Die Biografie eines Stils – über Malcolm Gladwell

5 Jun

Malcolm Gladwell fasziniert und frustriert mich seit einiger Zeit. Er schrieb 2 Bücher über Psychologie und wird damit zum Trendsetter und Mulitmillionär. Ich habe ich 4 Jahre lang Psychologie studiert und es gibt Tausende von Autoren, die darüber schreiben. Die wenigsten Psychologen werden zu Pop-Ikonen oder verdienen annähernd die Kohle wie Gladwell. Wie macht er das? Warum ist Gladwell so populär während andere mehr Wissen haben und mehr Forschen? Das hier ist ein klassischer Gladwell – von Spaghetti-Forschung über Entscheidungen zu kulturellen Veränderungen.

Ein Freund gab mir vor einigen Jahren Gladwells erstes Buch, The Tipping Point. How Small Things make a big difference. Es lag 2 Jahre auf dem Schrank. Typisch amerikanischer Hype, dachte ich. So etwa wie outrageous happy customers oder 10 irrefutable laws of leadership. Auf einem Flug nach USA habe ich es dann mitgenommen. Es war ein Sog. Eine Seite nach der anderen. Interessante Geschichten, lebendig, frisch, gepaart mit den Forschungen, die ich aus dem Studium kannte. Was macht Gladwell so besonders?

In Tipping Point erzählt Gladwell von Schuhen, Cola, Kriminalität, AIDS und Sesamstraße. Er nimmt alltägliche Dinge unter Lupe und zieht seine Lehren aus der Analyse des Alltäglich.

„Ich schaue mir Dinge an, die wir alle für selbstverständlich annehmen. Mich interessiert das Exotische nicht“.

Gladwells Gabe ist, das Banale zu nehmen – Bürostühle, Einkaufszentren und Öfen – und daraus Lehren zu ziehe, die das Leben kennzeichnen. Die Ideen hinter den Geschichten sind teilweise komplex, aber durch die Nähe zum eigenen Alltag werden die Theorien lebendig und frisch.

„Einige Journalisten schreiben über extreme Dinge. Ich schreibe gerne über Dinge in der Mitte. Pepsi und Cola. Das zieht mich an, denn was mich besonders interessiert ist, etwas ganz Gewöhnliches zu nehmen und es auf irgendeine Art umzukehren. Ich schreibe lieber über The Gap als über Prada. Wenn ich etwas Eigenartiges hinter The Gap finde ist das sehr viel interessanter als etwas Eigenartiges hinter Prada. Bei Prada erwartet man das ja.“

Gladwell hat diese Art von Schreibe popularisiert. Friedmann, Levitt, Surowiecki folgten ihm. Spezifische, alltägliche Geschichten verdeutlichen soziale Mechanism. Manchmal sogar soziale Missstände oder Veränderungen. Und das ist gar nicht so fern: soziale Veränderung erleben wir ja durch die kleinen Dinge des Alltags.

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Die Formel in Gladwells Erzählung ist häufig ähnlich. Er beginnt mit einem Show-Teil: einer Geschichte, die zeigt (show, don’t tell), um was es in seiner Abhandlung geht. Meist ist diese voller Detail, Interaktion und Dialog. Gutes Schreibhandwerk. Das Resultat ist das Gefühl, ein Teil der Geschichte zu sein und Identifkation mit der Frage, die Gladwell stellt.

gladwell_shadow.jpgWie kam er dazu, so eine Perspektive auf alltägliche Dinge zu entwickeln? „Vielleicht kommt es daher, dass ich gewöhnt bin, ein Außenseiter zu sein. Ich bin ein Immigrantensohn von Immigranteneltern. Ich bin Linkshänder. Ich bin die einzige Person, die in Kanada aufgewachsen ist und weder schwimmt noch Schlittschuh laufen kann. Wenn man all diese Eigenschaften in ein psychologisches Portrait aufnimmt, dann hätte man wohl jemand, der die Welt durch eine etwas andere Brille sieht.“ Die Gabe des komischen Blicks also. Da kenn ich noch andere.

Es ist aber nicht nur die Gabe, alltägliche Dinge zu sehen. Gladwell findet Zusammenhänge zwischen scheinbar unverbundenen Ereignissen. „Bill James hat etwas gemacht, das ich nie vergessen habe und mein Schreiben seitdem geprägt hat. Er war Meister der Tangente. Er ging auf ein scheinbar wahlloses Thema ab, wo erst später klar wurde, dass es direkt zur Pointe beitrug. Ich bin nicht so gut wie er, aber ich versuche das aus.“ A Story is a journey! Gladwell lädt ein zu einer Reise – gewöhnlich die Reise einer Idee. Von Tomatensauce über Entscheidungen zu Komplexität und die Wahl von Kaffee.

Wie kommt Gladwell dahin, Tomatensauce und Kaffeeröstung relevant für Millionen zu machen? Er hat lange als Zeitungsreporter geschrieben und meint dazu: „damit ein Text funktioniert, braucht man ein Problem, das gelöst wird. Der Leser will wissen, dass es einen tieferen Zusammenhang gibt, der über das Beispiel hinaus geht. Der Leser hat das Gefühl, das Prinzip zu verstehen anstatt nur einen speziellen Fall“. Im Fall von Tipping Point und Blink nimmt Gladwell die Erkenntnisse aus der Sozialpsychologie, um über Kultur und soziale Veränderungen zu schreiben. Steven Levitt (Freakonomics) meint über Gladwell:

„Malcolms Stil funktioniert, weil es in der Wissenschaft viele faszinierende Ideen gibt, aber niemand faszinierend darüber schreibt. Er ist einfach ein guter Geschichtenerzähler. Er nimmt scheinbar wahllose Gedanken und bringt sie alle zusammen.“

Woher kommen die Geschichten für ihn? „Das Ziel eines Autors ist nicht, seine eigenen Gedanken darzulegen, sondern was in der Geschichte interessant ist.“ Die Idee ist also der Chef. Andere meinen über Gladwell: „die meisten Autoren gehen mit ihrem Weltbild an eine Geschichte ran. Ich glaube, er hat das kaum. Er ist für jede Idee offen, egal ob er damit übereinstimmt oder nicht. Wenn es ihn interessiert und packt, dann geht er der Idee nach, egal wie breit. Er hat mehr von dieser kindlichen Freude, die Welt zu entdecken, als irgend jemand sonst.“ Die Idee und Beobachtung ist die eine Seite der Geschichte. Die andere ist, diese Ideen in Worte zu packen. Woher hat Gladwell seine Gabe, komplexe Probleme einfach zu kommunizieren?

„Ich glaube, mein Schreibstil wurde stark dadurch geprägt, dass ich die ersten 9 Jahre meiner Karriere für eine Zeitung geschrieben habe (The Washington Post). Dort bist du gut, wenn du einfach und klar schreibst. Wer ist für die mich die Zielgruppe? Ich nehme immer meine Mutter – eine interessierte, offene Frau in mittlerem Alter. (Es ist witzig: wenn ich eine Lesung habe, dann kommen häufig Frauen zu mir und bedanken sich, die interessiert, offen und in mittlerem Alter sind und mich an meine Mutter erinnern)“. Kenne deine Zielgruppe, kann man da nur sagen. Oder um Friedrich Schiller zu zitieren: „Einfachheit ist das Resultat von Reife!“. Oder um noch eins draufzusetzen; von Zinedine Zidane (!):

„Einfachheit ist der Gipfel der Intelligenz!“

gladwell_smile.jpgWie kommt man aber zu so einem einfachen Stil? Woher kommt die Reife in Gladwells Schreiben? Er meint dazu: „Ich liebe das Schreiben wirklich. Als ich in der Schule war, bin ich Langstrecken gelaufen. Am Anfang sah ich das Training mehr als eine Art Übel auf dem Weg zu den Rennen. Aber je mehr ich gerannt bin, desto mehr gefiel mir das Rennen an sich, egal ob im Training oder im Rennen. So geht es mir mit dem Schreiben. Ich freue mich immer, wenn ich schreiben kann, egal was die Umstände sind. Mittlerweile bin ich misstrauisch, wenn Leute nicht genauso lieben was sie tun. An Weihnachten habe ich Golf geschaut und der Kommentator meinte, dass Phil Mickelson bei diesem Turnier das erste Mal seit fünf Wochen wieder den Schläger in der Hand hat. Wenn das stimmt: ist das nicht wirklich komisch? Wie kann jemand zu den besten zwei oder drei Golfern seiner Generation gehören und fünf Wochen lang nicht das tun, was man von Herzen gern tut? Man sagt, dass Wayne Gretzky als zweijähriger geweint hat, wenn das Hockey-Match im TV vorbei war. Für ihn war es in diesem Alter einbegreiflich, wie etwas, das er so gern hatte, zu Ende war. Ich glaube, das ist die einfachste Erklärung, warum Gretzky Gretzky war. Und es erklärt wahrscheinlich auch, warum Mickelson kein Tiger Woods wird“.

Gladwell zeigt die Faszination von Geschichten und einfachen Fragen. Gleichzeitig zeigt es, dass anspruchsvolle Gedanken keine Selbstläufer sind. Sie müssen gezähmt, übersetzt und verpackt werden. Denn nur dann finden sie die Verbreitung, die ihnen zusteht. Ich hoffe, dass es noch weitere Grenzgänger wie Gladwell gibt, die zwischen Forschung, Theorie und der Lebenswelt ihrer Mutter wandern.

Zitate, Quellen und Referenzen in meinem Google-Notebook. Gladwell-Blog; Portrait über Malcolm: Acciential Guru.

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7 Antworten to “Die Biografie eines Stils – über Malcolm Gladwell”

  1. Arnachie 5 Juni, 2007 um 10:06 pm #

    Das ist interssant. Vor allem das mit der Zielgruppe hängt mir nach. Wahrscheinlich habe ich lange Zeit nur sehr stockend gebloggt, weil mir nicht klar, für welche Zielgruppe ich blogge; wobei: kann man überhaupt für ne Zielgruppe bloggen? Ist dafür das Internet nicht zu unberechenbar?

  2. marlster 5 Juni, 2007 um 10:37 pm #

    Ja, Zielgruppe ist für mich auch immer etwas schwierig auszumachen. Aber ich häufig eine Zielperson: jemand, der nicht in meinem Interessengebiet liegt und dem ich das nahe bringe. Das hilft mir bei der Wortwahl und der Begründung warum etwas wichtig ist. Das geht natürlich nicht immer, denn manche Fragen stellen sich einfach nicht so viele Menschen. Aber dieses innere Bild einer bestimmten Person finde ich hilfreich.

  3. peterstephenblass 6 Juni, 2007 um 11:43 pm #

    Hi Marlin,
    Ich selber habe alle 4 Bücher gelesen, die du genannt hast (2x Gladwell, James Surowiecki- Wisdom of the Crowds und Freakonomics) sehr schöne Darstellung über den Schreibstil. Eine scheinbar banale Geschichte bietet Gladwell den Anlass uns die Welt zu erklären…
    Gruß, Peter

Trackbacks/Pingbacks

  1. Failing Forward - 7 Juni, 2007

    […] Marlin empfiehlt Bücher von Malcolm Gladwell und lässt sich über seinen Stil aus. Ich glaub, ich lass mir ein Buch von ihm zum, Geburtstag schenken. […]

  2. der Tipping Point in Budapest – 2. Tag von ecpn « siyach - 16 Oktober, 2007

    […] Erzähle gute Geschichten: wenn du Punkte rüberbringen willst, musst du gute Geschichten erzählen (siehe die Biografie eines Stils). […]

  3. Die Biografie eines Stils – über Alan de Botton « siyach - 14 April, 2011

    […] Er ähnelt Gladwell etwas und daher habe ich versucht, seinen Stil besser kennen zu lernen (Gladwells Stilbiografie hier). Hier ist was, er dazu sagt: „Ich will das persönliche mit dem philosophischen zusammen […]

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