Die ersten Christen waren unaufhaltbar, weil…

21 Mrz

Er ist ein weltweit annerkannter Professor für Soziologie. Seit den 1960ern untersucht er Religionen, Bekehrungen, Wachstum und neue Bewegungen wie die Mormonen, Moonies und Zeugen Jehovas. Mit seinem Bestseller „the Rise of Christianity“ beschreibt Rodney Stark die Ausbreitung des Christentums in den ersten 400 Jahren in der gesamten antiken Welt. Er lehrte an verschiedenen amerikanischen Universitäten und sieht es als seine Aufgabe, die Diskussion um Religion und Bewegungen mit wissenschaftlicher Disziplin anzureichern. Ich sprach mit ihm vor einiger Zeit am Telefon.

Herr Stark, war der Aufstieg des Christentums unaufhaltbar?

Uh, das weiß ich nicht. Hinterher ist man immer schlauer. Aber bei den Christen schien das sehr wahrscheinlich. Sie machten einfach viel richtig. Die hatten das richtige Produkt – Gott ist Liebe und zuverlässig, und man konnte sich auf ein Leben nach dem Tod freuen. Aber vor allem hatten die Christen ein besseres Leben als alle anderen – den Frauen ging es besser, man kümmerte sich um die Armen und Verlassenen und das alles in einer Gesellschaft ohne Sozialprogramme. Man fragt sich, warum nicht einfach alle sofort Christen wurden.

Waren die ersten Christen strategisch in ihrer Mission?

All diese Dinge waren kein Zufall. Siekümmerten sich umeinander, weil es so von Jesus aufgetragen wurde. Das war der Kern der Botschaft. Wenn du andere liebst, dann liebst du Gott – das ist eine mächtige Aussage. Und wenn sie sich umeinander kümmerten, dann ging es auch allen insgesamt besser.

Welche Rolle spielte Nächstenliebe in der Ausbreitung des Christentums?

Das war wohl begründet in der Theologie der Christen. Gott kümmert sich um Menschen, und so sollen seine Leute das auch tun. Keine andere Religion hatte solche Aussagen. Der Kaiser Julian schrieb an die Priester der Heiden: „Die Christen kümmern sich um sowohl um ihre Armen als auch um unsere. Wir müssen mehr Liebe zeigen, sonst lässt sich ihre Ausbreitung nicht aufhalten.“ Aber was sollte der Priester tun? Er hatte keine Ressourcen. Die Leuten ging in den Tempel. Sie gehörten nicht dazu. Es gab keine Gemeinde. Nichts verband die Leute miteinander. Nichts bewegte sie dazu, ihren Lebensunterhalt miteinander zu teilen. Bei den Christen gehört das zur Religion. Jesus sagte: „ihr werdet das tun!“ Es gehörte einfach dazu.

Damals waren die Stätdte auch sehr heruntergekommen. Leute starben früh. Die Hygiene war schrecklich. Nur zum Vergleich: in New York wohnen heute 9.400 Leute auf einem Quadratkilometer; in Antiochien waren es damals 45.000. Und das ohne moderne Bauten. Das Leben war voller Choas, Angst und Brutalität. Das machte die Botschaft – und vor allem das Leben – der Christen um so attraktiver. Später kamen Epidemien dazu, wo teilweise 30% der Bevölkerung starben. Der berühmtete Arzt der Antike – Galen – floh aus Rom und blieb auf seinem Landhaus in Galatien. Die Christen blieben und kümmerten sich um die Leute. Viele Christen starben auch, aber wer überlebte, der hatte ein anderes Verständnis von Gottes Liebe. Und das kam alles von ihrem Verständnis von Gottes Wert auf menschliche Beziehungen.

Wie beobachten sie Gemeindegründung im Christentum?

Gründung ist Erneuerung. Gründer gehen auf Leute zu und sagen: so funktioniert Religion besser. Ohne Gründung hast du eine Situation wie in Europa im Mittelalter: eine Monopolkirche, die kaum Menschen mobilisiert, die ineffektiv leitet und insgesamt faul ist. In den Religionskriegen versuchte die Monopolkirche, die Erneuerung zu verhindern. Heute ist Gründung leichter möglich und damit auch die beständige Erneuerung des Glaubens und der Inhalte.

Herr Stark, was sind Ihre Vorraussagen für die Entwicklung von Religion in Europa?

Die religiöse Beteiligung in Europa war noch nie sehr hoch. Die Kirche war nur staatlich verankert, aber es gab kaum Bewegung in der Allgemeinheit der Bevölkerung. Erst in den letzten Jahrzehnten öffnet sich Europa für Missionare von außen und Gründung von neuen Bewegungen. Das bringt neue Impulse. Leute brauchen Inspiration, sie gehen nicht einfach in die Kirche. Jemand muss die Botschaft zu den Leuten tragen und sie dafür begeistern. Das ist historisch nicht passiert, aber fängt jetzt wieder an. Das wird sich auszahlen. Ich sehen zeichen, dass es diesen Aufschwung in Religion in Europa gibt. Nur die Evangelikalen haben die Energie dazu, denn die anderen Gruppen sind zu liberal und können die Leute nicht mobilisieren. Je mehr Leute sich beteiligen, desto mehr wird die Religion wachsen.

Was können wir in Europa von den ersten Christen lernen?

Du verschwendest deine Zeit, wenn du es über Medien und Massenveranstaltungen versucht. Rekrutierung findet persönlich statt. Einer nach dem anderen. Jemand bekehrt sich und die bringen ihre Freunde und Nachbarn. Es ist ein Netzwerk-Effekt. So finden Berkehrungen statt: über persönliche Beziehungen und die Ausbreitung von Beziehungsnetzwerken.

Eine Antwort to “Die ersten Christen waren unaufhaltbar, weil…”

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  1. Was ist Missional? | siyach - 12 Dezember, 2015

    […] Gemeinden. Das durchdenken und in ihrem Umfeld zu leben wird eine Welle der Veränderung bringen (#erstchristen, #china, […]

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