Tag Archives: change

Wie Veränderung gelingt – der lange Weg zu Mission-Shaped Communities

15 Feb

Veränderung ist wichtig, Veränderung ist schwierig. Mit Gregersens Buch It Starts with One im Rücken, würde ich gerne über die missionale Welle schreiben. Damit meint man die Notwendigkeit, Kirche neu zu denken, weg von attraktionalen („wir sind toll als Christen“) Formen hin zu Formen für den alltäglichen Kontext (als Christen macht der Alltag einen positiven Unterschied) weil sich die Zeiten ändern (von Moderne und Ländlichkeit hin zu globaler Vernetzung und postmodernen Ansichten) mit der Hoffnung, der Kirche neues Leben einzuhauchen, Christsein relevant zu machen und damit nah am ursprünglichen Gedanken von Jesus dran zu sein.

OK, der letztes Satz war zu lang. Die Zeiten ändern sich. Kirche ist jetzt schon schwach und marginal. Wenn es so weiterläuft gibt es bald keine Kirche mehr in Deutschland. Wir brauchen einen grundsätzlichen Ansatz. Nicht mehr Leute in ein Gebäude zu bringen. Sondern als Christen wie normale Menschen leben. Und wenn das so gut ist wie wir uns gegenseitig sagen, dann wird es Auswirkungen haben. Und wir werden Kirche sein. Keine Einladungsnotwendigkeit mehr.

Damit sind wir auch schon bei den Fragen aus Gregersens Buch. 1. Sehen.

* Was hat sich verändert, das uns zur Veränderung ruft?
Die Zeiten. Die Ineffektivität unseres bisherigen Models.

* Sehen die Menschen das, die sich verändern müssen?
Nicht alle. Vor allem Kirchenleiter wenig. Die sind ja im System und werden davon bezahlt. Viele Freikirchen schon. Viele Pioniere auch. Wenn wir mit den willigen anfangen, ist das ein guter Start.

* Ist das Bild klar genug, wie Veränderung aussieht und was die Gründe sind?
Gründe sind klar. Bild noch nicht ganz. Es gibt einige Persönlichkeiten aber zu wenig anschauliche Beispiele.

Ausgangslage ist gar nicht mal so schlecht. Man sieht eigentlich, dass was passieren muss. Damit ist schon mal 30% Chance, dass Veränderung passieren kann. Nicht hoch, aber immerhin. Jetzt stellt sich die Frage nach 2. Bewegen. Das Neue ist klar, aber wir können es noch nicht. Wie kommen wir da hin? Hier sind die Fragen und Antworten zum Bewegen:

* Wissen wir, welchen Kernanforderungen sich wie ändern?
Ja, mehr Aufmerksamkeit auf Alltagsleben. Weg vom Dualismus hin zu ganzheitlicher Sicht von Gottes Welt. Empowerment statt Entertainment. Geistlicher Breitensport statt Professionalisierung.

* Haben die Leute, die das machen müssen, diese Fähigkeiten?
Nein, nein, nein. Alle Ausbildung ist auf Professionalisierung gerichtet. Die Kirchensysteme fördern elitäres Denken, das Bounded Set ist allgegenwärtig und schirmt gegen die Welt ab, die wenigsten sind geübt in Jüngerschaft für den Alltag und Förderung von Leitern und der allgemeinen Christenheit. Der Sonntag ist das zentrale Anliegen vieler Gemeindeleiter.

* Setzen wir genügend Ressourcen ein, um die Fähigkeiten aufzubauen?
Schwer zu sagen. Es gibt haufenweise Bücher, Konferenz und weiteren Schnickschnack. Es fehlt wohl der langatmige Fokus, diese Fähigkeiten zu entwickeln und zu belohnen. Die Anglikaner in England sind seit über 20 Jahren an Mission-Shaped Church dran und bringen erst jetzt erste Früchte hervor. Das wird dauern und braucht Pioniere.

Nach guter Ausgangslage ist hier ein rapider Absturz. Wir sind optimiert auf die alte Welt. Richtig krass sogar. Und die neue Welt braucht neuen Fokus und neue Fähigkeiten. Das kommt nicht von alleine oder durchs Wünschen. Hier braucht es viel Arbeit und Grundlagenarbeit.

Ich hoffe, das Bild wird jetzt nicht zu dunkel. Aber es gibt noch eine letzte Hürde. Ohne die passiert gar nichts und man ist, wo man gestartet ist. Die Veränderung muss beendet werden. Hier sind die Fragen zum 3. Schritt: Beenden.

* Gibt es Vorbilder und Multiplikatoren, wo die Veränderung Fuß fasst?
Ein paar. Nicht die Masse. Aber einzelne. Stefan, Mark, Johannes, und ein paar weitere.

* Gibt es einen Plan, Erfolge zu feiern und Korrekturen anzubringen?
Plan wäre übertrieben. Novavox kann das Scheinwerferlicht werfen. Evtl entsteht dort auch eine Unterstützungsstruktur und Hilfestellung für praktische Fragen.

* Sind Systeme und Prozesse im Einklang, um die Veränderung zu unterstützen?
Nein. Die meisten Gemeinden leben vom Sonntagsgottesdienst. Die Ausbildungsstätten sind wie eh und je auf die alte Sicht getrimmt. Die Konferenzen und Magazine im Land unterstützen das auch weiter.

Fazit: auch im dritten Schritt ist ein schwieriger Weg. Wenn es so bleibt, wird es keine missionale Veränderung in Deutschland geben. Irgendwann geben die Pioniere auf – gehen ganz raus aus Kirchenprojekten oder zurück zur alten Schule.

Meine einzige Hoffnung ist, dass es keinen Plan B gibt. So wie es bisher läuft, wird es auslaufen. Und es gibt genug Leute, die das sehen. Es gibt einige Leute mit Courage und Vision, die sich nicht kalt stellen lassen und durchziehen. Gott wird sich sicher auch in unsrer Generation was einfallen lassen und irgendwie auftrumpfen. Vielleicht brauchen wir einfach auch ein paar gute Change Manager – oder wie Eugene Peterson es nannte: „a long obedience in the same direction“.

Wie Veränderung gelingt – einer nach dem anderen

11 Feb

Wer Veränderungen will, baut sich meistens eine Art Plan und nennt diesen „Change Management“. Dazu gibt es viel Literatur und die beschreibt, an was man alles denken muss. An Systeme, Prozesse, Strukturen. Leider vergisst man dabei eine zentrale Komponente: Menschen.

„Menschen sind schlau,“ sagt Stewart Black in It Starts with One, „Egal wie man die Struktur der Organisation verändert – die Menschen werden Wege finden, sich zu verhalten wie zuvor.“ Es ist nicht, dass Menschen böse sind oder Veränderung nicht wollen. Es gibt ein ganz zentrales Problem:

Menschen wissen, was da neues auf sie zukommt. Sie wissen, dass sie darin nicht sofort gut sein werden. Viele sind lieber gut in etwas, als das Richtige schlecht zu tun.

Nach Gregersen und Black geht also darum, Menschen einzeln zu verändern. Und das fängt damit an, dass man die Dynamik einer Veränderung versteht. Sie sprechen von 3 Barrieren zu Veränderung: Sehen, Bewegen, Beenden.

1. Sehen

Menschen haben über die Zeit ein Bild der Welt entwickelt. Mentale Landkarten. Sie haben gelernt, wie Dinge zusammenhängen und haben sich darauf eingestellt. „Sie machen Dinge auf eine bestimmte Art,“ so Black, „weil sie funktionieren. Sie haben diese mentale Landkarten. Das ist auf der ganzen Welt so, und genau aus einem Grund: weil diese Landkarten für die Menschen funktionieren. Je länger die Landkarte funktioniert hat, desto eher halten die Menschen daran fest.“

Was macht jetzt der Leiter und Veränderungsmanager? Er muss eine Kontrast herstellen, warum die Landkarte nicht mehr funktionieren kann. Die Leute müssen die Zukunft (und Gegenwart) verstehen und die neuen Anforderungen in ihr Bild aufnehmen.

