Die Biografie eines Stils – über Alan de Botton

21 Mrz

Im letzten Jahr haben die Bücher von Alan de Botton stets den Kampf gegen Fernsehabende für sich entschieden. Johannes hat The Art of Travel empfohlen und da ich dieser Tage öfter reise, biss ich an. Und de Botton hat mich mit seinem Stil gepackt – schöne Geschichten, interessante Fakten, überraschende Perspektiven. Er ähnelt Gladwell etwas und daher habe ich versucht, seinen Stil besser kennen zu lernen (Gladwells Stilbiografie hier). Hier ist was, er dazu sagt:

„Ich will das persönliche mit dem philosophischen zusammen bringen, um darin praktische Antworten für die Fragen des Alltags zu finden“.

In the Art of Travel startet er seine persönliche Reise von London nach Amsterdam, um dort seine Eindrücke von Schildern am Schipol Flughafen zu erzählen. Er sucht in seiner Reise nach den tieferen Fragen der Menschen. Seine Gabe sind die Verbindungen und Vergleiche, die er darin erzählt. Dabei kennt er sowohl die klassische Literatur und Kunst wie die aktuelle Pop-Kultur. So endet er The Art of Travel mit dem Vergleich von Xavier de Maistre und seiner Reise durchs Schlafzimmer mit unsrer Fähigkeit, in gewohnten Dinge neue Aspekte zu finden. Genau das ist die Kunst der Reise.

Ähnlich wie Gladwell beschreib de Botton das alltägliche. Nicht das Spektakuläre oder Ungewöhnliche, sondern normale Erfahrungen, die jeder Mensch 1000 Mal macht. Und darin findet er einen Zusammenhang – wie zum Beispiel die Reise, wie Tunfisch in den Supermarkt kommt, um entlang der Route das moderne Wirtschaftslogistiksystem zu beleuchten und die Auswirkung auf unsere Arbeitsplätze.

„Mit geht es darum, das Heute zu erklären. Darum geht’s. Das wollen die Leute. Das will ich.“ (Zitat)

De Botton beschreibt die Psychologie des Alltags. „Es gibt viele Bücher, was man wo sehen kann und was es dort zu tun gibt. Aber es gibt wenige, die beschreiben, WARUM wir wo hingehen sollen und was dort mit uns passiert. Es gibt wenig Bücher über die Psychologie des Reisens“. Aha, Psychologie – vielleicht gefällt es mir deshalb so sehr. Hier beschreibt deBotton noch ausführlicher, welchen Ansatz er beim Schreiben hat:

„ich habe diesen französischen Schriftsteller kennengerlernt. Roland Barthes schrieb meist über sehr gewöhnliche Dinge: Waschpulver, den Eiffeltrum, sich verlieben, Kurzarmhemden, Fotos seiner Mutter. Aber er hatte eine klassische Ausbildung und philosophische Perspektive, die er auf die Themen anwandte. Er verband Racine mit einem Strandurlaub, Freud mit dem Anruf eines Geliebten. Seine Werke verwehrten sich dem Unterschied von Anspruchsvoll und Allgemein, den so viele moderne Künstler haben. Es konnte die tieferen Themen in den vermeintlich banalen Dingen sehen.“

Der Startpunkt seines Schreibens ist dabei nicht die große Theorie. Sondern Grundfragen im Leben. „Meine Bücher starten aus einem Mix von persönlicher Erfahrung und Nachforschung. Im Grunde ist es immer eine persönliche Frage. Darin ist mein Schreiben total unakademisch. Es ist von Gefühlen motiviert.“ So wie in Art of Travel – “darin wollte ich die Gefühle an verschiedenen Orten verstehen. Sozusagen die Psychologie von Orten.“

Und dann zieht er in seinen Beobachtungen und Gefühlen klassische Autoren hinzu. „Mit diesen klassischen Autoren erreiche ich ein Signal in meinen Büchern: wir sind nicht einzigartig. Was uns passiert, ist schon anderen passiert. Und die haben auch schon darüber nachgedacht.“ Allgemeine Gefühle in größeren Zusammenhang stellen und nach Worten und Perspektiven dafür schauen. Und das immer mit einer großen Dosis Selbstironie und Humor.

Wie kommt de Botton zu seinem Stil. Seine Rat für Schreiber lautet:

„Mein bester Tipp kommt Friedrich Nietzsche. Er meinte, dass die meisten Bücher nicht geschrieben werden, weil den Autoren das Genie fehlt, sondern weil sie keine Vorstellung davon haben, wie viel Schmerzen es braucht. Er sagte: „…Man sollte hundert oder mehr Entwürfe für ein Werk machen, nicht länger als 2 Seiten je, und so klar, dass jedes Wort darin gebraucht wird. Man sollte jeden Tag Ereignisse aufschreiben, bis man sie eines Tages auf die anschaulichtes und beste Art weitergeben kann. Man sollte immer menschliche Typen sammeln und beschreiben. Man sollte immer erzählen und anderen zuhören, und darauf merken, welche Wirkung es für die Menschen macht. Man sollte reisen wie ein Landschaftskünstler oder Modedesigner. Man sollte immer über menschliche Motive nachdenken, alle Zeichen darüber notieren, und alles Tag und Nacht darüber sammeln. Man sollte all diese Aspekte 10 Jahre lang machen. Und was sich dann ergibt – das ist bereit, in die Welt zu gehen.“

Es wird Zeit, dass es mehr Schreiber wie de Botton gibt, die Anspruchsvolles und Allgemeines zusammenbringen.

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