Das Ende der Emerging Church?

24 Jan

Heute morgen bin ich im Schwimmbad von Schwetzigen meine Bahnen geschwommen und habe über die Entzauberung der Emerging-Church-Euphorie nachgedacht. Bei Null Grad und Schnee waren das meine Gedanken beim Wettschwimmen in Schwetzingen.

Für mich war 2005 das Jahr der Emerging Church. Vielleicht war ich etwas spät mit der Einschätzung dran, aber damals gab es täglich neue Blogs, Beiträge und Gedanken zur Emerging Church. Viele waren darüber, was denn Emerging überhaupt ist, manche berichteten von Projekten und viele waren Gedanken, Eindrücke und Philosophie.

Warum Emerging Church?
Wo kam die Emerging Church-Bewegung überhaupt her? Ich will hier gar nicht in die Historie gehen – das ist sicher in einigen Arbeiten schon besser gemacht worden. Einfach ein paar Gedanken…

Der amerikanische Kulturgraben
Als ich in den 90ern in den USA war, fiel mit die große Verklemmtheit der Christen dort auf. Eine riesige Kluft zur Kultur um sich herum. Damals dachte ich mir schon, das muss doch irgend jemand stören. Da muss doch mal eine Bewegung darauf entstehen, die korrigiert. Und tatsächlich kam viel der Energie in der EC-Diskussion aus den USA. Viele Argumente waren kulturell. Und es gab…

Berechtigte Kritik
Die Emerging Church kritisierte alle möglichen komischen Auswüchse der Kirchenlandschaft. Ob Kontrolle, Marketing, überzogene Ansprüche oder Subkulturmentalität. Vieles davon war relevant und traf daher auf offene Ohren. Es formte sich eine Art Bewegung vereint durch gemeinsame Kritik.

Das neue suchend
Die Christenheit der letzten Jahrzehnte ist sehr dynamisch mit ständig neuen Bewegungen und Schwerpunkten. Wer in den 90ern bei den Charismatikern war, merkte, dass die Energie in neuen Fragen war. Und da viele der Fragen gut und richtig (und risikoreich waren), folgt man diesem Impuls in ein neues Land.

Alles eigentlich sehr gut. Außer, dass es nicht geklappt hat.

Warum keine Emerging Church mehr?
Meiner Meinung nach ist die Party vorbei. Es gibt Blogs. Es gibt Foren. Es gibt Veröffentlichungen. Aber ganz ehrlich. Was passiert denn praktisch? Neben ein paar Projekten hier und da, ist aus EC weder eine Reformbewegung gewachsen, noch eine Bewegung mit eigenem Profil und positivem Veränderungspotential. Warum?

Mehr Post als Pro
EC definierte sich stark über die Post-Haltung. Post-Christentum. Post-Moden. Post-Charismatisch. Und so weiter. Man hatte den Glauben an die alten Mythen verloren. Es wurde (und wird) dekonstruiert, was das Zeug hält. Alles OK, aber es wurde wenig Pro geliefert – für was ist man denn jetzt? Es fanden sich viele Frustrierte, Ausgebrannte und Querdenker zusammen und man schaffte es irgendwie nicht, auf ein gemeinsame, positive Agenda zu einigen. Die Stimmung in den Blogs, Foren etc störte mich schon zu Anfang etwas: ziemlich kristisch, etwas penibel, halbweg eigenbrödlerisch und äußerst vage. Es gab positive Ausnahmen, die mit Wertschätzung und Differenz an die Sache gingen. Aber letztlich ist mir die Stimmung zu destruktiv und die Agenda zu unklar. Daher fehlt wohl das PRO-Argument der Bewegnug. Was daran liegen mag, dass…

Zu philosophisch
Es schien mir manchmal, dass in der EC-Szene erst mal Häuser abgerissen wurden und dann versammelte man sich, um Architektur zu studieren. Oder besser noch – Architekturphilosoph. Es waren viele große Wörter im Umlauf. Es schien manchmal als ginge es um einen Silben-Pro-Wort Kontest. Ich lese viel, gerne und auch anspruchsvoll. Aber mich erinnerte das häufig an die Niederungen des deutschen Uni-Systems. Zu vage, zu unrelevant und kompliziert.

Falls es noch nicht aufgefallen ist – alles hier ist natürlich hoffnungslos subjektiv. Wer gerne philosophiert, mag das nicht gerne hören. Bin auch sehr offen für andere Einschätzungen und Bewertungen.

Meiner Meinung nach geht die Reise in den letzten 1-2 Jahren mehr Richtung „missional church“ (verkörpert in D durch u.a. Novavox) oder strukturierten Formen von Spiritualität. Bin gespannt, ob wir da in 5 Jahren sagen, dass sich die Party gelohnt hat. Bei der Emerging Church Sache habe ich meine Fragen.

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23 Antworten to “Das Ende der Emerging Church?”

  1. Peter 24 Januar, 2010 um 4:22 pm #

    „Das Ende der Emerging Church?“so würde ich es nicht nennen
    Eher das Ende eines Amerikanischen Kirchenmodell.
    Wann gibt es mal ein deutsches Modell?
    Bisher wurde alles aus den USA übernommen.
    Es wird Zeit das mal eigene Ideen entwickelt werden und zur Geltung kommen.Die Reformation kam aus Deutschland
    Gruß
    Peter

  2. christintin 24 Januar, 2010 um 9:26 pm #

    Bei „missional church“ Vertretern in D müsste man „emergent deutschland- erlangen“ noch nennen.

    Ansonsten find ich den post jetzt ehr in deinem Sinne „post- emergent church“.

    Ich bin überzeugt, dass der Hype um EC vorbei ist und jetzt die Arbeit erst richtig anfäng. Und zwar bei denen, die immer noch nicht angefangen haben zu denken und auch nicht bereit sind die nötigen Fragen zu stellen und zu diskutieren. Wenn wir wollen, dass sich was verändert müssen wir aufhören nur an den oberflächlichen Strukturen herumzudoktorn. Aber das ist natürlich nicht jedermanns Sache.

    Gruß
    christintin

  3. Rootsburg 24 Januar, 2010 um 10:48 pm #

    Ich denke mal EC ist bei den Vordenkern vorbei, aber die breite Durchschlagskraft in der Breite entfaltet sich erst langsam.
    In der breite wird die EC nicht halb so radikal sein, wie sie es in ihrer avantgarde Phase sein wollte.

    Ein Beispiel:
    Als ich 2007 mein Studium angefangen hab, da haben die meisten Profs noch gezweifelt, ob es eine große Umwälzung unserer Welt gibt. Heute reden alle ganz normal von der Postmoderne. Naja, nur der Systematiker nicht. Der hat Derrida wirklich gelesen und weiß, dass die Postmoderne bei den Philosophen längst durch ist.
    Fakt ist aber, dass jetzt an den Seminaren der alten Freikirchen nachgedacht wird wie man auf diese Zeit reagiert. Die EC war der Stachel im Fleisch und wird noch eine Weile eine Vision sein, die man abgeschwächt übernimmt.
    Die praktische Veränderung wird in diesem Prozess geschehen. Bücher aus der EC haben dazu geholfen und werden dazu helfen.
    DIE EC wird dabei nicht rauskommen, aber wenn es Gemeinden hilft sich auf eine veränderte Gesellschaft einzulassen, dann ist das ja auch schon was.

    Fazit:
    Die Denker werden gehen und die Praktiker werden die Ideen abgeschwächt umsetzen.

  4. marlster 25 Januar, 2010 um 6:35 am #

    @rootsburg – interessante Beobachtung und Analyse. Das ist auch meine Frage – wie geht man mit den Fragen um? Und haben die Ansätze genug Substanz, um das Nachdenken in Neuaktionen zu formen? Ich frage mich eben, wie lange man noch denken will (nicht dass das schlecht ist, aber über 5 Jahre sind jetzt nicht gerade wenig) und wann man zur Aktion kommt.

  5. dikosss 25 Januar, 2010 um 11:08 am #

    @marlster:
    Als tendentiell außenstehender Dritter bzgl. der EC-Bewegung teile ich Deine sujektiven Gedanken. Vorbei ist die Sache wahrscheinlich nicht. Denn nach dem „Abbau“ der herkömmlichen Vorstellungen muss nun der Aufbau – sprich: das Pro – kommen. Das ist Aufbauarbeit. Diese Arbeit kann m.E. nur mit der Bibel als Grundlage sinnvoll geschehen (damit meine ich keinen Biblizismus, sondern die Verständigung auf eine gemeinsame Grundlage – und was liegt da näher als die Bibel!?). Und was diese Grundlage betrifft, hat die Sache mit der „missional church“ schon ziemlich viele Deckungspunkte und einige Pro-Aspekte, weshalb diese viel stärker vorankommen wird.