Die Rückkehr zu alten Ansichten ist fast unaufhaltsam, wenn Menschen die Notwendigkeit der neuen Richtung nicht verstehen und akzeptieren.

2. Bewegen

OK, jetzt steht man also da und muss sich auf was Neues einlassen, das man nicht kann. Menschen wollen lieber Kompetenz auf der falschen Spur als Inkompetenz auf der richtigen. Man muss hier helfen, damit Menschen das Neue lernen können. Das braucht Zeit, Geduld, Begleitung und Vorausplanung für persönliche Entwicklung.

„Die Herausforderung ist, Menschen etwas beizubringen, das sie noch nie gemacht haben,“ so Gregersen. „Es ist neu, es wurde noch nie gemacht. Daher ist ganz klar, dass man es nicht kann. Viele Führungskräfte glauben, dass wenn sie was erkannt haben, es für jeden leicht umsetzbar ist. Das stimmt einfach nicht.“

Wir brauchen also eine Brücke von hier nach dort. Dazu muss der Veränderer Ziele klar machen, die richtigen Mittel zur Verfügung stellen, Fähigkeiten vermitteln und die neuen Ergebnisse müssen auch wirklich was wert sein. Wenn die Leute hier unterstützt werden, ist Veränderung näher.

3. Beenden

Letztlich muss sich der Weg zum Neuen auch in der Organisation verankern. Die Gefahr ist, dass Veränderung angefangen wird und dann werden Leute müde oder wissen nicht mehr, was Sache ist. Weil es Zeit braucht, bis Veränderung zu neuen, besseren Ergebnissen führt, ist die Versuchung groß, zurück zu alten Sicherheiten zu gehen.

„Der Erfolg von Veränderung hängt an der persönlichen Unterstüztung,“ so Gregersen. „Wenn die Führungskraft alles richtig macht, aber sich nicht wirklich um den letzten Erfolg kümmert, wird es nichts. Jemand muss in der Nähe sein, damit Personen durchhalten wenn es hart wird und man aufgeben will. Dieser lokale Support hilft den Leuten, durchzuhalten bis die neuen Handlungsweisen gemeistert werden und in die Organisation übergehen.“

Die Veränderung muss also über die Zeit begleitet werden, sie muss für die Leute sichtbar werden, jemand muss sich um die Ergebnisse kümmern und immer wieder kommunizieren, was los ist. Nur dann wird das Richtige auch gut gemacht und der neue Standard.

Puh, ganz schöner Weg bis man was verändert hat. Dieses Rahmenwerk von Gregersen ist einfach und solide. Es zeigt die großen Schwächen von vielen Projekten auf. Im nächsten Post will ich auf die Missionale Welle eingehen und wie dort Veränderung passieren kann.

Wie Veränderung gelingt – warum man besser vor der Kurve ist

7 Feb

Jeder Leiter hat mit Veränderung zu tun. Das ist ja das Ding mit Leitung – es soll Veränderung in der Welt passieren. Aber wenn man den Statistiken glauben darf, dann scheitern gut 80% der Change-Projekte. Das weiß eigentlich auch jeder, aber so richtig gelöst hat es noch keiner.

„Es geht ein Mensch nach dem anderen“, sagt Professor Hal Gregersen. In seinem Buch It Starts with One stellt er ein einfaches Rahmenwerk vor, warum Veränderung so schwierig ist. Hier ist zunächst seine Grundthese:

Veränderung ist sowieso unumgänglich. Also lieber früh damit anfangen. Denn Veränderung braucht Zeit und die Vorteile erntet man erst mit der Zeit. Lernkurven sind real. Wer also früh anfängt, hat auch früher Vorteile davon. Veränderung antizipieren, quasi.

Dazu gab es einen netten Tipp von Peter Drucker: nimm dir jeden wichtigen Bereich deines Unternehmens und frage dich dazu ein Mal im Jahr – wenn wir das nicht schon machen würden, würden wir es heute starten? Wenn die Antwort nicht Ja ist, dann so schnell wie möglich raus aus dem Bereich.

Veränderung ist konstant. Sie wird so oder so kommen. Also ist es besser, sie herbeizuführen als sie auszusitzen oder zu verleugnen. Peter Drucker nochmal:

Man kann Veränderung nicht managen. Man kann ihr nur voraus sein. In Zeiten der Umgestaltung – so wie unsere eine ist – ist Veränderung die Norm. Sicherlich ist es schmerzhaft und mit Risiken verbunden. Aber wenn die Organisation es nicht als ihre Aufgabe sieht, mit Veränderung zu führen, dann wird die Organisation nicht überleben. 

Im nächste Post stelle ich Gregersens Ansatz ausführlich vor, und dann kümmere ich mich darum, wie Veränderung hin zu einer missionalen Kirche möglich ist.

Social Business, und nun?

24 Jan

Seit November produziere ich Zeilen über Social Businesses. Ob Mikrofinanz oder Computer, Ratten oder Toiletten – diese Projekte faszinieren mich und zeigen, dass gutes Tun in wirtschaftlichem Kontext ein verheißungsvoller Rahmen ist. Was ziehe ich jetzt aus diesen Beobachtungen für mich? Will ich der neue Bono aus dem Kraichgau werden?

Das sei ferne.

Ich hatte bei INSEAD eine gute Unterhaltung mit einer Frau, die in Portugal Wohnung für Arme baut. Ich erklärte ihr wie wir als Christen einen sozialen Beitrag leisten – eben eher Connection-orientiert und weniger über Not und geplante Linderung. Außerdem geht es bei uns auch um das Gute an sich – ob da immer viel dabei raus kommt, ist zweitrang. Alles Gute ist gut, war meine Aussage. Das hat irgendwie ihr sündländisches Temprament geweckt und sie widersprach mir aufs Heftigste. Mehr Gutes ist besser als wenig Gutes. Man will schon was bewegen, war ihre Meinung.

Good point – habe ich gecheckt und das Argument hat was. Es geht ja nicht nur um das Gefühl, was Gutes zu tun. Sondern um reale Nöte, die echten Menschen wirklich das Leben schwer machen. Daher sollte der motivierte Allgemeintäter auch gefälligst schauen, dass seine guten Ambitionen und Verbesserung bei den Armen führt. Was mache ich aber im wohlversorgten Deutschland mit ausgeprägten Sozialsystemen und meiner begrenzten Fähigkeit, die Welt zu verbessern?

Ich weiß es noch nicht. Aber ich bin auf eine Fährte gekommen, die ich nicht verlassen will. Als reicher Mensch fühle ich eine Verantwortung, meine Gaben für den unteren Teil der Pyramide einzusetzen – wo Leute weniger Optionen haben und zum Erhalt meines Reichtums leiden. Die deutsche Reaktion ist meistens, zu verzichten – wie etwa mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren, oder etwas teureren Fairtrade-Kaffee zu kaufen. Das wird nichts ändern. Ich werde vielmehr meine Augen offen halten nach Nöten in meinem Umfeld. In Heidelberg. Und wenn ich dann eine finde, dann werde ich meine Kreativität bemühen, eine Verbesserung dafür zu finden. Und ich werde meine Freunde anstacheln, mit mir diesen Weg zu gehen. Und wenn wir in einigen Monaten nichts finden, dann werden wir fragen – den Bürgermeister, die Einwohner von HD, andere Social Business Interessierte – und einfach schamlos kopieren.

