Predigen für Postmoderne – Teil 1

28 Jun

Dave Schmelzer ist Pastor der Vineyard in Boston und einer meiner Mentoren. Als mir ein Freund eine Predigt von ihm gab (damals noch auf Kassette), war ich hin und weg. Dave redete irgendwie anders. Schon mit Bibel und so, aber frischer. Und vor allem näher für mich. Über die Jahre habe ich von ihm viele Ideen gelernt, die ich schon hatte, aber nicht formulieren konnte. Er war ein postmoderner Prediger. Nicht mit Stationen oder Lichtshow. Sondern vom Ansatz her.

Dieser Vortrag hielt er vor 7 Jahren in der Nähe von Chicago. Ich habe ihn übersetzt und poste hier in 2 Teilen. Es ist vielleicht hier und da etwas lang, aber die Gedanken sind so relevant zu dem, wie ich unsere Welt empfinde, dass ich das Sortieren dem Leser überlassen will. Ich bin gespannt auf die Reaktionen und Diskussion. Voila…

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Was für ein Glaube?

Ich bin seit dem College Christ. Und kurz nach dieser ziemlich dramatischen Umkehr habe ich mit einem sehr konservativen Pastor über meine Bekehrung geredet. Er fragte mich: „Warum bist du Christ?“ und ich sagte, dass ich dem lebendigen Gott begegnet bin. Er war so konservativ, dass er nicht unbedingt an einen lebendigen Gott glaubte – er glaubte an den Gott der Bibel. Er sagte dem Sinn nach: das reicht nicht. Ich dachte: „Oh, oh; also ich mag auch die Bibel“ und dachte, das würde er gut finden. Er fragte mich: „was meinst du?“ Ich sagte: „mir ist aufgefallen, dass wenn ich die Bibel lese und es von bestimmten Konsequenzen spricht, und ich tue die Dinge, dann tritt das auch so ein. Es ist wirklich gut.“ Er schüttelte traurig seinen Kopf. Ich dachte: „Oh, oh; schon wieder das falsche.“ Er fragte mich nach einem Beispiel. Ich sagte: „Wenn Jesus sagt: kommt zu mir mit euren Lasten und ich gebe euch Ruhe. Dann überlege ich, wie ich zu ihm kommen kann, denn ich habe oft schwere Lasten. Kann ich tatsächlich zu Jesus gehen, ihm meine Lasten geben und er nimmt sie?! Und meine Erfahrung ist: Ja!“ Er schüttelte einfach seinen Kopf. Ich grub mir ein immer tieferes Loch.

Dann fragte er mich: „was ist, wenn du die Dinge in der Bibel probierst und sie funktionieren nicht?“ Ich hatte das Gefühl, das war eine Fangfrage. Ich sagte: „Aber sie tun es!“ Er meinte, „aber was wenn es nicht der Fall wäre?“ „Ich weiß nicht. Wenn die Bibel davon spricht, dass es für mich gut wäre und es passiert nicht, dann würde ich denken, dass ich was falsch gemacht habe oder einfach naiv bin. Ich würde weisere Leute als mich fragen und ihren Rat nehmen und durchhalten. Aber wenn du damit meinst, dass in der gesamten Weltgeschichte für alle Leute, die das probiert haben, nie was dabei rumgekommen ist – dann wäre ich wahrscheinlich kein Christ mehr.“ Er sagte: „Ich wusste es! Das bedeutet, du bist nicht errettet.“ Ich sagte: „Wirklich? – bedeutet errettet zu sein, dass du gegen alle Erfahrung an die Bibel glauben musst? Wenn alle Erfahrungen in eine andere Richtung deuten, aber die Bibel was anderes sagt, dann muss ich der Bibel glauben?“ „Ja! Das heißt, auf dem Wort Gottes stehen! Es geht nicht um deine Erfahrungen. Erfahrungen können lügen. Alles, was du mir gesagt hast, ist erfahrungsbasiert. Mein Glaube gründet sich im Wort Gottes!“

