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Ein Spaziergang mit NT Wright – Teil 5

12 Mai

Auch der schönste Spaziergang neigt sich dem Ende. Nach ein paar Kilometern Reich Gottes, Heiliger Geist, Schönheit, Gerechtigkeit kommen wir jetzt nah ans zuhause: Europa! Was hat der liebe Prof Wright dazu zu sagen?

Europa heute

Was ist Ihre Vision, wie Laien das Reich Gottes ausleben?

In der anglikanischen Kirche sind in den letzten 40 Jahren die Kandidaten fürs Priestertum rapide zurückgegangen. Aber gleichzeitig gibt es sehr viel mehr offizielle Laien in Diensten wie Heilung, pastorale Fürsorge, Ehevorbereitung und Jugenddienst usw. In Durham, wo ich einige Jahre war, haben wir uns sehr darüber gefreut. Das hat den Priestern erlaubt, sich um das Wort und die Sakramente zu kümmern. Wir hatten ein Programm, um Laien zu trainieren, damit sie Leitung mit übernehmen konnten. Wenn es an einem Ort Gläubige gibt, dann wird der Heilige Geist das in die Gemeinschaft hinein legen, was er sehen will. Unsere Aufgabe ist, das zu sehen, zu bestätigen und zu unterstützen.

Haben Sie Hoffnung für die Kirche in Europa?

(lacht). Ganz Europa? Da weiß ich zu wenig. Ich reise hier nicht so viel und  wenn, dann sehe ich eine große Bandbreite. Von großen Kirchen in Frankreich, in die 2-3 Leute zum Gottesdienst gehen. Und dann gibt es sehr lebendige Kirchen.

Ich bin immer hoffnungsvoll. Denn alles, was ich über Gott weiß ist, dass er neue Dinge macht. Vor allem wenn die Leute ihn gerade abgeschrieben haben. Daher ist der schrille Säkularismus, den wir gerade hier in England haben, vielleicht das Vorspiel zu etwas Neuem, das Gott schenkt. Und die Vineyard ist ein Beispiel davon, wie es viel Hoffnung gibt. In Durham waren es die Freikirchen und die Katholiken, die sehr unterstützend waren und dabei waren, als wie neue Bibelkreise starten wollten. Daher gibt es viele Zeichen von Leben. Gott hat Europa noch nicht aufgegeben.

Was erhoffen Sie sich in ihrer Lebzeit in der Kirche?

Natürlich erhoffen wir uns alle, dass große Mengen von Menschen zu Jesus und ernsthaftem Glauben kommen. Einem frischen und relevanten Glauben, der die Welt von Morgen prägt. Nicht dem verwaschenen Glauben und der Stimmung von gestern. Sondern hin zu einer Begeisterung über das, was wirklich in der Bibel steht. Was mich wirklich stresst – hier in St. Andrews sind fast alle graduierten Studenten, die in der Bibel forschen, aus Nordamerika. Wir schaffen es nicht in England und Europa junge Leute so scharf auf die Bibel zu machen, dass sie es gerne studieren und erforschen wollen. Warum das so ist, weiß ich nicht. Vielleicht betonen die jungen, freieren Kirchen nicht so sehr die tiefe, genaue Auslegung der Bibel wie das früher der Fall war.

Zum Schluss: Was wäre Ihr Ratschlag für einen jungen Pastor in Europa?

Ich bin da sehr traditionell. Ich denke, Pastoren müssen hauptsächlich das machen, was Dietrich Bonhoeffer gesagt hat: „ihre Bibel besser und besser und besser zu kennen“ – nicht unbedingt die neuste Forschung, aber vor allem Zeit mit dem Text selbst zu verbringen. Zeit im Studium, Zeit im Gebet für ihr Umfeld und die Welt.  Und dann einfach in die Welt gehen und Menschen lieben. Bibel, Gebet und Liebe für Menschen – darum geht es. Und das schließt ein, die lokale Kultur zu verstehen. Menschen denken, sie kennen sie. Aber die Welt ändert sich rasant. Da gibt es verschieden Wege. Aber die Pastoren müssen die Welt verstehen, um das Evangelium darin zu verkörpern und die Sprache zu sprechen, damit sie klar und ehrlich sein können. Karl Barth sagte – die Bibel in einer Hand und die Zeitung in der anderen. Und mit viel Gebet und Liebe zwischen den zwei Händen