  6. crash 25 Januar, 2010 um 1:03 pm #

    Die Geschichte zeigt doch, dass es zu allen Zeiten immer die (Vor)Denker und die Macher gegeben hat. Ich würde jedenfall weniger von einem Ende als viel mehr von einer Verlagerung sprechen. Und selbst dann, wird es immer wieder einen Rückfluss gemachter Erfahrungen geben, die neuer theoretisch – philosopischen Reflektionen bedürfen, deren Ergebnisse wieder neu in die Praxis fließen. Von daher stehen EC und die MC in einem zirkulären Prozess, in der die jeweiligen Gewichtungen sich fließend verändern. Ich meine: ein gesunder Prozess, der dann in stocken gerät, wenn der eine meint, dass er den anderen nicht braucht.

  7. Hufi 26 Januar, 2010 um 8:51 am #

    Ich würde nicht von dem Ende der E.C. sprechen. Wenn man beim letzten Emergent Forum war, hat man gesehen, dass es zurzeit in Deutschland beides gibt: Menschen, die weiter „vordenken“ und Menschen (oft die gleichen), die einiges in der Praxis ausprobieren. Und auch, dass einige Gedanken immer weiter verbreitet werden – sowohl in Freikirchen als auch in die Landeskirchen.
    Ich würde bei den Projekten auch gar nicht unterscheiden, ob die jetzt emergent oder missional sind. Gerade bei Emergent Deutschland wird ja auch viel von „missional“ gesprochen (und gehandelt ;-)) – siehe das geplante Wochenende mit Alan Roxburgh

  8. dasaweb 27 Januar, 2010 um 6:55 am #

    DoSi greift hier (http://www.p-shuttle.de/dosi/das-ende-der-emergingchurch-bewegung/) den Post auf und spricht mir dabei sehr aus dem Herzen. Und dazu frage ich mich, in welchen Zeiträumen eine Veränderung des Denkens von statten geht und überhaupt gehen kann. Was sind 5 Jahre oder 10? Ehrlich gesagt hab ich an manchen Punkten, die mich in diesem Zusammenhang bewegen die leise Ahnung, dass ich die Auswirkungen in dieser Generation nicht mehr wirklich sehen werde. Vieles sitzt so tief, dass es dauern wird, bis auf breiter Front eine Veränderung sichtbar sein wird. Aber ich bin hoffnungsvoll, es gibt viel gutes Denken und ehrliches Fragen und Mut zur Veränderung auch da, wo ich es eigentlich nicht erwartet hätte.

  9. Simon de Vries 27 Januar, 2010 um 7:44 am #

    Mir geht es so wie einigen anderen Kommentatoren hier, dass ich die Unterscheidung zwischen emergent und missional für sehr künstlich und wenig weiterführend halte (selbst für den amerikanischen Kontext). Warum muss man das jetzt wieder auseinandersortieren? Meinetwegen kann man ja die Begriffe austauschen (jetzt sind wir alle nicht mehr emergent, sondern missional), aber das ist dann ja wieder eine dieser Meta-Diskussionen über emergent, die du auch gerade nicht willst, oder? Mich wundert, wie viel jetzt überall über das angebliche Ende der Emerging Church-Bewegung geschrieben wird, da wir doch in der letzten großen Meta-Diskussion noch gar nicht geklärt hatten, was sie denn eigentlich ist (das ist doch immer der Vorwurf gewesen). Wie kann man jetzt das Ende von etwas verkünden, was noch gar nicht richtig bestimmt worden ist (was aufgrund der Breite der Bewegung auch m.E. gar nicht geht)?

    Den Vorwurf der fehlenden Praxis kann ich auch gar nicht teilen. Zum einen weiß ich von vielen Neuansätzen in Gemeinden in den letzten Jahren, zum anderen meine ich auch, dass es vieles Missionale auch schon gab, bevor man von Emerging, Missional etc. überhaupt gesprochen hat. Vielleicht nicht in allen Freikirchen, aber die sind ja zumindest für den deutschen Kontext immer noch eine Randerscheinung (so sehr ich sie mag und wichtig finde und mir wünschen würde, dass sie mehr gesellschaftliche Relevanz bekommen).

    Und wenn jetzt diejenigen, die in diese Richtung denken, einfach in ihren Gemeinden vor Ort ohne viel öffentlichkeitswirksamen Lärm arbeiten, sich regional und sporadisch auch deutschlandweit darüber austauschen und dabei so selbstkritisch sind, Emerging nicht als das neue Willow oder die Rettung der deutschen Christenheit zu verkaufen, würde ich daraus nicht auf das Ende dieses Netzwerkes schliessen, sondern eher auf eine gesunde Selbsteinschätzung.

    Für unseren deutschen Kontext (Treffen, Bücher etc.) würde ich auch die Kritik daran, dass die Bewegung sich nur in abgrenzenden, irrelevanten und philosophischen Niederungen bewegt, nicht teilen. Ich frage mich, wen der ungefähr 10 deutschen Blogger zum Thema der Vorwurf treffen soll. Oder geht es um Emergent-Deutschland oder die Zeitgeist-Bücher? Viel mehr gibt es doch bei uns gar nicht, was man kritisieren könnte, oder?

    Also, du siehst, ich bin etwas ratlos, wem du im Hinblick auf den deutschen Kontext das Ende verkündest mit diesem Post?

    • marlster 27 Januar, 2010 um 5:11 pm #

      @Simon – Als Vorwurf gegen Einzelne und Zeitgeist war das nicht gemeint. Emergent-D kenne ich nicht, daher kann ich dazu nix sagen.

      mir ist der Zweck der EC und Foren nicht klar. Ursprünglich war viel Kritik und Hinterfragen dabei, was bei mir die Erwartung auf eine positive Agenda oder Veränderung gelegt hat. Solche Formulierung von positiver Veränderung fehlt mir (oder ich habe es verpasst). Und wenn ich es verpasst habe, dann könnte ich an einem Beispiel oder Modell drüber stolpern (was ich vielleicht auch verpasst habe). Aber du scheinst da mehr Einblick zu haben und ich würde das sehr gerne sehen. Kannst du Beispiele für die „einfach vor Ort ohne viel Lärm“ Geschichte geben?

  10. Alex 28 Januar, 2010 um 4:18 am #

    Hi Marlin – danke für deinen Beitrag! Ich habe meine, etwas länger gewordenen Kommentar bei mir gepostet; siehe Trackbacks. Grüße! 🙂

    • marlster 28 Januar, 2010 um 8:03 am #

      @Alex – guter Kommentar, schön formuliert. Dein Punkt mit „Denken = auch Tun“ hat was und zeigt, dass gutes Denken wichtig ist. Allerdings ist Denken allein zu wenig (gerade wenn man heftig kritik übt). In der Theorie gibt es ja immer Platz, sich zu verstecken und Ideale zu halten, die einfach nicht passen (evtl ist Marxismus so was). Was mir echt fehlt ist das positive Engagement, die Bereitschaft, sich ins Zeug zu werfen, die Annahmen zu testen, zu riskieren und am wahren Leben weiterzuentwickeln.

      • crash 28 Januar, 2010 um 1:17 pm #

        Also bitte, dass ist ja umgekehrt genauso! Gibt es nicht auch die Anwandlung sich hinter praktisch Bewährtem zu verstecken, es zu idealisieren, weil es schon so lange funktioniert, aber eigentlich schon längst neu durchdacht gehört? Im Grunde genommen finde ich den Ansatz von Alex nachdenkenswert, auch wenn er wie ein elegante Umgehung des Dikussionspunktes klingt.
        Die Diskussion zwischen Theorie & Praxis hat ja nicht mit der EC/MC begonnen. Die ist sozusagen evergreen, wenn Praktiker und Theoretiker aufereinander treffen. Ich meine man kann es Begrifflich wohl akzentuieren. Hören wir doch auf das Ganze zu verwursteln. Fangen wir doch an dazu zu stehen, was wir sind! Ich bin mehr Theoretiker als Praktiker. Zu mir kommen Menschen, die irgendwo festhängen oder etwas anfangen wollen. Ich gebe ihnen das was ich kann. Ich denke die Dinge mit ihnen vor oder durch. Dann gehen sie mit einem Sack voll Ideen los und setze es um. Ich setze das nicht um!!
        Es wäre vollkommen sinnlos mir vorzuwerfen, dass ich immer nur nachdenke! Ich denke nach, weil das meine Gabe udn Dienst ist. Meine Aufgabe ist nicht die praktische Umsetzung. Das hat mit Verstecken nichts zu tun. Gefahren stecken immer auf beiden Seiten. Du stellst gute Fragen. Ob die Adresse richtig ist bleibt für mich zumindest zweifelhaft. Man könnte ja auch sagen: Es wurde so viel angedacht. Wo sind denn die praktisch Begabten, die Leute, die was reissen können? Wo sind die, die sich in zeug legen könnten, weil sie auch das Zeug dazu haben. Anstatt ständig die Theoretiker mit dieser leidigen Vorwürfen anzuhauen, könnte man doch mindestens fragen, warum die Praktiker nicht in die Pötte kommen.
        Ich weiß, dass mein Beitrag möglichweise schwarz & weiß ist. Am Ende ist es die Mitte von beidem. Aber manchmal hilft es bei einem Thema die Konturen und das Eigentliche zu schärfen. Und da währt Ehrlichkeit, dazu zu stehen, was man ist, am längsten.