Und bei Psalm 2011 wird es einen Round Table dazu geben. Mit einigen Freunden habe ich mich zusammen getan und wir werden einfach interessierte sammeln, um unsrer Frage zu folgen: was nun?

was die Welt von Cola lernen kann

27 Dez

Das ist wahrscheinlich das beste TED-Video, das ich bisher gesehen habe. Melinda Gates präsentiert – ja, richtig, die Frau von Bill Gates. Ich habe sie noch nie sprechen sehen und nur von ihrem Involvement in der Stiftung gehört. Hier stellt sie eine Frage: „Wie kann es sein, dass Coca-Cola die entferntesten Regionen der Welt erreicht?“ Und was kann die Welt (und vor allem Social Business) von Coke lernen?

Daten – genau den Punkt hatten wir auch bei INSEAD diskutiert. Woher weißt du, ob dein social business auch was bewegt. Das Bild von Melinda ist interessant: es ist häufig wie Kegeln im Dunkeln, wenn man sein Projekt ohne Daten steuert. Und Daten sind dazu da, genau die Disziplin aufzubringen, Korrekturen vorzunehmen oder Ressourcen umzusteuern.

Lokalisierung – seit ein paar Wochen habe ich wirklich eine Abneigung gegen Großspender entwickelt. Das führt nur zur Abhängigkeit und gefährdet Projekte. Lieber im lokalen Kontext eine Unterstützung aufbauen – sei es durch ein Business Model oder lokale Spenden.

Marketing – interessant, was Melinda dazu sagt. Da hatte ich mir noch nicht so gedanken dazu gemacht. „Wir gehen davon aus, dass wenn Leute etwas brauchen, wir ihnen nicht sagen müssen, wie gut es ist“ – interessantes Statement.

Ich applaudiere Bill und Melinda Gates für ihren Einsatz! Die könnten auch was anderes machen. Aber sie haben sich vorgenommen, etwas Positives in der Welt zu bewegen und das verdient Respekt. Und sie ziehen andere (wie Warren Buffet etc) mit auf den Weg. Wenn mehr Menschen entscheiden, dass sie eigentlich genug haben und ihre Talente einsetzen, um die Welt zu verbessern, dann ist das eine gute Entwicklung. Im nächsten Post geht es weiter mit der Story „no loo, no I-do“.

Digitale Revolution in Rios Favelas – rumprobieren, bis es passt

12 Dez

In den Slums von Rio herrscht viel Armut und Gewalt und wer da aufwächst hat ein schweres Los im Leben erwischt. Wer mal am Rande der Gesellschaft endet hat es schwer, wieder Fuß zu fassen. Rodrigo Baggio sah das und dachte: irgendwie muss man doch junge Menschen wieder integrieren können und ihnen eine Perspektive vermitteln. Aber wie?

Computer – war seine Idee. In den 90ern wurden die immer mehr eine generelle Fähigkeit und wer mit Computer umgehen konnte, hatte mehr Chance auf Jobs. Und außerdem interessierte Kinder das; sie liebten es, Zeit am Computer zu verbringen. Also entwickelte Baggio ein Bulletin-Board, damit Kinder und Jugendliche dort Nachrichten posten und kommunizieren konnten. In den 90ern war das hip und eine echte Innovation. Es scheiterte.

Eine Theorie der sozialen Veränderung steckt in jedem Ansatz. Darin steckt, wie mein Ansatz eine positive Veränderung bewirkt. Das ist der Grund, warum ich etwas tue.

Niemand wollte wirklich in die Bulletin-Boards kommen. Baggio ging in die Slums und schaute nach. Im fiel auf, dass den Leuten häufig der Computer fehlte. Aha – dachte er sich. Also gründete er eine Organisation zur digitalen Inklusion (CDI) und warb bei Firmen, dass sie ihre alten Computer an ihn gaben. Und es war ein Riesenhit. Firmen wollten helfen und er hatte Tausende Computer, die er in Community-Centern aufstellt. Und wenig später merkte man gar nichts von seinen Aktivitäten. Es scheiterte.

