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Das Ende extremer Armut – die Beseitigung eines Unwortes unserer Zeit

30 Okt

Bald wird wieder das Unwort des Jahres ausgewählt. Heiße Kandidaten sind Begriffe wie „Rettungsschirm“, „Stresstest“ oder „Stuttgart21“. Und obwohl unsere heimischen Probleme durchaus ihre Aufmerksamkeit erhalten müssen, sind sie doch nicht mit der Tragödie vergleichbar, die anderswo auf diesem Planet stattfindet. Mein Unwort des Jahres 2011 besteht aus zwei Wörtern: Vermeidbarer Hungertod.

In den letzten 3 Monaten sind in Somalia und im Norden von Kenia 30.000 Kinder verhungert. In Worten: Dreißig Tausend!! Weitere 12 Millionen Menschen wissen nicht, ob sie Weihnachten noch leben. Die fünf größten deutschen Städte zusammen – Berlin, Hamburg, München, Köln und Frankfurt – bringen es nicht auf diese Zahl an Bewohnern. Man stelle sich vor, in Deutschland würden 30.000 Kinder verhungern oder die deutschen Großstädte stünden kurz vor dem Untergang – die Nachrichten, Talkshows, Facebook Postings und Twitter Tweets hätten kein anderes Thema mehr. Spontane Hilfsbündnisse würden sich formen und die Politiker würden handeln, müssten handeln.

Hunger in Afrika (Quelle: tagesschau.de)

Hunger in Afrika (Quelle: tagesschau.de)

Und Afrika? Abgesehen von einigen mitleidvollen Erwähnungen kommt das Thema nicht vor und motiviert auch nicht zum demonstrieren oder campen vor dem Entwicklungshilfe-ministerium. Ein Gefühl der Hilflosigkeit? Oder Resignation? Beides muss nicht sein, es kann etwas sinnvolles getan werden. Mit etwas Anstrengung und Aufmerksamkeit könnte die extreme Armut mittelfristig, bis 2020, eliminiert sein. Extreme Armut ist von Menschenhand gemacht! Eine Dürre muss nicht zum Hungertod führen! Im Folgenden erzähle ich von einem positiven Beispiel sinnvoller Hilfe zur Entwicklung, es gäbe noch viele weitere zu berichten.

