Wie sich meine Einstellung zu Frauen im Dienst geändert hat

17 Jul

Die primale Erfahrung – alles geht
Ich bin eigentlich geschlechtsneutral aufgewachsen. Als Kind erinnere ich mich an kein klares Rollenverständnis für Mann und Frau. Die Unterschiede von Mann und Frau waren nie ein Thema bis zur Pubertät – und dann aus anderen Gründen. Was die Verteilung von Aufgaben und Privilegien anging, fand ich den Trend zur Unbekümmertheit cool. Jeder konnte machen, was er konnte. Keine Probleme. Wir sind moderne Menschen!

Der einzige Nervfaktor auf meinem Radar waren schlecht gekleidete Frauen, die meinten wir leben noch im Mittelalter und sie müssen uns befreien. Mir war nie klar, was eigentlich falsch lief. Aber für die Feministen schien es eine Art Lebensmission zu sein, zu kämpfen, zu kämpfen und weiter zu kämpfen. Meist habe ich nicht verstanden, wer genau was falsch macht, so dass in mir die Abneigung gegen diese Art von Gleichheit-als-Religion wuchs. Geschlechtsverteilung war noch immer kein Thema, aber mir war jetzt klar, was ich nicht wollte: keine Geschlechter-Verbortheit – weder auf Gleichheits noch auf Frauen-an-den-Herd-Seite.

Journey into Theology
Als ich Christ wurde war mir das Thema auch egal. Ich war viel zu fokussiert auf Jesus und was er mit meinem Leben vorhatte als dass ich Nebendiskussionen führen wollte.
Auf meinem Radar erschien dann das Thema als ich in einer ernsthaften Beziehung lebte. Mit den Gedanken an Heirat und den Folgeaktivitäten (wie Familie, Kinder etc) muss man sich schon mal fragen, was denn ein Mann so macht bzw machen sollte. Also nahm ich mir die Bibel und kam zu Epheser 5: sich unterordnen, lieben, versorgen, leiten. Für die Frau stand da eine andere Liste: sich unterordnen und ehren.

Als ich dann etwas tiefer in das Thema einstieg bin ich auf Piper und Grudem gestoßen. Die beiden haben ein THEOLOGIE-Buch zum Thema geschrieben, das auch noch eine Goldmedaille gewonnen hat (kostenlos hier, euromäßig hier). Der Untertitel gefiel mir: irgendwas gegen Feminismus. Ich fand ihre Argumente überzeugend, vor allem weil sie Männer zu mehr Aktivität riefen. Nebenbei argumentierten sie auch noch, dass eigentlich nur Männer in der Gemeinde das Ruder in der Hand halten sollten.

Auch das fand ich nachvollziehbar, weil die Argumente für mich integer und begründet waren. Also schloss ich mich der Meinung an. Als ich dann mit einigen Freunden darüber sprach, wurde ich komisch angeschaut. Irgendwie war es ein Tabu, so eine Meinung zu haben. Es war auch egal, ob man das mit der Bibel, mit Verstand oder sonst wie verstand. Es war einfach ein Fehler, auf dieser Seite des Zauns zu stehen. Ich habe das total unterschätzt. Es sind sogar einige Freundschaften deswegen auseinander gegangen. Darauf war ich überhaupt nicht vorbereitet.

Ich habe mir dann gesagt: naja, es ist ein 2-rangiges Thema. Jesus hat nicht viel darüber gesagt und es ist nicht heils-entscheidend. Entscheidend sind Dinge wie Himmel und Hölle, Jesus, Gnade, Gemeinschaft, Anbetung etc. Trotzdem verhielt sich das Thema wie ein gereizte Wunde: bei jeder Berührung damit gab es einen Aufschrei, schmerzverzerrte Gesichter und wenig Nerv, sich mit Gründen auseinanderzusetzen. Ich war ehrlich auch geschockt, wie unentspannt Christen zur Sache gehen und wie schwer es ist, einen Dialog zu führen, wenn man über etwas nicht übereinstimmt.

Journey into History
Ich habe mich also in einem Dilemma wieder gefunden: auf der einen Seite wollte ich ein theologisch intereges Leben führen. Auf der anderen mich nicht mit Dingen rumschlagen, die für mich klar sekundär sind, einen riesigen Aufwand mit sich bringen und nix dabei raus kommt (oder nur Negatives). Also habe ich versucht, mich um-zu-überzeugen. Ich habe nur noch Autoren gelesen, die pro-Frau argumentieren. Ich habe meine Freunde gebeten: bitte überzeuge mich. Ich habe meinen Verband gebeten, dass sie uns eine Entscheidung vorgeben.

Kenneth Bailey lebt seit einiger Zeit im mittleren Osten, um die Kultur besser zu verstehen und damit die biblischen Geschichten besser zu deuten. Er schrieb einen Artikel: Women in the New Testament: A Middle Eastern Cultural View. Loren Cunningham argumentiert für Gleichheit der Frauen und NT Wright denkt, Jesus aktiv Frauen in Lehrfunktionen einbezogen hat (am Grab, Maria zu Füßen Jesu, Verfolgung durch Paulus). Für alle war Ephesus ein kulturelles Problem, weshalb 1. Timotheus auf eine lokale Situation hindeutet.

NT Wright hat mich noch weiter ins Nachdenke gebracht, als er von der Struktur der Bibel in 5 Akten spricht. 4 sind gegeben (1. Schöpfung; 2. Sündenfall; 3. Israel; 4. Jesus), und das Ende ist auch klar. Es ist unsere Aufgabe, jetzt den 5. Akt zu improvisieren – natürlich in Einklang mit den bisherigen Szenen. Ähnliche Argumente bei Rob Bell mit Velvet Elvis:

The tradition then is painting, not making copies of the same painting over and over. The challenge of the art is to take what was great about the previous paintings and incorporate that into new paintings. And in the process, create something beautiful and meaningful – for today. (p. 13)

Wie ist denn das Schauspiel bisher gelaufen bezogen auf Frauen? Eher offen. Eher sekundär, wenn es überhaupt ein Thema war. Primär sind auf jeden Fall Mission und die Person Jesus und Nachfolge und Gebet.

Da es darum geht, die Message von Jesus in unsere Zeit zu übersetzen, habe ich eine Trennung von Mann und Frau in Leitung nicht hilfreich gefunden. Auch wenn es ab und zu einen theologischen Knick auf dem Papier gibt, lässt sich die gesamte Geschichte besser leben, wenn man diese Trennung nicht aufrecht erhält. Im 5. Akt kommen die Hauptstränge der Geschichte in den Fokus. Die finalen Konflikte werden durchlebt und das Schicksal der Hauptakteure wird entschieden. Ich glaube, dass es dort wenig Screentime gibt für sekundäre Themen.

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10 Antworten to “Wie sich meine Einstellung zu Frauen im Dienst geändert hat”

  1. dave 17 Juli, 2007 um 10:21 pm #

    hallo! sehr interessanter beitrag – zum ende hin läßt die qualität etwas nach, so als ob die diskussion an der interessantesten stelle aufhört. irgendwie fehlt mir noch ein fazit oder so und einfach noch mehr begründung. ich bin mehr auf der konservativeren seite zu finden, habe deshalb aber (noch?) keine freundschaften eingebüßt. sehe das aber trotzdem differenziert, predigen und wichtige lehrentscheidungen in der gemeinde würde ich sagen nur männer, ansonsten können sich frauen natürlich auch mit einbringen. nur sollte es nicht dazu führen, daß männer sich irgendwie zurückziehen und einfach schlaff werden in der gemeinde, daß wäre hintenraus fast schlimmer als zuviel frauenemanzipation…
    man kann sagen, es sei ein zweitrangiges thema, aber irgendwann stellt es sich in jeder gemeinde, egal ob neugründung oder etablierte. und wenn man denkt, das wäre bei der jungen generation durch das thema, dann irrt man sich, das kommt alles wieder. so zumindest meine erfahrungen.

    ~gruß, dave 🙂

  2. Susan 18 Juli, 2007 um 7:27 am #

    Heißes Eisen, dieses Thema, immer noch, viele Emotionen und viel Unverständnis. Sicher kein „heilsrelevantes Thema“, aber es als zweitrangig zu bezeichnen, hm – als Frau sicher nicht.

  3. marlster 18 Juli, 2007 um 8:07 am #

    Ja, es gab noch ein paar weitere Gründe, die ich nicht ausformuliert habe. Ich poste sie jetzt hier im Kommentar.

    – Frucht: unsere Annahme, als wir diese Haltung in der Gemeinde umgesetzt haben, war: das steht in der Bibel, das hat seinen Sinn und wir Leuten helfen. Selbst wenn es nicht angenehm ist. Wir haben erwartet, dass Personen sich mit der Frage von Männlichkeit und Weiblichkeit auseinandersetzen, dass sie über ihren Umgang mit der Bibel nachdenken, und dass wir es als Gemeinde schaffen, ein centered Set zu leben (Einheit im Wesentlich, Freiheit im Nicht-Kern). Diese Erwartungen haben sich nicht erfüllt. Viele Leute waren frustriert; viele Frauen sind gehemmt und zurückhaltend. Es war auf jeden Fall kein Schub Richtung Beteiligung und Mission, sondern eher verhaltene Beteiligung. Das sind Früchte, die uns nicht gefallen haben. Jesus nimmt die Frage nach der Frucht als ein Kriterium, um Ansprüche zu unterscheiden. Also haben wir uns die Frage gestellt, ob unser Ansatz in die richtige Richtung geht. Wir hatten das Gefühl, dass es das nicht tut.

    – Einheit: Wir haben über 2-3 Jahre über dieses Thema diskutiert und geredet. Es war nicht unsere Hoffnung, dass wir alle die gleiche Meinung haben werden, aber dass es bei einige Diskussion einen Grundkonsensus über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt. Das hat nicht stattgefunden. Wir haben gesehen, wie viele aufrichtige, bibeltreue, hingegebene Personen unsere Position nicht nachvollziehen konnten. Zum Teil waren sich die Diskussionen nicht optimal. Aber wenn nur die Leitung in eine Richtung zieht und der Rest in eine andere (und die Frucht nicht gut ist), wie kann man es dann aufrecht erhalten. Es gibt hier sicher keine einfache Lösung. Aber bei einer ähnlichen Frage in Apg 15 war die Einheit der Leute entscheidend bei der Richtungsfindung in einer heiklen Frage (Reinheit von Essen). Ich finde die Worte interessant („nachdem sie sich lange gestritten haben“ – v7) und dann den Entschluss („Denn es gefällt dem heiligen Geist und uns, euch weiter keine Last aufzuerlegen als nur diese notwendigen Dinge“ – v28). Es ist nicht ein demokratischer Prozess, aber ein Achten darauf, dass wir für Mission geschaffen sind und dass das gemeinsame geistliche Wahrnehmen dabei wichtig ist. Das haben wir versucht.

  4. domis 18 Juli, 2007 um 10:10 am #

    @>>predigen und wichtige lehrentscheidungen in der gemeinde würde ich sagen nur männer, ansonsten können sich frauen natürlich auch mit einbringen.<<
    dann müsste man konsequent sein und frauen auch verbieten im kindergottesdienst zu predigen, oder? weil gerade da ist es doch besonders wichtig die „besten“ leute zu haben (so von wegen zukunft und so).
    wenn ich nach der frucht gehe (und das will ich hier tun), dann würde ich im punkt lehren keinen unterschied machen, habe einfach schon zu viel richtig gute lehre von frauen gekriegt (okay, die „star-lehrer“ sind vorwiegend männer, aber grad in meiner dts waren die weiblichen lehrer einfach besser)

  5. dave 18 Juli, 2007 um 1:26 pm #

    @domis:
    ich habe bewußt „entscheidungen“ geschrieben, nicht die lehre als solches – frauen sollen und müssen m.e. sogar lehren, also „unterweisen“, sei es nun für die kinder, bei den frauen sowieso, aber natürlich auch in gottesdiensten an verschiedenen stellen. mit entscheidungen meine ich eher fragen, z.b. theologischer art, wo die „brüder“ im ältestenkreis das letzte wort haben sollten. ich möchte aber daraus jetzt keine theologie machen… wie im nachtrag von marlster angerissen: es geht um fruchtbringende verhältnisse und auch wie paulus oft schreibt, um eine gewisse ordnung (also kein chaos in der gemeinde!). — all das schließt aber eine unbedingt notwendige freiheit, gelassenheit und kreativität in keinster weise aus. — bsp.: es gibt mir bekannte meinungen bzw. gemeinden, da ist es im prinzip sogar verboten, daß frauen im godi beten dürfen, die gleichen gemeinden senden aber missionarINNEN nach afrika aus. da sieht man wie unsinnig und unbiblisch solche „menschlichen“ regeln sind…
    ~dave 🙂

  6. Peter 19 Juli, 2007 um 10:02 pm #

    Hi Marlster,

    also nur dass ich das richtig verstehe: bislang waren Frauen in der Leitung in der Gemeinde tabu, das seht Ihr aber jetzt anders?
    Das wäre dann quasi die erste Gemeinde, die ich kenne, die eine solche Kehrtwende vollzieht. Das finde ich erstaunlich und auch erfreulich!
    Mein Umfeld, in dem ich meine christliche Prägung erlebt habe, war immer mit starken Frauen „durchsetzt“. Deshalb ist es für mich eigentlich normal, dass Frauen predigen, lehren und leiten. Ich habe das oft als sehr segensreich erlebt. Zwar habe ich auch eine negative Erfahrung gemacht – aber die unterstreicht das Thema für mich eigentlich. Auf der Bibelschule hatten wir u.a. eine Lehrerin, deren Unterricht aus meiner Sicht furchtbar war. Sehr unstrukturiert, durcheinander, emotional überdreht. Die Stunden waren immer langweilig und doof. Und zwar nahezu für alle Männer. Aber komischerweise sind fast alle Frauen extrem begeistert gewesen davon. Meine Schlussfolgerung: manchmal erreichen Frauen Frauen besser. Und Männer Männer. Und allein deshalb sind Frauen im Predigtdienst und in der Leitung gut und wichtig.
    Simon sagt es in seinem Block: gabenorientierter Dienst ist das zentrale Stichwort. Keine blöde Quotenmeierei. Also nicht die Frau in der Leitung, damit in der Leitung eine Frau ist. Sondern je nach Gabe bitte.
    Ein Punkt, den Männer u.U. besser beherrschen: sie können die Emotionen ganz gut ausblenden und in ganz schweren Situationen vermutlich leichter rational entscheiden als Frauen. Also in Krisensituationen müssen die Männer das Heft wohl etwas fester in die Hand nehmen.
    Aber ansonsten finde ich ein Miteinander sehr gut und segensreich.

    Viele Grüße,
    Peter

  7. tobiK 21 Juli, 2007 um 6:35 pm #

    Du bist geschlechtsneutral aufgewachsen? Glückwunsch, da dürftest Du der erste sein!

  8. marlster 22 Juli, 2007 um 1:24 pm #

    Petster: ja – hast du richtig verstanden. Dabei geht es uns aber nicht nur darum, möglichst pragmatische zu sein (gabenorientiert), sondern nach wie vor zu überlegen, was Mann/Frausein für eine Bedeutung hat und Berufung in sich trägt. Wir wollen das aber nicht mehr ausschließlich festlegen, aber auch nicht sagen, dass es bedeutungslos, ob man Mann oder Frau ist.

  9. miri 27 Juli, 2007 um 12:21 pm #

    ja, sehr interessant das ganze Thema. bin damit immer noch nicht durch. AUch die ganze Kopftuchgeschichte und so….immer wenn ich denk ich habs abgeschlossen das Frau-Mann-Gemeinde-thema stolpere ich prompt in meiner Bibel drueber.
    Bei uns im CVJM sind Frauen in der Leitung und ich muss sagen, dass ich das gut finde. Wuerde mir aber fuer den Jugendbereich eher mehr Maenner wuenschen die Leitung uebernehmen, ich glaub frauen springen auch oft einfach in die Presche…weil sie die Luecken sehen und dann handeln.
    Ich hab fuer mich festgestellt, dass ich zwar predigen kann, aber auch viele Dinge einfach habe, weil ich Frau bin, die Maenner eben nicht haben. Geborgenheit geben, das richtige Feingefuehl fuer Kinder z.B. So Dinge, die mir eben auffallen und mich intuitiv handeln lassen. Diese „Gabe“ die ich einfach habe weil ich Frau bin, wuensch ich mir zu nutzen und ich glaub so hat Gott sich das auch gedacht. Deswegen funktionieren wir ja unterschiedlich, handeln unterschiedlich und haben an unterschiedlichen Dingen Interesse….
    nun ja. Ich finde Elisabeht Elliot schreibt sehr schoen uebers Frau sein in „let me be a woman“…les es grad mal wieder und kann ihr nur zustimmen !

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  1. Frauen, Männer, Bube, Leut… « setting sail - 19 Juli, 2007

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