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Wie bleiben Bewegungen frisch und wachsend – Gewinner und Verlierer

25 Jul

Hier ist die letzte Etappe von Finke und Starks Churching of America. (Frühere Einträge der Serie: 1 – überblick; 2 – aufstieg der außenseiter; 3 – ende von bewegungen; 4 – warum mainstream verliert; 5- warum Einheitsansätze scheitern). Das Verstehen von Glaubenswewegungen hat mein Interesse daran geweckt. Während fast alle Bücher versuchen, ein Ursachen und Wirkungen zu beschreiben, habe ich enorme Sympathie für solche, die sich um Belege bemühen und nicht nur Behauptungen in den Raum stellen. Wenn die Belege Zahlen sind, dann ist das nochmal beachtlicher, weil a) die sind nicht leicht zu bekommen; b) die machen die Aussagen prüfbarer; c) sie bringen Disziplin in die Diskussion.

Hier sind die 3 Dinge, die mir aus Churching of America hängen geblieben sind, wenn man sich fragt, wie Bewegungen frisch und stark bleiben können:

1. Dezentrale Führung
Im Post über das Ende von Bewegungen habe ich schon gesagt, dass Zentralisierung zum Niedergang führt. Das passiert, weil der Pioniergeist ersetzt wird, der Pragmatismus vor Standisierung in die Knie geht und höheren Ansprüchen an die Leiter führt, die sich aber (paradoxerweise) in weniger Power niederschlägt. Ein Gegenmittel ist, die Führung der Gemeinde lokal zu belassen. Dann ist natürlich die Frage, wie sich die Bewegung noch als Bewegung sieht und nicht auseinanderfällt. Der erste Instinkt ist, das über Organisation (Mitgliedschaft, Namen, etc) zu regeln. Aber vielleicht ist es wichtiger, auf gemeinsame Werte zu achten oder gemeinsame Praktiken oder Grundannahmen. Die Pfingstler zeigen das ja: es ist keine einheitlich organisierte Bewegung und hat dennoch den Zusammenhalt über die Betongung vom Heiligen Geist und der Zugenrede als gelebte Praxis. Das führt zum 2. Punkt:

2. einfache Theologie mit klaren Kanten
Die Methodisten und Baptisten hatten in der Durchdringung von Amerika einen klaren Fokus: persönliche Heiligkeit. Fast jede Predigt konnte auf diese Botschaft reduziert werden:

„jage der Heiligung nach, ohne die niemand Gott sehen kann.“ Das wurde gelehrt, das wurde erfahren, äußerlich wie innerlich. Es war dieser klare Fokus und radikale Anspruch, der in allen Predigten durch kam und für die Kraft der Prediger sorgte. Sie wussten, was sie wollen und sagten es immer wieder direkt und klar.

Das ist das Problem von Bildung: man traut nicht mehr den einfachen Aussagen und kann sie auch nicht mehr lehren. Damit geht viel Kraft verloren, weil alles Komplexe weniger Kraft hat als das Einfache. An den Lehrstühlen sieht man das anders, aber die Beobachtung der Bewegungen in Amerika zeigen etwas anderes: wer einfach redet, gewinnt.

Wichtig ist dabei auch eine Kante. Eine Aussage, die sofort klar macht, warum diese Gruppe oder Bewegung wichtig ist. Warum man ihr angehören sollte. Wie im Post über das Scheitern von Einheitsansätzen gesagt: wer keine Botschaft mehr hat (oder die so verwässert ist, dass man nicht mehr weiß, was man zu tun oder glauben hat), lockt auch niemand mehr hinter dem Ofen vor.

3. Belohnung
Letztlich entscheiden sich Menschen für den Glauben weil es was bringt. Menschen entscheiden sich für Gemeinden oder Bewegungen, weil es was bringt. Meine Meinungen werden bestätigt; ich erhalte soziale Unterstüztung; ich kann meine Berufung ausleben; etc. Was auch immer es ist, aber es gibt einen großen Vorteil, wenn man glaubt. Erstaunlich ist, dass die Belohnung wächst, wenn man gefordert wird. Wenn ich mein ganzes Geld an die Armen gebe und dann wundersam von Gott versorgt werde, habe ich mehr Freude am Leben als wenn ich nie was mit meinem Geld mache (ich habe jemand anderes geholfen, bin nicht so besorgt um Geld, erlebe, dass Gott real ist, und fühle mich moralisch bestärkt). 4-0. Bewegungen und Gemeinden bieten uns an, uns gegenseitig im Glauben zu bestärken. Dafür ist es wichtig, die „free riders“ rauszufiltern. Die kommen nur dazu und wollen die Vorteile nehmen, ohne was zu zahlen. Effektive Bewegungen halten die Kosten hoch (durch Vorbild, gemeinsame Praxis oder Ausschluss) und vertreiben die Zaungäste, was die soziale Bestärkung innerhalb der Gruppe hochhält.

Churching of America ist eine faszinierende Studie. Sie hat Substanz (weil sie auf Zahlen basiert), übersieht einen längeren Zeitraum (als nur einzelne Erfahrungen das tun) und stellt viele nette Meinungen auf den Kopf. Es ist wohl eins der besten Bücher über Bewegungen und die Faktoren, die sie beeinflussen (ich kenne kein vergleichbares). Bewegungen kann man nicht machen. Aber man kann sie mit erstaunlicher Leichtigkeit kaputt machen.

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Warum Einheits-Ansätze scheitern – Gewinner und Verlierer

30 Jun

Einheit ist ein Zeichen von Schwäche ist die zentrale These in diesem Post. Auch in den letzen Posts gab es schon einige kontroversen Beobachtung von Rodney Stark und Roger Finke in ihrer Untersuchung der kirchlichen Entwicklung in Amerika, aber jetzt haben stärken sie ihr Argument, dass Pluralismus zu Stärkung führt. Folglich ist die Konsolidierung schlecht für Glaubensgenerierung und zeigt die Schwäche der Bewegungen an. (Frühere Einträge der Serie: 1 – überblick; 2 – aufstieg der außenseiter; 3 – ende von bewegungen; 4 – warum mainstream verliert).

Hier ist die These in Abrissen:
-> Pluralismus = gut
-> Einheit = Minimal-Referendum
-> Theologisches Edge = klare Linie

Stark und Finke sehen Religion wie ein All-you-can-eat Buffet: mit mehr Angebot kommt mehr Appetit und Verbauch. Sie sind der Meinung, dass das religiöse Interesse bei Menschen vom Angebot abhängt, und nicht das Angebot auf das Interesser reagiert. Das nennen sie das Supply-Side-Argument. Daher ist es natürlich gut für die Religiösität des Volkes, weil einfach mehr geht. Einheit bedeutet, es gibt weniger Angebot, was für die Religiösität schlecht ist.

Im Prinzip ist das, den Kapitalismus auf die Entwicklungen von Religionen anzuwenden. Und das ist genauso unumgänglich und unsympatisch wie am Markt mit Euro-und-Cents. Alan Greenspan bringt es auf den Nenner:

Das Problem ist, dass die Dynamik im Zentrum von Kapitalismus (unvergebender Marktwettbewerb) mit dem menschlichen Verlangen nach Stabilität und Sicherheit quer steht. Wettbewerb als die größte Kraft im Kapitalismus bewirkt in uns allen Ängstlichkeit. Eine Quelle ist die chronische Angst vom Verlust des Arbeitsplatzes. Eine weiter Angst, die noch tiefer gefühlt ist, kommt von der dauernden Störung des Status Quo und unseres Lebensstils, ob gut oder schlecht, von dem wir unseren Komfort ziehen.
Tief unten ist das wahrscheinlich die Botschaft von Kapitalismus: kreative Destruktion. Das Überwerfen von alten Technologien und verändern von alten Wegen zugunsten von Neuen ist der einzige Weg, um den Lebensstandard zu erhöhen und auf Dauer zu erhalten.

Neben der positiven (oder negativen) Dynamik von mehr Angebot, sind den meisten Einheitsansätzen ein Minimumglauben anbehaftet. Weil man sich vereinheitlichen will, schiebt man alle Ansprüche aus dem Fenster und findet sich mit den anderem auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Das führt meistens dazu, dass man fast nichst mehr glaubt, aber sich wahnsinnig eins fühlt. Mir ist das auch ein intuiver Grund, warum ich Pastoren-Treffen nur selten mag: ein Abtasten, vorsichtig sein, halbherzig reden. Gemeinde sind dann gut, wenn sie eine wirkliche Botschaft haben. Nach Stark und Finke sind starke Gemeinden auch nicht wirklich an Einheit (im organisationellen Sinne) interessiert. Die haben ja eine klar Botschaft und wollen diese auch verkörpern. Nur ältere und schwächere Gemeinden suchen die Einheit in der Organisation, weil sie selbst nicht mehr klar sind, was sie denn eigentlich wollen und dann das Heil im gemeinsamen Gut finden.

Diese Annahmen werden in der folgenden Statistik verdeutlicht. Das gefällt mir an Stark und Finke – nicht nur Meinungen, sondern auch ein paar Zahlen, die die Aussagen bekräftigen.

Starke Organisationen haben selten das Verlangen nach Zusammenschluss. Dieses Verlangen kommt häufig durch Schwäche… ein ökumenischer „neuer Glaube“ kann nur vom Klerus kommen, der etwas braucht, an das er glauben kann.

OK, das war die vorletzte Etappe – das Finale gibt es mit der Frage: Wie bleiben Bewegungenfrisch und wachsend

Warum Mainstream-Kirchen verlieren – Gewinner und Verlierer

16 Jun

Im letzten Post habe ich schon über das Ende von Bewegungen in The Churching of America von Rodney Stark und Roger Finke berichtet. Ein Grund war der Übergang einer Bewegung in eine Machtorganisation (Kirche). Jetzt kommt das Argument, warum Mainstream-Kirchen verlieren am Beispiel der Katholiken. (Frühere Einträge der Serie: 1 – überblick; 2 – aufstieg der außenseiter; 3 – ende von bewegungen).

In Europa erfreuten die Katholiken sich schon lange einer staatlichen Prominenz. In der neuen Welt kamen sie als Außenseiter ins Spiel und entfachten dort eine großartige Wirkung. Ihr Wachstum ging von ca. 3.500 Mitgliedern in 1776 auf 1,1 Millionen in 1850 auf 7,3 Millionen in 1890. Gewachsen sind sie durch die vielen Immigranten aus Europa (Iren, Polen, Italiener) und Südamerika, wo sie für die Neuanömmlinge eine Hafen der Vertrautheit und Verwurzelung boten. Außerdem zeigten sie sich sehr offen für neue Methoden wie die Erweckungstreffen, sowie die Unterstützung der Schulen durch billige Arbeitskräfte (Nonnen).

Dann passierte in 1962 etwas, das diese Dyanmik fast total zum Stillstand brachte. Waren zu diesem Zeitpunkt 48.046 Studenten in den katholischen Priesterschulen aktiv, waren es 2003 nur noch 4.522 Studenten. Waren damals 181.142 Nonnen aktiv, waren es 2003 nur noch 74.698 Schwestern. Die Laienbeteiligung ging völlig bergab. Die Rekrutierung von Novizen in Orden wurde ernom schwerfällig. Warum? Stark und Finke weißen auf das Jahr 1962 als Knackpunkt hin – den 2. Vatikanischen Konzil. Bei diesen Treffen entschieden sich die katholischen Obersten, den Glauben zu säkularisieren und die Formen der neuen Welt anzupassen. Was von vielen begrüßt wurde, hatte schlechte Auswirkungen auf die Kirche und zeigt 3 Formeln, warum Mainstreamkirchen verlieren.

Abnehmende Spannung = weniger Identifikation

Spannung bedeutet für Rodney Stark den Kontrast zur Welt um sich herum. Kontrast führt zu Identität und Identifizierung, was wesentlich für Glaubensbewegungen ist. Wenn ich mich aufgrund meines Glaubens vom Umfeld abhebe, dann muss die inner Motivation hoch sein und ich bekomme von meinen Glaubensgeschwistern reichlich unterstützung. Im Gegensatz dazu führt Anpassung dazu, die Verhaltensweisen der Umgebung anzunehmen. Das ist häufig für die innere Motivation und das selbstlose Verhalten schlecht. Seine Aussagen dazu:

Ich glaube nicht, dass Establishment gut für Kirchen ist. Sie begeben sich damit in den weltlichen Raum auf eine Weise, die unpassend ist und sie verändert. Am Ende von Konstantins Herrschaft sehen wir Menschen, die um Bischofsposten wegen Geld wettweifern. Danach war das Christentum keine Bewegung von Person-zu-Person mehr.

Abnehmende Kosten = weniger Belohnung

Eine zentrale These von Starks Arbeiten ist das Kosten-Nutzen Verhältnis von Glauben. Menschen wollen einerseits die Kosten von Religion minimieren, andererseits den Nutzen maxximieren. Hohe Kosten führen auch zu einem hohen Nutzen – wenn Menschen für ihren Glauben opfern, dann bekommen sie auch eher geistliche und soziale Bestätigung für ihr Verhalten. Intensität ist wichtig, um dem Glaubenden geistliche und emotionale Belohnung für sein Verhalten zu geben. Das geht nur über hohe Kosten. Stark meint: :

Hohe Kosten für Mitgliedschaft und klare Grenzen produzieren ein kollektives Gut durch Vorbild und Ausschluss. Das Vorbild von normalen Mitglieder spornt andere Mitglieder in Zuversicht und Hingabe an. Wenn Mitglieder ihre Zuversicht in ihren Glauben ausdrücken stärkt das den Glauben der anderen. Und wenn normale Mitglieder hohe Hingabe zeigen, dann tun das andere auch eher. Ausschluss funktionert indem die hohe Kosten der Mitgliedschaft die Halbherzigen und Uninteressierten vertreibt und damit die Intensität der Zugehörigkeit stark erhöht.

Abnehmende Beteiligung = weniger Wirkung

Wenn die Spannung und Kosten abnehmen führt das zu weniger Beteiligung im Leben der Gläubigen und letztlich zu weiterer Verwässerung und Schwäche. Wenn alles in der Hand von Profis liegt, nimmt die Wirkung in die Umwelt natürlich ab, weil diese Profis ja nicht mit so vielen Leuten in Kontakt sind wie all die Nicht-Profis es sein könnten. Außerdem haben Profis in einem Thema die Tendenz, sich mit Fragen zu beschäftigen, die für die große Masse nicht mehr wesentlich sind – womit selbst die limitierten Möglichkeiten der Profis weiter eingeschränkt wird.

die letzen 200 Jahre der Kirchengeschichte in Amerika zeigt, dass teure Gruppen am stärksten wachsen. Nur hohe Ansprüche und klare Grenze können die Ressourcen für Wachstum generieren.

Auf die Gefahr hin, diese Serie mit zu vielen Worten zu würdigen: es gibt noch 2 Teile – warum Einheits-Ansätze scheitern, sowie wie bleiben Bewegungen frisch und wachsend.

Das Ende von Bewegungen – Gewinner und Verlierer

26 Mai

Die Entwicklung von Kirchen in Amerika von 1776 bis 2005 verdeutlichen schön die inneren Dynamiken von Bewegungen (Teil 1 und Teil 2 der Serie). Rodney Stark und Roger Finke zeigten, wie die Außenseiter (Methodisten und Baptisten) stark in den Jahren von 1776 bis 1850 wuchsen. Dann blieben die Methodisten irgendwann auf der Strecke, während die Baptisten weiter zunahmen, wie auf dem Bild zu sehen. Wie passiert das so einer dynmischen Bewegung wie den Methodisten? Warum kommen Bewegungen an so einen Knickpunkt?

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Finke und Stark beschreiben das Schicksal der Methodisten als Sekten-Kirche-Transformation. In der Soziologie ist „Sekte“ ein neutraler Begriff für neue religiöse Gruppen. Diese sind häufig reformatorisch und kritisieren Aspekte der etablierten Organisationen und stehen in einer inhaltlichen Spannung zur Umwelt. Das kann zum Wachstum führen wie bei den Methodisten und Baptisten. Irgendwann werden diese Sekten mit einer gewissen Größe zu Kirchen – was bedeutet, dass die Spannung zur Umwelt abnimmt und sie „weltlicher“ werden. Das kommt durch die größere Anzahl von Mitgliedern, dem Einfluss von mächtigen und reichen Mitgliedern wie einer zunehmend gebildeten Führungsriege – und führt zum Beenden von Verhaltensrestriktionen und radikalen Ansprüchen. Häufig entstehen dann innerhalb der einstigen Reformbewegung neue Gruppen mit reformatorischen Ansatz, was das erste Zeichen für Sekte-Kirche-Transformation ist.

Was sind dann die Faktoren, die auf einen Rückgang der Kraft von Bewegungen abzeichnen? Wie kommen Bewegungen zu ihrem Ende?

Gebildete Prediger mit irrelevanten Botschaften
Die Methodisten lösten mit der Zeit ihr System von Laien-Prediger ab mit Absolventen von Hochschulen ab, die in Gemeinden entstandt wurden. Dadurch war es nicht mehr notwendig, an jedem Ort Laien für die Leitung zu finden und Gemeindemitglieder zu aktiven Mitglieder zu fördern. Man hatte ja jetzt schlaue Köpfe, die das übernahmen. Dadurch wurden auch die emotionalen Aspekte der Verkündigung abgeschwächt, es gab weniger missionarischen Eifer und Leute, die die Mission voran trugen. Cool-headed leadership war an der Tagesordnung und führte zu weniger klaren Entscheidungen.

Verweltlichung = Verwässerung
Inhalte wurden auch weltlicher wenn sie in der Hand der Intellektuellen waren. Auf einmal war nicht mehr so klar, was es heißt, Christ zu sein. Man glaubte nicht mehr, dass ein Moment genügt, um von ewiger Verdammnis zu ewigem Leben zu kommen. Früher ging jede Predigt als evangelistische Predigt raus und die Welt war einfach. Wenn die klare Linie verloren geht, ist es auch klar schwierig, wen man mit welcher Botschaft eigentlich erreichen will oder muss.

Gleichzeitig fehlt natürlich auch der Anspruch ans Verhalten der Mitglieder. Erwartungen wurden nicht mehr klar formuliert, was man als Christen machen muss (Teilnahme an Veranstaltungen, Gabe von Opfern) und dafür wurden Moral-Aussagen aufgeweicht. Durch Erwartungen an das Verhalten werden die Lauen von den Korrekten getrennt, was denen wieder gut tut, weil sie Bestätigung haben,d ass sie aufs richtige Pferd setzen. Rodney Stark meint:

„Menschen bewerten Reiligion auf Grundlage von Kosten; und die billigste ist nicht die beste. Eine Religion, die nichts kostet, bringt dir auch nichts“.

Zentralistische Strukturen ersetzen Pioniergeist und Dynamik
Die Stärke der Außenseiter ist ihre Flexibilität und Pragmatismus. In der Transformation zu einer Kirche werden die Bewegungen zu Definitionen und zentraler Administration gezwungen. Bei den Methodisten wurde daraufhin ihr System von Kleingruppen und Laienförderung eingestellt und führte zum Abebben der Energie in der Bewegung. Der Drang nach Definitionen führt zu konsistenten Aussagen, die dann häufig die Stelle von feurigen Predigern eingenommen haben.

Die Baptisten konnten sich trotz ihres Wachstums diesen Tendenzen entziehen. In einem Vergleich von Nothern Baptists zu Southern Baptists zeigen Finke und Stark, wie die Südler sich der Professionalisierung entzogen haben und eine Spannung mit der Welt um sich herum erhalten haben. Damit sind die Baptisten im Süden weiter gewachsen, sehr stark sogar. Die Baptisten im Norden ereilte ein ähnliches Schicksal wie die Methodisten:

zentrale Strukturen -> gebildete Prediger -> weniger Laienbeteiligung -> Anpassung an Umwelt von Lehre und Moral -> Stagnation und Abnahme der Bewegung.

Der Aufstieg der Außenseiter – Gewinner und Verlierer

8 Apr

Ganz ehrlich: wer konnte Steffi Graf in den 90ern noch den nächsten Turniersieg wünschen? Irgendwie war es schon cool, jemand im internationalen Sport ganz oben zu haben (neben Turnierreiten und 8-er im Rudern), aber tortz diesem Wir-sind-jetzt-auch-was-Faktor schlägt das Herz ja immer für den Underdog. Wenn Außenseiter triumphieren, dann hat das immer seinen Sympathie-Effekt. Die Entwicklung von Religionen in USA nach 1776 hat eine ähnliche Story: die Mainstreams stagnieren und die Außenseiter sprießen wie Pilze aus dem Boden.

In The churching of America berichten Finke und Stark wie im Jahr 1776 die größten Kirchen die Congregationalist, Episcopalians (Ableger der Anlglikaner) und Presbyterians waren. Diese 3 Gruppen waren die klaren Mehrheiten in den neuen Staaten und vereinten 55% der Kirchgänger. Im Jahr 1850 hatte sich die Gesellschaft verdoppelt, der relative Anteil der Gläubigen ist von 17% auf 35% gewachsen und die 3 Gruppen sind total geschrumpft auf 19% aller Gläubigen. Wenn das Land religiöser wurde und mehr Leute im Land wohnten, wo sind die dann hin?

 

Die Außenseiter waren die Methodisten, Baptisten und Katholiken. Diese hatten zunächst um die 20% Anteil der Kirchgänger und sind im Jahr 1850 auf 70% gewachsen. Hier sind die Zahlen der 3 Außenseiter:

Methodisten — 65 Gemeinden — 4.900 Mitglieder ** 1850 — 13.302 Gemeinden — 2,6 Millionen Mitglieder
Baptisten — 441 Gemeinden — 33.100 Mitglieder ** 1850 — 8.000 Gemeinden  — 1,6 Millionen Mitglieder
Katholiken — 3.500 Mitglieder ** 1850 — 1,1 Millionen Mitglieder

Wie passiert so was? Warum haben die etablierten Kirchen so abgeloost? Die etablierten Kirchen waren zumeist Steuer-finanziert und sahen Orte als Territorien an, wo nur eine Gemeinde sein durfte. Ihnen waren einige der Praktiken der neuen Bewegungen zu „pöbelhaft“ und sie ließen sich nicht auf das Risiko ein, an den westlichen Fronten neue Projekte zu starten. Dieser Fokus auf den „hohen Geschmack“, elitäres Denken und Weigerung zum Risiko schlgen ganz negativ über die Jahre ein. Vor allem merkte die etablierten Gruppen das gar nicht und kritisierten noch die neuen ohne Ende.

Aber was machte die Außenseiter aus, dass sie so einen kometenhaften Aufstieg hinlegen konnten?

