Tag Archives: Christentum

Was bewegt uns die nächsten 30 Jahre?

17 Jul

Diesen Frühling haben wir uns in Heidelberg über mehrere Treffen bei uns im Wohnzimmer über die Zukunft unterhalten. Mit 10-12 Personen fragten wir, wo wir als Gemeinde hinwollen. Ein Visionsprozess. Die Ergebnisse sind fast fertig und begeistern mich. Es ist saugut, mit Freunden über die Zukunft nachzudenken.

Eine interessante Diskussion darin war, welche Herausforderungen wir in der Gesellschaft in den nächsten 20-40 Jahren sehen. Das war ein faszinierender Abschnitt und unsere Aussagen sind sowohl Herausforderung als auch Chance. Hier sind unsere Top-4. Unsere Vision versucht auch, darauf antworten zu finden.

1.     Ausgeprägter Relativismus

Wir sehen einen Verfall der klassischen, christlichen Werte in unsrer Gesellschaft – was u.a. die Familie als Keimzelle der Gesellschaft schwächt. Das Evangelium der Toleranz macht es allen klaren Wertevorstellungen und Exklusivansprüchen schwer, Gehör zu finden. Die Herausforderung für Kirche ist, ein klares Evangelium zu predigen, Menschen zu Commitments zu bewegen und eine verbindliche Gemeinschaft zu formen. Gleichzeitig ist die Orientierungslosigkeit einer völlig offenen Welt groß und bestärkt die Suche nach Halt.

2.     Maximale Wirtschaftlichkeit

Die Arbeitswelt (wie auch die Medienwelt) von heute und morgen fordert mehr und mehr an Zeit und Energie der Menschen. Viele Möglichkeiten bestärken eine beständige Selbstverwirklichung, und stellen Menschen vor die Herausforderung, Arbeitswelt und Familie und Hobbys und und und unter einen Hut zu bringen. Das Effizienzprinzip führt zu Minderwertigkeit bei Minderleistung, und zu Fragen, wie die Weisheit des Alters genutzt werden kann. Eine Überhitzung der Arbeitenden führt zu Unfähigkeit, in Gemeinde und Nachbarschaft zu investieren. Die Suche nach Wellness und Ruheorten kann Menschen an Jesus-Orte der Erneuerung und Erfrischung führen.

3.     Integration, Islam, Internationalisierung

Flüchtlingsströme nach Deutschland, die Vehemenz des Islam und die Komplexität der Koexistenz von verschiedenen Kulturen – das sind klare Herausforderungen der Zukunft. Integration wird gefordert, aber die Wege und Ansätze dazu fehlen oft. Wenn die Leitkultur ihre Klarheit verliert (inkl der Christenheit), können protektionistische und rückwärtsgewandte Tendenzen zu Spannungen führen. Eine integrierende Kirche mit gelebter Willkommenskultur und Gemeinschaftsintegration verkörpert einen wesentlichen Aspekt vom Reich Gottes.

4.     System „Christentum“

Das real existierende Christentum widerspricht wesentlichen Elementen der Apostelgeschichte. Ein professionelle Leitung untergräbt das Priestertum aller Gläubigen, Kirchensteuer verhindert ein Commitment zum Zehnten (und damit der Wichtigkeit von Laien), Lifestyle-Kirchen bieten Oasen ohne Jüngerschaft und geteilten Alltag, Konferenzen und Events schaffen Höhepunkte mit mangelnder Alltagsrelevanz. Sowohl Christen als auch die Gesellschaft kennt das Christentum so (professionell, distanziert, event-getrieben, nicht alltagsrelevant) – und eine Alternativkultur (wie Apg) erwächst nur schwer in der Präsenz einer dominanten Kultur. Diese Kluft weckt Fragen nach dem Wesen des Christentums – und wer fragt, bekommt Antworten.

Advertisements

Die Zukunft der Christenheit

15 Okt

Phyllis Tickle sieht ein bisschen aus wie Mary Poppins – und hat wie sie auch eine selbstbewusste, große Ansage. Alle 500 Jahre ändert sich die Christenheit radikal – und so auch dieser Tage. Vor 500 Jahren war die Reformation. 500 Jahre davor der große Bruch zwischen West und Ost. 500 Jahre davor war Gregor der Große mit der Einführung der Kloster entscheidend für eine neue Art Christentum. Und um 0 soll Jesus was Neues angefangen haben.

Also, was passiert heute: vor allem mal haben sich die Sicherheiten der Vergangenheit aufgelöst. Sola Scriptura war die alte Maxime – alles steht in Gottes gutem Wort. Aber seit LSD, seit E=mc², seit Freuds Unterbewusstseinserkundung, seit die Azusa Street die Welt mit den Erfahrungen des Heiligen Geistes vertraut macht – seitdem ist nichts mehr sicher. Nicht nur dass alles etwas relativer ist als früher, auch haben die Menschen heute viel Kontakt mit anderen Anschaugen, Meinungen, Kulturen usw. Das Resultat ist ein Strudel aus Erfahrungen, Vernetzung und Theorien über Gott, die sich mitten ins Zentrum der bisherigen Strömungen der Christenheit setzt. The Great Emergence, eben.

Muss nicht schlecht sein. Wann immer es eines dieser 500-Jahre-Wandel-Dinger gab, war das Resultat neue Lebendigkeit im Glauben und eine größere Ausbreitung auf der Welt. Tickle beobachtet, dass sich die neue Christenheit aus vielen Strömen nährt – und doch was Neues ist. Vor allem aber ist die Autorität nicht mehr nur in der Bibel, sondern daneben auch in der Gemeinschaft, in der direkten Begegnung mit Gott und in der inneren Harmonie.

Ich bin etwas spät bei dieser Party. So hat Peter schon gut über Phyllis geschrieben und referiert. Aber ich halte The Great Emergence für eins der besseren Bücher der Emerging Church und eins mit viel Weitblick (Tickle ist ja auch nicht mehr die jüngste). Trotz der Kürze steckt viel in den knapp 200 Seiten. Wer viele der aktuellen Kulturkämpfe verstehen will, findet bei Tickle sicher einen guten Startpunkt.

Link: ausführliche PowerPoint dazu

Link: „the New Rose“ – Phyllis Tickle (50 min Video)

%d Bloggern gefällt das: