Wie entstehen Bewegungen? – Gott erkennen

27 Feb

Eigentlich hat war es nur die eine Frage, warum ich 496 Seiten viel zu spät in die Nacht gelesen habe: wie entstehen Bewegungen? Mit Rodney Stark und seinem Buch Discovering God habe ich jemand getroffen, der diese Frage von den Urzeiten her betracht. Als Soziologieprofessor ist er auch geschult genug, um nicht jedem Trend nachzulaufen oder einfach Behauptungen aufzustellen. Im letzten Teil der Zusammenfassung seines Buchs (Teil 1, Teil 2, Teil 3) geht es darum, wie Bewegungen aus Innovation geboren, über Netzwerke sich ausbreiten, dort hohe Intensität und Spannung bewirken und einen einfachen komplexen Fokus haben.

Warum kaufen sich Menschen ein neues Auto, wenn sie schon eins haben? Weil das neue besser fährt, Klimaanlage und MP3 hat ist man bereit, Euros auf den Tisch zu legen. Religiöse Bewegungen entstehen nach Rodney Stark genauso: Innovation führt zu klare Vorteilen bei den Menschen und daher machen sie mit. Stark beobachtet, dass Bewegungen und Innovation fast immer von Außenseitern passieren. Nie sind es die Leiter oder Vorstände, die eine religiöse Innovation starten und ausbreiten. Wie erfolgreich eine Innovation ist, hängt von der Befriedigung ab, die sie ermöglicht.

Intensität und Spannung machen neue Bewegungen vor allem aus. Neue religiöse Bewegungen formulieren eine Aussage über Gott und die Welt, die zu einem intensiveren Erleben führt: ob emotional, intellektuell, moralisch oder kulturell. So haben die Gruppen im alten Rom eine Art von Glaubensleben, die ekstatische Tänze und ausgefeilte Philosophie beinhaltete. Das Resultat ist eine reichere Erfahrungen (wenigsten für einige Leute damals) und dadurch sind sie auch bereit, höhere Kosten an Hingabe und Beteiligung zu bezahlen. Ohne diese Intensität auf irgendeinem Level entsteht keine neue Bewegung. Die Intensität führt auch zu Spannungen mit dem Umfeld: ein Gruppe wird um neue Werte und Praktiken geformt, die so in der Umwelt nicht bekannt sind. Das kann zu Abgrenzung und Verachtung führen, aber auch zu einer gestärkten Identität und emotionalen Unterstützung für die Menschen in der Gruppe. Das ist der Grund, warum extreme Gruppen schneller wachsen als liberale. Diese scharfen Konturen sind lohnend, weil sie den neuen Mitgliedern einen emotionalen Lohn für ihren neuen Lebensstil geben.

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Aber bevor eine Gruppe entsteht, müssen ja einzelne die neue Weltsicht formulieren und vermitteln. Wie geht das? Rodney Stark beobachtet, dass die meisten Bewegungs-Gründer zunächst in ihrem direkten Umfeld die ersten Anhänger fanden: Buddha bekehrte seine Frau und Familie, Mohammed ebenfalls, genauso wie Konfuzius und bei Jesus war die Familie auch nicht weit entfernt. Nach dem direkten Umfeld ist es dann häufig die Oberschicht, die mit dem Glauben in Berührung kommt und ihn unterstützt. Aber dieser Weg über die Familie zeigt einen wichtigen Zusammenhang: Bekehrungen zu einem neuen Glauben sind keine kalten philosophischen Analysen, sondern ein Beziehungseffekt.

„Bei der Untersuchung von Bekehrungen hat noch niemand eine spontane Hinwendung einer Person nach der ersten Präsentation einer Botschaft gesehen. Menschen bekehren sich, wenn ihre Bindungen zu einer religiösen Gruppe ihre anderen Bindungen überwiegen. Und selbst mit starken Bindungen brauchen Personen ihre Zeit bis zur Bekehrung und das meist erst nach viel Selbstanalyse. Damit spielen sie eine aktive Rolle, sich selbst zu bekehren.“

„Bekehrung bedeutet hauptsächlich, das religiöse Verhalten in Einklang mit dem Umfeld zu bringen. Es ist nicht die Analyse von attraktiven Dogmen. Wenn die Zahl der Bindungen zur Gruppe höher ist als zu Ideologie-Gegnern, dann bekehren sich Menschen. Und das passiert, bevor man im Details weiß, was die Gruppe glaubt. Bekehrung ist hauptsächlich ein Schritt der Konformität, genauso wie Ablehnung. Soziale Netzwerke sind der Mechanismus, wie Bekehrungen entstehen. Um jemand zu bekehren, musst du erst ihr enger und vertrauter Freund werden.“

Das erklärt die Ausbreitung von neuen Bewegungen zunächst im nahen Umfeld. Wie ich schon früher geschrieben habe: belong – behave – believe. Es erinnert mich auch stark an die Vorteile von Clustern und einer beziehungsorientierten Gemeinde.

Wenn man sich also ein neues Auto zulegen will, dann erwartet man ausgefeiltere Technik und mehr Power. Allerdings darf es nicht komplizierter werden, sondern muss noch einfacher werden als die primitivere Variante. Das gleiche passiert bei religiösen Innovationen, die zu Bewegungen werden: sie formulieren ein klareres Bild von Gott mit mehr Aspekten als zuvor, und können das auf einfache Weise kommunizieren. „Einfachheit ist der Höhepunkt der Intelligenz,“ meint Zinedine Zidane. Die Inhalte der Gründer sind einfache Geschichten, die über Hunderte von Jahren große Wirkung entfachen. Sie lassen uns klarer auf Gott sehen und bewirken ein Leben, das mehr kostet aber auch mehr bringt.

Das sind die Mechanismen von Bewegungen. Es braucht eine Botschaft mit Nutzen, die für das direkte Umfeld was bringt, dort gelebt wird und einen besseren Lebensstil verspricht. Und es muss einfach sein. Dafür haben sich ein paar kurze Nächte allemal gelohnt.

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6 Antworten to “Wie entstehen Bewegungen? – Gott erkennen”

  1. Achti 1 März, 2008 um 4:41 pm #

    Jetzt würde mich aber eine theologische Bewertung dieser soziologischen Ansicht interessieren. Denn wen Bekehrung rein soziologisch begründbar wäre, frage ich mich natürlich, was das mit Gott und dem Heiligen Geist zu tun hat, und vor allem: wozu?
    Da wird Wachstum zum Selbstzweck und klingt für mich stark ideologieverdächtig. So funktionieren Sekten!
    Das ist doch im Grunde eine atheistische Analyse, die hier kommentarlos vorgestellt wird.

  2. marlster 3 März, 2008 um 1:05 pm #

    @ Achti: ich verstehe deine Frage nicht ganz. was meinst du mit „theologisch bewerten“? Was ich gut und schlecht finde daran? Ich nehme das einfach mal als Beobachtung, wie es ist (mit etwas an Interpretation) und finde es gerade gut, dass Rodney Stark keinen idealistischen Schlag hat.

    Aber vielleicht habe ich was übersehen. Was wäre denn deine Bewertung?

  3. Achti 3 März, 2008 um 5:31 pm #

    Das Phänomen „Bekehrung“ wird hier rein soziologisch erklärt. Das Wunder, das Gott an Menschen tut, wird somit wegerklärt, man braucht es nicht. Bekehrung funktioniert demnach weltimmanent. Zugrunde liegt scheinbar ein atheistisches Weltbild.
    Es geht doch gar nicht mehr um Bekehrung, als Hinwendung zu Gott und als Beginn eines neuen Lebens im Glaubens, sondern um eine Hinwendung zu einer neuen Peergroup, die die Übernahme der dort geltenden Normen impliziert.

  4. JuergenLee 10 März, 2008 um 9:20 am #

    Interessant finde ich die Beobachtung, das neue Bewegungen meist von „Außenseitern“ und nicht von Leitern bestehender Bewegungen initiiert werden. Es sind wohl meißt die Rebellen, die ausbrechen um Neues zu wagen. Meine Frage wäre in welchem Verhältnis die Vision des Neuen oder der Frust über das Alte als Antriebsmotivator für den Weg ins Unbekannte stehen? Scheitern nicht manche Bewegungen, weil sie kein klares Ziel vor Augen haben, sondern nur den Vorsatz etwas zu verändern aber es nicht explizit benennen können?

    Einfachheit ist der Höhepunkt der Intelligenz! Ich sage nur I-Drive-Bedienung beim 7er BMW. Die heutige Kunst ist es nicht neue technische Innovationen zu schaffen, sondern sie einfach und natürlich bedienbar zu machen. Wer kennt schon alle Features seines Handys oder seiner Fernbedienungen. Sollte man mit einer Kamera telefonieren können?
    Auch im Blick auf die Gemeinde können wir der Simplicity-Bewegung zustimmen, denn nur vom Kern her sind wir definiert, darum nennen wir uns Christen!

Trackbacks/Pingbacks

  1. Gewinner und Verlierer « siyach - 3 April, 2008

    […] Teil 1: Wo kommt Glaube her Teil 2: der Niedergang der Staatskirchen und Wachstum von Religion Teil 3: Religiöse Innovation Teil 4: wie entstehen Bewegungen […]

  2. Tim Keller @ Google « siyach - 6 April, 2008

    […] paar schöne Kommentare über die sozialen Wurzeln von Wissen und warum man seine Ansichten an sein Umfeld anpasst (bei ca. 10 […]

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