Wo sollten wir sein? – der Genie von NT Wright

1 Aug

NT Wright schreibt wie ein Weltmeister, wird in der Theologie anerkannt wie Stephen Hawking in der Physik und kommt mit seinem Werthers-Echte-Onkel-Stil immer sympathisch und weich daher. Und dann will er mit seiner Feder die Welt ändern. Jedenfalls legt er in jedem seiner Bücher die These hin, dass etwas Grundlegendes falsch ist. Mit der Botschaft von Jesus, mit der Kirche, mit dem Verständnis von Paulus, mit unsrer Kultur.

Eigentlich habe ich es nicht so mit Akademikern. Die sind mir oft zu elitär, unverständlich und weitestgehend irrelevant. Und Theologen um so mehr. Dennoch hat sich NT Wright als Vorbild und Mentor in meinem Leben etabliert. Ich habe lange gerätselt warum. Schlaue Leute gibt es viele. Jesus-Autoren auch. Was ist es an ihm, das mir so aus der Seele spricht?

Bis ich vor ein paar Jahren in einem Talk ein Statement über seinen Werdegang gehört habe. Er redet über seine Frage, wo er eigentlich hingehört. Das hier waren seine Worte:

Ich habe eine klare Berufung, die in einigen sehr unklaren Entscheidungen gemündet ist. Ich lebe in einer Welt, die seit der Renaissance so gut wie möglich versucht, die Akademie und Kirche von einander zu trennen. Das ist entmenschlichend in beide Richtungen, denke ich. Und ich habe mein ganzes Leben auf beiden Seiten des Zaunes gelebt. Noch immer weiß ich nicht, ob ich in die Kirche oder die akademische Welt gehöre. Denn ich versuche, Beides zu tun und bin zu Beidem berufen.

Ich lebe in einer Welt, in der christliche Hingabe und evangelikaler Eifer sehr misstrauisch gegenüber der ernsthaften Wissenschaft im Neuen Testament war. Und umgekehrt gilt das Gleiche. Das schadet dem Evangelium sehr. Ich habe ernsthaft versucht, meine Predigt und mein Gebet als ernsthafter Historiker zu sprechen; und meine historische Wissenschaft als ernsthafter Beter und Prediger zu verfolgen. Das Resultat: einige Kollegen aus der Wissenschaft nennen mich einen Fundamentalisten; einige Glaubensgeschwister nenne mich einen Pseudo-Liberalen voller Kompromisse. Die Ironie lindert meinen Schmerz nicht.

Meine Erfahrung hat mich oft an diesen Ort gebracht – meistens gegen meinen Willen – dass ich im Gebet an einem dieser Gräben stehe. Dort erfahre ich nicht nur die Gegenwart und den Trost des lebendigen Messias; sondern ich erlebe, dass der, mit dem ich kämpfe und der mich gebrandmarkt hat, der Engel Gottes war. Ich wurde immer wieder bestätigt, dass es nicht meine Berufung ist, die großen Widersprüche unsere Post-Renaissance und Post-Modernen Welt zu lösen, sondern im Gebet dort zu leben, wo die Welt und mein Themengebiet in Schmerzen ist. Das trägt die Hoffnung, dass es ein tieferes Level gibt als diese Probleme zu lösen, und mein Themengebiet neue Fruchtbarkeit findet und meine Kirche neue Ausrichtung. Daraus möge Frieden und Fruchtbarkeit wachsen, bete ich. Die dunkelsten Stunden waren immer die Produktivsten, auf jeder Ebene.

Zwischen den Gräben stehen – Bäm, das ist es! Das fühle ich für mich auch. Ich bin in der Wirtschaft, und ich bin in der Kirche. Beides fasziniert mich. Beides treibt mich an. Beides lehrt mich. Auch ich bin öfter versucht, mich nur auf eins zu konzentrieren und mein Leben einfacher zu machen. Aber die Schmerzen zwischen den Welten sind die fruchtbaren Gebiete.

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Das bringt mich noch zu einer Beobachtung. Dieser Tage treffe ich immer mehr Menschen mit „Migrantenhintergrund“ – oh, wie ich dieses Wort hasse. Nicht-Eingeborene wäre besser. Ich selbst habe zwei Nationen in meinem Blut. Meine Kinder auch. Viele meiner besten Freunde. Und nichts gegen lokale verwurzelte Deutsche oder französische Franzosen – aber dieser Mix aus zwei Strömen hat was. Es hat was Ruheloses. Es hat was Anti-Schubladen-mäßiges. Es hat was Unangenehmes, zwischen zwei Stühlen zu sitzen. Und dennoch kommt dort viel Kreativität und Weitsicht her – schau Xavier, Mesut, Angela an.

Hier ist wie NT Wright seine Spannung auflöst. Weise Worte:

Unser Projekt kann nie sein, dass die Christen ihre Lösung aus großer Höhe auf die Welt stülpen. Christen müssen im Banking und im Business sein, in der Diplomatie und Politk. Sie müssen mit den Themen mit einer Ernsthaftigkeit ringen wie im Garten Gethsemani. Einige Kollegen werden sagen, sie sind verrückt. Und einige Glaubensgeschwister werden sie verachten, weil sie Kompromisse machen und nicht richtig mitziehen.

Die Schmerzen der Welt und die heilende Liebe vereint im Gebet – das ist der Weg. Das ist leichter im Bild gesagt. Man bleibt lieber privater Christ und kümmert sich nicht um die internationalen Finanzen. Oder man arrangiert sich mit dem System und hofft, dass alles irgendwie doch aufgeht. Oder man nimmt eine oberflächliche, glitzernde Agenda an, die die Tiefe des Problems verkennt. Das sind alles Irrwege.

Einige von uns sind berufen, in diesem Gethsemani zu leben. Damit die heilende Liebe Gottes unsere Welt in dieser gewichtigen und kritischen Zeit formen kann.

Viele Fachdisziplinen an den Uni sind im Schmerz. Viele Businesses sind im Schmerz. Viele Aspekte unsrer Welt erleben rießige innere Zerreisproben. Wo sollte der Christ sein? Nicht an der Seitenlinie mit dem Satz auf den Lippen: „Ich habe alle Antworten, wenn ihr nur auf mich hören würdet.“ Er muss mitten im Schmerz sein – im Gebet, in Christus, im Geist.

vucaViele beschreiben die Welt von heute mit dem Ausdruck VUCA. Das steht für vulnerable, uncertain, chaotic, ambigious. (verletzlich, unklar, chaotisch, mehrdeutig). Dies wird eher zunehmen. Menschen, die das durchleben, können in unsrer Welt besser Akzente setzen. Von daher: ein Hoch auf die nicht-einfachen Lösungen! Ein Hoch auf die Grenzgänger! Ein Hoch auf Menschen, die in unterschiedlichen Welten leben!

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3 Antworten to “Wo sollten wir sein? – der Genie von NT Wright”

  1. snow 3 August, 2015 um 11:20 pm #

    …schreibt ja irgendwie wohl niemand sonst… dann tu ich’s … auch auf die Gefahr hin, missverstanden, oder sonst was zu werden…
    …und es ist schon so, dass wenn so ein Thema auf den Tisch kommt ich mich kaum zurück halten kann. aber wenn ich nicht von der Wichtigkeit mit der Auseinandersetzung mit dem, was hier angesprochen wird, überzeugt wäre, würde ich das kommentieren lassen:

    ja, Francis Schaeffer hat schon in den 70er Jahren ausgeführt, dass er der Überzeugung sei, dass die moderne Wissenschaft als gesamtes nur dadurch entstehen hatte können, dass Menschen begriffen haben, dass da ein Gott ist, der nicht einfach willkürlich und unberechenbar handelt sondern in sich „logisch“.
    Das Wissenschaft und Christentum als völlig gegensätzlich, oder etwas abgeschwächt, als völlig unterschiedliche Systeme gesehen werden gab es erst (wieder?) in der Neuzeit.

    Auch ich sehe das inzwischen so, dass es ein grundsätzlicher Irrtum ist, alles was mit Gebet, Predigt, Anbetung, gute Taten usw. zu tun hat, als die Dinge des ‚Reiches Gottes‘ zu sehen und Wissenschaft, Wirtschaft, Kunst, Dienstleistung etc. als Dinge dieser Welt und deswegen zumindest lange nicht so wichtig…
    Aber die zuletzt genannten Dinge sind Bestandteile unseres Schöpfungsauftrages, den Gott selbst ausgegeben hat. Sein Auftrag an uns ist es, die höchsten akademischen Leistungen zu vollbringen, effektive wirtschaftliche Strategien zu entwickeln, die gerecht sind und Ausbeutung nicht in Kauf nehmen, herauszufinden was in der Tiefe biblischer Texte steht, Kunst zu schätzen und selbst hoch angesehene zu produzieren, zu wissen, wie man das Leben wirklich feiert usw.
    Weil wir das vergessen haben, gibt es so viele innere Spannungsprobleme, bleiben wir immer unglaubwürdig und handeln obendrein gegen ‚Gottes Willen‘

    Freilich ist es nicht ganz einfach, alles Tun als ‚geistlich‘ zu betrachten, so lange es keine ‚Sünde‘ ist, Die ganze Christenheit denkt seit länger als 100 Jahren in den Kategorien ‚geistlich‘ und ‚weltlich‘. Wir brauchen Glauben, um das ‚Wirken Gottes‘ in unserem alltäglichem Tun zu erkennen und zu begreifen und Raum zu geben… aber es lohnt sich, danach zu suchen
    …bis uns offenbar wird, das durch Jesu Tod und Auferstehung diese Trennung zwischen Himmel und Erde aufgehoben ist… wir nicht dazu errettet sind eine unmenschliche „Missionsmaschine“ zu werden, sondern um zu leben…

  2. Björn 5 August, 2015 um 6:58 pm #

    Marlin ich danke dir, dass du immer wieder Einblick gibst in die Theologie von N.T. Wright, damit hast du schon öfter meinen Horizont erweitert. Ich schätze deinen blog sehr!

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