Dezentrale Organisation: mach dein Ding
Die Außenseiter hatten keine professionelle Elite, um ihre Organisationen zu führen. Sie rekrutierten Menschen mit einem nicht-geistlichen Beruf und etablierten Kleingruppen, um ihre Werte zu vermitteln. Damit waren sie sehr flexibel, um auf die jeweiligen Nöte zu reagieren, konnte neue Leiter schnell rekrutieren und waren nicht vom Geld abhängig. Das erlaubte ihnen, schnell zu expandieren und dabei die Nähe zu den Leuten zu behalten, statt gelehrte Thesen zu vertreten.

Botschaft: einfach und direkt
Die Botschaft der Außenseiter war jeweils auf praktische Aspekte und das Herz abgezielt. „Theologie hat seinen Platz, aber sie rettet die Menschen nicht wie eine Botschaft des Herzens zur Umkehr“. Die Predigten der Außenseiter redeten und demonstrierten die Kraft Gottes. Und ihre Botschaften thematisierten fast immer Sünde, Errettung und Hölle, und warten vor den Gefahren der Welt. Dagegen standen die Schulen der etablierten Kirchen (wie Harvard oder Yale), denen intellektuelle Integrität wichtiger war als die Förderung von Hingabe bei den einfachen Leuten. Das erinnert mich an John Wimber – always focus on the main and the plain!

“Die Botschaften waren in einfacher Sprache, so wie bei den gewöhnlichen Leuten. Die akademischen Sprache kam nie vor, so dass die Leute klar verstanden, um was es ging“.

Konferenzen und Erweckungen: emotionale Ankerpunkte
An den Fronten des Wilden Westens setzen die Prediger der Außenseiter Camp Meetings auf, wo Menschen tagelang zusammen kamen, um geistlich erneuert zu werden. George Whitefield, Charles Finney und andere waren sich der Wirkung von Massenveranstaltungen bewusst: dort wurde Hingabe erneuert, Emotionen führten zu Neuausrichtung und Bestätigung im Glaubensleben. Finney meint:

„Menschen sind geistlich träge. Es gibt so viele Dinge, die von Religion ablenken und das Evangelium aufhalten. Deshalb ist es notwendig, die Begeisterung von Zeit zu Zeit zu erhöhen bis die Flut so stark wird, dass alle Abwehrhaltung weggewaschen werden“.

Finke und Stark fassen zusammen: „Gesunde Organisationen brauchen regelmäßig eine Erneuerung der Hingabe, damit die Vorteile des Zugehörens drastisch erhöht werden“.

Veränderungen nutzen: Offenheit für die Sklaven und Freien
Die Organisation der Außenseiter bot den versklavten und freien Negern einen Ort, wo sie Unterstützung fanden, geistliche Erfahrunge machen und in Leitungsaufgaben wachsen konnten. Immer wieder hatten die etabilierten Kirchen Argumente, warum ihnen die Menschen oder Methoden zu „banal“ waren. Die Außenseiter kümmerte nur ihre einfache Botschaft und damit waren sie flexibel, auf die Menschen einzugehen, denen sie begegneten.

Letzlich waren es die kulturelle Flexibilität und klare Botschaft mit einem einfachen Pragmatismus (das machen, was funktioniert), das den Außenseitern den Aufstieg ermöglichte. Die Katholiken spielten dort auch hinein, vor allem weil sie nicht die etablierte Macht wie in Europa waren. Erstaunlich ist, dass die Methodisten dann zu einem abrupten Halt kamen, während die Baptisten weiter wuchsen wie die Pilze…

Gewinner und Verlierer

3 Apr

churchingamerica.jpgIch habe mir überlegt, ob ich das machen soll. Noch eine Serie über Rodney Stark und dann noch was sicherlich kontroverses. Egal. The Churching of America liegt genau auf meiner Wellenlänge und beantwortet Fragen, welche Bewegungen über die Jahrzehnte gewinnen und verlieren. Und es sagt noch warum. Was mich besonders an Rodney Stark reizt: er ist kein Insider, muss keine Argumente verteidigen, sondern schaut sich das als Sozialwissenschaftler an und untermauert es mit Daten. Keine Ich-mag-das-aber-so-besser-und-deshalb-bin-ich-dafür Aussagen. In dieser Serie gibt es Aussagen über:
– den Aufstieg von Außenseitern
– das Ende von Bewegungen
– warum Mainstream-Kirchen verlieren
– warum Einheits-Ansätze scheitern
– wie Bewegungen frisch und wachsend bleiben

Rodney Stark ist Professor für Soziologie und untersucht mit Roger Finke in The Churching of America Bewegungen von 1776 bis 2005 auf ihren Erfolg. Erfolg bedeutet für sie Wachstum an Zahlen einer Bewegung. Zunächst räumt Stark mit der Nostalgie auf, dass das frühe Amerika ein christliches Ideal war. Obwohl Mayflower und Puritaner mit den Anfängen des neuen Kontinents in Verbindung gebracht werden, ist die Zahl der aktiven religiösen Menschen 1776 bei 17% . Das liegt daran, dass die neue Welt relativ unstabil war (und Stabilität wichtig ist für Glabensgemeinschaften), aus Europa viele Leute geflüchtet sind und auch in Europa das Level an Glauben in der Bevölkerung nicht sehr hoch war. Dieser Anteil ist dann bis 1850 auf 35% gestigen und bis ins Jahr 2000 auf 60%. Für all diese Behauptungen sind viele Daten vorhanden und zeigen, dass manche Gruppen von diesem Anstieg profitiert haben und andere stagniert.

Der gesamte Anstieg an Religiösität in Amerika lässt sich laut Finke und Stark auf den „freien Markt“ in USA zurückführen. Es gab nicht wie in Europa bevorzugte Kirchen (mit Steuern und staatlicher Bevorzugung), sondern dort musste jede Gruppe sich ihren Verdienst erpredigen. Das führte zu mehr Lebensnähe und Innovation im religiösen Markt. Alexis de Tocqueville meinte damals: „was mich als erstes erstaunte war die religiöse Atomspähre in den Vereinigten Staaten“, was er auf die vielen religiösen Gruppen und feurigen Prediger schob. „Ich bin überzeugt, dass dieVerbindung mit einer politischen Kraft nur Nachteile für Religion bringt“. Das ist das Supply-Side Argument von Stark.

Es zeigt sich auch, dass die Gewinner eben innovativer waren und ein besseres Angebot hatten, was von den Bewohnern besser angenommen wurde. Aber auch Inhalte und Form werden in dieser Studie betrachtet und zeigen faszinierende Ergebnisse. Zentral ist dabei für Finke und Stark:

„wir werden wiederholt zeigen, dass religiösen Organisationen profitieren, die eine Theologie zum Trost der Seelen hat und ihre Mitglieder zu Opfern bewegen kann“.

Also kommt jetzt in der Tradition von Rodney-Stark Serien hier die nächste. Wer die früher verpasst hat, hat was verpasst. Angefangen hat alles mit The Rise of Christianity und der Frage, wie die ersten Christen den ganzen Mittelmeerraum beeinflusst haben:

1 – The rise – wie haben sie es gemacht?
2 – The rise – welche Netzwerke benutzten sie?
3 – The rise – die sozialen Bedingungen des Wachstums
4 – The rise – die Rolle von Martyrern und Pluralismus
5 – The rise – was es für mich bedeutet

Dann kam Discovering God und die Frage, woher die Weltreligionen kommen und warum sie gewachsen sind:

Teil 1: Wo kommt Glaube her
Teil 2: der Niedergang der Staatskirchen und Wachstum von Religion
Teil 3: Religiöse Innovation
Teil 4: wie entstehen Bewegungen

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