Baggio ging wieder hin und schaute nach. Die Computer waren ein paar Tage da – und dann geklaut, verkauft, verschrottet. Das hatte er unterschätzt. Was könnte er machen? Er entwarf ein Curriculum, um Grundkenntnisse zu vermitteln (Word, Excel usw) und fand ein paar freiwillige Lehrer, die 5-7 Kinder unterrichteten. Das Programm schlug ein wie eine Bombe. Innerhalb von ein paar Jahren gab es über 1.000 solche Center in ganz Brasilien. Es funktionierte.

CDI wurde so erfolgreich, dass vor einigen Jahren die brasilianische Regierung begann, eigene Center zu errichten. Sie nahmen keine gebrauchten, sondern nagelneue Computer und stellten Lehrer direkt vom Arbeitsmarkt ein. Es entstanden in 3 Jahren über 8.000 Telecentros durch die Regierung. Baggio hat seine Mission erfüllt, die Menschen am Rande einzubinden.

Sei hartnäckig mit der Mission, aber nicht mit den Lösungen. Jedes Scheitern ist eine Lernerfahrung zur Lösung hin. Wenn man zu viel plant, wird es zu kompliziert und teuer. Entrepreneurship heißt, Dinge zu probieren und rauszufinden, was funktioniert.

Vertrauen und Wirkung – Wie bewegt man Menschen zu sozialer Veränderung?

4 Dez

Wer mehr hat, muss teilen – hieß es früher unter uns Freunden auf dem Schulhof. Heute lebe ich als reicher Mensch in der westlichen Welt und sollte eigentlich auch teilen. Nur ist das nicht so leicht und offensichtlich wie auf dem Schulhof. Ich habe schon Pausenbrote mit Menschen geteilt, die dann meine Gabe weggeworfen haben als ich mich wegdrehte. Damit haben sie auch mein Vertrauen in einfache Lösungen weggeworfen.

Ich habe schon Geld an Organisationen gespendet – und dann hat mir jemand gesagt, dass über 80% für Verwaltung draufgehen. Und das war das letzte Mal, dass meine Euros und mein Vertrauen an große Organisationen gingen. Vertrauen ist wohl das wichtigste Element wenn Spendengeld fließt. Und wie kann man Vertrauen in sozialen Projekten unterstützen?

kiva KIVA ist ein interessanter Fall. Kiva ist das erfolgreichste Peer-to-Peer-Finanzierungsprojekt. Auf der Webseite werden Projekte aus Entwicklungsländer vorgestellt und als Geldgeber kann für Projekte seiner Wahl Geld geben. Die Abwicklung läuft (kostenlos) über Paypal und lokal wird das Geld ausgezahlt. Für die Kiva-Leute kann man optional noch ein paar Prozent drauflegen, was wohl jeder zweite auch macht. Jeden Monat wird der Kredit dann zurückgezahlt, ohne Zinsen für den Geldgeber.

Direktheit ist wichtig für Vertrauen. Ich will nicht, dass meine Wohltatseuros durch 1.000 Hände gehen. Auch will ich die Projekte verstehen, die ich unterstütze. Aber Kiva macht noch was ganz clever und das führt dazu, dass sie die größte Platform geworden sind. Kiva organisiert Treffen und lokale Anlässe, um Menschen mit sozialen Absichten zusammen zu bringen. Dadurch sitzt man nicht nur vor ner Webseite mit ner guten Story, sondern es gibt Bestätigung für die guten Absichten und ein soziales Netz entsteht. Gute Absichten müssen genährt werden und greifbar werden – nur dann haben sie die Chance, eine größere Anzahl von Leuten in Bewegung zu halten.

%d Bloggern gefällt das: