Umkehr des Niedergangs – Acts of Faith

24 Sep

Letzter Teil der Serie! Es war spannend, gute Diskussionen. Bin auch gespannt, was ihr hierzu denkt. 

Liberale religiöse Dogmen können keine Menschen mobilisieren – nicht wegen ihrer Inhalte, sondern wegen dem Mangel an Inhalten. Die Basis für die effektiven Religionen ist ein Verständnis von Gott als aktiv, verlässlich, reagierende und allmächtig. Daher ist der Ausruck „moderne Religion“ fast ein Widerspruch in sich. Moderne Theologien scheitern am Mangel an religiösem Inhalt.

Serie: Acts of Faith / Rodney Stark – Teil 1 – Teil 2 – Teil 3 – Teil 4 – Teil 5 – Teil 6 – Teil 7 – Teil 8 – Teil 9

Advertisements

8 Antworten to “Umkehr des Niedergangs – Acts of Faith”

  1. Heike Peckruhn 25 September, 2008 um 9:57 pm #

    Waehrend R. Stark positive Einsichten hat und dazu beigetragen hat, die Saekularisierungstheorie zu verwerfen und rational choice theorie im religioesen Bereich salonfaehig zu machen, habe ich dennoch groessere Schwierigkeiten mit seinem Buch (ganz abgesehen von seinem polemischen Schreibstil und selektiven Datenauswahl / interpretation, der andere Soziologen, vor allem die, die nicht genau in seiner Spur fahren, abschreibt).
    Z.B. beurteilt er alle Religionen und gesammelten Daten von einem Euro-Amerikanisch, konservativem Gesichtspunkt (auch wenn er Europa nicht immer versteht oder nur zu seinem Nutzen interpretiert), d.h. white,male, middle class conservative Christianity. Wenn er von modernen oder liberalen Theologien spricht, hat er auch wieder genau diese Brille auf. Ich habe noch keinen Artikel gefunden, in dem er ueber Ethnizitaet oder Rasse spricht – z.B. laesst er die historisch schwarzen Kirchen in USA total ausser acht – und auch ueber Geschlechterunteschiede und dein Einfluss auf Religioesitaet laesst er sich kaum aus. Gerade diese sozialen Einfluesse sind aber hoechst spannend, wenn es um Religionszugehoerigkeit, Glauben und Gruppenstaerke geht: hier sind moderne Theologien zu finden, die in die Kategorie „effektive Religion“ und „starke Religion“ passen, von einem evangelical-konservativen Gesichtspunkt jedoch wieder in die liberale Kategorie fallen.
    Seine Vorgehensweise beguenstigt auch stark Religionen, die wie konservatives Christentum, Orthodoxy favorisieren („religion as first and foremost intellectual product, and ideas are its truly fundamental aspect“) – und somit kommen Religionen, wie z.B. das Judentum, die Orthopraxis betonen, in seinen Vergleichen und Analysen sehr unguenstig weg.
    Alles in allem denke ich, Stark hat einige gute Punkte, aber tut sich selbst keinen Gefallen durch schwache Methodik in Forschung und Interpretation und seinen herablassendend Stil.

  2. marlster 26 September, 2008 um 6:36 am #

    Guter Kommentar. Der Schreibstil ist mir auch schon als edgy aufgefallen. Mich hat das nicht gestört, weil ich nicht persönlich davon betroffen war. Aber wenn man nicht mit Stark übereinstimmt, kann das sich unangenehm sein.
    Das mit dem selektiven Datensammeln ist mir nicht ganz klar – was meinst du damit? Dass seine Schlüssel den konservativen in die Karten spielen? Ich kenne einige Studien von ihm über Juden, Moslems, sowie Moonies und die Entwicklung der Sklavenkirchen in den Südstaaten. Das hat er meinem Lesen nach sehr positiv dargestellt. Oder wo genau siehst du den Kritikpunkt? Mich überrascht das etwas, was du hier sagst – aber vielleicht sehe ich es nicht.

  3. Peter 26 September, 2008 um 8:13 am #

    Hat Stark eigentlich mal definiert, was er unter „religiös“ versteht? A. McGrath schreibt in „der Atheismuswahn“, dass es im Grunde keine allgemein akzeptierte Definition gibt und man immer in der Gefahr steht, den Begriff „Religion“ der eigenen Absicht anzupassen, so dass am Ende die Gleichung aufgeht. Man muss also zumindest offenlegen, was man dabei voraussetzt, um am Ende nicht die eigenen Voraussetzungen zu „beweisen“…

  4. marlster 26 September, 2008 um 9:07 am #

    Hm, das habe ich gerade nicht da. Aber meinen Verständnis nach (hier ohne die Bücher vor mir, nur vom Eindruck) sagt er: Glaube an eine oder mehrere Gottheiten und Aktivitäten, die ihre Motivation oder Begründung in diesen finden. Spannung bedeutet dann, diese Vorstellung klar formulieren und anspruchsvolle Anforderungen an das Verhalten stellen. Wo siehst du da den Zirkelschluss?

  5. Heike Peckruhn 26 September, 2008 um 12:37 pm #

    Mit dem selektiven Datensammeln – ich habe da einige Kritikpunkte, die mir beim Lesen aufgefallen sind:
    – wie schon erwaehnt, macht er z.B. ueberhaupt keine Utersuchungen der schwarzen Gemeinden in USA, die doch eigentlich sehr in seinem Interesse sein sollten, z.B. wenn es um seine Untersuchungen um starke Gruppen, oder Gruppen in Spannung mit dem Umfeld geht. Hier waeren schwarze Gemeinden in USA eigentlich ein super Beispiel, die sogar zu seinem Punkt beitragen koennten. Die ausser acht zu lassen, kommt bei mir nicht so gut an.
    – Oft zitiert er Untersuchungen, deren Ergebnisse mich stutzig gemacht haben, und wenn ich die Studien selbst nachgeschaut habe, sind die Ergebnisse gar nicht aufschluessig, wie er sie zitiert, oder er laesst z.T. wichtige Faktoren, die das Ergebnis in nein anderes Licht stellen, einfach weg.
    – seine eigenen Studien und Datentabellen, die er im Buch aufzeigt, sind mir eigentlich gar nicht so aufschluessig, oder lassen vor allem andere Interpretationen zu, daher ist mir sein Stil, die Daten als eindeutig zu lesen, wissenschaftlich ungeheuer.

    Zu Peter’s Kommentar: Ich habe in einem Buch keine eindeutige, oder zumindestens konsequente Definition von Religion gelesen. Je nachdem wie er es fuer sein Arguement braucht, scheint er manchmal von Religion = Spiritualitaet im weitesten Sinne eingeschlossen z.B. Heidenglaube, fernoestliche Religionen; und dann mal wieder Christentum; … zu reden.
    Gerade wenn die Diskussion um rational choice theory geht (allgemein, aber auch bei Stark), ist die Gefahr eines Zirkelschlusses gegeben –> im Rueckblick laesst sich alles als rational choice erklaeren, aber ob Intuition, Emotion und Gruppenidentitaeten nicht doch groessere Einfluss habe, damit hat sich die Psychologe in den letzten Jahren wieder mehr bechaeftigt.

  6. marlster 27 September, 2008 um 6:06 am #

    das ist interessant, Heike. Kannst du dazu ein Beispiel sagen? Du scheinst dich da ja auszukennen. Das wäre natürlich eine methodische Schwachstelle. Ich kenne jetzt das Buch (und du anscheinend auch). Kannst du eine zeigen, wo du klar andere Sachen siehst?