  11. Simon de Vries 28 Januar, 2010 um 7:13 am #

    Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass ich mehr Einblick hätte als du, Marlin. Ich sitz hier in meiner Gemeinde und les ab und an mal ein Buch, während du glaube ich viel mehr rumkommst und siehst. Ich war auch noch nicht auf einem Emergent-Forum. Insofern vermute ich, dass unsere unterschiedliche Einschätzung vielleicht eher auf unterschiedlichen Erwartungshorizonten beruht, was Veränderung angeht.

    Meine Wahrnehmung ist z.B. die, dass z.B. der diakonische und der missionarische Arm des Missionalen immer mehr zusammenwachsen – insbesondere auch in der Themensetzung bei freikirchlichen Ausbildungsstätten, Konferenzen etc. Und das spiegelt sich auch in vielen Gemeinden wieder, wo manchmal noch etwas unbeholfen darüber nachgedacht wird, wie gesellschaftliche Verantwortung wahrgenommen werden könnte, aber immerhin wird das Blickfeld geweitet. Klassisch dafür habe ich eine Situation aus unserer Zeit in Heidelberg vor knapp 5 Jahren im Kopf, als wir dort in der FeG mit bestimmt 50 Leuten zusammen sassen und überlegten, was in Zukunft dran sein könnte und es sich herauskristallisierte, dass irgendwas „Diakonisches“ dran sein könnte und fast die einzige Idee, die unmittelbar kam, die einer „Suppenküche“ war. Nun ist das für eine Gemeinde im Industriegebiet wahrscheinlich überhaupt nicht passend und die fehlenden Ideen zeigt auch etwas über die Vergangenheit dieser Gemeinde-Tradition, aber mein Gefühl ist eben, dass sich in diesen letzten Jahren einiges getan hat.

    Wenn man die Beispiele nachlesen möchte, dafür ist ja jeweils der letzte Zeitgeist-Block gedacht gewesen. Aber wenn ich alleine an Beispiele hier aus unserem Kirchenkreis denke, was hier für Aktionen laufen für benachteiligte Schulkinder und ihre Familien, im Hospizdienst, in der Notfallseelsorge, in der Schuldnerberatung, in der Pflege, Abendmahl in den Häusern, Konfirmandenunterricht in Häusern usw. Hier redet keiner über emergent oder missional oder so, aber darum gehts ja auch nicht, sondern ums Tun. Das habe ich auch versucht in meinem Kurzkapitel im Zeitgeist, zu zeigen, dass vieles schon längst da ist und wir einfach voneinander lernen könnten.

    Ich glaube aber auch nicht, dass man daraus Modelle machen kann, die sich dann auch in Buchform verkaufen lassen. Mein Eindruck ist zudem auch immer noch der, dass es jedem Volkskirchler mal gut tun würde, mal ein paar Wochen in einer fröhlichen Freikirche zu verbringen und sich anstecken zu lassen von der Dynamik und dem Vorwärtsdenken und so. Und jedem Freikirchler würde ich wünschen, mal ein paar Wochen in der fröhlichen landeskirchlichen Gemeinde zu verbringen und schätzen zu lernen, mit wie viel Liebe und Treue und Geduld dort in wichtigen Projekten gearbeitet wird und man für die Menschen da ist. Das ist vielleicht sehr platt ausgedrückt, aber ich sehe für uns dort immer noch das Hauptpotential, was das Lernen angeht. Manchmal kommt es mir so vor, als würden die Landeskirchler sich mühsam das erarbeiten, wo manche Freikirchler schon lange gut drin sind und umgekehrt.

    • marlster 28 Januar, 2010 um 8:08 am #

      Simon, sehe ich das richtig, dass du diakonisches Engagement als lokale Praxis der EC aus deinem Umfeld siehst, die sich nicht auf EC bezieht und schon da war? Oder die nicht-funktionierenden Ideen einer Industriegebietgemeinde?

  12. Simon de Vries 28 Januar, 2010 um 9:02 am #

    Diakonie als gelebte Nächstenliebe und Hilfe am Nächsten gehört bestimmt dazu, oder nicht? Ich finde immer schwierig, jetzt ein Projekt rauszugreifen, dass in der Weise missional ist, dass es alle Facetten dessen, was von Gemeinde getan werden könnte, abdeckt.

    Das FeG-Beispiel habe ich gebracht, weil ich dir zustimme, dass wir in vielem noch am Suchen sind, was Gott unter uns und durch uns als jeweiliger Gemeinde tun möchte, sich aber durchaus schon was im Denken ändert. Ich glaube allerdings wie Alex nicht, dass wir da weiterkommen, wenn wir in Zukunft nicht mehr (theoretisch und theologisch) nachdenken, sondern uns nur auf die Praxis konzentrieren. Das gehört immer zusammen. Wenn die Praxis schlecht wird, ist das nicht gut für die Theorie und umgekehrt.

    Ich weiß nicht – vielleicht rede ich auch völlig an dem vorbei, was du ursprünglich und im Kommentar mit „die Annahmen testen“ gemeint hast. Positives Engagement und Leute, die sich ins Zeug legen, sehe ich viele.

  13. dikosss 28 Januar, 2010 um 12:04 pm #

    Ich mag es nicht, wenn auf Definitionen rumgeritten wird.
    Aber an manchen Punkten ist es schon hilfreich, Begrifflichkeiten abzustecken.
    Ec habe ich in erster Linie als eine „Frage-Bewegung“ verstanden: das Alte hinterfragen, mal „ganz neu“ denken, Gewagtes denken… ein Stück visionär sein, träumen – auch, wenn man es dann wieder auf den Müllhaufen wirft (dass sich hinter dem Begriff EC dann auch einige sehr schräge Entwicklungen stecken, die sich mehr und mehr vom biblischen Boden entfernen, gehört wohl leider zu einer Dynamik). Insofern erst einmal die Theorie, die aber aus der aktuellen Praxis geboren wird. Das bedingt sich doch oft gegenseitig.
    Dieses Hinterfragen und „neu“ Denken brauchen wir ständig. Wie war das mit dem ecclesia semper reformanda?

    Das „Missionale“ ist für mich noch was anderes.
    Das kann mit EC verflochten sein, ist aber auch ein eigener Schwerpunkt.
    Hier geht es weniger darum, zu hinterfragen oder die Kreativität um ihrer selbst willen aufleben zu lassen – es geht um das Wesen der Gemeinde und ihre Sendungs-Existenz. Diakonie und Mission sind Schlagwörter, die dann gut reinpassen.

    Bei der Entwicklung der EC finde ich es schwer, einen Erwartungshorizont aufzubauen, eben weil es verschiedenste Gruppen und Strömungen gibt, die sich mal das Attribut EC aufkleben. Also: Was soll hier von EC erwartet werden? Muss das nicht völlig subjektiv sein?

    Hingegen ist das Missionale schon eher greifbar für mich. Eine sog.diakonische Aktion, die zugleich auf Gott hinweist, kann ich u.U. beobachten, sehen, greifen… das verstehen auch Nicht-Insider.
    Vielleicht ist das der Grund, weshalb dieser Schwerpunkt viel mehr Fuß fässt in manchen Gemeinden und Verbänden als EC.

