Sandhausen, April 2020 – Drei Konsequenzen von Covid19

Es bewahrheitet sich also. Der Scheiß dauert länger als wir wollen. 3 Wochen sind rum und die Corona-Kurve geht noch immer nach oben. Wir sitzen fest, zoomen zu viel und fragen uns, wie es wohl weitergeht. Auch wenn der schöne Frühling ein Genuss ist und manche Zeit mit Leidenschaftsprojekten gefüllt werden kann – wann läuft das Leben wieder normal? 

Da ist die Frage, ob normal wirklich wieder kommt. Sicherlich schon. Und gleichzeitig werden jetzt ein paar Dinge in Frage gestellt, die sich neu formieren. Das ist die Chance in solchen Verwerfungen – Dinge sortieren sich neu. Im 2. Weltkrieg wurde in USA der Grundstein für die Bürgerrechte gelegt – Schwarze dienten an der Seite von Weißen in der Armee, und das war der Start von Integration. Dort wurde im Krieg 6,5 Millionen Frauen in die Wirtschaft integriert – so was gab es noch nie. Und nach dem Krieg blieb das und hat die Welt für immer verändert. Frauenrechte und Familienbild wurden neu ausgelegt und prägt unsere Welt bis heute. 

Was kommt aus Covid-19? Was wird unsere Welt ändern? 

 

VUCA – System ist King 

VUCA ist for real. Eine Fledermaus in China hebt die Welt aus den Angeln. Dabei lief der Anfang von 2020 so gut für viele. Die Wirtschaft brummte, Neuerungen standen auf der Tagesordnung und wir waren bereit für die roaring 20s. Und jetzt sitzen wir zuhause vor zoom. 

VUCA, volatility, uncertainty, complexity and ambiguity of general conditions and situations. Concept with keywords, letters and icons. Flat vector illustration on white background.

Die Welt ist verletzlich, unsicher, komplex und mehrdeutig. Wir hatten VUCA schon ein bisschen auf dem Schirm, aber jetzt trägt die Welt ein Tattoo davon. Wir sind Teil eines großen Systems, das fragil und faszinierend ist. Und das ist in der Zukunft noch mehr so. Nicht nur Lieferketten und Finanzmärkte – auch Kultur und Information, Gesundheit und Wohlstand hängt zusammen. 

Das beachtliche an Covid-19 ist die Metapher vom Krieg. Aber gegen wen? Dieses Mal gibt es keine Bösewichte. Niemand, den man verteufeln kann. Es gibt weniger Schuldzuweisungen. Es ist der unsichtbare Gegner. 

Das läuft etwas wider unsere Natur. Wir geben Dingen gerne ein Gesicht. Wir personalisieren Probleme und schießen dann die Leute ab. In Firmen, in Politik, in Kirchen. Covid-19 zeigt, dass das System das entscheidende ist. Wie oft war es schon, dass wir jemand rauskickten und ein paar Jahre später hatten wir den gleichen Salat mit einem anderen Namen. C19 zeigt uns, dass die systemischen Entscheidungen mächtig sind. Wie wir Organisationen ausrichten, wie wir Prozesse strukturieren, wie wir Abhängigkeiten abbilden – das braucht Augenmerk und einen Plan B. 

Was wir 2021 wissen: deine Probleme sind unser Problem. Was in einer Höhle in China passiert kann unsere besten Pläne über den Haufen rennen. Wegschauen, weil das tausend Kilometer entfernt ist oder kulturell fremd, ist gefährlich. Wir werden wachere Augen haben für die Krisen anderswo und schneller sehen, dass die Spur zu uns führt. Wir werden weniger externalisieren und verstehen, wie verletzlich wir sind. Wir werden verstehen, dass die großen Themen nur mit gemeinsamer Aktivität angegangen werden können. 

 

Work Shifts

Dieser Tage wird anders gearbeitet. Weniger Wege und mehr Zeit in direktem Kontakt. Viele unsere Arbeitsformen kommen aus der Zeit als die Dampfmaschine das Pferd abgelöst hat. Früh anfangen, mit Pausen auf 8 Stunden kommen und dann heim gehen. Die Arbeitsgesetze sind auf das Industriezeitalter abgerichtet. Tarifverträge und Gewerkschaften pochen auf “gleichen Lohn für gleiche Arbeit”. Gleiche Arbeit? In der digitalen Welt? 

Dieser Tage wird die Digitalisierung vorangetrieben. Da gibt es keine Weg zurück. Was lange dauerte wird jetzt einfach gemacht. Wir arbeiten von zuhause, wir nutzen Tools pragmatisch, wir brauchen die digitalen Wege. Das wird auch noch für Banken und Verwaltungen einen großen Mehrwert bringen. Telemedizin bekommt einen Durchbruch und Online-Lernen auch. Vielleicht bekommt Email einen Knick gegenüber Teams und Slack – sprich: wir schreiten in der Zeit voran. 

Apropos Zeit. Ist ja witzig, wie John Maynard Keynes 1930 folgende Prognose abgab:

“Mitten in der schwersten Wirtschaftskrise meinte Keynes, dass aufgrund des Fortschritts, der immer höheren Produktivität und des steigenden Vermögens „das wirtschaftliche Problem innerhalb von hundert Jahren gelöst sein dürfte“. Die Menschen werden im Jahr 2030 von den „drückenden wirtschaftlichen Sorgen erlöst sein“, ihr größtes Problem werde es vielmehr sein, „wie die Freizeit auszufüllen ist“. Denn „Drei-Stunden-Schichten oder eine Fünfzehn-Stunden-Woche“ seien völlig ausreichend, um die Lebensbedürfnisse zu befriedigen.”

Was ist aus der Prognose geworden? 15 Stunden arbeiten die Woche? Keynes lag bei seiner Einschätzung der wirtschaftlichen Expansion richtig. Wir sind die produktivsten und wohlhabendsten, die jemals gelebt haben. Die Grundbedürfnisse sind kaum der Antrieb für 60-Stunden Wochen. Wie Keynes schon selbst meinte: “Bedürfnisse, die das Verlangen nach Überlegenheit befriedigen, unersättlich sind”. 

Wir arbeiten, weil wir beweisen wollen. Weil wir Status und mehr haben wollen. Gerade in diesen Zeiten von Quarantäne merken einige das Hamsterrad. Klar, gibt es Dinge zu tun. Aber viele Meetings, viele Abstimmung sind unnötig und langwierig. Man kann das effektiver machen. Und man muss auch nicht alles machen. Vielleicht ist der Schlüssel in der Arbeitswelt die Selbstbeschränkung und Genügsamkeit. Sowohl für Firmen als auch den Menschen in den Firmen. 

Damit votiere ich nicht fürs Rumlungern und Faulenzen. Ich gebe eine Stimme ab für gesunden Menschenverstand, für Freiheitsgrade und für die Unterordnung von Arbeit unter anderen Werten. Digitalisierung wird uns noch produktiver machen, noch mehr ermöglichen. Arbeiten wir dann 80 Stunden? Vielleicht ist der Shift vom Industriezeitalter zum Softwarezeitalter ab jetzt mehr verankert. Und welche Art von Mensch wollen wir in dieser Zeit sein? Das wird sich in den nächsten Monaten zeigen mehr als wenn die Maschine wieder läuft. 

 

Missional – wie leben wir Glauben?

Wenn man Schachspielern beibringt, besser zu werden, nutzen Lehrer oft einen Trick. Sie nehmen dem lernenden Spieler die Dame am Anfang des Spiels weg. Das mächtigste Teil ist nicht mehr verfügbar. Jetzt muss er spielen und die anderen besser einsetzen. Damit lernt er die Stärken der kleineren Teile schätzen und nutzen. 

Als Kirche stehen wir eh von einer Herausforderung. Freikirchen sitzen in ihrem Ghetto und erzählen sich Geschichten. Großkirchen haben permanenten Stimmverlust und relativieren sich aus dem öffentlichen Leben raus. Das war bis 2019 so. Jetzt ist unsere Dame, der Gottesdienst, nicht mehr Teil vom Spiel. Der funktioniert wenigstens für manche noch. Wir versuchen, über Youtube, Facebook und Zoom die Schäfchen zu inspirieren. Aber ein Stream ist jetzt nicht die höchste Weisheit der Digitalen Welt. 

Und darin birgt sich auch eine große Chance. Wir können vom Innenzentrierten zu den Bedarfen der Menschen gehen. Statt auf Gottesdienste und Programme zu setzen können wir schauen, was Nachbarn und Ortschaften brauchen. Wir können auf Fragen und konkrete Bedürfnisse eingehen. Wir können den Shift zum Missionalen gehen. Ganz viel Energie floss in die Stammespflege und in Riten für die Insider. Wenn das jetzt versucht mit einer “Online-Experience” abzubilden, ist es das gleiche Lied auf einem anderen Instrument. 

Die Chance ist ein Neudenken von Kirche von den Menschen her. Die meisten Nachbarn interessiert es wirklich nicht, wie richtig wir uns finden. Taten und Nähe machen den Unterschied. Und bei aktuellen Kirchenentwürfen ist das auf der C-Prioritäten-Liste. Wir haben die Chance, das jetzt auf die Agenda nach oben zu setzen. Das ist eine große Chance.

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