Die Moderne und das danach

Was er mir vermittelt, war eine extreme Form von Moderne. Momentan gibt es gerade diesen Wandel von einem modernen Verständnis vom Reich Gottes zu einem zunehmend postmodernen Verständnis. Ich bin hier sicherlich kein Experte, aber im groben ist es so: die Moderne ist eine philosophische Art zu denken, die mit der Aufklärung zur Mitte des 16. Jahrhunderts kam. Sie hat mehr an Einfluss zugenommen und zeigte, dass wir nicht mehr das Wissen von Vorfahren oder Traditionen einfach übernehmen müssen, oder einfach Autoritäten glaube müssen. Stattdessen können wir wissenschaftlich arbeiten und Dinge erforschen und bekommen ein objektives Wissen. Dadurch wird die Gesellschaft immer besser, es gibt Fortschritt und wir kommen dem Himmel auf Erden nahe – das ist die Annahme der Moderne.

Viele gute Dinge sind in der Moderne passiert – Buchdruck, Computer, Medizin, Mobilität. Moderne: yeah! Aber: mitten im 20. Jahrhundert als der 2. Weltkrieg zum Ende kam, wurden mehr und mehr Menschen desillusioniert mit der Moderne. War nicht die Verheißung der Moderne, dass das Leben immer besser wird? dass Menschen immer glücklicher werden? Und hier haben wir im 20. Jahrhundert mehr Menschen getötet als in der gesamten Menschheitsgeschichte. Und wir fühlen uns nicht glücklicher, um ehrlich zu sein.

Und wie ist das mit Dingen, die man nicht unter ein Mikroskop tun kann? Dinge wie Liebe, Intimität, Freundschaft – alles, was mit Beziehungen zu tun hat. Vielleicht ist das ganze Universum mehr beziehungsorientiert als wir gedacht haben. Vielleicht ist das ganze nicht so unpersönlich und abstrakt. Vielleicht wollen wir einfach jemand kennenlernen. Eine meiner Lieblingsstellen in der gesamten Literatur ist eine Zeile aus einem Buch von E.M. Foster, das unter dem Titel „Howard’s end“ verfilmt wurde. Seine berühmtesten Zeilen haben es nicht in den Film geschafft. Es waren seine berühmtesten Worte: Only connect! Er meint damit, dass letztlich alles darauf hinausläuft, ob du connectest oder nicht. Isolation ist der schlimmste aller Zustände. Intimität und Beziehung ist, wofür wir geschaffen sind. Das ist eine sehr postmoderne Sichtweise.

Warum Christen auf die Moderne stehen

Christen tendieren dazu, in der Mitte gefangen zu sein. Die Christen haben sich am Ende des 19. Jahrhunderts dafür geschämt, dass wir nicht gut in der Moderne waren. Wir hatten das Gefühl, dass Leute uns anschauen als wären wir ein Haufen Idioten. Sie unterstellen uns, dass wir nur auf unsere Großeltern hören, an Tradition glauben und nicht selbst denken können. Die anderen sind die ganzen schlauen Leute, sind Wissenschaftlich und wir fühlen uns wie Deppen. Wir werden es ihnen zeigen! Und wir zeigen es ihnen, indem wir auf ihre Denkweise eingehen und nach ihren Regeln spielen. Wir machen aus dem Leben mit Jesus eine Wissenschaft! Und das funktioniert, indem wir alles am Standard der Bibel messen. Denn das ist das einzig objektive, das wir haben. Wenn wir das als Axiom nehmen, dass die Bibel das inspirierte Wort Gottes ist, und wahr ist, dann finden wir darin alles, was wir wissen müssen. Und daraus wuchs dann Fundamentalismus und Evangelikalismus.

In den 80ern, als Postmoderne etwas mehr Verbreitung fand, haben alle in der Kirche darauf mit Ablehnung reagiert, weil sie sich bedroht fühlten. „Diese verdammten Postmodernen! Sie glauben nicht an Wahrheit. Alles ist relativ. Nichts ist verbindlich.“ Das ganze entpuppt sich etwas als Götzendienst, denn es greift das eine Ding an, an dem wir festgehalten haben: „Wir sind keine Idioten, denn die Bibel ist wahr und wir kennen uns damit aus!“ Und jetzt kommt die Postmoderne, wo Wahrheit mehr beziehungsmäßig ist und nicht mehr so abstrakt. Deshalb reden viele von der Bedeutung von Geschichten.

Die Logik der Geschichten

Geschichten bedeuten was in der Postmodernen – und nicht nur Abstraktionen. Und Überraschung: die Bibel ist voller Geschichten. Kannst du es zerlegen? Was ist der Punkt wenn David Goliath erlegt? Ist die Aussage: Mut wird gewinnen!? Ist der Punkt: wenn du an Gott glaubst, kannst du große Hindernisse überwinden!? Ist es: lass dich nicht auf Furcht ein, habe Glauben!? Ist der Punkt: wenn alle um dich misstrauisch sind, dann lass dich nicht runterziehen, sondern geh raus und kämpf!? Was ist der Punkt in Geschichten? Es gibt Millionen von Punkten. Du kannst von allen Richtungen kommen. Du könntest diese Geschichte den Rest deines Lebens predigen und was Interessantes dabei sagen. Denn es ist eine reiche Geschichte. Und es ist wahr. Was ist die Wahrheit? Was ist die wahre Bedeutung der Geschichte? Die Frage ist absurd – es gibt keine wahre Bedeutung der Geschichte. Es ist einfach was es ist – eine Geschichte.

Mir ist aufgefallen, dass in meinem Umfeld moderne Predigten nicht gut kommen. Es ist aber sehr verführerisch. Wenn du mit sehr smarten Leuten zusammen bist, dann denkt jede konservative Gemeinde: wir holen ist jemand mit einem Doktortitel, um den Leuten zu zeigen, dass wir smart und keine Idioten sind. Die ganzen sekulären Stimmen sagen, Christen sind dumm, aber wir beweisen euch, dass wir nicht dumm sind. Wir beweisen es euch, denn wir haben einen Doktor. Und wir geben euch bessere Abstraktionen als die anderen. Die Gemeinden wachsen nicht.

Ein eigener Weg

Ich bin eigentlich als Pastor ins kalte Wasser geworfen worden. Ich war ein Bühnenautor und wollte meine Stücke schreiben und in New York produzieren, was ich auch gemacht habe. Jemand anderes wollte die Gemeinde leiten, aber sein Leben ist aus den Fugen geraten. Dann haben sich alle auf mich eingeschossen und gesagt: du bist unsere einzige Hoffnung. Mach das mit der Gemeinde und pausiere mit dem Bühnenzeug. Ich hatte etwas Ausbildung und habe schon fast alles in der Gemeinde geleitet während wir darauf gewartet haben, dass es dem ursprünglichen Typen besser geht.

Also hatte ich wenige Überzeugungen. Ich hatte noch nicht so viel gepredigt und fragte mich: was sind meine Annahmen über Predigten – im Hinblick darauf, dass ich es in 2 Wochen jede Woche machen muss? Also habe ich mich umgeschaut: was macht Rick Warren? Was machen Leute in der Vineyard? Und ich habe hauptsächlich von Modernen gehört: predige keine Erfahrung, denn Erfahrungen lügen. Ich dachte mir, viele dieser Predigten sind gut. Modern und gut. Rick Warren ist gut, aber er predigt dauernd Statistiken. Er zitiert was aus der New York Times und deshalb hat es einen objektiven Touch, aber wenn es seine eigene Geschichte wäre, dass hätte sie diesen Touch nicht.

Ich dachte mir: das mache ich nicht mit! Wenn die Bibel sagt: du sollst das tun und hier ist der Vorteil für dein Leben, wenn du es tust – wenn ich dann nicht sagen kann: ich habe das versucht und so ist es mir dabei gegangen – dann bin ich nicht ehrlich. Was ich dann sagen würde: du sollst es tun – ich habe kein Interesse, es selbst anzuwenden, denn ich habe schon genug zu tun – aber für dich ist das sicher sehr gut. Ich hatte mal von John Maxwell gehört:  „Nach 15 Jahren in meinem Dienst ist mir ein großer Einblick gekommen: ich werde nie jemand dazu auffordern etwas zu tun, das ich nicht selbst probiert habe.“ Nach 15 JAHREN! WOW! Es scheint mir einfach der Zeitgeist der Moderne zu sein.

Es gibt Leute, denen gefällt nicht, wie ich predige. Das geht den meisten so. Aber bei sind die Leute, denen es wirklich gar nicht gefällt, wie ich predige, sind junge Leute aus sehr konservativen Gemeinden. Ich spreche einfach nicht ihre Sprache. Die sagen mir dann oft, dass meine Predigten nicht tief genug sind. Ich überlege mir dann immer: wie? Meine Predigten fordern mich wie verrückt heraus. Ich frage mich, ob ich es hinbekomme und es stresst mich an allen Ecken und Enden. Ich finde, ich bin ziemlich herausfordernd.

Also wieso finde ich es herausfordernd und sie nicht? Für sie ist es seicht, weil ich nicht sage: Schlagt die Bibeln bei Mt 6 auf, der historische Hintergrund ist der Folgende: Das Ganze spielt in Israel – lasst mich erklären was Israel ist… so was mache ich nicht. Ich predige die Bibel, aber das Herz der Bibel. Was will Jesus von uns, was sollen wir für ihn tun?

Ich sage damit nicht, daß der moderne Predigtstil schlecht ist. Ich will nicht das eine gegen das andere ausspielen. Geschichtliche Erkenntnise zu suchen, ist gut. Und wenn du einen Weg gefunden hast, über Geschichtliches zu predigen und es führt zu Wachstum – Gott segne dich! Und fast 100 % der großen amerikanischen Prediger heute sind „Modernisten“. Ich kennen nicht viele, die „postmodern“ predigen. Also wer bin ich zu sagen: Du lausiger Modernist, ich weiß es doch alles besser..? Und dabei wächst ihre Gemeinde richtig stark. Und sie lieben Jesus, geben das an andere weiter und gründen Gemeinden. Machen sie was falsch? Ich denke nicht, sie machen es großartig. Es zeigt einfach: Sie machen es genau richtig für die Leute, die sie erreichen wollen. Die sollten sich diesen Vortrag gar nicht anhören. Es ist eine andere Herangehensweise.

—- Teil 2 – Predigen für Postmoderne folgt.

15 Antworten to “Predigen für Postmoderne – Teil 1”

  1. Trupedo_Glastic 28 Juni, 2012 um 9:12 am #

    Interessant, aber geht natürlich den entscheidenden, letzten Schritt nicht: Nämlich zu erkennen, dass die Form der Predigt selber ein zutiefst modernes Phänomen ist. Beziehung zu predigen nicht nicht zu erkennen, dass der Frontalunterricht (der ja noch nicht mal mehr ausschliesslich an deutschen Schulen praktiziert wird) der Predigt das genaue Gegenteil ist, scheint typisch für die Christen zu sein.

    • marlster 28 Juni, 2012 um 9:15 am #

      ja, interessanter Kommentar. Ich weiß aber nicht, ob es ganz so schwarz-weiß ist. Sachen wir TED oder Apple Keynotes sind ja auch Bühne-zur-Masse Formate. Und sie funktionieren toll und inspirierend die postmodernen Massen. Oder?

      • Trupedo_Glastic 28 Juni, 2012 um 9:54 am #

        Ja, aber ich wage mal die steile Behauptung, dass das kirchliche Bühne-zur-Masse-Format das Ergebnis von Professionalisierung und machtpolitischer Begehrlichkeiten ist. Ich kann weder in den Evangelien, noch durch meine Erfahrung eine Notwendigkeit dieses Settings erkennen, und wird die PoMo nicht grade auch (und das nicht zu unrecht) für ihre Dekonstruktion von Hierarchien gelobt?

        TED und die Apple keynote finden in völlig unterschiedlichen Zusammenhängen statt und können ausser in der groben Form kaum mit einer Predigt verglichen werden, finde ich.

      • simondevries 28 Juni, 2012 um 10:20 am #

        Dass etwas funktioniert, ist meiner Ansicht nach auch noch kein ausreichendes Kriterium.

        Anders herum meine ich aber auch nicht wie Trupedo, dass, nur weil ein bestimmtes Setting nicht notwendig ist, es deswegen nicht möglich sein kann für uns. Und warum ausgerechnet die Evangelien für solch eine Begründung herhalten müssen, verstehe ich gar nicht. Wir können doch heute alle möglichen Settings wählen, die im ersten Jahrhundert keine Rolle gespielt haben (und dass einer zu vielen spricht, gibt es ja nun sogar in den Evangelien und der Apostelgeschichte).

        Die Kritik an Professionalisierung und machtpolitischen Begehrlichkeiten gilt trotzdem und ist wichtig, ist meiner Ansicht aber nicht notwendig mit dem Format der Predigt und des übrigen Gottesdienstes verbunden, sondern dann kritisch zu hinterfragen, wenn immer nur dieselben Menschen an dieser Stelle zu Wort kommen (die Tendenz dazu gibt es z.B. in meiner Kirche).

    • simondevries 28 Juni, 2012 um 10:15 am #

      Wie kommst du denn darauf, dass die Predigt ein Phänomen der Moderne ist? Die gibts doch schon weit länger als die Moderne.

  2. Trupedo_Glastic 28 Juni, 2012 um 10:44 am #

    „Anders herum meine ich aber auch nicht wie Trupedo, dass, nur weil ein bestimmtes Setting nicht notwendig ist, es deswegen nicht möglich sein kann für uns.“

    Da gebe ich Dir recht. Interessant ist nur, dass dies so ziemlich das einzige Setting zu sein scheint, das noch in der weltweiten Kirche existiert, mit ein paar Ausnahmen. Oder habe ich da was übersehen?

    Das Format Predigt konnte sich m.E. vor allen deswegen durchsetzen, weil es so gut mit der Professionalisierung und der Hierarchie korrespondiert: Vor vorne stehen darf, sagt eben auch, wo’s lang geht. Und wieviele Kirche kenne ich, in denen das zu 90% nicht immer der ist, der davon Leben muss? Genau, keine. Das ist bei Nadia Bolz-Weber nicht anders als bei einem Pfarrer der Landeskirche. Wer von einer Kirche leben muss, ist so gut wie immer an der Erhaltung des Status Quo interessiert und wird seine Schäfchen auch immer – sei’s bewusst oder unbewusst – dahingehend manipulieren. Und das ist das grosse Problem der Professionalisierung, in meinen Augen. Da hat sich „die Kirche“ ein säuberlich ausgedachtes System der Machterhaltung hingezimmert, und die Predigt ist ein Werkzeug, um es zu zementieren.

    (Natürlich ist die Predigt älter, passt aber hervorragend in das Paradigma der Moderne, daher ist sie in meinen Augen grade eben auch in der Abgrenzung zu PoMo ein Phänomen der Moderne).

    • simondevries 29 Juni, 2012 um 10:11 am #

      Ich glaube, da sind wir ganz nahe beieinander. Ich halte eine Vielfalt an Settings auch für wichtig und richtig.

      Aber dass sich dieses Spezielle in der Breite durchgesetzt hat, ist meiner Ansicht nach nicht nur der Machtgeilheit der bezahlten Gott-Profis und der Resistenz gegenüber einer Veränderung des status quo derselben geschuldet (und diesen Schuh ziehe ich mir weder selbst an noch meine ich, dass er auf die Mehrzahl meiner Kolleginnen und Kollegen zutrifft), sondern vielleicht auch der Tatsache, dass das Predigt-Setting nun genauso wenig das einzig nicht Erlaubte in der Gemeinde sein kann.

      Der sinnvolle Zusammenhang ist hier meines Erachtens auch nicht in erster Linie der, dass nur derjenige predigen darf, der von der Gemeinschaft der Christen dafür bezahlt wird, sondern der zwischen einer verantwortungsvollen theologischen Ausbildung (die ja nicht zwingend mit einer universitären Hochschulprüfung enden muss) und des öffentlichen Redens von Gott.

      • Marlster 29 Juni, 2012 um 11:18 am #

        Simon – den letzten Satz kapier ich nicht. Was meinst du damit?

      • simondevries 29 Juni, 2012 um 5:18 pm #

        Ich hatte Trupedo so verstanden, dass er meint, ich und meine Artgenossen hätten uns eine gut ausgeklügelte Kirche geschaffen, in der wir unser Beamtengehalt auch mittels der Kanzelrede sichern und den status quo auch auf die Weise zementieren, indem niemand anders zu Wort kommt.

        Ich denke aber nicht, dass das zutreffend ist. Vielmehr ist ein wichtiges Anliegen hinter dem Konzept „bezahlte Hauptamtliche“ ja, dass es Menschen gibt, die sich stellvertretend für die christliche Gemeinschaft intensiv zunächst einem Studium und dann bestimmten Diensten in der Kirche widmen können, um die gewonnenen Erkenntnisse und erlernten Kompetenzen dann in den Dienst der anderen zu stellen.

        Das begründet natürlich kein alleiniges Rederecht dieser Menschen in der Kirche, vielleicht aber doch auch die Form der Predigt, die genauso auch andere nicht bezahlte Menschen übernehmen können (da finde ich eine theologische Bildung aber auch nicht verkehrt).

  3. Trupedo_Glastic 29 Juni, 2012 um 8:09 pm #

    Hi Simon,

    Ich habe Dir das nicht vorgeworfen, das war einfach nur m.E. eine normale Entwicklung, wenn man „spirituelle Erlebnisräume“ (pseudo)kapitalistisch organisiert – das ist in meinem Job ja nicht anders, ich versuche ja natürlich auch, meine Umgebung so zu beeinflussen, dass ich mich selber nicht irgendwann überflüssig mache.

    Bei dem von Dir erwähnten Anliegen hinter dem Konzept „bezahlte Hauptamtliche“ gehen wir dann aber wohl wirklich komplett auseinander. Denn das war aus meiner Sicht ja grade der geniale Trick, dass die Kirche den Leuten erzählt hat, man müsste erstmal ein intensives Studium hinter sich bringen, um in das von Ihnen installierte Konzept des „Leiters“ kommen zu können. Dann erzählt man ihnen noch, dass es opulente Kirchengebäude bräuchte (Die „Produktionsmittel“, um wieder zum (pseudo)kapitalistischen Konzept dahinter zurückzukommen), fabuliert sich noch ein paar „Dogmen“ als Eilasskontrolle zusammen, droht mit der Hölle und schon ist es natürlich unabdingbar, dass man den christlichen Glauben nur innerhalb einer Institution wirklich leben kann. Dann (Dass das alles jetzt natürlich sehr verkürzt und platt ist, brauche ich nicht zu erwähnen, und auch den Hinweis aus allgemeine Priestertum schenke ich mir.)

    Der Platz der Predigt ist hier selbstverständlich der dadurch erbrachte Beweis, dass man dafür theologisch gebildet sein muss – nicht umsonst das Latein in der katholischen Kirche. Denn wer der einfachen Bauern damals konnte da schon mithalten? Als ob man „Verkündigung“ nicht auch völlig anders handhaben könnte, aber da wird es natürlich nicht ganz so einfach, die Notwendigkeit von Ausbildung zu demonstrieren. Und es hatte auch noch einen anderen Vorteil: Dadurch, dass man für die Predigt schön in den eigenen Mauern bleiben konnte, stellte man auch sicher, dass das gespendete Geld in der eigenen Tasche blieb und hauptsächlich für die Kirche selber ausgegeben werden konnte. Das ist nicht so einfach, wenn man als Gottesdienst z.B. eine gemeinsame Arbeit in einer Suppenküche o.ä. anbietet, denn da müsste man sich natürlich schon bald den Fragen stellen, warum die Kohle nicht für die Armen ausgegeben wird, und wenn dann dann auch noch die Frage käme, *warum* die Armen eigentlich arm sind… Ich schweife ab, sorry.

  4. Simon de Vries 29 Juni, 2012 um 9:14 pm #

    Martin, du hast deine Zusammenfassung der bisherigen Kirchengeschichte bis zur hoffentlich bevorstehenden heilsbringenden Wende durch die Postmoderne selbst als platt bezeichnet und dieses Urteil teile ich. Bei einem solchen Schwall an bedingungslosem Anti-Institutionalismus (oder was steckt dahinter?), fällt mir ehrlich gesagt kein sinnvoller Ansatz mehr ein, worüber man weiter sprechen sollte.

    Dann musst du eben deine Suppenküche machen und andere spirituelle Erlebnisräume eröffnen, in denen keine hauptamtlichen Menschen oder ehrenamtlichen Theologen rumlaufen.

    Wenn du dann noch bereit bist, die Trauerbegleitung und Beerdigungen (zuweilen mehrere pro Woche), die Trägerschaft für unseren Kindergarten mit 20 Mitarbeitern und über 100 Kindern, die seelsorgliche Begleitung von Menschen mit Psychosen, Suchtkrankheiten und anderen Leiden, die Begleitung unseres evangelischen Gymnasiums und manches mehr als Ehrenamtlicher ohne Ausbildung zu übernehmen, wäre ich dankbar. Das ist nämlich in erster Linie meine Arbeit, für die Predigtvorbereitung und den Machterhalt meiner Position durch dieselbe bleiben meistens nur 1-2 Stunden pro Woche.

    Entschuldigung, dass ich jetzt doch etwas spitz werde, aber dein Konstrukt von Volkskirche ist so meilenweit weg von der Realität, dass ich versuche, dich irgendwie gewaltsam drauf zu stossen.

  5. Trupedo_Glastic 29 Juni, 2012 um 10:27 pm #

    Simon, ich wollte Dich nicht anpissen, meine Kritik zielt eher auf die Institution an sich als auf den Rolle des Pastors; bitte entschuldige, wenn ich das nicht deutlichen genug gemacht habe. Ich kenne viele Pastoren, die mit Hingabe arbeiten, und ich bin mir sicher, dass Du dazu gehörst und weder die Vielfalt der Aufgaben, noch die Leidenschaft, mit der Du sie erledigst, hinreichend gewürdigt werden – wie bei so vielen Deiner Kollegen.

    Aber, und bitte entschuldige, wenn ich das hier bemerkte, und es ist wirklich nicht böse, sondern lediglich illustrativ gemeint – Du exerzierst hier genau das vor, was ich meine: Du, als studierter Theologe, wirfst mir, dem Laien, vor, dass ich ja keine Ahnung hätte – und behauptest so Deine hierarchisch höhere Stellung im theologischen Diskurs mir gegenüber. Meine Zusammenfassung ist platt, und leiste doch erstmal, was ich so mache. Das sind jetzt nicht unbedingt die allerbesten Voraussetzungen für eine „Kritik an Professionalisierung und machtpolitischen Begehrlichkeiten“, von der Du weiter oben noch behauptet hattest, dass sie wichtig sei, und da ich genau dieses Reaktionsmuster nicht erst einmal in einer Kirche erlebt habe, kannst Du meine leichte Tendenz zur Anti-Institutionalisierung vielleicht verstehen (und ich wäre wirklich an einer Kritik meiner Sicht der Dinge interessiert).