Ein Spaziergang mit NT Wright – Teil 4

4 Mai

Wenn NT Wright schon mal ne Minute hat, dann frage ich ihn doch gleich nach den Sachen, die einen Unterschied machen. Als Theoretiker kann man sich wunderbar die heile Welt herbei wünschen. Aber wie wird die Welt denn heil? Das wollte ich von dem bekannten Theologen und einflussreichen Autor wissen.

Soziale Gerechtigkeit

Sie haben auch viel über Barmherzigkeit als Zeichen vom Reich Gottes geschrieben. Wie kann eine Familie mit Beruf und drei Kindern an der Reduzierung der Schulden in der dritten Welt mitmachen?

Für die Schulden muss man organisiert sein. Kirchen müssen auf nationaler und internationaler Ebene wirken. Eine lokale Familie kann bei lokalen Aktionen mitmachen, die diese Themen unterstützen. Wenn wir zusammen wirken, können wir mehr erreichen.

Also geht es mehr um Politik und strukturelle Änderungen als nur etwas Gutes zu tun?

Politik und Struktur sind sehr wichtig, denn ich kann als einzelner Bürger nicht an irgendeine Bank schreiben und sie bitten, den Philippinen ihre nicht rückzahlbaren Schulden zu erlassen. Aber wenn die Kirchen zusammen mit vielen anderen an den Themen dran sind, dann gibt es irgendwann eine kritische Masse, die die Politiker wahrnehmen müssen.

Was in diesen letzten Jahren krass war: als die Finanzkrise 2008 kam, haben die Steuerzahler die Banken gerettet. Wir haben das für die sehr Reichen getan, was wir für die sehr Armen nicht tun – sie von ihren Schulden zu retten. Das hat ein hohes Maß an Heuchelei, das mich sehr stört. Und wenn die Kirchen dazu nicht aufstehen, wird es niemand merken, weil es sie nicht interessiert.

Ihre Antworten hören sich sehr gut an. Aber als halbinformierte Laien ist es sehr schwer, die richtigen Prioritäten zu finden, den richtigen Kampf zu kämpfen, gut genug zu organisieren und dann auch noch vielleicht 50 Jahre durchhalten zu müssen.

Das ist ein echtes Problem. Als ich noch Bischof war, da kamen dauernd Themen und Hilfgesuche. Ich musste dauernd prüfen, wo ich meine begrenzte Energie einsetzen konnte. Bei manchen konnte ich durch einen Brief leicht etwas erreichen. Bei vielen mussten wir Arbeitskreise schaffen und häufig war es unklar, ob wir was erreichen können. Wir leben in einer Sofort-Gesellschaft, wo wir Probleme jetzt lösen wollen. Wir müssen uns an die Gleichnisse vom Senfkorn erinnern – wir sind im Sektor von Samenpflanzung und das Reich Gottes wächst dann häufig überraschend. Die großen Reformationen in der Geschichte waren so – ob Wilberforce oder andere. Ein paar Leute, die sich einer Sache verschrieben haben, beständig darüber beten und den langen Weg dazu gehen, weil Gott es ihnen aufs Herz gelegt hat. Es braucht nicht viele Leute, um die Welt zu verändern.

Das hört sich ja leicht an. Wenn selbst ein Genie wie Sie es nicht immer gut unterscheiden können, was ist dann die Hoffnung für uns mit Überforderung und vollen Arbeitswochen? Der Reflex von Freikirchen ist dann häufig die Suppenküche – tu was Gutes lokal, was aber nicht wirklich etwas verändert.

