Kürzlich im Flugzeug

9 Jun

Neulich auf dem Weg von London zurück nach Frankfurt treffe ich einen Freund im Flugzeug. Welch Zufall – wir hatten uns bestimmt 2-3 Jahre nicht mehr gesehen. Außerdem hatte der Flieger etwas Verspätung und es war Platz neben ihm. Also gab es ein nettes kleines Gespräch über Gott und die Welt. Irgendwie ganz nett, so mir nichts, dir nichts ein Generalupdate über die letzten 5 Jahre geben zu dürfen. Hier sind die Fragen, die er mir gestellt hat:

Was macht die Gemeinde?

Gut. Wir haben ja in Heidelberg was gestartet und es läuft erstaunlich gut. Wir sind wohl so um die 150 Leute – die meisten jung. Vieles ist natürlich im Prozess und man wünscht sich hier und da noch mehr, intensiver und insgesamt wirkungsvoller. Aber schon erstaunlich, was die letzten Jahre passiert ist. Seit diesem Jahr mache ich eine Sabbath-Zeit für das Jahr.

Das ganze Jahr?

Ja.

Warum?

Naja, einfach mal Abstand haben. Eigentlich keine wirkliche Agenda. Aber im Alten Testament sollte der Acker nach 6 Jahren ruhen und im 7. Nicht bebaut werden. Ich war jetzt 6 Jahre dran, die Gemeinde hochzuziehen und jetzt mach ich mal nichts.
Gar nichts?

Naja, nicht nichts. Man kann ja nicht gar nichts tun. Ich schon gar nicht. Arbeit, Hobbies, etc mache ich natürlich. Habe angefangen, Jazz-Piano zu lernen – sauschwierig. Und ich will mein Buch über Gemeindegründung fertig schreiben. Aber sonst keine Agenda. Eine Agendafreie Zeit sozusagen – es gibt nicht primär darum, Perspektive zu bekommen; oder sich zu erholen. Einfach mal offen sein und schauen, was auf dem Acker so wächst. So war’s im Alten Testament.

Was geht in der christlichen Szene?

Ui – große Frage. Habe natürlich nur meinen Blickwinkel. Aber von was ich sehe, ist die charismatische Welle wohl etwas vorbei (wer kann schon dauernd von Red-Bull-mäßigen Großkonferenzen leben?!). Und die letzten Jahre gab es dieses Ding – emerging church. Viele haben versucht, nach neuen Wegen zu suchen – neue Strukturen, neue Arte der Gottesdienste, neuer Zugang zur Spiritualität. War meiner Meinung nach viel Gutes dabei, aber auch durch cooler / hipper / anders gesprägt und etwas zu philosophisch. Die meisten Projekte sind nicht wirklich was geworden.
Und was geht dann jetzt?

Ich sehe 5 Bewegungen, die jetzt gerade probiert werden:

1. Rituale – so eine Art Wiederentdeckung der Liturgie und dem Nutzen von altbekannten Formen. Zum Teil kommt das aus der emerging Ecke und ist ein Versuch, das geistliche Leben mit mehr Substanz zu füttern. Da passiert einiges Gutes, aber es ist schon witzig, dass man anfängt, den Glauben neu zu erfinden und dann bei Gebetsbüchern und festen Strukturen landet.

2. missional church – auch eine Weiterentwicklung des Emerging-Gedankens. Man macht sich Gedanken, wie Glaube aussieht, der nicht durch Anziehungskraft und Gottesdienst besticht, sondern den Alltag und die Mission als Zentrum des Glaubens hat. Viel Potential hier.

3. soziale Gerechtigkeit / Ökologie – eine Bewegung hin zum ganzheitlichen Verständnis vom Reich Gottes. Also nicht nur alles spirituell deuten, sondern die Fragen stellen – wie sieht Glaube in meinem Umfeld aus? Was bedeutet das Reich Gottes für Ausbeutung in der Welt? Und für unsere Haltung gegenüber der Umwelt? Theologe NT Wright hat hier einiges sehr gut formuliert und es sind wichtige Fragen. Manchmal können diese Fragen aber auch in endloser Diskussion enden und der politische Jesus wird wichtiger als der Erlöser.

4. neu-charismatisch/Bill Johnson – so ein Aufflammen der 90er ist hier zu sehen. Man geht auf die Straße und betet für alles, was nicht bei Drei auf den Bäumen ist. Bill Johnson formuliert das momentan wohl sehr stark – man baut auf den Kairos Moment, wo das übernatürliche Handeln Gottes sichtbar wird. Zum Teil sehr gut, zum Teil erinnert mich es etwas an Mick Jagger. Aber Übernatürlich muss Teil vom Mix sein, also auch Gutes hier.