    Ach, alles nicht ganz einfach. Ich habe ja auch keinen knackigen Alternativvorschlag, und wenn ich mir hier in Berlin die Begeisterung angucke, mit der junge Menschen in kreuzkonservative Kirchen wie dem „Berlinprojekt“ strömen, dann wird sich an der altgedienten Stellenbeschreibung für Pastoren auch erstmal nichts ändern. Hier können sie nur länger mit ihren (von den Kirchenmitgliedern bezahlen) MacBooks in den Café sitzen, weil es weniger alte Menschen gibt, die man unter die Erde bringen muss.

    So gespalten mein Verhalten zu Paulus ist, desto höher rechne ich ihm an, das er zumindest einen Nebenjob hatte.

    • simondevries 30 Juni, 2012 um 5:12 am #

      Sorry, Marlin, dass wir hier deine Plattform nutzen für diesen Dialog – bin nicht sicher, ob er noch zum ursprünglichen Post passt oder nicht. Aber es ist manchmal schwer, dann mitten im Gespräch den Ort zu wechseln und vielleicht ja dann auch doch für den einen oder anderen interessant.

      Martin, ich glaube, ich persönlich fühle mich nicht auch gar angepisst (und ich habe schon entgegen deiner Vermutung das Gefühl, dass ich sehr viel Anerkennung für meine Arbeit bekomme; das brauche ich mir hier nicht unbedingt zu holen, auch wenn es natürlich immer gut tut, den Bauch gepinselt zu bekommen …) und ich reagiere auch nur so leidenschaftlich, weil an dem, was du sagst, natürlich auch was Richtiges und Wichtiges drinsteckt und ich da Potential sehe, dass sich auch bei uns was ändert. Nur genau dein Zerrbild von Volkskirche, das aus meiner Sicht ein Pappkamerad ist, verhindert gerade an dieser Stelle einen wichtigen Dialog. Das fand ich gestern so frustrierend an deiner Antwort.

      Wenn ich dich jetzt umgekehrt von oben herab angemacht habe, dann tut mir das wiederum leid. Ich hatte es so empfunden, dass wir schon auf Augenhöhe diskutieren (ob nun einer von uns Theologie studiert hat oder nicht), aber ich halte deine Zusammenfassung trotzdem für unsachgemäß. Wenn ich jetzt drüber nachdenke, ist „platt“ der falsche Begriff: Du bringst sie ja auf einem hohen Reflexionsniveau, aber es ist eben aus meiner Sicht weit weg von dem, was ist, und dient daher nur als Pappkamerad. Und das möchte ich dir sagen können, ob du nun Laie bist oder nicht.

      Und deswegen war die Beschreibung meiner Arbeit vor allem auch illustrativ gemeint (nicht so sehr als persönliche Rechtfertigung), um zu zeigen, dass Kirche eben genau in dem von dir geforderten diakonischen, weltzugewandten Spektrum mitten in der Gesellschaft wichtige Aufgaben wahrnimmt. Und tatsächlich denke ich, dass es bei aller berechtigten Kritik an unserem Laden schwierig sein dürfte, dieses hohe Maß an gesellschaftlichem Engagement und der Möglichkeiten der Mitgestaltung in gesellschaftlichen Systemen (das forderst du ja auch über die Ausgabe der Suppe hinaus) ad hoc in spontan gegründeten spirituellen Gemeinschaftsräumen auch nur annähernd zu erreichen.

  6. easyfisch 2 Juli, 2012 um 8:11 am #

    Sehr spannend!
    Freue mich auf den zweiten Teil!-)

Trackbacks/Pingbacks

  1. Predigen für Postmoderne – Teil 2 « siyach - 3 Juli, 2012

    […] Im letzten Post gab es Lobeshymnen auf Dave Schmelzer und seine Postmoderne. Die Einführung seines Talks aus 2005 in Chicago ging um Objektivität vs. Erfahrung. Moderne stehen auf objektive Fakten. Postmoderne eher auf erfahrbare Geistlichkeit. […]

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