Abenteuer Kirche

11 Okt

Ich liebe die lokale Kirche. Für mich gibt es, trotz allen negativen Erlebnissen, keinen besseren Ort, Christusnachfolge zu leben. Von den negativen Erlebnissen gibt es so einige: ein Gastsprecher hat einmal seine ganze Mahnpredigt auf mich ausgerichtet und mich sogar mit Namen gewürdigt (als ob nicht schon für alle klar war, dass es um mich ging); Rebell wurde ich geschimpft, weil ich es wagte, meine Meinung offen zu sagen; und in der Kirche, die ich über mehrerer Jahre mit aufgebaut hatte, wurde ich unfreundlich entfernt. Und doch gibt es keinen Ort, der mich so stark fasziniert und herausfordert, wie die lokale Kirche und der darin enthaltenen Frage: wie können wir uns miteinander immer wieder neu die Frage stellen, was das Leben und die Botschaft von Jesus für uns heute bedeutet.

Leider gibt es eine wachsende Anzahl Menschen, die sich nicht mehr in das herausforderne Miteinander der lokalen Kirche hinein begeben wollen. Da gibt es die einen, denen man es einfach nie recht machen kann. Sie sind immer noch der irrigen Meinung, die Kirche solle ihre Bedürfnisse erfüllen. Wenn sie auftauchen, finden sie zuerst alles ziemlich toll. Mit der Zeit passt der Kinderdienst dann doch nicht mehr ganz, die Predigt ist nicht mehr nahrhaft genug und die ganz tiefen Freunschaften haben sie doch nicht gefunden. Oder dann gibt es noch die ganz tollen, die sich in ihrer Berufung nicht gewürdigt fühlen, weil sie nicht predigen durften oder nicht zum Leiter ernannt wurden. Viele dieser Menschen haben noch nicht verstanden, dass die lokale Kirche in erster Linie ein Werkzeug in Gottes Mission ist. Es geht vordringlich also darum, sich einzulassen: auf den gemeinsamen Auftrag und damit auch auf einander. Doch da gibt es auch noch die anderen, die sich in der lokalen Kirche nicht mehr wohl fühlen. Ihnen wird es zu eng. Das Konzept, das auf die grosse Vision des Pastors ausgerichtet ist, fordert seine Opfer: den einfachen Christen. Er darf mitarbeiten, zahlen, mittragen – aber kaum mirreden. Denn schliesslich ist er ja noch nicht reif genug. Schliesslich muss er zuerst lernen, zu dienen. Schliesslich liegt die Salbung auf der Person an der Spitze, den man nicht antasten soll. Schliesslich ist das die Art, wie wir Kirche machen und schon immer gemacht haben – anders funktioniert es nicht. Mir wurde einmal gesagt, dass die Leute halt zu wenig geistlich seien, diese Art von Leiterschaft zu verstehen. Ich persönlich nenne das nicht geistlich, sondern missbräuchlich.

Welche Merkmale lassen sich also in einer gesunden Kirche erkennen?

  1. Menschen werden dazu angehalten, selber die Bibel zu lesen und sich ihre Meinung zu bilden. Anderslautende Meinungen gelten genau gleich, resp. wird die Tatsache, dass jemand eine eigenständige, biblisch begründete Meinung hat, höher gewertet, als die Übereinstimmung mit dem Standpunkt der Kirche oder des Pastors.
  2. Menschen werden per Definition als Erwachsen und mündig behandelt (auch wenn sie sich vielleicht nicht immer so verhalten). Dabei gilt die Entscheidung des einzelnen immer mehr, als ein wohlgemeinter Rat eines Mitchristen oder Leiters.
  3. Entscheidungen werden von den Menschen getroffen, die sie auch betreffen, die damit leben und sie umsetzen. Dies bedeutet euch, dass wichtige Entscheidungen miteinander in einem längeren Prozess erarbeitet werden.
  4. Identität, Richtung und Werte (Vision) der Kirche werden gemeinsam erarbeitet und in regelmässigem Abstand (vielleicht alle fünf Jahre) miteinander neu mit Inhalt gefüllt. Dabei wird wohl auch der eine oder andere merken, dass er am falschen Ort ist, weil diese Vision nicht mit seinem Bild und Lebensentwurf übereinstimmt und sich eine andere Kirche suchen (was gesund und richtig ist)
  5. Die Grundlage zum miteinander bildet ein freiwilliges sich Einlassen auf die gemeinsame Vision. Dieses sich Einlassen wird in einem gesunden Mass gefordert und gefördert. Und bitte: ohne diese Verbindlichkeit zum Leben und Worten Jesu, der gemeinsamen Vision und dem sich auf einander Einlassen geht es nicht. Jeder, der dafür nicht bereit ist, gehört zur Gruppe der Konsumierer und sollte sich noch einmal überlegen, ob er Christus nach folgt oder einfach nur ein Jesus-Hobby betreibt.
  6. Die Leiterschaft steht in einem gesunden Verhältnis zur Gemeinschaft. Ihre Aufgabe sehen sie als Funktion, der Gemeinschaft zu dienen und nicht als Position ihrer Macht oder ihrem Prestige. Menschen in Leiterschaft werden dabei nicht vereinnahmt von den Ansprüchen und Bedürfnissen der Gemeinschaft. Sie leiten aus ihren Werten und Überzeugungen und nicht als Reaktion auf Emotionalität oder Spannung.
  7. Die Programme dienen den Menschen in- und ausserhalb der Kirche und nicht umgekehrt. Leider bestehen heute viele Kirchen nur noch darin, ihre eigenen Programme zu erhalten oder ihre Gebäude und Pastoren zu bezahlen. Dabei bleibt der Einsatz für die Armen oder für sozial Benachteiligte auf der Strecke. Diese Leute sind meistens ja auch nicht potentielle Unterstützer – sprich Mitarbeiter und Zehntenzahler, also ist es auch ökonomisch nicht sinnvoll, sich nach diesen Menschen zu orientieren…

Diese Liste ist nicht abschliessend. Ich freue mich über alle weiteren Punkte, die mit einem Kommentar zu diesem Eintrag hinzugefügt werden können. Viel wichtiger ist jedoch die Frage, ob die lokale Kirche, zu der ich gehöre, einige dieser Merkmale zeigt. Bei uns ist es noch nicht so und wird wohl auch nie ganz sein – aber die Richtung stimmt. Falls das bei dir nicht der Fall ist, hast du zwei Möglichkeiten: entweder du setzt dich dafür ein, dass sich deine Kirche verändert oder du machst einen Abgang und suchst dir was Neues (oder startest etwas Neues, falls du nichts Passendes findest).

Dies ist ein Gastbeitrag von Boris Eichenberger. Mehr zu ihm und seinen Gedankenwirren unter www.glaubenlebenteilen.ch

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5 Antworten to “Abenteuer Kirche”

  1. marlster 12 Oktober, 2011 um 11:15 am #

    Boris – geiler Artikel!

    Ich habe gerade was von Eugene Peterson über was Ähnliches gelesen. Der ganze Artikel ist super:

    „The authority of the pastor comes from immersion in a community, from giving witness to the fact that this is livable stuff.“

    und das hier:

    “ think it’s very dangerous for pastors to develop some kind of an authoritarian stance that essentially says, „I’m the spokesman for God and you’re going to listen to God through me.“ We’re a body of Christ and we only have one Shepherd, and that’s Jesus. And so we do this in community not through a line-of-command approach.“

    Link (Pastor in the Present Tense): http://www.christianitytoday.com/le/2011/summer/presenttense.html

  2. Tilman 14 Oktober, 2011 um 7:45 am #

    Danke für den hilfreichen Artikel. Mein Frau und ich sind gerade stark am fragen, ob und wie wir in unserer lokalen Gemeinde bleiben können, da bringen deine Merkmale etwas Ordnung in unsere Gedankenwelt.

    Dazu lese ich übrigens auch Christian A. Schwarz, der in den 90ern ähnliche Merkmale durch Befragung von Hunderten von Gemeinden zusammentrug. Seine 8 Merkmale sind:
    1. Zielorientierter Pastor
    2. Gabenorientierte Mitarbeiterschaft
    3. Leidenschaftliche Spiritualität
    4. Zweckmäßige Strukturen
    5. Inspirierende Gottesdienste
    6. Ganzheitliche Kleingruppen
    7. Evangelistische Diakonie
    8. Hoher Liebesquotient

    • Boris 21 Oktober, 2011 um 8:29 am #

      Tilman, cool, dass der Artikel hilfreich ist.

      Das Material von Schwarz ist sehr gut – kann jedoch auch hinderlich sein. Ich empfinde sein Material eher auf das klassische Bühne-Band-Kinderdienst-Modell ausgerichtet. Ein Beispiel sind für mich die ganzheitlichen Kleingruppen. Kleingruppe sind ja eine tolle Sache und gerade, wenn sie ganzheitlich sind, enorm wertvoll. Sie können aber auch wieder zu einem Programmpunkt im christlichen Leistungsstress werden. Dabei vergisst man, dass es dabei im Kern darum geht, verbindliche und inspirierende Beziehungen zu leben. Einige – wenn nicht sogar die meisten – Kleingruppen, die ich kenne, sind nach einer gewissen Zeit leider nur noch verbindlich, aber nicht mehr inspirierend. Da braucht es dann nicht immer nur eine Wiederbelebung des Inhaltes, sondern manchmal auch eine Veränderung der Struktur, resp. eine Rückbesinnung auf den Kern/Wert, der in unterschiedlichen Formen Ausdruck finden kann (Zweierschaften, Gebetsgruppen, Familienzeiten, gemeinsames Bibellesen, etc.)
      Weiter bin ich froh, dass das Merkmal „Zielorientierter Pastor“ mittlerweile „bevollmächtigende Leitung“ heisst. Es gibt so einige Leiter, deren Ziele sich sehr stark an ihren Ambitionen und eigenen Bedürfnissen orientieren – was leider für die Gemeinschaft, die sie leiten, ziemlich schädlich ist….

  3. Martin 24 Oktober, 2011 um 4:30 pm #

    Hallo Boris, finde den Beitrag, wie Du selbst auch :-), sehr gut. Viele Gedankenanregungen und Vieles was wohl jeden beschäftigt, der in Sachen Gemeinde unterwegs ist. Wir alle wissen ja, dass es die ganz einfachen Antworten nicht gibt. Wichtig ist aber auch, dass wir die Richtung kennen, in die wir gehen. Überall dort wo ich klare Führung von gesunden Leiterpersönlichkeiten sehe, da sehe ich auch gute Frucht über viele Jahre. Das ist das, was mich persönlich aktuell am meisten beschäftigt.

Trackbacks/Pingbacks

  1. Zu Gast in Heidelberg « Boris’ Gedankenwirren - 22 Oktober, 2011

    […] erster Gast-Artikel in Heidelberg geht ums Abenteuer Kirche. Ich finde, er ist noch ganz gut geworden… Teilen Sie dies […]

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