Ein Spaziergang mit NT Wright – Teil 1

10 Dez

werthersEr sieht ein bisschen aus wie der Onkel, der dir Werther’s Echte reicht. Bart, bisschen Bauch und runde, tiefe Stimme. Dabei ist NT Wright einer der prominentesten Theologen heute. Kennst ihn nicht? Kein Problem, Theologen und Prominenz passen nicht so wirklich in den gleichen Ausdruck. Fast so wie warme Kühlschränke. Was auch nicht zu Theologen passt ist „eloquent“ – und das ist NT Wright auch noch. Er hat einen Redefluss, der einen reinzieht und seinen Gedanken folgen lässt. Und er hat was zu sagen.

ntwright

NT Wright ist jetzt seit 20 Jahren prominent auf der Theologenfläche und lässt sich gerne für Youtube & co ablichten. Auch sonst ist er recht umtriebig und zeigt sich. Er schrieb zunächst über Paulus, dann über die Zeit von Jesus, dann ein paar Einsteigersachen ins Christentum, dann über den Himmel, und jetzt ist er wieder bei Paulus. Die letzten 3 Jahre hat er einige Bücher übers Reich Gottes rausgebracht. Das Thema ist mir so nah am Herzen wie Bayer Leverkusen (also sehr nah) und daher habe ich sie genossen wie den Whiskey, den mir Kristian geschenkt hat (langsam und mit viel Zunge schnalzen und Aahs).

Dennoch sind mir ein paar Dinge bei NT Wright gekommen, die sich noch nicht ganz so erklärt haben. Also habe ich ihn mal angemailt und 2 Wochen später war ich am Telefon mit ihm. Dieses kleine Interview ist das Ergebnis. In 5 Teilen poste ich über seine Antworten zum Reich Gottes, dem Heiligen Geist, Kunst, Gerechtigkeit und dann seinen Ratschlag für junge Pastoren in Europa. Bitteschön…

Reich Gottes

Was mir auffiel – wenn Sie das Reich Gottes erklären – wird es sehr historisch. Wie erklären Sie das Reich ohne den geschichtlichen Bogen?

Das ist sehr schwierig (lacht). Das jüdische Verständnis vom Reich baut auf dem Gedanken von Gott als Schöpfer auf. Und als Schöpfer von Zeit, Raum und Materie. Und wenn man von Gott als König redet – denn das ist das Reich Gottes – dann ist er König über Zeit, Raum und Materie; und wirkt erlösend in dieser. Es gibt eine große Gefahr in der westlichen Welt, dass viele meinen, das Reich Gottes handelt von einer ganz anderen Sphäre – weit weg von Zeit, Raum und Materie bei uns. Diese Haltung gab es nicht im Judentum des 1. Jahrhunderts, oder im Alten Testament oder im Neuen Testament.

Natürlich spricht die Bibel an verschiedenen Stellen von einer mächtigen Umwandlung. Aber im Neuen Testament ist es spannend, ob diese Umwandlung INNERHALB unsrer Zeit, Raum und Materie stattfindet – und unsere Welt wird so sein, dass wir sie erkennen und Zeit, Raum und Materie darin fortbestehen. Oder ob es eine Umwandlung in eine ganz andere Sphäre ist. Und dann wäre unsere wunderschöne, mächtige Welt nur so einer Art Ausrutscher und Fehler gewesen. Warum würde Gott dann darüber sagen, dass es alles gut ist – wenn er am Ende alles weg wirft und was total anderes macht.

Für mich laufen alle Linien bei Jesus zusammen. Und Jesus sagt nicht: „vergesst diese Welt und alles darin, denn es kommt was total anderes“. – das wäre Gnostizismus. Sondern: „Gott tut das, was er immer verheißen hatte. Jetzt. Hier. Mach mit.“ Es ist die Umwandlung der Geschichte; aber von innerhalb der Geschichte. Wenn ich das erkläre, dann habe ich den Hauptpunkt rüber gebracht.

Also müssen wir alle kleine Historiker werden?

Ja. Als ich in Lichfield als Pfarrer war und dort predigte, habe ich oft die ersten 10 Minuten genommen, um zu erklären, was in einer Geschichte los war. Und dann haben die Leute gesagt: „Pfarrer, Sie haben uns gerade eine kleine Geschichtsstunde gegeben.“ Und ich sagte: „Genau. Denn ihr kennt das nicht und bis ihr nicht wenigstens ein bisschen was versteht, könnt ihr nicht begreifen, was in einem Bibeltext los ist“. Ohne das begehen wir massive Fehler – wir nehmen an, die Leute in der Bibel sind so wie wir nur ohne die elektronischen Spielzeuge. Und in manchen Dingen sind sie schon wie wir, aber in anderen nicht. Und das müssen wir wirklich verstehen.

Aber die Leute von heute interessieren sich nicht für die Juden aus dem 1. Jahrhundert. Ist das nicht ein Problem?

Die ersten Christen hatten das Problem als sie nach Korinth oder Thessaloniki kamen. Dort gab es kleine Synagogen, aber für die Leute darum schien das nicht relevant zu sein. Und dann kam diese Bewegung rund um Jesus, die mehr und mehr Einfluss nahm. Was haben die ersten Christen in diesem Kontext gelehrt? Es gibt Passagen in Paulus, wo wir das sehen können. Es war das Alte Testament – die Geschichte vom Volk Israel. Denn du kannst Jesus nur verstehen wenn man ihn sieht als die Erfüllung dieser langen Geschichte Israels. Also muss man die Leute in eine Lage versetzen, das AT zu verstehen. Nur dann kann man verstehen, was es heißt, dass die „Zeit reif war“ oder „die Zeit erfüllt“ war.

Wenn du Jesus verstehen willst, musst du verstehen, was die Erfüllung der Zeit ist. Wenn du von Jesus redest, dann gehst du in die Evangelium und dann bist du bald bei Pharisäern und Sadduzäern. Und dann willst du wissen – wer sind diese komischen Leute, die hier auf der Szene erscheinen. Vor 100 Jahren gab es schon Bücher zum historischen Kontext – wer diese Gruppen sind, für was sie stehen und was sie erhoffen. Heute ist die Forschung sehr viel genauer, weil es unzählig neue historischen Daten gibt. Die christliche Kirche musste also schon immer ein Bild vom Judentum im ersten Jahrhundert haben, sowie von den Schriften und den anderen Gruppen.

Die Frage ist eher, ob wir diese Bild besser hinbekommen als was wir häufig landläufig haben, das sehr verzerrt und voreingenommen ist. Ein Ziel meines Lebens ist die Bildung von erwachsenen, christlichen Laien. Denn die meisten Christen wissen nicht, wie wichtig das ist. Sie denken, man geht in die Kirche, singt, wirft Geld in den Kasten und das ist es. Aber das ist falsch. Wir müssen sehr viel mehr wissen, als wir es im Moment tun.

Ich habe Sie mal in einem Interview sagen hören, dass eins der Probleme des modernen Menschen ist, dass wir alle im Herzen Gnostiker sind. Was meinen Sie damit?

Die Bewegung im 2. Und 3. Jahrhundert, die als Gnostizimus bezeichnet wird, hat mir der Idee von Wissen zu tun. Gnosis heißt Wissen. Und die Idee ist, dass es eine geheime, verborgene Gnosis oder Wissen gibt. Nur manche finden das und haben diesen Funken Gnosis in sich. Dieses Wissen ist über die Welt, das Universum und alles Mögliche. Aber vor allem gibt es einem den Schlüssel zu einer total anderen Welt, in der die momentane Welt abgelehnt wird. Denn es gibt ja jetzt ein höheres Wissen. Und wir wissen, wie es funktioniert und die unerleuchteten eben nicht. In der Antike war dieser Ansatz sehr populär. Und Leute haben Gnostizismus erfunden und Jesus darin eingebaut.

Für mich kam ein Durchbruch, als ich merkte wie die Renaissance (im englischen: Erleuchtung, enlightenment) eine säkulare Version davon war. Wir im Westen haben jetzt dieses höhere Wissen, diese Gnosis, und mit unsrer Wissenschaft und Technik, mit unsrer Philosophie und Demokratie sehen wir uns als höhere Wesen gegenüber den armen Seelen anderswo auf der Welt. Die Anziehungskraft zum Gnositizismus war daher sehr groß, vor allem in Amerika. Dort ist das sogenannte Evangelium von Thomas sehr populär mit dem Aufhänger, dass hier der wahre Schlüssel zu Jesus ist und man jetzt wirklich mehr versteht. Letztlich geht es aber dann um Selbstfindung und nicht mehr um Erlösung durch das Kreuz. Das sieht man dann auch in der Kultur.  Die Filme und Bücher gehen auch häufig um ein geheimes Wissen, mit dem ich mich dann letztlich selber verwirklichen kann. Und das hat dann manchmal einen christlichen Anstrich. Aber es geht eben nicht mehr um Erlösung sondern um die Religion der Selbsterkenntnis. Gott liebt dann die Menschen nicht mehr trotz ihrer Sünde. Sondern Gott will, dass ich mein Herz verstehe und wirklich rausfinde, was ich will. Diese Botschaft wird häufig mit dem echten Christentum verwechselt und von Millionen in der westlichen Welt gerne gehört.

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3 Antworten to “Ein Spaziergang mit NT Wright – Teil 1”

  1. Walter 26 März, 2014 um 4:30 pm #

    Ich warte immer noch auf die nächsten Teile des Interviews – kommen die noch? Bin sehr neugierig!

  2. Walter 23 April, 2014 um 9:50 am #

    Vielen Dank für den zweiten Teil!

Trackbacks/Pingbacks

  1. Ein Spaziergang mit NT Wright – Teil 2 | siyach - 22 April, 2014

    […] ein paar Tagen habe ich den ersten Teil des Interviews mit NT Wright gepostet. Ich wollte ihm einfach auf den Zahn fühlen, was seine Gedanken für jemand […]

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