La-la-la Lass dich nicht beschränken – Ratatouille

20 Jul

Ein neuer Pixar-Film ist immer ein Highlight für mich. Nicht nur ist die Animation beeindruckend und die Stimmung gut, sondern ich mag auch ihr Storytelling. Zunächst waren die Pixar-Jungs Animations-Geeks ohne Gefühl für Geschichten. Dann haben sie Robert McKee getroffen und erzählen seitdem wunderbare Geschichten: über die Suche nach dem verlorenen Sohn (findet Nemo), der Vorteil von positiven über negativen Emotionen (Monster AG), das Problem von ungenutzten Fähigkeiten (die Unglaublichen) zur Entschleunigung des Lebens (Cars).

ratatouille2.jpg

Jetzt kommt der neue Streifen über das Leben eine Ratte mit ausgefeiltem Geschmacksinn. Ratten?! Eher ungewöhnlich. Gestern hatte ich das Glück, den neuen Pixar-Film Ratatouille zu sehen. Die Geschichte geht folgendermaßen: eine kleine Ratte „Remy“ merkt, dass sein ausgefeilter Geruchs- und Geschmacksinn nicht mit seiner müllessenden Rattenfamilie klarkommt. Statt Müll sucht er nach französischem Käse, Gewürzen und allem, was Menschen eigentlich gut finden. Im Haus einer alten Frau bedient sich Remy öfter an den köstlichen menschlichen Zutaten und sieht dort im TV eine Kochsendung des Starkochs Gusteau. Die Ratschläge des Meisters ziehen Remy an und Gusteau wird zum Mentor für die kleine Ratte. Als Remys Vater ihm sagt: „im Ende sind wir einfach nur Ratten“, kommt Gusteau und meint „lass niemand dich hindern. Wir sind nicht, wie andere uns festlegen“.

Damit kommt Ratatouillle zu seiner großen Story-Idee: sei offen für ungewöhnliche Entwicklungen! (und eine Unteridee: geben ist besser als nehmen). Es geht um den Umgang mit Stereotypen (Ratten mitten im Essen ist nicht gut), die Limits in unsrer Familie (bleibe als Ratte unter Ratten und meide gefährliche Menschen) und den Umgang mit Transparenz und Tabus (OK, Ratten kochen gut; aber dürfen die Gäste das wissen?). Da stellt sich natürlich die Frage: warum gibt es Stereotypen? Warum legen Eltern ihren Kindern Limitationen auf?

Es hat so viel negative Presse und kaum jemand würde von sich sagen: ja, ich habe superviele Stereotypen und freue mich darüber! Warum haben wir dann alles sowohl unsere Schubladen als auch Abneigungen gegen sie? Vielleicht ist die Welt einfach zu komplex, um ohne Schubladen in ihr rumzulaufen. Ich bin immer beeindruckt, wenn ich mit jemand in einem neuen Feld unterwegs bin und die finden sich schnell zurecht. Meistens haben die die Fähigkeit, die neue Erfahrung (die für uns beide neu ist) mit ihrer alten Erfahrung (die wir beide haben) effektiv in Verbindung zu bringen. Sie können auf Merkmale reagieren und diese schneller einer Schublade zuordnen. Abstraktion nennt man das. Und jedes Mal wenn man abstrahiert zieht man ein Merkmal aus der Menge von Merkmalen heraus und verbindet das mit anderen. Ratten – Dreck – schlecht für Essen.

rata2.jpg

Aus dem gleichen Grund geben Eltern wohl ihren Kindern Daumregeln mit auf den Weg, um Gefahren zu meiden und innerhalb der Grenzen ihr Glück maximal zu entfalten. „Iß keinen Dreck“ kommt meist nicht mit einer tiefen Begründung und dient nur dem „sonst tut dir der Magen weh“. Trotzdem führt dieses Glücksprinzip der Eltern für ihre Kinder zu Problem: weil für die Eltern vielleicht Glück (Sicherheit) eine andere Farbe hat als für die Kinder (Abenteuer). Und das sind dann die Probleme, die zu Konflikten in der Familie führen und uns mit unsrer eigenen Vergangenheit kollidieren lassen.

Und dann gibt es noch das Thema Tabus: wie geht man mit diesen Schubladen um, die man nach Meinung der Öffentlichkeit gar nicht anfassen sollte. Die Ratte in der Küche. Dürfen das die Gäste wissen? Selbst wenn sie gut kocht und damit den Stereotyp bricht – führt das überhaupt zu einer Diskussion, oder ist der Anblick alleine schon das Ende jeder Diskussion? Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie sich die deutsche Öffentlichkeit für sehr weltoffen, neutral, reflektiert und demokratisch hält, und gleichzeitig bei vielen Themen eine Spontanallergie entwickelt, sobald das Wort im falschen Kontext fällt. Ob Naizs und Israel, Frauen, Atomkraft, Kapitalismus, Militarismus oder sonstige rote Tücher. Was ist denn da los? Sicher gibt es Themen, die geladen sind und vorsichtig formuliert werden müssen. Mir scheint, dass unsere Zeit, die sich gerne so neutral und weltoffen sieht, auch ihre klaren Tabuschubladen hat. Und das führt meistens zu blinden Feldern. Das sind die Sachen, wo man dann im Nachhinein andere anschaut und denkt: wie konnte man nur!?

Ratatouille ist ein wunderbarer Film. Gegen Ende kommt die Geschichte zum Höhepunkt als der Restaurantkritierik seine Wertung zur Kochkunst von Remy abgibt. Es beschreibt den Wert von Offenheit, den Unwert von Kritik und das Risiko der Offenheit:

In many ways, the work of a critic is easy. We risk very little yet enjoy a position over those who offer up their work and their selves to our judgment. We thrive on negative criticism, which is fun to write and [easy (sic)] to read. But the bitter truth we critics must face is that, in the grand scheme of things, the average piece of junk is more meaningful than our criticism designating it so. But there are times when a critic truly risks something, and that is in the discovery and defense of the new. Last night, I experienced something new, an extraordinary meal from a singularly unexpected source. To say that both the meal and its maker have challenged my preconceptions is a gross understatement. They have rocked me to my core. In the past, I have made no secret of my disdain for Chef Gusteau’s famous motto: Anyone can cook. But I realize that only now do I truly understand what he meant. Not everyone can become a great artist, but a great artist can come from anywhere. It is difficult to imagine more humble origins than those of the genius now cooking at Gusteau’s, who is, in this critic’s opinion, nothing less than the finest chef in France. I will be returning to Gusteau’s soon, hungry for more.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: