Archiv | Politik RSS feed for this section

Haben Christen was zu Trump & Co. zu sagen?

19 Mai

Vor 5 Jahren musste ich meine Facebook-Wall sperren. Ich habe viele christliche Freunde und viele Kollegen – aus der Arbeit, dem Ort, vom Kicken. Da ich als Leiter in christlichen Kreisen unterwegs bin, habe viele Christen Ideen für mich oder wollen, dass ich etwas mit unterstütze. Manche posts waren echt schräg – und total unverständlich für meine nicht-christlichen Freunde. Nicht nur verbal – sondern von der Stimmung und den unverblümten Aussagen.

Spätestens seit Trump ist das krass-scheißattitüden Ding nicht mehr auf Christen beschränkt. Aber ich frage mich, ob Christen wirklich was Gescheites zu sagen haben zu den Fragen unsrer Zeit. Leider habe ich das fast nicht erlebt, dass ein Christ gute, hilfreiche Beiträge geben konnte auf eine Art, die auch so wahrgenommen wurde. Mir scheint es drei Probleme zu geben, warum Christen oft daran scheitern:

1) Religion hat den Anspruch, die Wirklichkeit zu erklären und dominiert damit das Gespräch. Es führt fast immer dazu, andere überstimmen und den religiösen Willen durchdrücken zu wollen.

2) Religiöse Argumente haben damit eine schwere Zeit, andere Stimmen zuzulassen, die nicht zu den gleichen Ergebnissen kommen. Unsere Gesellschaft beruht aber auf Respekt und dem Hören von Menschen mit unterschiedlicher Denke.

3) Christen argumentieren auch bei öffentlichen Themen mit der Bibel – eine Grundlage, die die anderen nicht teilen oder hilfreich empfinden. Im öffentlichen Diskurs geht es um Vernunft, Rationalität, Prinzipien und Konsequenzen – und Christen entziehen sich diesen Standards durch ihre Fokussierung auf einen anderen Standard. Die Übersetzungsarbeit von Bibel zu Logik des Austauschs in unsrer Welt bekommen Wenige hin.

Das ist eigentlich schade. Haben wir denn aus unsrer Historie und den alten Schriften nichts beizutragen? Die Trennung von Kirche und Staat schadet vielleicht der gesamten Gesellschaft. Und zunehmend sind die Leute auch mehr religiös und fragen sich natürlich, was für eine Stimme wir als Christen haben. Oder wir Rowan Williams sagt, religiöse Stimmen haben einen Beitrag, der „eine moralische Tiefe und Gewicht hat, das über das einfache Balancieren zwischen unterschiedlichen Selbstinteressen hinaus geht…“ . Eine Finanzbetrachtung alleine reicht nicht für die großen Fragen unserer Zeit. Und woher kommt Weisheit? Wir haben was zu bieten.

Als Christen haben wir den Auftrag, das Gute der Stadt zu suchen. Und das ist nicht nur Leute zur Bekehrung zu bringen. Unsere Weisheit dürfen wir einbringen und bringen damit manchmal notwendige Tiefer zu den Diskussionen. Aber das wird einiges brauchen:

1) ein richtiges Zuhören – zunächst Mal müssen wir verstehen, wo die Probleme liegen. Das ist bei vielen Themen vielschichtig und nicht immer direkt klärbar. Unsere Medienwelt will einfache, schnelle Antworten. In jedem Krieg fühlt sich jede Partei als Opfer und als bedroht. Ein gutes Zuhören muss am Anfang stehen.

2) ein gemeinsames Suchen – wir suchen mit vielen Parteien nach Lösungen. Unterschiedliche Disziplinen und Denkweisen helfen der Lösung. Wir sind ein Partner im Diskurs. Manchmal leiten wir vielleicht, häufiger aber noch sind wir ein kleiner Teil der Lösung. Und da hilft es nichts, wenn wir uns als besser und weiser darstellen und die anderen abtun.

3) ein Anerkennen unsrer Limitation – mit unsrer Sicht von Gott und der menschlichen Natur haben wir einen großen Schatz, den wir anbieten können. Gleichzeitig sind wir die Minderheit in fast jedem Gespräch. Viele können oder wollen unsere Überzeugungen nicht nachvollziehen, oder halten sie für falsch und gefährlich. Unsere Sicht der Dinge ist auch nicht immer zuende gedacht und braucht Ergänzung von anderen.

4) einen langen Atem – die heutigen Probleme sind zu verstrickt als dass eine kurze Aktion etwas hilft. Wenn man wirklich zu einem Thema beitragen will, dann muss man die Dilemma verstehen. Häufig haben Änderungen eine politische Komponente und man braucht viele Mitspieler, um Gutes zu bewirken. Wenn du in deinem Leben ein oder zwei Dinge bewegen kannst, gehörst du zu den ganz erfolgreichen. Wir müssen auf eine lange Reise einstellen.

5) gelebte Alternativen – gerade als Christen glauben wir an eine Wahrheit, die sich anfassen lässt. Ein Psycho-Prof, der Sexualität untersucht, muss nicht der Beste im Bett sein. Ein Christ, der über Liebe und Enthaltsamkeit spricht, muss sich aber an seinen Maßstäben messen lassen. Was wir vorschlagen sollten wir vorleben. Wenn wir für Toleranz eintreten, sollten wir sie auch in unserem Umfeld an den Tag legen. Wenn wir für Liebe für Schwache eintreten, sollten wir das verkörpern. Mehr noch als Argumente braucht unsere Welt Alternativen.

Also, zurück zur Frage oben. Haben wir was zu sagen? Ich denke, oft nicht. Wenigstens nicht Substanzielles. Ich denke, wir müssen über viele Dinge noch etwas länger nachdenken, bevor wir in den Chor der Kritiker einstimmen. Durch Schelte alleine bewegt sich wenig. Ich denke, es ist hilfreich, wenn wir uns als Außenseiter, Begrenzte und Ergänzer sehen. Dann sind wir weg von der Dominanz-Nummer und kommen vielleicht dahin, die Schätze unsrer Erfahrung und Weisheit auf eine Art anzubieten, dass andere davon profitieren. Das wäre jedenfalls meine Hoffnung.

P.s. dieser Artikel ist von einem wunderbaren Vortrag von Andrew Bradstock inspiriert und einem seiner Artikel.

Wir Christen und die Schwulenehe

21 Mai

Letzte Woche hat sich Obama klar positioniert: Homosexuelle sollen heiraten dürfen.

Das Thema Homosexualität ist immer noch ein heisses Eisen. Es lässt sich fast nicht emotionslos über das Thema diskutieren – zumal auch daher, weil homosexuell empfindende Menschen ihre Identität mit der sexuellen Orientierung verbinden. Für mich ist das nicht immer verständlich, denn ich bin ja auch mehr als ein Hetero – viel eher bin ich der Sohn meiner Eltern, der Mann einer lieben Frau, der Vater von drei wilden Kids, Christ, Leiter einer Freikirche, Geschäftsführer eines Hilfswerkes, Blogger, Marathonläufer, Surfer und frustrierter Fussballfan. Erst ganz zuletzt würde ich mich als Hetero definieren. Daher wohl auch die aufgeheizte Debatte: es geht nicht um ein Sachthema, sondern um Emotionen und Identität. (Und da geht es uns Fussballfans doch ähnlich, wenn jemand etwas gegen unseren Stammverein sagt, oder?)

 

Ich frage mich, ob es meine Pflicht als Christ ist, diese Dinge zu bekämpfen. Mein moralisch-ethischer Standpunkt ist ziemlich einfach: homosexuelle Handlungen sind Sünde – genauso wie Ehebruch, Völlerei oder Lügen. Sünde meint dabei, dass sie das Ziel der Sexualität verfehlen: einer Stärkung der Ehe zwischen Mann und Frau, ausgerichtet auf Vermehrung einer Familie und die emotionale Balance und den Zusammenhalt zweier Menschen. Das erste ist bei einer homosexuellen Beziehung ausgeschlossen, das zweite nicht. Grundsätzlich vertrete ich also die konservativen Moralvorstellungen, die von vielen mittlerweile als mittelalterlich gebrandmarkt werden: für mich gehört Sex in die Ehe zwischen Mann und Frau. Doch darf, soll oder muss ich als Christen mit dem Mittel der Politik anderen Menschen meine Vorstellung von Richtig und Falsch aufdrücken? Falls nein, mache ich mich dann mitschuldig? Falls ja, wofür lohnt es sich zu kämpfen?

 

Vor einigen Jahren durften wir Schweizer über die Fristenlösung abstimmen. Diese Vorlage sah vor, dass Mütter ohne Einwilligung der Väter ein Kind innerhalb der ersten drei Schwangerschaftsmonate straffrei abtreiben dürfen. Ich bin gegen Abtreibungen und habe gegen die Annahme dieser Vorlage gekämpft. Aber in erster Linie, weil ich mich für die Schwachen stark machen will. Dieses heranwachsende Lebewesen, das gänzlich der Laune seiner Mutter ausgesetzt ist, soll eine Stimme bekommen. Und trotz Einführung dieses Gesetzes denke ich immer noch, dass es klare Grenzen für Abtreibungen braucht. Aus meiner Sicht ist es Mord und es wäre besser, den Müttern eine gute Unterstützung zu bieten und ihr Alternativen zur Abtreibung aufzuzeigen. So bin ich auch für klare Regeln im Strassenverkehr: zum Schutz der Schwächeren. Ich bin für Kündigungsschutz, für Sozialhilfe, für ein starkes Flüchtlingswesen, für mehr Entwicklungshilfe, gegen das Bankgeheimnis, gegen die Steuerflucht (und oft mit Peer Steinbrück gleicher Meinung), für die Uno und gegen kriegerischen Alleingang, für den Klimaschutz und gegen Braunkohlekraftwerke: zum Schutz der Schwachen. Aber wenn es um die Homo-Ehen geht, fehlen mir irgendwie die Argumente: wo ist da der Schwache, den es zu schützen gibt?

 

Dies ist ein Gastbeitrag von Boris Eichenberger. Mehr zu ihm und seinen Gedankenwirren unter www.glaubenlebenteilen.ch

 

%d Bloggern gefällt das: