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Predigen für Postmoderne – Teil 1

28 Jun

Dave Schmelzer ist Pastor der Vineyard in Boston und einer meiner Mentoren. Als mir ein Freund eine Predigt von ihm gab (damals noch auf Kassette), war ich hin und weg. Dave redete irgendwie anders. Schon mit Bibel und so, aber frischer. Und vor allem näher für mich. Über die Jahre habe ich von ihm viele Ideen gelernt, die ich schon hatte, aber nicht formulieren konnte. Er war ein postmoderner Prediger. Nicht mit Stationen oder Lichtshow. Sondern vom Ansatz her.

Dieser Vortrag hielt er vor 7 Jahren in der Nähe von Chicago. Ich habe ihn übersetzt und poste hier in 2 Teilen. Es ist vielleicht hier und da etwas lang, aber die Gedanken sind so relevant zu dem, wie ich unsere Welt empfinde, dass ich das Sortieren dem Leser überlassen will. Ich bin gespannt auf die Reaktionen und Diskussion. Voila…

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Was für ein Glaube?

Ich bin seit dem College Christ. Und kurz nach dieser ziemlich dramatischen Umkehr habe ich mit einem sehr konservativen Pastor über meine Bekehrung geredet. Er fragte mich: „Warum bist du Christ?“ und ich sagte, dass ich dem lebendigen Gott begegnet bin. Er war so konservativ, dass er nicht unbedingt an einen lebendigen Gott glaubte – er glaubte an den Gott der Bibel. Er sagte dem Sinn nach: das reicht nicht. Ich dachte: „Oh, oh; also ich mag auch die Bibel“ und dachte, das würde er gut finden. Er fragte mich: „was meinst du?“ Ich sagte: „mir ist aufgefallen, dass wenn ich die Bibel lese und es von bestimmten Konsequenzen spricht, und ich tue die Dinge, dann tritt das auch so ein. Es ist wirklich gut.“ Er schüttelte traurig seinen Kopf. Ich dachte: „Oh, oh; schon wieder das falsche.“ Er fragte mich nach einem Beispiel. Ich sagte: „Wenn Jesus sagt: kommt zu mir mit euren Lasten und ich gebe euch Ruhe. Dann überlege ich, wie ich zu ihm kommen kann, denn ich habe oft schwere Lasten. Kann ich tatsächlich zu Jesus gehen, ihm meine Lasten geben und er nimmt sie?! Und meine Erfahrung ist: Ja!“ Er schüttelte einfach seinen Kopf. Ich grub mir ein immer tieferes Loch.

Dann fragte er mich: „was ist, wenn du die Dinge in der Bibel probierst und sie funktionieren nicht?“ Ich hatte das Gefühl, das war eine Fangfrage. Ich sagte: „Aber sie tun es!“ Er meinte, „aber was wenn es nicht der Fall wäre?“ „Ich weiß nicht. Wenn die Bibel davon spricht, dass es für mich gut wäre und es passiert nicht, dann würde ich denken, dass ich was falsch gemacht habe oder einfach naiv bin. Ich würde weisere Leute als mich fragen und ihren Rat nehmen und durchhalten. Aber wenn du damit meinst, dass in der gesamten Weltgeschichte für alle Leute, die das probiert haben, nie was dabei rumgekommen ist – dann wäre ich wahrscheinlich kein Christ mehr.“ Er sagte: „Ich wusste es! Das bedeutet, du bist nicht errettet.“ Ich sagte: „Wirklich? – bedeutet errettet zu sein, dass du gegen alle Erfahrung an die Bibel glauben musst? Wenn alle Erfahrungen in eine andere Richtung deuten, aber die Bibel was anderes sagt, dann muss ich der Bibel glauben?“ „Ja! Das heißt, auf dem Wort Gottes stehen! Es geht nicht um deine Erfahrungen. Erfahrungen können lügen. Alles, was du mir gesagt hast, ist erfahrungsbasiert. Mein Glaube gründet sich im Wort Gottes!“

Die Moderne und das danach

Was er mir vermittelt, war eine extreme Form von Moderne. Momentan gibt es gerade diesen Wandel von einem modernen Verständnis vom Reich Gottes zu einem zunehmend postmodernen Verständnis. Ich bin hier sicherlich kein Experte, aber im groben ist es so: die Moderne ist eine philosophische Art zu denken, die mit der Aufklärung zur Mitte des 16. Jahrhunderts kam. Sie hat mehr an Einfluss zugenommen und zeigte, dass wir nicht mehr das Wissen von Vorfahren oder Traditionen einfach übernehmen müssen, oder einfach Autoritäten glaube müssen. Stattdessen können wir wissenschaftlich arbeiten und Dinge erforschen und bekommen ein objektives Wissen. Dadurch wird die Gesellschaft immer besser, es gibt Fortschritt und wir kommen dem Himmel auf Erden nahe – das ist die Annahme der Moderne.

Viele gute Dinge sind in der Moderne passiert – Buchdruck, Computer, Medizin, Mobilität. Moderne: yeah! Aber: mitten im 20. Jahrhundert als der 2. Weltkrieg zum Ende kam, wurden mehr und mehr Menschen desillusioniert mit der Moderne. War nicht die Verheißung der Moderne, dass das Leben immer besser wird? dass Menschen immer glücklicher werden? Und hier haben wir im 20. Jahrhundert mehr Menschen getötet als in der gesamten Menschheitsgeschichte. Und wir fühlen uns nicht glücklicher, um ehrlich zu sein.

Und wie ist das mit Dingen, die man nicht unter ein Mikroskop tun kann? Dinge wie Liebe, Intimität, Freundschaft – alles, was mit Beziehungen zu tun hat. Vielleicht ist das ganze Universum mehr beziehungsorientiert als wir gedacht haben. Vielleicht ist das ganze nicht so unpersönlich und abstrakt. Vielleicht wollen wir einfach jemand kennenlernen. Eine meiner Lieblingsstellen in der gesamten Literatur ist eine Zeile aus einem Buch von E.M. Foster, das unter dem Titel „Howard’s end“ verfilmt wurde. Seine berühmtesten Zeilen haben es nicht in den Film geschafft. Es waren seine berühmtesten Worte: Only connect! Er meint damit, dass letztlich alles darauf hinausläuft, ob du connectest oder nicht. Isolation ist der schlimmste aller Zustände. Intimität und Beziehung ist, wofür wir geschaffen sind. Das ist eine sehr postmoderne Sichtweise.

Warum Christen auf die Moderne stehen

Christen tendieren dazu, in der Mitte gefangen zu sein. Die Christen haben sich am Ende des 19. Jahrhunderts dafür geschämt, dass wir nicht gut in der Moderne waren. Wir hatten das Gefühl, dass Leute uns anschauen als wären wir ein Haufen Idioten. Sie unterstellen uns, dass wir nur auf unsere Großeltern hören, an Tradition glauben und nicht selbst denken können. Die anderen sind die ganzen schlauen Leute, sind Wissenschaftlich und wir fühlen uns wie Deppen. Wir werden es ihnen zeigen! Und wir zeigen es ihnen, indem wir auf ihre Denkweise eingehen und nach ihren Regeln spielen. Wir machen aus dem Leben mit Jesus eine Wissenschaft! Und das funktioniert, indem wir alles am Standard der Bibel messen. Denn das ist das einzig objektive, das wir haben. Wenn wir das als Axiom nehmen, dass die Bibel das inspirierte Wort Gottes ist, und wahr ist, dann finden wir darin alles, was wir wissen müssen. Und daraus wuchs dann Fundamentalismus und Evangelikalismus.

In den 80ern, als Postmoderne etwas mehr Verbreitung fand, haben alle in der Kirche darauf mit Ablehnung reagiert, weil sie sich bedroht fühlten. „Diese verdammten Postmodernen! Sie glauben nicht an Wahrheit. Alles ist relativ. Nichts ist verbindlich.“ Das ganze entpuppt sich etwas als Götzendienst, denn es greift das eine Ding an, an dem wir festgehalten haben: „Wir sind keine Idioten, denn die Bibel ist wahr und wir kennen uns damit aus!“ Und jetzt kommt die Postmoderne, wo Wahrheit mehr beziehungsmäßig ist und nicht mehr so abstrakt. Deshalb reden viele von der Bedeutung von Geschichten.

Die Logik der Geschichten

Geschichten bedeuten was in der Postmodernen – und nicht nur Abstraktionen. Und Überraschung: die Bibel ist voller Geschichten. Kannst du es zerlegen? Was ist der Punkt wenn David Goliath erlegt? Ist die Aussage: Mut wird gewinnen!? Ist der Punkt: wenn du an Gott glaubst, kannst du große Hindernisse überwinden!? Ist es: lass dich nicht auf Furcht ein, habe Glauben!? Ist der Punkt: wenn alle um dich misstrauisch sind, dann lass dich nicht runterziehen, sondern geh raus und kämpf!? Was ist der Punkt in Geschichten? Es gibt Millionen von Punkten. Du kannst von allen Richtungen kommen. Du könntest diese Geschichte den Rest deines Lebens predigen und was Interessantes dabei sagen. Denn es ist eine reiche Geschichte. Und es ist wahr. Was ist die Wahrheit? Was ist die wahre Bedeutung der Geschichte? Die Frage ist absurd – es gibt keine wahre Bedeutung der Geschichte. Es ist einfach was es ist – eine Geschichte.

Mir ist aufgefallen, dass in meinem Umfeld moderne Predigten nicht gut kommen. Es ist aber sehr verführerisch. Wenn du mit sehr smarten Leuten zusammen bist, dann denkt jede konservative Gemeinde: wir holen ist jemand mit einem Doktortitel, um den Leuten zu zeigen, dass wir smart und keine Idioten sind. Die ganzen sekulären Stimmen sagen, Christen sind dumm, aber wir beweisen euch, dass wir nicht dumm sind. Wir beweisen es euch, denn wir haben einen Doktor. Und wir geben euch bessere Abstraktionen als die anderen. Die Gemeinden wachsen nicht.

Ein eigener Weg

Ich bin eigentlich als Pastor ins kalte Wasser geworfen worden. Ich war ein Bühnenautor und wollte meine Stücke schreiben und in New York produzieren, was ich auch gemacht habe. Jemand anderes wollte die Gemeinde leiten, aber sein Leben ist aus den Fugen geraten. Dann haben sich alle auf mich eingeschossen und gesagt: du bist unsere einzige Hoffnung. Mach das mit der Gemeinde und pausiere mit dem Bühnenzeug. Ich hatte etwas Ausbildung und habe schon fast alles in der Gemeinde geleitet während wir darauf gewartet haben, dass es dem ursprünglichen Typen besser geht.

Also hatte ich wenige Überzeugungen. Ich hatte noch nicht so viel gepredigt und fragte mich: was sind meine Annahmen über Predigten – im Hinblick darauf, dass ich es in 2 Wochen jede Woche machen muss? Also habe ich mich umgeschaut: was macht Rick Warren? Was machen Leute in der Vineyard? Und ich habe hauptsächlich von Modernen gehört: predige keine Erfahrung, denn Erfahrungen lügen. Ich dachte mir, viele dieser Predigten sind gut. Modern und gut. Rick Warren ist gut, aber er predigt dauernd Statistiken. Er zitiert was aus der New York Times und deshalb hat es einen objektiven Touch, aber wenn es seine eigene Geschichte wäre, dass hätte sie diesen Touch nicht.

Ich dachte mir: das mache ich nicht mit! Wenn die Bibel sagt: du sollst das tun und hier ist der Vorteil für dein Leben, wenn du es tust – wenn ich dann nicht sagen kann: ich habe das versucht und so ist es mir dabei gegangen – dann bin ich nicht ehrlich. Was ich dann sagen würde: du sollst es tun – ich habe kein Interesse, es selbst anzuwenden, denn ich habe schon genug zu tun – aber für dich ist das sicher sehr gut. Ich hatte mal von John Maxwell gehört:  „Nach 15 Jahren in meinem Dienst ist mir ein großer Einblick gekommen: ich werde nie jemand dazu auffordern etwas zu tun, das ich nicht selbst probiert habe.“ Nach 15 JAHREN! WOW! Es scheint mir einfach der Zeitgeist der Moderne zu sein.

Es gibt Leute, denen gefällt nicht, wie ich predige. Das geht den meisten so. Aber bei sind die Leute, denen es wirklich gar nicht gefällt, wie ich predige, sind junge Leute aus sehr konservativen Gemeinden. Ich spreche einfach nicht ihre Sprache. Die sagen mir dann oft, dass meine Predigten nicht tief genug sind. Ich überlege mir dann immer: wie? Meine Predigten fordern mich wie verrückt heraus. Ich frage mich, ob ich es hinbekomme und es stresst mich an allen Ecken und Enden. Ich finde, ich bin ziemlich herausfordernd.

Also wieso finde ich es herausfordernd und sie nicht? Für sie ist es seicht, weil ich nicht sage: Schlagt die Bibeln bei Mt 6 auf, der historische Hintergrund ist der Folgende: Das Ganze spielt in Israel – lasst mich erklären was Israel ist… so was mache ich nicht. Ich predige die Bibel, aber das Herz der Bibel. Was will Jesus von uns, was sollen wir für ihn tun?

Ich sage damit nicht, daß der moderne Predigtstil schlecht ist. Ich will nicht das eine gegen das andere ausspielen. Geschichtliche Erkenntnise zu suchen, ist gut. Und wenn du einen Weg gefunden hast, über Geschichtliches zu predigen und es führt zu Wachstum – Gott segne dich! Und fast 100 % der großen amerikanischen Prediger heute sind „Modernisten“. Ich kennen nicht viele, die „postmodern“ predigen. Also wer bin ich zu sagen: Du lausiger Modernist, ich weiß es doch alles besser..? Und dabei wächst ihre Gemeinde richtig stark. Und sie lieben Jesus, geben das an andere weiter und gründen Gemeinden. Machen sie was falsch? Ich denke nicht, sie machen es großartig. Es zeigt einfach: Sie machen es genau richtig für die Leute, die sie erreichen wollen. Die sollten sich diesen Vortrag gar nicht anhören. Es ist eine andere Herangehensweise.

—- Teil 2 – Predigen für Postmoderne folgt.

Balkanmission

13 Jun

In der Schweiz haben Leute aus dem Balkan einen schlechten Ruf. „Schlitzohren, Raser, Sozialschmarozer“ heisst es zu mal. Und dann sind ja noch die Roma. Und der Krieg vor einigen Jahren.

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Kurz nach Ostern trafen sich ein paar Leute genau auf diesem Balkan, in einer Hütte in den Bergen um Sarajevo, mit dem Ziel, gemeinsam heraus zu finden, was Vineyard auf dem Balkan bedeuten könnte. Reinhold Harms, der Leiter der Roma Vineyard Sarajevo, hatte eingeladen – und wir waren als Coach und Reiseführer mit dabei. Eine Lerngemeinschaft ist immer ein spannendes Experiment: es kommen Leute zusammen, die einander kaum kennen, die unterschiedliche Vorstellungen, Geschichten und Erwartungen haben, um dann während ein paar Tagen die Grundlagen für eine gemeinsame Arbeit in einer Region zu entwickeln.
Mein Fazit? Ich habe wohl am meisten gelernt:
  1. Das Leben auf dem Balkan ist hart – die Menschen dafür umso herzlicher und gastfreundlicher! Der Balkan ist und bleibt ein herausfordernder Ort, um ein Leben zu gestalten: Jobs sind rar, geheizt wird – falls überhaupt – mit Holz, und die politischen Perspektiven sind schlecht. Das letzte Hemd, das letzte Ei im Kühlschrank und der Slibovic aber gehört dem Gast!
  2. Es braucht nicht viel Input von aussen. Das Verständnis, was es heisst, sein Leben an Jesus auszurichten, ist da. Weniger da ist ein Verständnis für eine befähigende und freisetzende Gemeinschaft. Die Kirchen sind mehrheitlich vom alten Autoritätsdenken und Drin-oder-Draussen-Prinzip – mit entsprechend hohem Missbrauch – geprägt. Hier können wir von aussen andere Führungs- und Gemeinschaftsmodelle aufzeigen, vorleben, hineinführen.
  3. Versöhnung ist möglich. Unvergesslich bleibt für mich der Donnerstagabend, als der Serbe für den Roma, der Bosnier für den Montenegriner und der Kroate für alle anderen gebetet hat. Unkompliziert und spontan. In Christus sind wir ein Leib und eine Familie. Weder unsere Geschichte, noch unsere Vorurteile sollen uns trennen.
Wir planen zwei Reisen auf den Balkan im 2013, um die Gemeinschaften zu besuchen, zu unterstützen, auszutauschen und die eine oder andere Aktion zu unternehmen. Ein paar weitere Einblicke gibt es hier. Du darfst gerne mit dabei sein.
Dies ist ein Gastbeitrag von Boris Eichenberger. Mehr zu ihm und seinen Gedankenwirren unter www.glaubenlebenteilen.ch

das vielleicht beste Anbetungsevent dieses Jahr

28 Mrz

Am 5. Mai füllen sich unseren heiligen Hallen in Heidelberg mit einem super Team und super Tag. Psalm KulTour steht an – dieses Mal unter dem Thema „Intimität mit Gott“ und direkt in Heidelberg. Letztes Jahr waren wir mit unserem Team von 12+ Leuten an 4 Orten in Deutschland unterwegs und es war der Hammer. Super Anbetungszeiten, super Input und ganz frischer Wind in die Künste. Die meisten Teilnehmer war solide inspiriert und sind mit enormen Schwung in die nächsten Monate gegangen. Wenn Gruppen da waren, haben sie frischen Wind in ihre Gemeinden mit genommen – vom Malen über neue Songs zu frischem Gebetsleben.

Ich glaube, die Psalm KulTour mausert sich einem der Top-Events für Anbetung in Deutschland. So viel Bewegung an einem einzigen Tag gibt es sonst nicht. Neugierig? Sei mit dabei…

1. Udemy Kurs

21 Mrz

Ich hatte vor einem Jahr schon mal über das interessante Startup UDEMY geschrieben. Eine Plattform für E-Learning und Video-Sessions. Jetzt haben wir von Vineyard aus unser erstes Video gemacht und veröffentlicht. in 4 Sessions führe ich in die Geschichte der Vineyard ein. Was ganz nett ist: die Möglichkeit Material von anderen Quellen einzubinden. Und so sind Videos von John Wimber, Blaine Cooke und Lonnie Frisbee auch mit drin.

Also, ran an den Speck!

Abenteuer Kirche

11 Okt

Ich liebe die lokale Kirche. Für mich gibt es, trotz allen negativen Erlebnissen, keinen besseren Ort, Christusnachfolge zu leben. Von den negativen Erlebnissen gibt es so einige: ein Gastsprecher hat einmal seine ganze Mahnpredigt auf mich ausgerichtet und mich sogar mit Namen gewürdigt (als ob nicht schon für alle klar war, dass es um mich ging); Rebell wurde ich geschimpft, weil ich es wagte, meine Meinung offen zu sagen; und in der Kirche, die ich über mehrerer Jahre mit aufgebaut hatte, wurde ich unfreundlich entfernt. Und doch gibt es keinen Ort, der mich so stark fasziniert und herausfordert, wie die lokale Kirche und der darin enthaltenen Frage: wie können wir uns miteinander immer wieder neu die Frage stellen, was das Leben und die Botschaft von Jesus für uns heute bedeutet.

Leider gibt es eine wachsende Anzahl Menschen, die sich nicht mehr in das herausforderne Miteinander der lokalen Kirche hinein begeben wollen. Da gibt es die einen, denen man es einfach nie recht machen kann. Sie sind immer noch der irrigen Meinung, die Kirche solle ihre Bedürfnisse erfüllen. Wenn sie auftauchen, finden sie zuerst alles ziemlich toll. Mit der Zeit passt der Kinderdienst dann doch nicht mehr ganz, die Predigt ist nicht mehr nahrhaft genug und die ganz tiefen Freunschaften haben sie doch nicht gefunden. Oder dann gibt es noch die ganz tollen, die sich in ihrer Berufung nicht gewürdigt fühlen, weil sie nicht predigen durften oder nicht zum Leiter ernannt wurden. Viele dieser Menschen haben noch nicht verstanden, dass die lokale Kirche in erster Linie ein Werkzeug in Gottes Mission ist. Es geht vordringlich also darum, sich einzulassen: auf den gemeinsamen Auftrag und damit auch auf einander. Doch da gibt es auch noch die anderen, die sich in der lokalen Kirche nicht mehr wohl fühlen. Ihnen wird es zu eng. Das Konzept, das auf die grosse Vision des Pastors ausgerichtet ist, fordert seine Opfer: den einfachen Christen. Er darf mitarbeiten, zahlen, mittragen – aber kaum mirreden. Denn schliesslich ist er ja noch nicht reif genug. Schliesslich muss er zuerst lernen, zu dienen. Schliesslich liegt die Salbung auf der Person an der Spitze, den man nicht antasten soll. Schliesslich ist das die Art, wie wir Kirche machen und schon immer gemacht haben – anders funktioniert es nicht. Mir wurde einmal gesagt, dass die Leute halt zu wenig geistlich seien, diese Art von Leiterschaft zu verstehen. Ich persönlich nenne das nicht geistlich, sondern missbräuchlich.

Welche Merkmale lassen sich also in einer gesunden Kirche erkennen?

  1. Menschen werden dazu angehalten, selber die Bibel zu lesen und sich ihre Meinung zu bilden. Anderslautende Meinungen gelten genau gleich, resp. wird die Tatsache, dass jemand eine eigenständige, biblisch begründete Meinung hat, höher gewertet, als die Übereinstimmung mit dem Standpunkt der Kirche oder des Pastors.
  2. Menschen werden per Definition als Erwachsen und mündig behandelt (auch wenn sie sich vielleicht nicht immer so verhalten). Dabei gilt die Entscheidung des einzelnen immer mehr, als ein wohlgemeinter Rat eines Mitchristen oder Leiters.
  3. Entscheidungen werden von den Menschen getroffen, die sie auch betreffen, die damit leben und sie umsetzen. Dies bedeutet euch, dass wichtige Entscheidungen miteinander in einem längeren Prozess erarbeitet werden.
  4. Identität, Richtung und Werte (Vision) der Kirche werden gemeinsam erarbeitet und in regelmässigem Abstand (vielleicht alle fünf Jahre) miteinander neu mit Inhalt gefüllt. Dabei wird wohl auch der eine oder andere merken, dass er am falschen Ort ist, weil diese Vision nicht mit seinem Bild und Lebensentwurf übereinstimmt und sich eine andere Kirche suchen (was gesund und richtig ist)
  5. Die Grundlage zum miteinander bildet ein freiwilliges sich Einlassen auf die gemeinsame Vision. Dieses sich Einlassen wird in einem gesunden Mass gefordert und gefördert. Und bitte: ohne diese Verbindlichkeit zum Leben und Worten Jesu, der gemeinsamen Vision und dem sich auf einander Einlassen geht es nicht. Jeder, der dafür nicht bereit ist, gehört zur Gruppe der Konsumierer und sollte sich noch einmal überlegen, ob er Christus nach folgt oder einfach nur ein Jesus-Hobby betreibt.
  6. Die Leiterschaft steht in einem gesunden Verhältnis zur Gemeinschaft. Ihre Aufgabe sehen sie als Funktion, der Gemeinschaft zu dienen und nicht als Position ihrer Macht oder ihrem Prestige. Menschen in Leiterschaft werden dabei nicht vereinnahmt von den Ansprüchen und Bedürfnissen der Gemeinschaft. Sie leiten aus ihren Werten und Überzeugungen und nicht als Reaktion auf Emotionalität oder Spannung.
  7. Die Programme dienen den Menschen in- und ausserhalb der Kirche und nicht umgekehrt. Leider bestehen heute viele Kirchen nur noch darin, ihre eigenen Programme zu erhalten oder ihre Gebäude und Pastoren zu bezahlen. Dabei bleibt der Einsatz für die Armen oder für sozial Benachteiligte auf der Strecke. Diese Leute sind meistens ja auch nicht potentielle Unterstützer – sprich Mitarbeiter und Zehntenzahler, also ist es auch ökonomisch nicht sinnvoll, sich nach diesen Menschen zu orientieren…

Diese Liste ist nicht abschliessend. Ich freue mich über alle weiteren Punkte, die mit einem Kommentar zu diesem Eintrag hinzugefügt werden können. Viel wichtiger ist jedoch die Frage, ob die lokale Kirche, zu der ich gehöre, einige dieser Merkmale zeigt. Bei uns ist es noch nicht so und wird wohl auch nie ganz sein – aber die Richtung stimmt. Falls das bei dir nicht der Fall ist, hast du zwei Möglichkeiten: entweder du setzt dich dafür ein, dass sich deine Kirche verändert oder du machst einen Abgang und suchst dir was Neues (oder startest etwas Neues, falls du nichts Passendes findest).

Dies ist ein Gastbeitrag von Boris Eichenberger. Mehr zu ihm und seinen Gedankenwirren unter www.glaubenlebenteilen.ch

Ein Spaziergang mit George Ladd

28 Sep

Diesen Sommer hatte ich am Strand von Südfrankreich das Vergnügen, eine Theologenbiografie lesen. Wow – da sind so viele Widersprüche in dem Satz, dass er fast nur noch getoppt wird von dem Ausdruck: englischer Elfmeterspezialist. Egal. George Eldon Ladd war ein Theologe, der zwischen 1940 und 1970 viel gewirkt hat und am Ende seines Lebens ziemlich besoffen durch die Geschichte lief. Er ist nicht so wirklich bekannt; außer dass ein gewisser John Wimber damals an der gleichen Fakultät war und seinen New-Style-of-Charismatic-Ministry auf diesen George Ladd aufgebaut hat.

Die Biografie war super. Denn sie war nicht glatt, kein Happy End und eben so ein gewisser Insider-Flair. George Ladds Vater war schon dauernd besoffen, er wuchs ziemlich arm und sozial ungelenk auf. Sein Bruder war ein super Sportler, was George noch mehr frustrierte und isolierte. Er kam in einer konservativen Kirche zum Glauben und half gleich eifrig mit – Jugendgruppe, Stühle stellen und dann endlich mal Predigen. Das klassische Programm eben.

George Ladd heiratete früh, studierte auf dem College Theologie und half in zwei Gemeinden mit. Kaum Geld, viel Anforderungen. Aber er haute rein und machte sich. Mit der Zeit wollte er seine Außenseiterrolle dadurch überwinden, dass er akademische Anerkennung findet. Er wollte ein „Place at the Table“ – Anerkennung von den großen Jungs – den Theologen in diesem Fall. Die ersten 4 Unis lehnten ihn ab. Die nächsten 4 auch. Irgendwann fand er dann eine mittelmäßige, verdiente sich dort seine Sporen und landete dann eher zufällig als Doktorand an der Harvard Uni,

Einige Jahre danach wurde in Südkalifornien das Fuller Institut gegründet. Es war ein Projekt, das die Fundamentalisten aus ihrer verborten Ecke holen wollte und sie mit wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit ausstatten sollte. George Ladd war einer der Gründungsprofessoren. Er lehrte (gut sogar), er schrieb und forschte. Er machte eine Auszeit in Heidelberg (der Mann hatte Geschmack) und bereitete sich auf die Veröffentlichung seines Lebenswerks vor.

1970 erschien dann „Jesus and the Kingdom“ – 400+ Seiten voll theologischer Schwergeschütze. Er beschrieb Jesu Lehre vom Königreich Gottes und die damals heikle Frage der Endzeitvorstellung. Die ersten zwei Rezensonisten waren pro, der Dritte nicht. Norman Perrin schrieb eine Rezension, die kein gutes Haar an Ladds Werk ließ. Zur Zeit der Veröffentlichung war Ladd wieder in Heidelberg (yeah), und ein Freund überreichte ihm den Brief. Ladd wurde beim Lesen weiß, verließ lautlos das Zimmer. Er war tagelang nicht gesehen und ab dem Moment ein anderer Mensch.

Die Kritik seines Kollegen setzte George Ladd so zu, dass er alle akademischen Ambitionen ziehen ließ. Sein Antriebsfeder im Leben war gebrochen. Sein Alkoholproblem kam immer mehr in den Mittelpunkt. Er soff so viel, dass er öfter nicht für Lektionen erschien. An der Fakultät war es ein offenes Geheimnis, genauso wie der schlechte Zustand seiner Ehe und sein schlechtes Vatersein. George Ladd war gebrochen.

In den letzten 20 Jahren seiner Karriere schrieb er noch einiges, wohnte einigen Gremien bei und lehrte. Er wurde ab und zu mal beurlaubt, wenn es mit seinem Trinken zu schlimm wurde. Er starb als einsamer, gescheiterter Mann. Auch heute ist George Ladd nicht wirklich berühmt, aber seine Thesen üben einen weiten Einfluss aus (vor allem via die Vineyard-Gemeinden weltweit).

Der Spaziergang mit Ladd brachte mich ins Nachdenken: über Ambition, über den Wert von Familie und Freundschaften, über das Üben und Empfangen von Kritik. Ich habe über das Buch mehr nachgedacht als über die typischen Happy-End-Storys. Und es spricht noch immer zu mir. Es sind die gebrochenen Linien, mit denen Gott öfter mal Geschichte schreibt.

Kontrolle und Autorität – zwei Geschichten

6 Jun

Ein wunderschönes Video von Carl Tuttle mit 2 Storys über den Umgang mit Autorität. Er erzählt Ereignisse mit John Wimber und wie dieser „Macht unter Kontrolle“ ausübte. Außerdem sagt er ein paar nette Dinge über das Wirken Gottes in diesen Videos – das wird mir dieser Tage wieder deutlich. Kürzlich habe ich gelesen:

Wenn du heute den Heiligen Geist aus der Kirche wegnimmst, läuft 90% einfach so weiter. Wenn du bei den ersten Christen den Heiligen Geist weggenommen hättest, wäre 90% nicht gelaufen. Wir sind so gut organisiert, dass wir kaum spürbaren Platz für Gott haben.

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