Es geht auch anders…

1 Jan

Neben allen finanziellen Krisen, die wir in den letzten Jahren gesehen haben, gab es auch viel Anlass, für Hoffnung. Immer wieder sind es modellhafte Beispiele von Mikroökonomie und Selbstverwaltung, die uns aufzeigen, dass es auch anders geht. Und das manchmal auch ganz klassisch: So wie im chinesischen Dorfkollektiv Nanjie, in dem die Bauern an der Wirtschaft unmittelbar beteiligt sind. Für ihre Familien haben sie eine lebenslange Versorgungsgarantie mit Gütern des Grundbedarfs. Im Augenblick muss diese Garantie aber nicht in Anspruch genommen werden. Jeder der beteiligten Genossen ist x-facher Millionär – dank blühender Konjunktur und hohem Tourismusinteresse. Sicherlich kann man das Ganze ideologisch und politisch hinterfragen, aber es gibt auch weitere Positivbeispiele von kollektiver Organisation – und diese liegen nicht so weit entfernt von uns.

So wie etwa im Schwäbischen Gammesfeld: Dort sitzt die kleinste Raiffeisenbank Deutschlands, die noch zentrale Gedanken ihres Gründers, Friedrich Wilhelm Raiffeisen, weiter lebt. Raiffeisen hatte die Lokalität des Bankgeschäfts auf die eigene Dorfgemeinde beschränkt. Also keine Wachstumsziele um jeden Preis. Dafür regionales und persönliches Geschäft und Solidaritätsprinzip. Seine Maxime war: Jeder Kunde wird gleich behandelt. Und so ist es in Gammesfeld möglich, dass Kredite mit einem Zinssatz von 3,5% ausgegeben werden – und das an jeden.

Die Idee für seine Bank, die der eigenen Gemeinde mit Grundbedürfnissen dient, kam Raiffeisen während der Hungersnot Mitte des 19. Jahrhunderts. In dieser Zeit begann er, Brot für Bedürftige zu backen und gründete den Brotverein. Raiffeisen kümmerte sich auch um den Bau von Schulen und die Anlage von Wäldern und Straßen – er dachte sehr langfristig und investierte nachhaltig in Vernetzung und Infrastruktur, Grundlagen für gesunde Marktwirtschaft. Seine Motivation wurzelte im christlichen Glauben, der ihn angesichts der Armut der Bevölkerung und dem Wucher gegenüber den Bauern zu Taten bewegte, die paradigmatisches Veränderungspotenzial besaßen.

Wir erleben heute ja eine Art von Renaissance von sozialem Engagement, die aber auch in manchen Bereichen schon wieder fast einem Start-up Hype ähnelt. Dabei haben wir viele Vorbilder, die geradezu rebellenhaft in ihrer Zeit konzeptionelle Grundsteine gelegt haben, die wir heute fortführen können. So wie in Gammesfeld, wo der Vorstand auch noch die Bank putzt. Jeder im Dorf kann einsehen, was er verdient und über die Verwendung des Gewinns mitentscheiden. Der Lohn für die Bank ist höchstes Vertrauen der Kunden und Anteilsinhaber und langfristige Beziehungen über Generationen hinaus.

Aber es geht Fritze Vogt, dem ehemaligen Bankvorstand in Gammesfeld, um weit mehr als gute Geschäftsbeziehungen:
„Ich bin ein Rebell – gegen ungute Entwicklungen“ und „Widerstand lohnt sich“ sagt er. Ein gutes Vorbild für eine aktive, konstruktive und Werte schaffende Grundhaltung, die weit über das Okkupieren hinaus geht und alternative Modelle für das Wohl der Gemeinschaft bietet – und damit auch überregional Impulse sendet, sowohl national als auch international, bis hin nach Japan:

2 Antworten to “Es geht auch anders…”

  1. Tilman 3 Januar, 2012 um 8:21 am #

    Zur Bank aus Gammesfeld gabs 2004 auch einen Kinofilm: http://www.schotterwieheu.de

  2. Nick 15 Januar, 2012 um 9:30 am #

    Das habe ich grade gelesen und mich spontan an diesen Eintrag erinnert gefühlt.
    http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,801727,00.html

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