnte er machen? Er entwarf ein Curriculum, um Grundkenntnisse zu vermitteln (Word, Excel usw) und fand ein paar freiwillige Lehrer, die 5-7 Kinder unterrichteten. Das Programm schlug ein wie eine Bombe. Innerhalb von ein paar Jahren gab es über 1.000 solche Center in ganz Brasilien. Es funktionierte.

CDI wurde so erfolgreich, dass vor einigen Jahren die brasilianische Regierung begann, eigene Center zu errichten. Sie nahmen keine gebrauchten, sondern nagelneue Computer und stellten Lehrer direkt vom Arbeitsmarkt ein. Es entstanden in 3 Jahren über 8.000 Telecentros durch die Regierung. Baggio hat seine Mission erfüllt, die Menschen am Rande einzubinden.

Sei hartnäckig mit der Mission, aber nicht mit den Lösungen. Jedes Scheitern ist eine Lernerfahrung zur Lösung hin. Wenn man zu viel plant, wird es zu kompliziert und teuer. Entrepreneurship heißt, Dinge zu probieren und rauszufinden, was funktioniert.

Vertrauen und Wirkung – Wie bewegt man Menschen zu sozialer Veränderung?

4 Dez

Wer mehr hat, muss teilen – hieß es früher unter uns Freunden auf dem Schulhof. Heute lebe ich als reicher Mensch in der westlichen Welt und sollte eigentlich auch teilen. Nur ist das nicht so leicht und offensichtlich wie auf dem Schulhof. Ich habe schon Pausenbrote mit Menschen geteilt, die dann meine Gabe weggeworfen haben als ich mich wegdrehte. Damit haben sie auch mein Vertrauen in einfache Lösungen weggeworfen.

Ich habe schon Geld an Organisationen gespendet – und dann hat mir jemand gesagt, dass über 80% für Verwaltung draufgehen. Und das war das letzte Mal, dass meine Euros und mein Vertrauen an große Organisationen gingen. Vertrauen ist wohl das wichtigste Element wenn Spendengeld fließt. Und wie kann man Vertrauen in sozialen Projekten unterstützen?

kiva KIVA ist ein interessanter Fall. Kiva ist das erfolgreichste Peer-to-Peer-Finanzierungsprojekt. Auf der Webseite werden Projekte aus Entwicklungsländer vorgestellt und als Geldgeber kann für Projekte seiner Wahl Geld geben. Die Abwicklung läuft (kostenlos) über Paypal und lokal wird das Geld ausgezahlt. Für die Kiva-Leute kann man optional noch ein paar Prozent drauflegen, was wohl jeder zweite auch macht. Jeden Monat wird der Kredit dann zurückgezahlt, ohne Zinsen für den Geldgeber.

Direktheit ist wichtig für Vertrauen. Ich will nicht, dass meine Wohltatseuros durch 1.000 Hände gehen. Auch will ich die Projekte verstehen, die ich unterstütze. Aber Kiva macht noch was ganz clever und das führt dazu, dass sie die größte Platform geworden sind. Kiva organisiert Treffen und lokale Anlässe, um Menschen mit sozialen Absichten zusammen zu bringen. Dadurch sitzt man nicht nur vor ner Webseite mit ner guten Story, sondern es gibt Bestätigung für die guten Absichten und ein soziales Netz entsteht. Gute Absichten müssen genährt werden und greifbar werden – nur dann haben sie die Chance, eine größere Anzahl von Leuten in Bewegung zu halten.

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