Gewinner und Verlierer

3 Apr

churchingamerica.jpgIch habe mir überlegt, ob ich das machen soll. Noch eine Serie über Rodney Stark und dann noch was sicherlich kontroverses. Egal. The Churching of America liegt genau auf meiner Wellenlänge und beantwortet Fragen, welche Bewegungen über die Jahrzehnte gewinnen und verlieren. Und es sagt noch warum. Was mich besonders an Rodney Stark reizt: er ist kein Insider, muss keine Argumente verteidigen, sondern schaut sich das als Sozialwissenschaftler an und untermauert es mit Daten. Keine Ich-mag-das-aber-so-besser-und-deshalb-bin-ich-dafür Aussagen. In dieser Serie gibt es Aussagen über:
– den Aufstieg von Außenseitern
– das Ende von Bewegungen
– warum Mainstream-Kirchen verlieren
– warum Einheits-Ansätze scheitern
– wie Bewegungen frisch und wachsend bleiben

Rodney Stark ist Professor für Soziologie und untersucht mit Roger Finke in The Churching of America Bewegungen von 1776 bis 2005 auf ihren Erfolg. Erfolg bedeutet für sie Wachstum an Zahlen einer Bewegung. Zunächst räumt Stark mit der Nostalgie auf, dass das frühe Amerika ein christliches Ideal war. Obwohl Mayflower und Puritaner mit den Anfängen des neuen Kontinents in Verbindung gebracht werden, ist die Zahl der aktiven religiösen Menschen 1776 bei 17% . Das liegt daran, dass die neue Welt relativ unstabil war (und Stabilität wichtig ist für Glabensgemeinschaften), aus Europa viele Leute geflüchtet sind und auch in Europa das Level an Glauben in der Bevölkerung nicht sehr hoch war. Dieser Anteil ist dann bis 1850 auf 35% gestigen und bis ins Jahr 2000 auf 60%. Für all diese Behauptungen sind viele Daten vorhanden und zeigen, dass manche Gruppen von diesem Anstieg profitiert haben und andere stagniert.

Der gesamte Anstieg an Religiösität in Amerika lässt sich laut Finke und Stark auf den „freien Markt“ in USA zurückführen. Es gab nicht wie in Europa bevorzugte Kirchen (mit Steuern und staatlicher Bevorzugung), sondern dort musste jede Gruppe sich ihren Verdienst erpredigen. Das führte zu mehr Lebensnähe und Innovation im religiösen Markt. Alexis de Tocqueville meinte damals: „was mich als erstes erstaunte war die religiöse Atomspähre in den Vereinigten Staaten“, was er auf die vielen religiösen Gruppen und feurigen Prediger schob. „Ich bin überzeugt, dass dieVerbindung mit einer politischen Kraft nur Nachteile für Religion bringt“. Das ist das Supply-Side Argument von Stark.

Es zeigt sich auch, dass die Gewinner eben innovativer waren und ein besseres Angebot hatten, was von den Bewohnern besser angenommen wurde. Aber auch Inhalte und Form werden in dieser Studie betrachtet und zeigen faszinierende Ergebnisse. Zentral ist dabei für Finke und Stark:

„wir werden wiederholt zeigen, dass religiösen Organisationen profitieren, die eine Theologie zum Trost der Seelen hat und ihre Mitglieder zu Opfern bewegen kann“.

Also kommt jetzt in der Tradition von Rodney-Stark Serien hier die nächste. Wer die früher verpasst hat, hat was verpasst. Angefangen hat alles mit The Rise of Christianity und der Frage, wie die ersten Christen den ganzen Mittelmeerraum beeinflusst haben:

1 – The rise – wie haben sie es gemacht?
2 – The rise – welche Netzwerke benutzten sie?
3 – The rise – die sozialen Bedingungen des Wachstums
4 – The rise – die Rolle von Martyrern und Pluralismus
5 – The rise – was es für mich bedeutet

Dann kam Discovering God und die Frage, woher die Weltreligionen kommen und warum sie gewachsen sind:

