Religiöse Innovation? – Gott entdecken

22 Feb

Kürzlich war ich mit meiner Frau auf einem Date und plötzlich haben wir uns in einem McDonald’s wiedergefunden. Fast-Food ist eigentlich nicht, wie wir unsere speziellen Abende miteinander verbringen, aber als wir durch die Straßen von Mannheim geschlendert sind, haben wir das neue McCafe gesehen und wollten checken, was die zu bieten haben. Mit ihrem gehobenen Stil und eleganten Angebot hat das Gasthaus zur goldenen Möwe eine Seite aufgezogen, die sie so noch nicht gezeigt haben. Sicherlich ist dabei ein Faktor der Erfolg von Starbucks und die Möglichkeit, neue Euros an Land zu ziehen. Der Markt hat sie dazu veranlasst, einen Schritt in Richtung Innovation zu tun. Rodney Stark sagt in Discovering God, dass eine ähnliche Wirkung bei der Entwicklung von Religionen gibt (Zsf Teil 1 und 2). Innovation in Religion kommt aus 3 Quellen: Anwendung auf ein neues Umfeld, Entwicklung von Nischen-Angeboten und verfeinertes Verständnis. Bei den ersten beiden geht es um die gleiche Botschaft in einem neuen Gewand; in der letzten geht es um eine erweiterte Botschaft.

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Neues Umfeld

Als die ersten Siedler in Amerika die Fronten der Prärie bewohnten, hatten die Glaubensbewegungen ein Problem. Das Land war so weit und so wenig Leute wohnte dort, dass es nicht möglich war, europäische Modelle der Versammlung der zu praktizieren. In Europa wohnte man in Städten und Dörfern und in der Mitte Stand eine Kirche, wo die Leute ihr religiöses Leben zentrieren konnten. In Pennsylvania, Ohio und später Kansas und Indiana waren die Menschen so weit voneinander entfernt, dass sie oft monatelang keine anderen Erwachsenen zu Gesicht bekamen. Wie kann man hier eine Gemeinde machen? Viel Erfolg!

Was sich über die Zeit entwickelte waren Camp-Meetings. Dort kamen bekannte Redner und für eine Woche kam der ganze Umkreis zusammen, campte, betete, hing ab und wurde erweckt. Zum Teil kamen dort 20.000 Personen zusammen, was kein schlechter Besuch ist wenn die größte Stadt im ganzen Süden der USA gerade mal 10.000 Einwohner hatte. Außerdem sind dort richtig viele Menschen zum Glauben gekommen oder wieder neu motiviert worden.

Die Camp-Meetings sind ein Beispiel für Innovation im Modell von Glauben. Irgendwas verändert sich in den Rahmenbedingungen und es zwingt, neue Formen zu finden, um die Bedürfnisse der Menschen zu treffen. Ähnliche Entwicklungen gab es im Judentum, im Buddhismus und vielen anderen Religionen. Glaubenssysteme mit einem klaren Kern und flexibler Form haben größere Erfolg in Veränderungen und neuen Situationen. Heute ist sicherlich eine Frage: wie kommen Christen in der Stadt zurecht? Wie agieren wir im Globalisierten Multi-Ehtnitzismus? Wie können Information Worker ein Jesus-mäßgies Leben führen?

Nischenangebote

Für eine ähnliche Entwicklung stehen Willow Creek oder Campus für Christus oder die frühen Gemeinden für Farbige in den Südstaaten. Nischen-Entwicklungen merken, dass eine gewisse Gruppe in der Gesellschaft nicht in die bestehenden Angebote passt. Statt das Modell von Glaube zu ändern, wird lediglich das Gewandt kulturell angepasst: andere Sprache, anderes Tempo, andere Fragen. In den frühen amerikanischen Kolonien waren die befreiten Skalven zum Glauben gekommen, konnten sich aber nicht so richtig für das weiße, intellektuelle Glaubensleben erwärmen. Folglich entstanden Gemeinden, die mehr Emotionalität, mehr Musik, mehr Ausgelassenheit ermöglichten und so den kulturellen Unterschieden Ausdruck bot.

Der größte Teil der Innovation scheint in diese Richtung zu gehen. Es scheint immer noch ein wichtiges Feld zu sein, da die meisten Gemeinden noch immer Mittelklasse für Familien ausgelegt sind. Tim Keller hat zum Beispiel einen bewussten Ansatz gewählt, städtische New Yorker zu erreichen und ist damit sehr erfolgreich. Willow Creek fokussierte sich auf skeptische Vorstädter und die Emerging Church versucht, für frustrierte Gemeindekids einen Raum zu schaffen. Noch immer gibt es hier Raum für Innovation: wie wäre es mit Gemeinden für Leute in ihren Zwanzigern? Wie mit Angeboten für Information Worker und städtische Personen? Wie mit Formen für New Ager?

Eine bessere Alternative

Wenn der Inhalt und nicht nur die Form weiterentwickelt wird, dann wird es natürlich heikel. Die Annahme über Glauben ist ja, dass man an was „Objektives“ und „nicht veränderliches“ glaubt. Wenn man da jetzt Dinge dazu tut oder anders betont, scheint ein Glaubenskrieg nicht allzu fern zu sein. Rodney Stark agumentiert, dass sich das Verständnis von Gott sehr wohl entwickelt. Manchmal ist diese Entwicklung ein Rückschritt, manchmal aber auch ein Fortschritt. Seine These ist: „Gottes Offenbarung ist auf die Verständniskapazität der Menschen beschränkt“. (Fachausdruck: divine accomodation). Stark bezieht sich darauf, wie früher Völker an einen Schöpfergott glaubten, irgendwann gab es dann Monotheismus (Glaube an einen Gott anstatt an viele), dann wurde das Konzept von Sünde erkannt (vor allem im 6. Jahrhundert), später von Vergebung. Das sein in unterschiedlichen Kulturen zu ähnlicher aufgetreten, wobei es natürlich möglich ist, dass die voneinander wussten und ein paar Kunstgriffe von den Nachbaren geborgt haben.

Stark zitiert einige bekannt Größen, um seine Annahme von wachsendem Verständnis von Gott zu untermauern:

Augustinus: „Es gibt Dinge im den Lehren der Erlösung, die wir jetzt noch nicht verstehen können… aber eines Tages werden wir sie verstehen.“
Aquinas: „Die Dinge Gottes werden den Menschen nur in ihrer Kapazität zum Verstehen offenbart; sonst werden sie verachten, was sie nicht verstehen können… Die Offenbarung in der heiligen Schrift ist ein Schleier, der gelüftet werden muss. Er passt sich unsrer momentanen Kapazität an… und wird sich eines Tages erweitern“.
Calvin: „Gott offenbart sich uns entsprechend unsrer Grobheit und Schwäche… er hat sich auf unterschiedliche Weise in unterschiedlichen Zeiten gezeigt, wie er wusste, dass es für sie passend sei… Er hat sich dem menschlichen Verständnis angepasst, das unterschiedlich und veränderbar ist“.

Ähnlich schreiben heute Rob Bell und NT Wright darüber, wie Wissen historisch treu und innovativ sein kann. Rob Bell sagt in Velvet Elvis, dass man theologische Aussagen entweder als Steine einer Mauer oder Federn eines Trampolins sehen kann. Steine sind fest, klar abgegrenzt und trennen ab. Federn sind elastisch, dynamisch und laden zum Springen ein. Bell geht auf das Konzept Dreieinigkeit ein: es ist nicht direkt in der Bibel, aber eine zentrale Aussage, die vielen geholfen hat. Manche Federn sind stärker als andere und bringen uns näher an Gott. Was hindert, dass wir noch stärkere Federn entdecken?

The tradition then is painting, not making copies of the same painting over and over. The challenge of the art is to take what was great about the previous paintings and incorporate that into new paintings. And in the process, create something beautiful and meaningful – for today.

NT Wright hat sich die Frage gestellt: „wie kann eine Geschichte Autorität besitzen?“. Die Bibel ist ja kein Regelwerk oder in Prinzipien unterteilt. Es ist eine Geschichte und da stellt sich die Frage: „wie können wir uns auf unbewandertes theologische Gebiet begeben?“ NT Wright meint, wir können die Bibel ansehen wie ein Drama, für das 4 Akte vorliegen und der 5. nur teilweise da ist. Eine glaubhafte Auseinandersetzung bedeutet, den ersten 4 Akten treu zu sein und trotzdem Freiheit im 5. Akt zu haben. Ob Offenbarung oder theologische Übersetzungsarbeit zu Weiterentwicklung führt, ist offen.

Letztlich muss eine Innovation im Inhalt eine bessere Alternative darstellen. Theologie entwickelt sich weiter, indem sie treu der Historie ist, aber auch ein Angebot für die Gegenwart hat, das dem Leben zuvor überlegen ist. Es ist die Formulierung, dieser besseren Alternative, die Bewegungen entstehen lässt.

Innovation dienst sowohl den Menschen als auch dem Anbieter. Wie McDonald’s werden neue Interessenten erreicht. Und wenn die netten Kunden wie Carla und ich von dieser Innovation und der besseren Qualität profitieren, dann haben ja alle was davon.

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3 Antworten to “Religiöse Innovation? – Gott entdecken”

  1. Arne 23 Februar, 2008 um 8:24 pm #

    Schöner Post. Finde den Punkt 3 sehr richtig.
    Ich würde sogar sagen: die Erkentnis Gott kann nur zunehmen, wenn unsere Erfahrungen mit dem Heiligen Geist und unser „Bibelwissen“ auf die Fragen unserer Zeit treffen.
    Zuerst kam die Erfahrung „Jesus ist größer als nur ein Mensch“ (was man ja schon im NT sieht). Dann haben die Leute darüber geredet und Leute von außen haben die Frage gestellt: „Na was ist er dann?“. Und anstatt sich zurückzuziehen haben die ersten Christen wohl sich mit der Frage ernsthaft auseinandergesetzt. Genau wie Paulus in Athen, als er sich mit den Fragen der griechischen Welt auseinandergesetzt hat, mit den Philosophen; auch das hat sein Verständnis von Gott erweitert.

  2. JuergenLee 10 März, 2008 um 8:47 am #

    An was man nicht alles bei einem McDonalds Besuch denken kann! 😉 Diese drei Punkte sind wohl immer aktuell und vor allem sträuben wir uns als Kirche am stärksten gegen den dritten Punkt der besseren Alternative. Gott ist seinem Wesen nach jemand, der sich ständig offenbart, ohne dies wir überhaupt keinen Anhaltspunkt von ihm hätten. Also wieso sollte dann unser „Wissen“ über ihn irgendwann erschöpft sein? Ich denke es gibt grundsätzlich nichts „Neues unter der Sonne“, da alles bereits immanent vorhanden ist, aber NEU in dem sinne, dass wir es noch nicht erkannt haben. Und da stimme ich Arne zu, dass dies viel mit unseren persönlichen Glaubenserfahrungen zusammenhängt. Wer sich einläßt macht Erfahrungen und wird herausgefordert.
    Bezüglich des neuen Umfeldes gehe ich die Gemeinde auch herausgefordert. Wie im „Westen“ so leben wir auch heute zerstreut! Vielleicht nicht nur räumlich (buisnessmen) aber vor allem terminlich durch unsere immer mehr zerklüftete Arbeitswelt und das verfließen jeglicher fester Arbeitsrythmen.
    Gemeindliche Nischenangebote unserer Zeit sehe ich in Emerging Churches, die sehr bewußt kulturrelevant ihre Subkultur kreativ und experimentel durchdringen möchten.

Trackbacks/Pingbacks

  1. Wie entstehen Bewegungen? - Gott erkennen « siyach - 5 März, 2008

    […] Behauptungen aufzustellen. Im letzten Teil der Zusammenfassung seines Buchs (Teil 1, Teil 2, Teil 3) geht es darum, wie Bewegungen aus Innovation geboren, über Netzwerke sich ausbreiten, dort hohe […]

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