Im Sommer war ich für sechs Wochen beruflich in Ostafrika: Kenia, Tansania, Ruanda. Was ich gesehen habe, hat mich tief betroffen gemacht und gleichzeitig tief berührt. Als selbständiger Personal- und Organisationsentwickler war ich für eine deutsche Organisation unterwegs, Eos Visions. Diese Firma, von einem Deutschen gegründet, betreibt eine Form von Tourismus in Ostafrika, die sie „educational tourism“ nennen: Individuen oder Gruppen wenden sich an Eos mit einem bestimmten Lerninteresse. Als ich dort war, tourte gerade eine Gruppe von 13 westlichen Notfallärzten durch Ruanda um (a) zu lernen, wie Notfallmedizin unter schwierigsten Bedingungen stattfindet, und (b) zu sehen, ob und wie einheimischen Medizinern geholfen werden kann. Durch eine solche, speziell auf die Interessen zugeschnittene Tour, entstehen tiefe Einblicke, verändern sich Sichtweisen und werden oft nachhaltige Partnerschaften gebildet. Beide Parteien, die reisenden Gäste und die einheimischen Gastgeber, profitieren enorm.
Was mich so bewegt hat, war aber ein bestimmtes Erlebnis: Bereits vor der Reise mit den Notfallärzten bin ich einen Tag mit Eos-Mitarbeitern in ein abgelegenes Dorf der Twa gefahren. Die Twa oder Batwa machen mit weit weniger als 100.000 Mitgliedern noch nicht einmal 1% der Bevölkerung Ruandas aus und sind damit die kleinste Volksgruppe, gleichzeitig aber auch die älteste in Ruanda lebende. Diese Ureinwohner, wenn man so will, lebten traditionell vom Jagen und Sammeln im Regenwald. Seitdem die Regenwälder aber als Nationalparks unter Naturschutz stehen, ist ihnen die Lebensgrundlage entzogen. Die Folge ist, dass sie in bitterer Armut leben. Entwicklungshilfeprojekte gibt es viele, sowohl von diversen NGOs als auch der ruandischen Regierung. Aber was hilft die schöne moderne Schule im Dorf, wenn die Kinder mit ihren aufgeblähten Bäuchen nichts zu essen haben, weil das Land, auf das sie umgesiedelt wurden, von rauem Vulkanstein durchzogen ist und die Eltern auch sonst keine Einnahmequelle und vorallem keine Hoffnung haben? Es war bewegend und erschreckend zugleich, diese Ärmsten der Armen zu erleben. Noch bewegender war es allerdings, zu erleben, wie viel Hoffnung und Zuversicht sie hatten, als sie vom Angebot von Eos hörten: Eos würde Gruppen in das Dorf bringen, damit diese auch über die sozio-kulturelle Geschichte des Landes, und hier des Volksstammes, lernen würden. „Was könnt und wollt Ihr Euren Gästen bieten?“ fragten wir sie. Ideen sprudelten: Am Lagerfeuer die Geschichte der Volksgruppe erzählen, den ureigenen Volkstanz darbieten, ein einfaches traditionelles Essen kochen. Genau was wir uns erhofft hatten, denn es geht darum, dass sich die Betroffenen durch ihrer eigenen Ideen und ihrer eigener Hände Werk aus der Armut arbeiten. Zum einen bekommen sie für Ihr Engagement einen Teil dessen, was Eos den Reisenden in Rechnung stellt, zum anderen können sie ihre selbst hergestellte Töpferware als Souvenirs verkaufen. Und darüber hinaus gewinnen sie durch die Gäste eine Stimme und oft auch Freunde. Letztlich bekommen sie aber etwas, was noch viel mehr wert ist: Hoffnung, Respekt, Mut. Es ist doch immer wieder verblüffend, wie Hoffnung Menschen verändert. Sie haben uns fast die Füße geküsst, dass ihnen eine solche Gelegenheit eröffnet wurde. Es ist nicht das Pro-Kopf-Einkommen, dass den Ausschlag gibt, sondern die Freiheit der Menschen, ein Leben leben zu können, dass ihre Wertschätzung verdient. Dazu gehört die ökonomische Komponente genauso wie soziale.

Eos bezeichnet die eigene Philosophie als „more then profit“-Ansatz – mehr als Profit, was sowohl auf die eigene Unternehmensführung zutrifft, als auch die nachhaltige Entwicklungsarbeit durch Eos in Ostafrika treffend beschreibt. Von dieser Art Entwicklungshilfe gibt es immer mehr, weil sie Sinn macht. Darum geht es, das braucht Afrika: Nachhaltige Hilfe zur Entwicklung, die Gelegenheiten schafft. Gelegenheiten für die Ärmsten der Armen, sich selbst Respekt zu erarbeiten und einen Weg aus der Armut einschlagen zu können. Sie werden es nicht ohne uns schaffen. Sie brauchen aber nicht unser Geld, sondern eine Chance. Oder, wie es der Nobelpreisgewinner Amartya Sen formuliert hat, eine „Entwicklung als Freiheit“ ist nötig: Die Vergrößerung der individuellen Freiheit durch die Eröffnung von Verwirklichungsmöglichkeiten, die Erarbeitung von Wertschätzung und die Generierung von Einkommen durch die eigene Arbeit.

Genau wie die meisten Deutschen bin ich der Meinung, dass es keinen Sinn macht, Geld in eine Region zu geben, die, wie im Fall von Südsomalia, von einem militanten, terroristischen System beherrscht wird. Selbst wenn der Sack Reis ankommt, so verändert er doch nicht die mittel- und langfristige Perspektive. Es rettet zwar akut gefährdete Leben und ist kurzfristig daher wohl oder übel die angebrachte Form zu helfen! Mittel- und langfristig ist allerdings die Frage viel entscheidender, wie unterentwickelten Ländern ein Wandel zum Positiven ermöglicht werden kann. Eine mögliche Antwort: Durch nachhaltige Entwicklung in Form von Chancen. Eos Visions ist nur ein Beispiel einer solchen nachhaltigen Unternehmung, es gibt immer mehr von diesen positiven Initiativen.

P.S.  Zum Schluss noch drei Links und eine Buchempfehlung:

Dies ist ein Gastbeitrag von Stefan Lingott. Er wohnt in Heidelberg und ist selbständiger Personal- und Organisationsentwickler.

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Wie entstehen Bewegungen? – Gott erkennen

27 Feb

Eigentlich hat war es nur die eine Frage, warum ich 496 Seiten viel zu spät in die Nacht gelesen habe: wie entstehen Bewegungen? Mit Rodney Stark und seinem Buch Discovering God habe ich jemand getroffen, der diese Frage von den Urzeiten her betracht. Als Soziologieprofessor ist er auch geschult genug, um nicht jedem Trend nachzulaufen oder einfach Behauptungen aufzustellen. Im letzten Teil der Zusammenfassung seines Buchs (Teil 1, Teil 2, Teil 3) geht es darum, wie Bewegungen aus Innovation geboren, über Netzwerke sich ausbreiten, dort hohe Intensität und Spannung bewirken und einen einfachen komplexen Fokus haben.

Warum kaufen sich Menschen ein neues Auto, wenn sie schon eins haben? Weil das neue besser fährt, Klimaanlage und MP3 hat ist man bereit, Euros auf den Tisch zu legen. Religiöse Bewegungen entstehen nach Rodney Stark genauso: Innovation führt zu klare Vorteilen bei den Menschen und daher machen sie mit. Stark beobachtet, dass Bewegungen und Innovation fast immer von Außenseitern passieren. Nie sind es die Leiter oder Vorstände, die eine religiöse Innovation starten und ausbreiten. Wie erfolgreich eine Innovation ist, hängt von der Befriedigung ab, die sie ermöglicht.

Intensität und Spannung machen neue Bewegungen vor allem aus. Neue religiöse Bewegungen formulieren eine Aussage über Gott und die Welt, die zu einem intensiveren Erleben führt: ob emotional, intellektuell, moralisch oder kulturell. So haben die Gruppen im alten Rom eine Art von Glaubensleben, die ekstatische Tänze und ausgefeilte Philosophie beinhaltete. Das Resultat ist eine reichere Erfahrungen (wenigsten für einige Leute damals) und dadurch sind sie auch bereit, höhere Kosten an Hingabe und Beteiligung zu bezahlen. Ohne diese Intensität auf irgendeinem Level entsteht keine neue Bewegung. Die Intensität führt auch zu Spannungen mit dem Umfeld: ein Gruppe wird um neue Werte und Praktiken geformt, die so in der Umwelt nicht bekannt sind. Das kann zu Abgrenzung und Verachtung führen, aber auch zu einer gestärkten Identität und emotionalen Unterstützung für die Menschen in der Gruppe. Das ist der Grund, warum extreme Gruppen schneller wachsen als liberale. Diese scharfen Konturen sind lohnend, weil sie den neuen Mitgliedern einen emotionalen Lohn für ihren neuen Lebensstil geben.

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Aber bevor eine Gruppe entsteht, müssen ja einzelne die neue Weltsicht formulieren und vermitteln. Wie geht das? Rodney Stark beobachtet, dass die meisten Bewegungs-Gründer zunächst in ihrem direkten Umfeld die ersten Anhänger fanden: Buddha bekehrte seine Frau und Familie, Mohammed ebenfalls, genauso wie Konfuzius und bei Jesus war die Familie auch nicht weit entfernt. Nach dem direkten Umfeld ist es dann häufig die Oberschicht, die mit dem Glauben in Berührung kommt und ihn unterstützt. Aber dieser Weg über die Familie zeigt einen wichtigen Zusammenhang: Bekehrungen zu einem neuen Glauben sind keine kalten philosophischen Analysen, sondern ein Beziehungseffekt.

„Bei der Untersuchung von Bekehrungen hat noch niemand eine spontane Hinwendung einer Person nach der ersten Präsentation einer Botschaft gesehen. Menschen bekehren sich, wenn ihre Bindungen zu einer religiösen Gruppe ihre anderen Bindungen überwiegen. Und selbst mit starken Bindungen brauchen Personen ihre Zeit bis zur Bekehrung und das meist erst nach viel Selbstanalyse. Damit spielen sie eine aktive Rolle, sich selbst zu bekehren.“

„Bekehrung bedeutet hauptsächlich, das religiöse Verhalten in Einklang mit dem Umfeld zu bringen. Es ist nicht die Analyse von attraktiven Dogmen. Wenn die Zahl der Bindungen zur Gruppe höher ist als zu Ideologie-Gegnern, dann bekehren sich Menschen. Und das passiert, bevor man im Details weiß, was die Gruppe glaubt. Bekehrung ist hauptsächlich ein Schritt der Konformität, genauso wie Ablehnung. Soziale Netzwerke sind der Mechanismus, wie Bekehrungen entstehen. Um jemand zu bekehren, musst du erst ihr enger und vertrauter Freund werden.“

Das erklärt die Ausbreitung von neuen Bewegungen zunächst im nahen Umfeld. Wie ich schon früher geschrieben habe: belong – behave – believe. Es erinnert mich auch stark an die Vorteile von Clustern und einer beziehungsorientierten Gemeinde.

Wenn man sich also ein neues Auto zulegen will, dann erwartet man ausgefeiltere Technik und mehr Power. Allerdings darf es nicht komplizierter werden, sondern muss noch einfacher werden als die primitivere Variante. Das gleiche passiert bei religiösen Innovationen, die zu Bewegungen werden: sie formulieren ein klareres Bild von Gott mit mehr Aspekten als zuvor, und können das auf einfache Weise kommunizieren. „Einfachheit ist der Höhepunkt der Intelligenz,“ meint Zinedine Zidane. Die Inhalte der Gründer sind einfache Geschichten, die über Hunderte von Jahren große Wirkung entfachen. Sie lassen uns klarer auf Gott sehen und bewirken ein Leben, das mehr kostet aber auch mehr bringt.

Das sind die Mechanismen von Bewegungen. Es braucht eine Botschaft mit Nutzen, die für das direkte Umfeld was bringt, dort gelebt wird und einen besseren Lebensstil verspricht. Und es muss einfach sein. Dafür haben sich ein paar kurze Nächte allemal gelohnt.

Religiöse Innovation? – Gott entdecken

22 Feb

Kürzlich war ich mit meiner Frau auf einem Date und plötzlich haben wir uns in einem McDonald’s wiedergefunden. Fast-Food ist eigentlich nicht, wie wir unsere speziellen Abende miteinander verbringen, aber als wir durch die Straßen von Mannheim geschlendert sind, haben wir das neue McCafe gesehen und wollten checken, was die zu bieten haben. Mit ihrem gehobenen Stil und eleganten Angebot hat das Gasthaus zur goldenen Möwe eine Seite aufgezogen, die sie so noch nicht gezeigt haben. Sicherlich ist dabei ein Faktor der Erfolg von Starbucks und die Möglichkeit, neue Euros an Land zu ziehen. Der Markt hat sie dazu veranlasst, einen Schritt in Richtung Innovation zu tun. Rodney Stark sagt in Discovering God, dass eine ähnliche Wirkung bei der Entwicklung von Religionen gibt (Zsf Teil 1 und 2). Innovation in Religion kommt aus 3 Quellen: Anwendung auf ein neues Umfeld, Entwicklung von Nischen-Angeboten und verfeinertes Verständnis. Bei den ersten beiden geht es um die gleiche Botschaft in einem neuen Gewand; in der letzten geht es um eine erweiterte Botschaft.

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Neues Umfeld

Als die ersten Siedler in Amerika die Fronten der Prärie bewohnten, hatten die Glaubensbewegungen ein Problem. Das Land war so weit und so wenig Leute wohnte dort, dass es nicht möglich war, europäische Modelle der Versammlung der zu praktizieren. In Europa wohnte man in Städten und Dörfern und in der Mitte Stand eine Kirche, wo die Leute ihr religiöses Leben zentrieren konnten. In Pennsylvania, Ohio und später Kansas und Indiana waren die Menschen so weit voneinander entfernt, dass sie oft monatelang keine anderen Erwachsenen zu Gesicht bekamen. Wie kann man hier eine Gemeinde machen? Viel Erfolg!

Was sich über die Zeit entwickelte waren Camp-Meetings. Dort kamen bekannte Redner und für eine Woche kam der ganze Umkreis zusammen, campte, betete, hing ab und wurde erweckt. Zum Teil kamen dort 20.000 Personen zusammen, was kein schlechter Besuch ist wenn die größte Stadt im ganzen Süden der USA gerade mal 10.000 Einwohner hatte. Außerdem sind dort richtig viele Menschen zum Glauben gekommen oder wieder neu motiviert worden.

Die Camp-Meetings sind ein Beispiel für Innovation im Modell von Glauben. Irgendwas verändert sich in den Rahmenbedingungen und es zwingt, neue Formen zu finden, um die Bedürfnisse der Menschen zu treffen. Ähnliche Entwicklungen gab es im Judentum, im Buddhismus und vielen anderen Religionen. Glaubenssysteme mit einem klaren Kern und flexibler Form haben größere Erfolg in Veränderungen und neuen Situationen. Heute ist sicherlich eine Frage: wie kommen Christen in der Stadt zurecht? Wie agieren wir im Globalisierten Multi-Ehtnitzismus? Wie können Information Worker ein Jesus-mäßgies Leben führen?

Nischenangebote

Für eine ähnliche Entwicklung stehen Willow Creek oder Campus für Christus oder die frühen Gemeinden für Farbige in den Südstaaten. Nischen-Entwicklungen merken, dass eine gewisse Gruppe in der Gesellschaft nicht in die bestehenden Angebote passt. Statt das Modell von Glaube zu ändern, wird lediglich das Gewandt kulturell angepasst: andere Sprache, anderes Tempo, andere Fragen. In den frühen amerikanischen Kolonien waren die befreiten Skalven zum Glauben gekommen, konnten sich aber nicht so richtig für das weiße, intellektuelle Glaubensleben erwärmen. Folglich entstanden Gemeinden, die mehr Emotionalität, mehr Musik, mehr Ausgelassenheit ermöglichten und so den kulturellen Unterschieden Ausdruck bot.

Der größte Teil der Innovation scheint in diese Richtung zu gehen. Es scheint immer noch ein wichtiges Feld zu sein, da die meisten Gemeinden noch immer Mittelklasse für Familien ausgelegt sind. Tim Keller hat zum Beispiel einen bewussten Ansatz gewählt, städtische New Yorker zu erreichen und ist damit sehr erfolgreich. Willow Creek fokussierte sich auf skeptische Vorstädter und die Emerging Church versucht, für frustrierte Gemeindekids einen Raum zu schaffen. Noch immer gibt es hier Raum für Innovation: wie wäre es mit Gemeinden für Leute in ihren Zwanzigern? Wie mit Angeboten für Information Worker und städtische Personen? Wie mit Formen für New Ager?

Eine bessere Alternative

Wenn der Inhalt und nicht nur die Form weiterentwickelt wird, dann wird es natürlich heikel. Die Annahme über Glauben ist ja, dass man an was „Objektives“ und „nicht veränderliches“ glaubt. Wenn man da jetzt Dinge dazu tut oder anders betont, scheint ein Glaubenskrieg nicht allzu fern zu sein. Rodney Stark agumentiert, dass sich das Verständnis von Gott sehr wohl entwickelt. Manchmal ist diese Entwicklung ein Rückschritt, manchmal aber auch ein Fortschritt. Seine These ist: „Gottes Offenbarung ist auf die Verständniskapazität der Menschen beschränkt“. (Fachausdruck: divine accomodation). Stark bezieht sich darauf, wie früher Völker an einen Schöpfergott glaubten, irgendwann gab es dann Monotheismus (Glaube an einen Gott anstatt an viele), dann wurde das Konzept von Sünde erkannt (vor allem im 6. Jahrhundert), später von Vergebung. Das sein in unterschiedlichen Kulturen zu ähnlicher aufgetreten, wobei es natürlich möglich ist, dass die voneinander wussten und ein paar Kunstgriffe von den Nachbaren geborgt haben.

Stark zitiert einige bekannt Größen, um seine Annahme von wachsendem Verständnis von Gott zu untermauern:

Augustinus: „Es gibt Dinge im den Lehren der Erlösung, die wir jetzt noch nicht verstehen können… aber eines Tages werden wir sie verstehen.“
Aquinas: „Die Dinge Gottes werden den Menschen nur in ihrer Kapazität zum Verstehen offenbart; sonst werden sie verachten, was sie nicht verstehen können… Die Offenbarung in der heiligen Schrift ist ein Schleier, der gelüftet werden muss. Er passt sich unsrer momentanen Kapazität an… und wird sich eines Tages erweitern“.
Calvin: „Gott offenbart sich uns entsprechend unsrer Grobheit und Schwäche… er hat sich auf unterschiedliche Weise in unterschiedlichen Zeiten gezeigt, wie er wusste, dass es für sie passend sei… Er hat sich dem menschlichen Verständnis angepasst, das unterschiedlich und veränderbar ist“.

Ähnlich schreiben heute Rob Bell und NT Wright darüber, wie Wissen historisch treu und innovativ sein kann. Rob Bell sagt in Velvet Elvis, dass man theologische Aussagen entweder als Steine einer Mauer oder Federn eines Trampolins sehen kann. Steine sind fest, klar abgegrenzt und trennen ab. Federn sind elastisch, dynamisch und laden zum Springen ein. Bell geht auf das Konzept Dreieinigkeit ein: es ist nicht direkt in der Bibel, aber eine zentrale Aussage, die vielen geholfen hat. Manche Federn sind stärker als andere und bringen uns näher an Gott. Was hindert, dass wir noch stärkere Federn entdecken?

The tradition then is painting, not making copies of the same painting over and over. The challenge of the art is to take what was great about the previous paintings and incorporate that into new paintings. And in the process, create something beautiful and meaningful – for today.

NT Wright hat sich die Frage gestellt: „wie kann eine Geschichte Autorität besitzen?“. Die Bibel ist ja kein Regelwerk oder in Prinzipien unterteilt. Es ist eine Geschichte und da stellt sich die Frage: „wie können wir uns auf unbewandertes theologische Gebiet begeben?“ NT Wright meint, wir können die Bibel ansehen wie ein Drama, für das 4 Akte vorliegen und der 5. nur teilweise da ist. Eine glaubhafte Auseinandersetzung bedeutet, den ersten 4 Akten treu zu sein und trotzdem Freiheit im 5. Akt zu haben. Ob Offenbarung oder theologische Übersetzungsarbeit zu Weiterentwicklung führt, ist offen.

Letztlich muss eine Innovation im Inhalt eine bessere Alternative darstellen. Theologie entwickelt sich weiter, indem sie treu der Historie ist, aber auch ein Angebot für die Gegenwart hat, das dem Leben zuvor überlegen ist. Es ist die Formulierung, dieser besseren Alternative, die Bewegungen entstehen lässt.

Innovation dienst sowohl den Menschen als auch dem Anbieter. Wie McDonald’s werden neue Interessenten erreicht. Und wenn die netten Kunden wie Carla und ich von dieser Innovation und der besseren Qualität profitieren, dann haben ja alle was davon.

Wo kommt Glaube her? – Gott entdecken

13 Feb

Gestern bin ich 23.30 Uhr heim gekommen und habe noch 1 Stunde in unserm frisch renovierten Wohnzimmer gelesen. Sollte man eigentlich nicht machen. Aber wenn eine knackige Frage im Raum steht, dann muss ich einfach wissen, was ein Buch dazu zu sagen hat. Vor allem von Rodney Stark, der früher schon wichtige Fragen gestellt hat und mich zu einer Serie bewegt hat. Jetzt blogge ich eine Serie über sein neues Buch „Discovering God“, wo er fragt: wo kommt Glaube her? Wie entstehen Religionen? Wie entwickeln sie sich?

In einem netten Video habe ich einen Vergleich von 2 Sichtweisen gesehen. Sehr schön gemacht von ein paar Filmstudenten:

Wo kommt Glaube her? Erster Fakt ist mal, dass all Völker einen Glauben an Gott oder Götter haben. Erstaunlich ist, dass diese auch relativ ähnliche Elemente haben: Trennung von Gott, Opfer, Sage von einer Überflutung. Manchmal gibt es auch erstaunliche äußere Merkmale (wie zum Beispiel die Konstruktion von Tempeln und Pyramiden in Ägypten und Peru) oder zeitähnliche Entwicklungen (wie z.B. 600 vChr das Auftreten von Zarathustra in Persien, Gautama Buddha in Indien, Konfuzius in China und den Propheten in Israel). Wie kann man das erklären? Stark führt 3 Alternativen an, wie schlaue Köpfe das zu erklären versuchen: biologisch, kulturell, geistlich.

Die biologische Erklärung sagt, dass Menschen eine biologische Veranlagung haben, an Gott zu glauben. Ein Ansatz sagt, dass das Bewusstsein des Menschen aus dem Zusammenspiel von rechter und linker Hirnhälfte funktioniert. Julian Jaynes ist der Meinung, dass in den alten Zeiten die beiden Hirnhälften nicht miteinander koordiniert waren und zu manchen Zeiten die linke Hirnhälfte direkt auf die rechte eingeredet und die Menschen das als Stimme Gottes misinterpretiert haben. So was wie permanente Schizophrenie. Als die Menschen dann Bewusstsein gewonnen haben, hörte das auf und demnach wird Religion auch aufhören.

Eine andere biologische Erklärung sagt, dass wir Menschen anfällig sind, unserer Umwelt Absichten zu unterstellen. Wenn ein Busch raschelt, denken wir, da steckt was dahinter. Durch diese Überreaktion, haben wir hinter manchen Ereignissen Geister gesehen und uns deshalb Religionen geformt. Pascal Boyer meint daher, das Religion eine Illusion ist, weil sie nicht direkt überprüfbar ist (wie sind dann Boyers Annahmen über Annahmen überprüfbar)?

„das größte Manko an biologischen Erklärung ist, dass sie unnötig sind! Die grundlegende Basis aller Kulturen ist allgemeine Intelligenz. Kulturen entwickeln sich durch Verstand und Abwägung: Kultur wird entdeckt und verfeinert durch denken Menschen, die ihre Probleme lösen und ihre Wünsche erfüllen wollen. Nach einem religiösen Instinkt oder biologischen Basis für Glauben zu suchen ist wie für einen Mathe- oder Chemie-Instinkt zu forschen – eine fehlgeleitete Verschwendung an Zeit“

Die kulturelle Erklärung sagt, dass Menschen sich eine Glaubenskultur geschaffen haben. Dieser Glauben geht von einzelnen aus, die sich entweder vergöttern wollten und damit politische Macht ausüben, oder naiv Thesen über Gott formulierten. Oder von einzelnen, die wirklich eine Erkenntnis von Gott hatten. Die Glaubensskeptiker sagen natürlich, dass es politische Motivation oder Unwissenheit war, die Glauben in eine Kultur brachte. Letztlich besteht ähnliche Religion deshalb, weil es überall ähnliche Bedürfnisse gibt. Oder aber die Religionen kommen durch eine Schau auf Gott, die zu unterschiedlichen Zeit mit unterschiedlichem Verständnis kommt und natürlich missverstanden, überinterpretiert und verzerrt werden kann.

Die theologische Erklärung sagt, dass einzelne Menschen zu unterschiedlichen Zeiten eine Schau auf Gott hatten, wie sie der jeweiligen Entwicklung angemessen und verständlich war. Bei der Untersuchung von primitiven Kulturen wurde festgestellt, dass eine erstaunliche Mengen, an einen globalen, souveränen Gott glaubte (64% der Nomadenvölker, 67% der Agrarvölker, 43% Jagdvölker). Wie kommt es, dass sie ein Gotteskonzept haben, das weit über ihren lokalen Bedürfnissen steht oder auf lokale Personen zentriert ist? Wilhelm Schmidt meint, dass zu Beginn der Welt alle Religionen gleich waren und den gleichen Gott kannten. Im Laufe der Geschichte ergaben sich Unterschiede durch Übertragung, menschliches Zutun und Missverständnisse; und damit entstanden unterschiedliche Religionen.

OK, so weit zur Herkunft von Glauben. Aber wie entwickelt sich Glaube? Wie funktionieren Innovationen? Und was sind gute Innovationen? Das sind die Fragen, die mich wirklich wach halten und warum ich diese Serie starte. Apropos Serie – mehr kommt bald.

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