  14. Arne 29 Januar, 2010 um 5:33 pm #

    Hallo Marlin, hallo Mitdiskutierer,
    schade, dass ich erst jetzt auf den Blogpost stoße.
    Morgen ist emergent Süd-West Treffen, dort könnte man mal gucken, was so stattfindet.Ich selber werde über die Notwendigkeit eines post-kritischen Glaubens redet, der eben durchaus weisheitlich über reines „was ich alles schlecht finde“ hinausgeht. Aaaaber, es geht ja unter anderem darum, dass man die Kritik nicht wie ein vorübergehendes Übel erträgt und hinter sich lässt, sondern für immer in der DNA des Glaubens verankert (ohne dabei das Engagement zu vernachlässigen). In dem Sinne würde ich sagen: Kritik braucht Freiraum, es dauert 1, 2 Generationen um sich aus Denkmustern zu befreien.
    2. Die Frage: was passiert praktisch? Was ist die Frucht? etc. sind oft sehr zwiespältig. Die Frage ist: wo soll etwas passieren? Erwartet man Scharen neuer junger, hipper Gemeindegründer, die alle 1500 neue Gemeinden in Deutschland gründen? Das ist glaube zu sehr in dem „neue große Erweckungsbewegungs“ Denken drin. Es ging ja gerade darum, nciht in diesem Sinne Bewegung sein zu wollen. Es geht quasi subversiver zu. Man merkt wie sich die Curricula der Bibelschulen verändern; wie zB es plötzlich selbst in konservativen Bibelschulen möglich ist, von einem sotialen Auftrag der Christen zu reden. Das wäre völlig undenkbar vor 5 – 10 Jahren. Die Rhetorik der Evangelikalen und der Freikirchen ändert sich langsam und damit die Wahrnehmung und damit das Handeln. Es sind Prozesse, die diffus und subtil sind und die sich mit Nachdruck nicht auf „how to“ Rezepte runterbrechen lassen. Denn wenn es etwas ist, von dem man in der Freikirchlichhen Szene genug hatte, dann waren es Rezepte, Modelle, Hypes.
    Als ich Ende letzten Jahres auf dem Forum war, war für mich der bewegendste Teil der wo einzelne Projekte sich vorgestellt haben. Da war eine Arbeit unter Asylbewerbern in Sinsheim, ein Café in Berlin, kommunitäre Projekte. Es ist manchmal bewegender zu sehen, wie sich ein Menschenleben verändert, wie ein neuer Gedanke gedacht und wie ein neues Lied gesungen wird als eine Fußballstadium zu sehen, die der neuen Erweckungsbewegung blind hinterherjubeln.
    Vielleicht ist es mit der EC viel einfacher als man denkt: vielleicht ist es einfach ein weißes Blatt Papier. Pete Rollins spricht von einer Wüste inmitten der Oase; einen Ort wo man hinkommen kann wenn man will und nichts zwingend passieren, nicht zwingend gedacht und nichts zwingend gefühlt werden muss und gerade dadurch Neues möglich wird. Mir würde die Conversation fehlen gerade weil sie subtiler ist als jede rationale Kosten-Nutzen Rechnung alá „Was springt am Ende dabei heraus?“. Mir würde da etwas fehlen. Ein Ort zum Atmen.

  15. Peter 30 Januar, 2010 um 1:16 pm #

    Ich finde diese Abgesänge, mit Verlaub, ermüdend. Auch schon bei Andrew Jones. Es klingt mir zu sehr nach „in“/“out“-Listen der Trendsurfer (Jones ist sicher einer). Der Grund, warum ich mich für die Emerging Conversation begeistert habe und das weiter tue, ist dass sie ohne dieses Ding der neuesten Welle und des letzten Schreis auskommt. Die Party ist vorbei? Es sollte nie so eine Party sein.

    Das andere, Marlin, ist die Perspektive. Es zeigt sich in dieser Diskussion ja recht deutlich, dass Du die „Party“ nur als Zaungast verfolgst. Überlasse das Urteil doch denen, die wirklich dabei sind. Das ist sonst auch nichts anderes als das Megachurch-Bashing derer, die noch nie mehr als 30 Leute im Gottesdienst hatten, oder?

    Das dritte sind die falschen Alternativen. Dualismen wie „Theorie und Praxis“ oder „missional, aber nicht emergent“. Das klingt wie „spirituell, aber nicht religiös“, funktioniert aber nur mit einer ganz engen Definition der jeweiligen Begriffe. Du findest den Begriff „missional“ von Beginn an überall in der Emergent Conversation. Es den anderen nun einfach abzusprechen und es für die eigene Bewegung exklusiv zu reklamieren – na ja…

  16. nethargewrers 10 April, 2013 um 4:18 am #

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