5. Event-Gemeinde – es gibt den totalen Gegensatz zu missional church, wo man stark auf das Event baut. Was aus der ICF / Hillsong / Willow / Kino-Gemeinde-Ecke kommt. Durch sehr ansprechendes Programm und vor allem geile Light-Shows versucht man Leuten zu zeigen, dass das Christsein gar nicht so uncool ist. Ich frag mich, wie Jesus ohne Light-Show ausgekommen ist.

Es gibt eigentlich nicht die eine Strömung. Das sind verschiedene Versuche, Glauben umzusetzen und geistliche Power zu finden. Eigentlich finde ich alles gut. Wahrscheinlich wird jede Strömung ihren Weg finden. Für mich ist wichtig, dass daraus Gemeinden entstehen.

Was passiert bei dir gerade?

Wie gesagt – Sabbatzeit. Ich genieße gerade das Gefühl, unwichtig zu sein. Ist wohl auch eine Realität. Dieses Jahr will ich mal andere Wege gehen – ne Zeit ins Kloster, etwas keltischen Glauben kennen lernen. Über die letzten Monate merke ich so eine Art Müdigkeit mit dem amerikanischen Evangelikalen Lager. Ich habe da sehr davon profitiert und viele Werte übernommen. Aber es ist in der Summe doch schon recht bounded-set. Viele Definitionen, viel Aktivismus, viele Worte. Außerdem kommt mir der Ansatz zum Glauben oft vor wie ein Diät-Programm: was heilt ist der Wille und die Anstregung. Wer abnehmen will, muss sich was vornehmen, es durchziehen, Willen zeigen, am besten mit anderen drüber reden – und dann wird das schon. Kulturell ist Evangelikalismus auch manchmal so – nimm dir vor, mehr Bibel zu lesen, zu beten, zu geben, zu evangelisieren etc und dann wird das schon was mit dem Christsein. Ich denke, Jesus hatte eine andere Botschaft.

Ich mache mir schon Gedanken – wie passiert Veränderung? Bei mir? Bei anderen? Oft sehe ich da wenige Fortschritte. Aber mehr Wille und Anstrengung scheint mir nicht der Weg zu sein. Ich suche neu, wie Jesus das anging. Ich glaube, es hat mit Gemeinschaft und Veränderung über die Zeit zu tun. Auch dass Gott über unserer Logik steht. Hiob hat mich in letzter Zeit sehr angesprochen – er hat alles geregelt gehabt, hat für sich und seine Familie geopfert und war Top-Gläubiger. Und dann bricht Gott die Aktivität-Segen-Logik auf. Und zeigt, dass sein Wirken ein Geheimnis ist. Das erstaunt mich und da will ich mich reingeben. Bin mal gespannt, was damit wird…

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5 Antworten to “Kürzlich im Flugzeug”

  1. David 9 Juni, 2010 um 7:07 pm #

    Hi Marlin, gut zu lesen. Mach weiter mit „nichts“ tun. Wobei nichts: Zumindest hast du deinem Blog ein neues Design verpasst, war schon länger nicht hier, mein RSS-Reader zeigt nichts von deinem schönen Design. 🙂 PS: Unser Onlineshop ist mittlerweile online, gib gern Feedback, wie er dir gefällt.

    • marlster 9 Juni, 2010 um 9:44 pm #

      cool – wandtatoos! und auch noch die arche – muss ich mal bei Gelegenheit meinem sohn verpassen.

  2. martin 10 Juni, 2010 um 7:42 am #

    hallo marlin, besten dank für diesen post … was ich bei dir schätze, ist, dass – so zumindest mein eindruck – alles so nüchtern, geerdet, lebensnah aus der praxis rüberkommt. breitgefächert … besten dank! martin

  3. Viktor 14 Juni, 2010 um 6:51 am #

    Hallo Marlin,

    die Idee mit dem Sabbatjahr ist interessant. Ich hoffe das es weiterhin eine gesegnete Zeit für dich wird.

    PS: Könntest du mir bescheid sagen sobald dein Buch veröffentlicht wird? Ich würde es gerne auf meiner Webseite vorstellen. Gutes Gelingen dabei,

    Viktor

  4. Tilman 17 Juni, 2010 um 12:47 pm #

    Mich würde interessieren, zu welcher der 5 Bewegungen du die Vinyard zählen würdest, die du in Heidelberg aufgebaut hast.

    Viele Grüße,

    Tilman

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