Das muss wohl beides sein. In meiner Kirche sagen wir immer wieder: wenn es echt ist, dann ist es lokal. Wir müssen zurück zur Erkenntnis, wie das Christentum sich verbreitet hat. Es waren nicht die tollen theologischen Ideen, die vom einen Theologen zum anderen übergesprungen sind. Es waren die Christen, die sich um die Armen in ihrer Straße gekümmert haben. Wenn jemand krank war, hat man sich um sie gekümmert. Wenn sie im Gefängnis waren, schaut man nach ihnen. Selbst wenn sie keine Christen waren. Und die Leuten fragten sich: „warum macht ihr das? So was hat noch nie jemand in der Menschheitsgeschichte gemacht“. Und sie meinte: „so sieht Jesus folgen aus“. Es ist die Gefahr in der westlichen Kirche, dass Nachfolge bedeutet, die richtigen Ansichten zu haben. Aber Christsein heißt, die Sachen auf der Straße zu machen.

Und je mehr man das macht, desto mehr fragt man sich – warum sind die Leute eigentlich arm? Was ist mit dem System? Homer hat den berühmten Satz gesagt: „Als ich den Armen Brot gab, nannten sie mich einen Heiligen; als ich fragte, warum sie arm seien, nannten sie mich einen Kommunisten“. Wir müssen fragen, wo die Armut her kommt. Sowohl lokal als global. Denn wir leben in einem globalen Dorf.

Leute sagen dann darauf: „ich muss einen Abschluss machen, eine Job kriegen, Familien gründen und alle durchs Leben bringen. Wie kann ich das alles auf mich nehmen?“  Darauf meinte ich: „das musst du gar nicht. Schau auf große Bild, bete darüber und lies und studiere und diskutiere mit anderen bis du deinen Platz findest und wo du einen Beitrag leisten kannst“. Daher musste ich vor zwei Jahren die schwere Entscheidung treffen, als Bischof aufzuhören und meiner Berufung nachzukommen, das Neue Testament zu erforschen und zu lehren. In der Hoffnung, dass Gott das für seine Herrlichkeit und seine Kirche nutzt. Daher bin ich im Moment nicht mehr mit Ausländern oder Asylbewerbern involviert.

Ein Spaziergang mit NT Wright – Teil 3

29 Apr

NT Wright plaudert gerne. Nach 2 Etappen kommen wir hier zur Mitte des Interviews. Es geht um Kunst und Schönheit. Die weichen Themen, die in der harten evangelischen Realität häufig kein Platz haben. Was hat Prof. Wright dazu zu sagen?

Kunst

Betonen Sie daher die Künste so sehr?

Ja, die westliche Kultur generell hat die Künste vernachlässigt. Man sah das wie die schöne Umrahmung am Rande der Gesellschaft. Im Zentrum sollten die nackten Fakten stehen. Aber eigentlich funktionieren wir besser, wenn die Imagination im Zentrum steht. Fakten und Wissenschaft sind wichtig. Aber Menschen brauchen Raum zum Träumen und Vorstellen. Das ist wirklich Aufgabe von einer Theologie für Morgen.

Wie beschreiben Sie die Rolle der Kunst in der lokalen Gemeinde und als Zeugnis für das Reich Gottes?

Wann immer ich darüber in Kirchen gesprochen haben, kam fast jedes Mal danach jemand zu mir und waren teilweise in Tränen und meinten: „ich bin ein Künstler. Ich komm seit Jahren hier in diese Gemeinde. Die Leute sind nett, aber sie verstehen mich nicht. Sie haben mir endlich Worte gegeben für meine Empfingungen“. Viele Kirchen haben Musiker und andere Künstler, aber sie wissen nicht so recht, wie sie mit denen umgehen sollen. Und manche Experimente rufen dann Widerstand hervor. Also gibt es auf beiden Seiten etwas zu tun. Kirchen müssen Künstler unterstützen und fördern. Und Künstler müssen demütig und weise vorgehen, wie sie ihren Beitrag leisten können.

Sie haben auch über Schönheit geschrieben. Warum ist das wichtig in der Kirche?

Schönheit kommt gar nicht so oft in der Bibel vor. Aber in den Psalmen und anderen Passagen, die über die Schöpfung handeln, da gibt es diese Macht und Herrlichkeit und Freude, die mit unserem Wortgebrauch von Schönheit übereinstimmt. In den Psalmen steht, wie Gott den Anfang und das Ende des Tages machte, um ihn zu loben (Ps 65). Das Licht ist besonders an diesen Zeiten. Und irgendwie preist diese Schönheit Gott und lädt uns ein, mitzumachen. Viele Christen mögen wahrscheinlich einen schönen Sonnenuntergang oder ein schönes Lied, aber sie haben nicht die Verbindung gemacht. Wenn sie durch die Schönheit gute Gefühle haben, inspiriert werden, Erinnerungen gerufen werden oder sich stresst löst – dann ist das weil Gott uns so gemacht hat. Daher sollten wir auch schöne Dinge machen – weil Gott schöne Dinge macht und sie wieder so machen wird. Und wenn wir mitmachen in seinem Projekt, dann haben wir Sehnsucht nach der vollen Schönheit, die eines Tages wieder kommen wird.

Haben Sie Beispiele dafür?

Absolut. Als Musiker bin ich von Händel und Bach inspiriert. Händels Messias und Bachs Matthäuspassion haben Millionen von Leuten Dinge über den Glauben vermittelt, was viele Theologien und Predigten nicht in der Lage waren. Denn die Musik hat das klarer gesagt und zu einer viel tieferen Ebene der Persönlichkeit als das der Intellekt kann. Auch in der Matlerie kann man das sehen. Meine Frau war vor ein paar Jahren in Rom und hat alle Caravaggios angeschaut und wie dort die Facetten des Glaubens vermittelt wurden. Da gibt es Ebenen, die rationale Worte nie berühren können.

Ein Spaziergang mit NT Wright – Teil 2

22 Apr

Vor ein paar Tagen habe ich den ersten Teil des Interviews mit NT Wright gepostet. Ich wollte ihm einfach auf den Zahn fühlen, was seine Gedanken für jemand wie mich bedeuten. Überrascht von seiner Zugänglichkeit habe ich ihn dann hier die Sachen über den Heiligen Geist gefragt. Das ist so was wie die Anwendung wenn man will. Aus meinem Vineyard-Hintergrund habe ich da auch ein Szenario im Kopf: Power Ministry. Im Prinzip: für alles beten was nicht bei 3 auf den Bäumen ist und erwarten, dass Gott sich dadurch zeigt. Wie steht wohl Prof. Wright dazu?

Power and Spirit

Viele reden vom Reich Gottes im Zusammenhang mit Wundern und Heilungen. Sie nicht. Warum?

Das war sicher nicht mit Absicht. Ich glaube, dass Gott heilt und wundersame Dinge tut. Aber die Sprache von Wundern gefällt mir nicht. Ein anderes Leid der westlichen Kirche ist ihr Epikureismus. Das ist das Gefühl, dass wenn es einen Gott gibt, dass er weit weg ist. Die säkulare Welt hat ihn gar nicht mehr im Bild. Die Christen  denken, auch wenn Gott weit weg ist, so greift er doch von Zeit zu Zeit ein und macht was. Also, ein Wunder. Und dann zieht Gott sich wieder zurück.

Die Bibel sieht das anders: Gott ist immer da und zeigt sich. Und manchmal ist das auf eine Art, die wir „Wunder“ nennen. In der frühen Kirche war es ganz klar erwartet, dass Gott wundersame Dinge tut. Galater 3 ist so eine Stelle, wo obwohl die Christen einiges falsch machten, der Geist so in ihrer Mitte wirkte, dass Leute das unzweideutig erkennen konnten. Aber von der frühen Kirche haben wir natürlich die Höhepunkte. Und es gab lange Zeiten, von denen wir nichts wissen. In der Apostelgeschichte liest man über Gemeinden, die durcheinander sind. Paulus geht in die Türkei und sucht den Weg und der Geist sagt ihm: nicht hier, nicht da. In den Briefen schreibt Paulus von sich und anderen, dass sie krank und schwach sind. Und er sagt nicht: „wenn ihr nur mehr und besser beten würdet…“. Für Paulus – wie für uns – gibt es ein echtes Geheimnis, dass wenn wir beten, es manchmal besser wird und manchmal nicht.

