Irgendwann habe ich selber angefangen

26 Nov

Als Kind bekam ich von meiner Mutter ein Geschenk, das ich heute noch auspacke. Sie inspirierte meine erste Faszination für Gedichte. Einige meiner intensivsten Kindheitserinnerungen sind die Momente in denen mir Poesie vorgelesen wurde. Nicht aus einem gedruckten Band, sondern aus einer eigenen, handschriftliche Anthologie von Geschichten, Gedichten und Liedern. Oft erklang Strophe für Strophe auswendig durch das innere unseres Autos und füllte die Fahrt mit Rhythmus und Leben. Ich verstand damals nur einen Bruchteil des Inhalts, aber die Melodik der Stimme und die Hingabe meiner Mutter an Reim und Betonung versetzten mich in eine andere Welt.

Eine Welt, in die ich seitdem selber gerne und immer wieder eintrete. Je nach Dichter und Form erscheint ist sie privat wie ein englischer Garten, wild wie der Urwald von Südamerika oder tief wie der Pazifik. Oft staune ich wie gut zusammengesetzte Worte in bestimmter Form so viele Bilder, Emotionen und Interpretationen freisetzen können.

Manch ein Gedicht erlebe ich wie einen Fall, den es zu lösen gilt. Dann fühle ich mich wie ein Detektiv, suche nach Hinweisen, versteckten Türen, Kontext und Sinn. Wenn ich nichts finde, freue ich mich trotzdem. Wie ein ungelöstes Rätsel hinterlässt die Suche bei mir Respekt und lässt mich immer wieder zum Tatort zurückkehren. Diese Wiederkehr, und das Lesen und Aufsagen von Gedichten, hat für mich was Schönes, Gewohntes und Frisches. Alte Erinnerungen und Bilder werden geweckt, mit neuen Erinnerungen und Bildern verknüpft.

Irgendwann habe ich selber angefangen, eigene Fälle zu erschaffen. Zeile um Zeile sortiere ich aktuelle Erfahrungen, Gefühle und Gedanken – und halte sie fest. Dann lasse ich sie liegen, schaue sie mir wieder an, werkle weiter – nicht selten über Tage und Wochen. Am Ende fühlt man wenn ein Gedicht fertig ist. Die Zeilen stehen da, Zeugen von einem inneren Weg, ein kleiner Ausdruck von dem, was ich bin.

Das ist für mich ein Aspekt von Kunst, in welcher Form auch immer: sie ist ein Geschenk Gottes an uns Menschen, um uns auszudrücken, schöpferisch zu entdecken und damit Freude in uns und anderen zu wecken. Hier ein Gedicht, das ich über diesen mysteriösen und schönen Prozess des „schöpferisch-tätig-seins-und-Genießens“ geschrieben habe:

Entgegen kommend

Größer als der Rahmen,
hat es seine Grenzen,
und ist doch sehr weit gesteckt. Versteckt
ist oft hier Sinn, und Schönheit,
und doch so greifbar nah. Klar
sind die Momente in der sich
Seele und der Geist erhoben
fühlt – und ist. Vermisst
wird später dann nur das Dauerhafte.
Wir sehn’s nicht. Verspricht
es doch mit uns zu sein;
immer, überall. Noch einmal
fragend nach Ohren, Augen, Herz
die hören, sehen, fühlen – das Wehen
des Unendlichen. Doch dieses lässt
sich nicht diktieren,
ist freier als die Freiheit selbst
und kommt uns doch
da sanft, da hart, entgegen:
in Kunst
und Leben.

Eddy Dück ist verheiratet, hat drei Kinder, ist Pastor einer evangelischen Freikirche und lebt in Frankfurt am Main.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: