Die Zeit und der Untergang der Kirche

9 Jun

Vor einigen Wochen war in unsrer lieben, deutschen, gebildeten Zeit das Cover über den Untergang der Kirche. Hat mich erst mal überrascht – dachte ich doch, dass die Kirche sowieso das Böse in den Augen der deutschen Elite ist. Aber auch Time, Stern und all die anderen bringen immer wieder den Glauben. Ist also doch was dran, dass das Interesse der Bevölkerung irgendwie konstant ist (60% der Leute glauben, egal wann und wo – nur was und wie unterscheidet sich).

Die Zeit war also auch voll engagiert. Dabei ging es weniger, dass Kirche weg muss. Sondern ändern sollte sie sich bitteschön. Raus aus dem Mittelalter und rein in die Modern, ähm Postmoderne – so war die Stimmung in den Artikeln. Reformieren, bitteschön – Zölibat auflösen, demokratischer werden, Schwule akzeptieren, Kondome fördern und am liebsten offen und tolerant werden. Reformwünsche also.

Dabei treten für mich drei Probleme auf, die die Zeit und sonstige Kritiker ganz gerne mal ausblenden oder gar nicht sehen. Ich bin für Reformen und Erneuerung. ABER…

Glaube und Kirche besteht seit 2.000 Jahren. Keine Zeitung, kein Zeitgeist, keine Uni besteht so lange. Und Kirche hat den Anspruch, auch noch in 2.000 Jahren was zu sagen zu haben. Das kann man nicht, wenn man sich jedem Wind der Intellektuellen unterwirft. Die Kirche muss langfristig denken und kann nicht einfach einen Sellout machen, weil jetzt ein paar Kritiker was nicht so toll finden. Dabei fällt mir auf, dass viele Schreiber keine Insider sind – keine Ahnung haben wie Glaube funktioniert. Klar, man zitiert Priester und unzufriedene Stimmen. Aber Glaube hat wenig mit Zeitgeist zu tun – und viel mit Orientierung, Gemeinschaft und Erfahrung.

Die beste Kritik ist immer das Bessermachen. Über Missstände zu reden ist leicht – eine bessere Version von etwas zu machen ist aber die wahre Kunst. Ein iPhone ist die beste Kritik am Blackberry. Alan de Botton hat das mal aufgegriffen und formuliert, wie denn eine Kritik an den Inhalten der Kirche aussehen würde, wenn das wirklich zu Ende denkt (A religion of atheists). Auch im trendigen Wired-Magazin war vor ner Weile ein exzellenter Artikel, der Einblick in die Auseinandersetzung von Kirchen und Atheisten gibt (The church of the non-believers). Die Tendenz bei beiden: Kirche funktioniert, weil sie den ganzen Menschen bedient. Und dazu braucht es Inhalte.

OK, ich drifte etwas. Es geht in der Zeit nicht um Atheismus vs. Kirche, sondern um Kirche vs. Zeitgeist. Hier finde ich das größte Problem: Kirche hat ja nicht nur was Ansprechendes anzubieten, sondern auch Antworten auf das fundamentale Problem der Menschen zu liefern: dem Umgang mit dem Bösen! Das haben die modernen Schreiber und Philosophen natürlich überhaupt nicht auf dem Schirm. Alles ist für die relativ und Böses gibt es nicht (wirklich). Aber die Kirche glaubt an etwas wirklich Böses. Im Einzelnen. In der Welt. Genau deshalb kann sie auch nicht auf alles eingehen. Weil sie den Schlüssel zur Erlösung der Menschen hat – und den muss sie auch weiter bewahren. Hier ist ein nettes Video von NT Wright, der das auf den Punkt bringt.

So schnell wird hier nichts untergehen. Die Kirche hat erstaunliche Erneuerungskräfte, auch wenn es nach außer nicht so aussieht. Oder wie Wolfram Weiner sagt:

Es gibt ganz offensichtlich jene urwuchtige spirituelle Kraft, die aus der Tiefe des menschlichen Wesens gespeist wird. Man kann es auch Heimweh nach Gott nennen. Dieses Heimweh wird stärker. Vielleicht wird der Mensch des 21. Jahrhunderts wieder Mystiker, vielleicht wird sein Heimweh der Reflex auf die Raserei der Moderne, vielleicht braucht er religiöse Moral als ethischen Halt mehr denn je, vielleicht wird der Religiöse der eigentliche Revolutionär unserer Zeit.

2 Antworten to “Die Zeit und der Untergang der Kirche”

  1. Alexander 9 Juni, 2011 um 10:13 am #

    Sehr gut, volle Zustimmung.
    Mich amüsiert immer wieder das Rauschen im Blätterwald: Oh, ein neuer Papst ist da! Wird er den Zölibat / die kath. Sexualethik / sonst irgendwas, was uns nicht passt abschaffen? Das ganze in einem Ton, als ginge es um den nächsten SPD-Vorsitzenden (auch ein beliebtes Amt …). Und ich denke: Diese Leute haben überhaupt nicht verstanden, wie Kirche über 2000 Jahre funktioniert!
    Da bewundere ich (bei aller Kritik) auf eine gewisse Weise die Standhaftigkeit, manchmal vielleicht auch Bräsigkeit gerade der Kath. Kirche: Wir haben den Hunnensturm überlebt, wir haben die Reformation überlebt, wir haben die Aufklärung und viele Ideologien überlebt – da werden wir gerade noch mit Zeit, Spiegel und Süddeutsche fertig werden!
    Und den entscheidenden Punkt hast du auch drin: Kirche – jetzt als Gemeinschaft des Evangeliums verstanden – hat wirkliche Antworten, auch heute. Dazu finde ich die bissigen Texte von M. Matussek auf SPON sehr interessant, z. B. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,761854,00.html

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  1. ein Atheismus-Projekt « siyach - 18 Februar, 2012

    […] sind voller Polemik, Aggressivität und lassen wenig Raum zum Nachdenken. Sie verstehen nicht, wie Religion funktioniert. Und vor allem ist ALLES aus der Religion schlecht. Alain schlägt einen anderen Weg ein – […]

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