Als Pastor weiß ich um die Gefahr, dass wir mit genug Glauben immer Heilung sehen würden. Aber vielleicht sind wir im Westen auf der anderen Seite vom Pferd gefallen und sagen nicht genug darüber. Das mag auch bei mir so sein. Ich will die Balance finden. Und ich will niemand etwas absprechen oder hindern. In meiner eigenen Familie gab es schwerwiegende Krankheiten und Leute haben gebetet und sie wurden geheilt.

Wie beschreiben Sie die Rolle des Heiligen Geistes im Anbrechen von Gottes Reich?

Der Heilige Geist ist absolut zentral in allem im Neuen Testament. Wenn wir über den Geist reden, dann reden wir über Gott in Aktion. Gordon Fee hat ein wunderbares Buch darüber geschrieben mit dem Titel God’s Empowering Presence (Gottes bevollmächtigende Gegenwart).

Was mir wichtig ist: als die Juden im ersten Jahrhundert über die Gegenwart Gottes redeten, dann verstanden sie darunter den Tempel. Du gingst zum Tempel, dort wohnte Gott und du hofftest, dass er sich zeigt. Die ersten Christen sprachen von den einzelnen Christen als dem Tempel des Heiligen Geistes. Aber auch von der Kirche. Das ist nicht nur irgendein Vergleich. Sie sagten damit: so wie der ernsthafte Jude zum Tempel ging und Gott dort erwartete, so erwarten wir als Christen in unseren Treffen, dass Gott kommt und heilt, reinigt, verändert. Das haben viele Millionen Christen als Realität erlebt.

Sie sagten, dass das Wirken des Geistes unzweideutig war. In Ihren Büchern schreiben Sie von Gerechtigkeit und Kunst usw. Das sind Dinge, die Menschen beeinflussen können. Widerspricht sich das nicht?

Interessant. Viele Musiker, Künstler und Komponisten würden wohl sagen, dass wenn sie wirklich der Kunst nachgehen, stehen sie fast neben sich.  Das Wort Ekstase bedeutet, neben sich zu stehen. Ich würde keine klare Linie ziehen zwischen dem ekstatischen Künstler und der Ekstase des Predigers oder der Person, die betet. Gott hat uns kreativ gemacht. Und wenn wir Künsten nachgehen, oder Barmherzigkeit üben, dann sind wir tief mit dem verbunden, wie Gott uns gemacht hat. Es gibt also ein Kontinuum zwischen dem erklärlichen und dem unerklärlichen.

Sie haben über „Christus Victor“ Thema geschrieben und wie es zentral für das Verständnis vom Evangelium ist. Könnten Sie das kurz erklären?

crossskullGoodness! Über die Jahrhunderte gab es viele Theorien, was das Kreuz Jesu eigentlich bewirkt hat. Je älter ich werde, desto mehr komme ich zu der Sicht, dass Christus Victor sehr nah am Zentrum ist. Ein Grund ist der Erwartung der Juden in der Antike – was müsste der Messias tun, wenn er kommt. Ein zentrales Element für einen Messiaskandidaten ist die Macht des Bösen zu zerstören. Jesus ging klar davon aus. Und am Kreuz stand dort das Schild „König der Juden“ – demnach wollen Matthäus, Markus, Lukas und Johannes wohl sagen – das war die Botschaft vom Kreuz. Es war der Sieg des Messias. ER starb unter der Macht des Bösen am Kreuz, und entzog dadurch dieser Macht ihre Kraft, womit Gottes neue Welt angefangen werden konnte.

Manche Leute haben Christus Victor alleine gestellt und die anderen Theorien abgeschrieben. Aber ich denke, das Gegenteil ist der Fall. Christus Victor beinhaltet Sühne, beinhaltet moralisches Vorbild. Daher ist Christus Victor im Zentrum des Bilds, so wie in den Evangelien.

Die evangelikale Welt war sehr erfolgreich mit dem Sühneverständnis durch das Brückendiagramm, das das Konzept leicht erklärt. Auf der Seite vom Reich Gottes und Christus Victor fehlt diese Einfachheit. Was denken sei dazu?

Ja, das Brückendiagramm hat enormen Einfluss. Das Problem damit ist der Fokus auf mich und meine Sünde. Auch bridge3wenn das seinen Platz hat, so ist es doch sehr, sehr wichtig, dass wir über Gott und sein Reich reden. Wenn man vom großen Bild anfängt und den einzelnen Menschen darin sieht, dann passt das. Wenn man aber von meiner Sünde und Distanz ausgeht, dann fördert man einen Glauben, wo es nur um mich geht, meine Erlösung und meine Ewigkeit.  Und dann muss man quasi ein Extra dazu verkaufen, dass Gott noch einen Plan zwischen jetzt und dem Ende des Lebens hat und den Christen auf dieser Welt einsetzen will. Wenn man mit der Victor-Idee anfängt, startet man mit Gottes Verlangen, die gesamte Welt an sich zu reisen. Und dann machen wir als einzelne darin mit, seinen Plan in dieser Welt umzusetzen.

Ich bin kein guter Zeichner. Aber du hast mich herausgefordert. Vielleicht finden wir jemand, der das in einem Bild umsetzen kann, wie Gott siegreich auf der Welt einzieht.

Ein Spaziergang mit NT Wright – Teil 1

10 Dez

werthersEr sieht ein bisschen aus wie der Onkel, der dir Werther’s Echte reicht. Bart, bisschen Bauch und runde, tiefe Stimme. Dabei ist NT Wright einer der prominentesten Theologen heute. Kennst ihn nicht? Kein Problem, Theologen und Prominenz passen nicht so wirklich in den gleichen Ausdruck. Fast so wie warme Kühlschränke. Was auch nicht zu Theologen passt ist „eloquent“ – und das ist NT Wright auch noch. Er hat einen Redefluss, der einen reinzieht und seinen Gedanken folgen lässt. Und er hat was zu sagen.

ntwright

NT Wright ist jetzt seit 20 Jahren prominent auf der Theologenfläche und lässt sich gerne für Youtube & co ablichten. Auch sonst ist er recht umtriebig und zeigt sich. Er schrieb zunächst über Paulus, dann über die Zeit von Jesus, dann ein paar Einsteigersachen ins Christentum, dann über den Himmel, und jetzt ist er wieder bei Paulus. Die letzten 3 Jahre hat er einige Bücher übers Reich Gottes rausgebracht. Das Thema ist mir so nah am Herzen wie Bayer Leverkusen (also sehr nah) und daher habe ich sie genossen wie den Whiskey, den mir Kristian geschenkt hat (langsam und mit viel Zunge schnalzen und Aahs).

Dennoch sind mir ein paar Dinge bei NT Wright gekommen, die sich noch nicht ganz so erklärt haben. Also habe ich ihn mal angemailt und 2 Wochen später war ich am Telefon mit ihm. Dieses kleine Interview ist das Ergebnis. In 5 Teilen poste ich über seine Antworten zum Reich Gottes, dem Heiligen Geist, Kunst, Gerechtigkeit und dann seinen Ratschlag für junge Pastoren in Europa. Bitteschön…

Reich Gottes

Was mir auffiel – wenn Sie das Reich Gottes erklären – wird es sehr historisch. Wie erklären Sie das Reich ohne den geschichtlichen Bogen?

Das ist sehr schwierig (lacht). Das jüdische Verständnis vom Reich baut auf dem Gedanken von Gott als Schöpfer auf. Und als Schöpfer von Zeit, Raum und Materie. Und wenn man von Gott als König redet – denn das ist das Reich Gottes – dann ist er König über Zeit, Raum und Materie; und wirkt erlösend in dieser. Es gibt eine große Gefahr in der westlichen Welt, dass viele meinen, das Reich Gottes handelt von einer ganz anderen Sphäre – weit weg von Zeit, Raum und Materie bei uns. Diese Haltung gab es nicht im Judentum des 1. Jahrhunderts, oder im Alten Testament oder im Neuen Testament.

Natürlich spricht die Bibel an verschiedenen Stellen von einer mächtigen Umwandlung. Aber im Neuen Testament ist es spannend, ob diese Umwandlung INNERHALB unsrer Zeit, Raum und Materie stattfindet – und unsere Welt wird so sein, dass wir sie erkennen und Zeit, Raum und Materie darin fortbestehen. Oder ob es eine Umwandlung in eine ganz andere Sphäre ist. Und dann wäre unsere wunderschöne, mächtige Welt nur so einer Art Ausrutscher und Fehler gewesen. Warum würde Gott dann darüber sagen, dass es alles gut ist – wenn er am Ende alles weg wirft und was total anderes macht.

Für mich laufen alle Linien bei Jesus zusammen. Und Jesus sagt nicht: „vergesst diese Welt und alles darin, denn es kommt was total anderes“. – das wäre Gnostizismus. Sondern: „Gott tut das, was er immer verheißen hatte. Jetzt. Hier. Mach mit.“ Es ist die Umwandlung der Geschichte; aber von innerhalb der Geschichte. Wenn ich das erkläre, dann habe ich den Hauptpunkt rüber gebracht.

Also müssen wir alle kleine Historiker werden?

Ja. Als ich in Lichfield als Pfarrer war und dort predigte, habe ich oft die ersten 10 Minuten genommen, um zu erklären, was in einer Geschichte los war. Und dann haben die Leute gesagt: „Pfarrer, Sie haben uns gerade eine kleine Geschichtsstunde gegeben.“ Und ich sagte: „Genau. Denn ihr kennt das nicht und bis ihr nicht wenigstens ein bisschen was versteht, könnt ihr nicht begreifen, was in einem Bibeltext los ist“. Ohne das begehen wir massive Fehler – wir nehmen an, die Leute in der Bibel sind so wie wir nur ohne die elektronischen Spielzeuge. Und in manchen Dingen sind sie schon wie wir, aber in anderen nicht. Und das müssen wir wirklich verstehen.

Aber die Leute von heute interessieren sich nicht für die Juden aus dem 1. Jahrhundert. Ist das nicht ein Problem?

Die ersten Christen hatten das Problem als sie nach Korinth oder Thessaloniki kamen. Dort gab es kleine Synagogen, aber für die Leute darum schien das nicht relevant zu sein. Und dann kam diese Bewegung rund um Jesus, die mehr und mehr Einfluss nahm. Was haben die ersten Christen in diesem Kontext gelehrt? Es gibt Passagen in Paulus, wo wir das sehen können. Es war das Alte Testament – die Geschichte vom Volk Israel. Denn du kannst Jesus nur verstehen wenn man ihn sieht als die Erfüllung dieser langen Geschichte Israels. Also muss man die Leute in eine Lage versetzen, das AT zu verstehen. Nur dann kann man verstehen, was es heißt, dass die „Zeit reif war“ oder „die Zeit erfüllt“ war.

Wenn du Jesus verstehen willst, musst du verstehen, was die Erfüllung der Zeit ist. Wenn du von Jesus redest, dann gehst du in die Evangelium und dann bist du bald bei Pharisäern und Sadduzäern. Und dann willst du wissen – wer sind diese komischen Leute, die hier auf der Szene erscheinen. Vor 100 Jahren gab es schon Bücher zum historischen Kontext – wer diese Gruppen sind, für was sie stehen und was sie erhoffen. Heute ist die Forschung sehr viel genauer, weil es unzählig neue historischen Daten gibt. Die christliche Kirche musste also schon immer ein Bild vom Judentum im ersten Jahrhundert haben, sowie von den Schriften und den anderen Gruppen.

Die Frage ist eher, ob wir diese Bild besser hinbekommen als was wir häufig landläufig haben, das sehr verzerrt und voreingenommen ist. Ein Ziel meines Lebens ist die Bildung von erwachsenen, christlichen Laien. Denn die meisten Christen wissen nicht, wie wichtig das ist. Sie denken, man geht in die Kirche, singt, wirft Geld in den Kasten und das ist es. Aber das ist falsch. Wir müssen sehr viel mehr wissen, als wir es im Moment tun.

Ich habe Sie mal in einem Interview sagen hören, dass eins der Probleme des modernen Menschen ist, dass wir alle im Herzen Gnostiker sind. Was meinen Sie damit?

Die Bewegung im 2. Und 3. Jahrhundert, die als Gnostizimus bezeichnet wird, hat mir der Idee von Wissen zu tun. Gnosis heißt Wissen. Und die Idee ist, dass es eine geheime, verborgene Gnosis oder Wissen gibt. Nur manche finden das und haben diesen Funken Gnosis in sich. Dieses Wissen ist über die Welt, das Universum und alles Mögliche. Aber vor allem gibt es einem den Schlüssel zu einer total anderen Welt, in der die momentane Welt abgelehnt wird. Denn es gibt ja jetzt ein höheres Wissen. Und wir wissen, wie es funktioniert und die unerleuchteten eben nicht. In der Antike war dieser Ansatz sehr populär. Und Leute haben Gnostizismus erfunden und Jesus darin eingebaut.

Für mich kam ein Durchbruch, als ich merkte wie die Renaissance (im englischen: Erleuchtung, enlightenment) eine säkulare Version davon war. Wir im Westen haben jetzt dieses höhere Wissen, diese Gnosis, und mit unsrer Wissenschaft und Technik, mit unsrer Philosophie und Demokratie sehen wir uns als höhere Wesen gegenüber den armen Seelen anderswo auf der Welt. Die Anziehungskraft zum Gnositizismus war daher sehr groß, vor allem in Amerika. Dort ist das sogenannte Evangelium von Thomas sehr populär mit dem Aufhänger, dass hier der wahre Schlüssel zu Jesus ist und man jetzt wirklich mehr versteht. Letztlich geht es aber dann um Selbstfindung und nicht mehr um Erlösung durch das Kreuz. Das sieht man dann auch in der Kultur.  Die Filme und Bücher gehen auch häufig um ein geheimes Wissen, mit dem ich mich dann letztlich selber verwirklichen kann. Und das hat dann manchmal einen christlichen Anstrich. Aber es geht eben nicht mehr um Erlösung sondern um die Religion der Selbsterkenntnis. Gott liebt dann die Menschen nicht mehr trotz ihrer Sünde. Sondern Gott will, dass ich mein Herz verstehe und wirklich rausfinde, was ich will. Diese Botschaft wird häufig mit dem echten Christentum verwechselt und von Millionen in der westlichen Welt gerne gehört.

es ist soweit – Buch ist da

19 Feb

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am 20. März ist der offizielle Erscheinungstermin von meinem Buch über die Vineyard. Amazon hat es schon gelistet. Eigentlich bin ich ja schon seit 2006 fertig, aber hat jetzt noch eine Weile gedauert, bis alles unter Dach und Fach war.

Kürzlich habe ich dann ein Paket mit den Korrekturen bekommen. „Oh ne,“ habe ich gedacht, „jetzt muss ich das nochmal lesen“. Der Anfang passt mir nicht so ganz, aber wenn man mal die ersten 30 Seiten hat, dann ist es echt gut. Ich habe es in 2 Tagen durchgelesen, und das nicht weil ich musste. Ein paar Sachen haben mich wirklich gepackt und manche Dinge zu Tränen gerührt. Komisch, denn ich kannte es ja schon.

Hier ist mein Kernsatz vom ganzen Buch aus dem Interview mit Dave aus Boston. Er war früher Drehbuchautor und daher habe ich ihn gefragt:

Wenn du deinen Hintergrund als Bühnenautor auf die Geschichte der Vineyard anwenden würdest, wie sieht die dramatische Struktur aus?
Dave: Hm, die dramatische Struktur der Vineyard?!
Also, die Prämisse (das Wesentliche dessen, was eine Geschichte zu zeigen versucht) – einfache Menschen können das Reich Gottes erleben und leben.
Der Konflikt (das Grundelement zur Erzeugung von Spannung, die Triebkraft einer dramatischen Geschichte) – einfache Menschen glauben das nicht.
Die Lösung – zeige und lehre es, damit sie es selbst tun können.

Wenn das rüberkommt, dann bin ich happy.

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