Teil 1: Wo kommt Glaube her
Teil 2: der Niedergang der Staatskirchen und Wachstum von Religion
Teil 3: Religiöse Innovation
Teil 4: wie entstehen Bewegungen

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6 Antworten to “Gewinner und Verlierer”

  1. JuergenLee 14 April, 2008 um 10:51 am #

    Rodney Stark fängt an mir zu gefallen! Echt verwunderlich wie wenig religiös interessiert die Menschen in den Anfängen der Neuen Welt waren. Hatte immer den Eindruck es hat verhältnismäßig stark angefangen. Aber wie geschrieben wird die Vergangenheit glorifiziert. Dem Argument der Stabilität, kann ich nicht ganz folgen. Führt Stabilität, Freiheit und Wohlstand nicht zu einer Abkehr von Religion? Wenn ich mir Europa anschaue im Gegensatz zu Ländern in denen die Religionsfreiheit sehr eingeschränt ist und Untergrundkirchen sich rasand vermehren, werte ich dies als ein Argument dagegen. Über diesen Punkt würde ich gerne mehr hören! Zustimmen kann ich dem Argument der Verquikung mit dem Staat. Religion braucht meiner Meinung keine politische Macht, die ihre schützende Hand über sie hält, so was könnte man Wettbewerbsvorteil nennen. Ich stimme dir zu, dass Religion und Staat sich nicht gegenseitig befruchten, sondern eher schaden und missbrauchen. Ein gesunder Wettbewerb, auch auf dem religiösen Markt, finde ich gut, denn ich glaube daran, dass das Positive sich am Ende selbst beweisen wird.

  2. marlster 17 April, 2008 um 3:18 pm #

    Hey Jürgen, mit Stabilität meint er soziale Stabilität. Also, dass Leute sich kennen. Wenn es eine loose Begegnung von Menschen ist, die immer wechselt, dann führt das zu weniger Verantwortung. ist mir ja dann egal, wenn jemand meine Aktionen schlecht findet, weil ich sehe die ja eh nie mehr. In einer sehr stabilen Umwelt (z.B. irgendwo auf dem Land), muss für meine schlechte Taten Konsequenzen fürchten, z.B. in der Ächtung durch meine Nachbarn. Also: diese Koppelung von Beziehung mit Verantwortung führt zu moralischem Verhalten. Es ist jedenfalls eine Grundlage dafür.

Trackbacks/Pingbacks

  1. Der Aufstieg der Außenseiter – Gewinner und Verlierer « siyach - 8 April, 2008

    […] für den Underdog. Wenn Außenseiter triumphieren, dann hat das immer seinen Sympathie-Effekt. Die Entwicklung von Religionen in USA nach 1776 hat eine ähnliche Story: die Mainstreams stagnieren und die Außenseiter sprießen wie Pilze aus […]

  2. Das Ende von Bewegungen – Gewinner und Verlierer « siyach - 26 Mai, 2008

    […] von Kirchen in Amerika von 1776 bis 2005 verdeutlichen schön die inneren Dynamiken von Bewegungen (Teil 1 und Teil 2 der Serie). Rodney Stark und Roger Finke zeigten, wie die Außenseiter (Methodisten und […]

  3. Warum Einheits-Ansätze scheitern – Gewinner und Verlierer « siyach - 30 Juni, 2008

    […] für Glaubensgenerierung und zeigt die Schwäche der Bewegungen an. (Frühere Einträge der Serie: 1 – überblick; 2 – aufstieg der außenseiter; 3 – ende von bewegungen; 4 – warum mainstream […]

  4. Wie bleiben Bewegungen frisch und wachsend – Gewinner und Verlierer « siyach - 25 Juli, 2008

    […] ist die letzte Etappe von Finke und Starks Churching of America. (Frühere Einträge der Serie: 1 – überblick; 2 – aufstieg der außenseiter; 3 – ende von bewegungen; 4 – warum mainstream verliert; 5- […]

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