  7. Heike Peckruhn 30 September, 2008 um 9:50 pm #

    for example – sorry this will be in english as I read the book in english and it will be easier for me to put down my thoughts on this –
    – he relies on the general social survey, which is a weak survey not only in terms of its vague, christian-biased categories, but also weak in terms of only a 10% (out of 1500 surveyed) response rate
    – his definition of religion is problematic as he a) defines it in terms that favor religions with personal god(s) and b) he assumes in his propositions that people always are exclusively affiliated with one religion only –> e.g. in discussing religious monopolies he talks about catholicism in Latin America and neglects that people there may identify as catholic and the same time practice voodoo or other indigenous religions.
    – by defining religions with afterlife rewards as strong due to their attractive product, he neglects religions that see afterlife as a curse
    – he talks about tension between religious groups and society, never defining what this outside society is, but implying that it consists of secular and liberal views, e.g. on family or sexuality, therefore, conservative evangelicals would have the edge b/c they are in high tension with society. But: this is simply not true for american society, as the majority / mainstream culture actually is conservative and traditional in these areas that he argues about. Furthermore, tension is not as / or not just objective as he makes it –> much of the tension of religious groups is also subjective, a social construct, we decide what our „outside“ world is and if it is for or against us. Here is where it bothers me, as he gives conservative evangelicals the credit for high tension, but totally ignores other groups that are in high tension (objective and subjective) to their environment, e.g. social justice oriented liberal protestant groups in tension with their geographical, political and cultural environment, or liberal, urban black churches in tension with their drug and crime environment. Here he would have to acknowledge that these groups not only have high tension, but are also growing, which he denies.
    – he looks at founding of new churches and credits high tension for success in church planting (Vineyard wins (c: ), but I would argue that in the churches he lists, he neglects categories e.g. target group and worship styles, where I would see Vineyard having an edge to style, community and effectiveness, but I would not rank them higher in social tension as other groups listed. to me it looks like Stark is applying the category of tension without backing it up by evidence, just to make his point.

    There is more, but this is already getting to long, so I’ll stop here.

    Don’t get me wrong here – I am not totally dissing Stark, I think he has some good contributions, esp. in his chapter about conversion he has many good points and arguments. But he is oversimplifying many processes and ignores evidence of the contrary when it would undermine his argument (like the example of tension I cited above). Rational choice theory at that time offered many good and important insights into religious behavior, but has many weak points when one tries to apply it so universally and in an overly simplistic way Stark does. He does not leave room for the complexity of social behavior when he narrows it down to rational decision making. I believe there is more than just one paradigm that can apply.

  8. marlster 2 Oktober, 2008 um 11:39 am #

    @Heike – danke für die Ausführung. Das ist gut.

    Mir ist das auch rüber gekommen – Tension ist ein ungenaues Konstrukt. Im Gespräch mit ihm meinte er: „Tension is about making more demands than the law does“. Auch etwas wackelig. Aber let’s be honest: alle Sozialwissenschaft ist ungenau oder unrelevant. Ich habe zu den Aussagen von ihm neben den Zahlen auch einen intuitiven Zugang. Vieles macht einfach aus meiner Erfahrung her Sinn.

    Er beleuchtet für mich nur einen Ausschnitt aus der Realität. Wie du sagst, ist das simpel. Übernatürliche Bereiche kommen nicht dazu, auch nicht Stil oder Moral an sich. Ich würde ihn auch nicht auf diese Bereich anwenden. Aber auf die Frage: warum entscheiden sich Menschen aus menschlicher Sicht für bestimmte Religionen finde ich das sehr hilfreich. Das hatte ich bisher so noch nicht gesehen und daher meine Begeisterung. Letztlich sind Modell und Theorien ja immer Vereinfachung und da stimme ich dir zu. Ich nehme es auch nicht so „gut vs. böse“ an wie das in deinen Zeilen rüberkommt. Hat jedenfalls beim Lesen nicht so auf mich gewirkt.

    Danke nochmal für die Erklärung von dir.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: