Ein Spaziergang mit NT Wright – Teil 4

4 Mai

Wenn NT Wright schon mal ne Minute hat, dann frage ich ihn doch gleich nach den Sachen, die einen Unterschied machen. Als Theoretiker kann man sich wunderbar die heile Welt herbei wünschen. Aber wie wird die Welt denn heil? Das wollte ich von dem bekannten Theologen und einflussreichen Autor wissen.

Soziale Gerechtigkeit

Sie haben auch viel über Barmherzigkeit als Zeichen vom Reich Gottes geschrieben. Wie kann eine Familie mit Beruf und drei Kindern an der Reduzierung der Schulden in der dritten Welt mitmachen?

Für die Schulden muss man organisiert sein. Kirchen müssen auf nationaler und internationaler Ebene wirken. Eine lokale Familie kann bei lokalen Aktionen mitmachen, die diese Themen unterstützen. Wenn wir zusammen wirken, können wir mehr erreichen.

Also geht es mehr um Politik und strukturelle Änderungen als nur etwas Gutes zu tun?

Politik und Struktur sind sehr wichtig, denn ich kann als einzelner Bürger nicht an irgendeine Bank schreiben und sie bitten, den Philippinen ihre nicht rückzahlbaren Schulden zu erlassen. Aber wenn die Kirchen zusammen mit vielen anderen an den Themen dran sind, dann gibt es irgendwann eine kritische Masse, die die Politiker wahrnehmen müssen.

Was in diesen letzten Jahren krass war: als die Finanzkrise 2008 kam, haben die Steuerzahler die Banken gerettet. Wir haben das für die sehr Reichen getan, was wir für die sehr Armen nicht tun – sie von ihren Schulden zu retten. Das hat ein hohes Maß an Heuchelei, das mich sehr stört. Und wenn die Kirchen dazu nicht aufstehen, wird es niemand merken, weil es sie nicht interessiert.

Ihre Antworten hören sich sehr gut an. Aber als halbinformierte Laien ist es sehr schwer, die richtigen Prioritäten zu finden, den richtigen Kampf zu kämpfen, gut genug zu organisieren und dann auch noch vielleicht 50 Jahre durchhalten zu müssen.

Das ist ein echtes Problem. Als ich noch Bischof war, da kamen dauernd Themen und Hilfgesuche. Ich musste dauernd prüfen, wo ich meine begrenzte Energie einsetzen konnte. Bei manchen konnte ich durch einen Brief leicht etwas erreichen. Bei vielen mussten wir Arbeitskreise schaffen und häufig war es unklar, ob wir was erreichen können. Wir leben in einer Sofort-Gesellschaft, wo wir Probleme jetzt lösen wollen. Wir müssen uns an die Gleichnisse vom Senfkorn erinnern – wir sind im Sektor von Samenpflanzung und das Reich Gottes wächst dann häufig überraschend. Die großen Reformationen in der Geschichte waren so – ob Wilberforce oder andere. Ein paar Leute, die sich einer Sache verschrieben haben, beständig darüber beten und den langen Weg dazu gehen, weil Gott es ihnen aufs Herz gelegt hat. Es braucht nicht viele Leute, um die Welt zu verändern.

Das hört sich ja leicht an. Wenn selbst ein Genie wie Sie es nicht immer gut unterscheiden können, was ist dann die Hoffnung für uns mit Überforderung und vollen Arbeitswochen? Der Reflex von Freikirchen ist dann häufig die Suppenküche – tu was Gutes lokal, was aber nicht wirklich etwas verändert.

Das muss wohl beides sein. In meiner Kirche sagen wir immer wieder: wenn es echt ist, dann ist es lokal. Wir müssen zurück zur Erkenntnis, wie das Christentum sich verbreitet hat. Es waren nicht die tollen theologischen Ideen, die vom einen Theologen zum anderen übergesprungen sind. Es waren die Christen, die sich um die Armen in ihrer Straße gekümmert haben. Wenn jemand krank war, hat man sich um sie gekümmert. Wenn sie im Gefängnis waren, schaut man nach ihnen. Selbst wenn sie keine Christen waren. Und die Leuten fragten sich: „warum macht ihr das? So was hat noch nie jemand in der Menschheitsgeschichte gemacht“. Und sie meinte: „so sieht Jesus folgen aus“. Es ist die Gefahr in der westlichen Kirche, dass Nachfolge bedeutet, die richtigen Ansichten zu haben. Aber Christsein heißt, die Sachen auf der Straße zu machen.

Und je mehr man das macht, desto mehr fragt man sich – warum sind die Leute eigentlich arm? Was ist mit dem System? Homer hat den berühmten Satz gesagt: „Als ich den Armen Brot gab, nannten sie mich einen Heiligen; als ich fragte, warum sie arm seien, nannten sie mich einen Kommunisten“. Wir müssen fragen, wo die Armut her kommt. Sowohl lokal als global. Denn wir leben in einem globalen Dorf.

Leute sagen dann darauf: „ich muss einen Abschluss machen, eine Job kriegen, Familien gründen und alle durchs Leben bringen. Wie kann ich das alles auf mich nehmen?“  Darauf meinte ich: „das musst du gar nicht. Schau auf große Bild, bete darüber und lies und studiere und diskutiere mit anderen bis du deinen Platz findest und wo du einen Beitrag leisten kannst“. Daher musste ich vor zwei Jahren die schwere Entscheidung treffen, als Bischof aufzuhören und meiner Berufung nachzukommen, das Neue Testament zu erforschen und zu lehren. In der Hoffnung, dass Gott das für seine Herrlichkeit und seine Kirche nutzt. Daher bin ich im Moment nicht mehr mit Ausländern oder Asylbewerbern involviert.

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