Wie man ein Dorf baut – Cluster in Sheffield

17 Mai

Kürzlich habe ich Mike Breen in Zürich getroffen. Es war eines der raren Wochenende, an denen ich wohin gefahren bin, um mir selbst geistlichen Input zu geben. Mike popularisiert gerade die LifeShapes, die wir selbst in Heidelberg eingeführt haben. Es war also eine gute Möglichkeit, Input zu bekommen und mit anderen zu connecten, die das auch umsetzen.

Außerdem reitzte mich der Hintergrund von Mikes Gemeinde. Er ist Europäer, was ihm schon mal Glaubwürdigkeit verleiht. Er war über 10 Jahre Pastor in der St.Thomas Church in Sheffield, einer großen anglikanischen Gemeinde. Dort begann unter anderem der Nine O’Clock Service (NOS), eine Vorreiter-Gemeinde in Alternative Worship in den 80ern. Ich war noch nie dort, aber es scheint, dass sie einen guten Weg gefunden haben, Mission, Jüngerschaft und Gemeinde zu leben. Da das relativ selten ist und genau meinen Fragen entspricht, bin ich natürlich sehr interessiert, von ihren Erfahrungen zu lernen.

OK, der Tag in Zürich war ganz gut. Input war nett: 4 Punkte über die Veränderungen in unsrer Zeit und wie wir darauf reagieren können. (Interessanterweise decken sich die 4 Puntke mit meinen Reflektionen zu The Rise of Christianity). Mike erwähnte immer wieder die Veränderung in Familienstrukturen in unsrer Zeit: immer war die erweiterte Familie der Referenzpunkt für Menschen – ihre Identität, ihre Integration, ihr soziales Rahmenwerk. Erst in den letzten 100 Jahren sind wir zu Micro-Familien übergangen und damit einem Wegbruch dieses Rahmens. Das führt zu enormen Verlust an Identität und Sicherheit bei den Leuten.

Nette Beobachtung. Aber was bedeutet das? Mehr Kinder bekommen? Mehr Familienorientierung? Mike erzählte dann von der Idee von „Clusters“, die sie in St.Thomas umgesetzt haben. Clusters sind: „mid-sized communities in mission“. Eine Ebene zwischen Kleingruppen und Gottesdienst. Es ist die Art wie erweiterte Familie gelebt werden kann. Hier sind die Hauptmerkmale, wie sie Mike beschrieben hat:

  • Cluster sind zwischen 20 und 70 Personen groß.
  • Sie geben sich eigene Namen, was ihre eigene Identität wiederspiegelt.
  • Sie haben eine eigene Zielgruppe und eigene Mission.
  • Sie feiern eigene Gottesdienste und orientieren ihren Dienst an ihrer Mission.
  • Kleingruppen multiplizieren sich darin sehr gut, weil sie in das erweiterte Beziehungsnetz eingebunden sind.
  • Es findet kein „social engineering“ statt – niemand muss in eine geteilte Gruppe gehen, sondern die Zugehörigkeit findet natürlich statt.
  • Cluster sind eine Art von Mid-Sized Congregation, ähnlich wie Hauskirchen, aber in eine größere Struktur eingebunden.
  • Cluster können Gemeinde-Gottesdienste ersetzen, ergänzen oder nebenher laufen
    Sie werden von Laien geleitet.
  • Cluster sind der ideale Ort, um Out (Mission) zu leben, weil sie am nähsten an den Leuten ist.

Das hört sich alles sehr gut an. Aber funktioniert es? Mike ist der Meinung: ja. Bei ihnen gibt es 30+ Cluster und die haben zum Teil bis zu 30% Nicht-Christen mit dabei. Das Identitäts-Argument scheint zu funktionieren. Mir gefällt auch der Beziehungsaspekt von Gemeinde – es ist nicht mehr so viel auf das Programm gerichtet (Gottesdienst am Sonntag), sondern die Zugeöhrigkeit geht über Beziehungen und reale Leute.

Für mich geben Cluster (über den Namen für die Struktur müssen wir im Deutschen nochmal nachdenken) Ausdruck für einige Beobachtungen, die ich seit einigen Jahren in mir trage:

  • In Deutschland funktionieren größere Gemeinden nicht so gut. Alles über 70-100 Leute wird schwierig und von den Leuten misstrauisch beobachtet.
  • Menschen engagieren sich mehr in kleinen Gruppen. Es gibt weniger Passivität und mehr Identität.
  • Unabhängige kleine Gruppen entwickeln nicht die Dynamik wie vernetzte Gruppen mit einer größeren Vision.
  • Eigenverantwortung ist ein großer Anteil im Entwickeln von Leitern.
  • Generell bin ich Zielgruppen abgeneigt. Allerdings fühlen sich die Leute am wohlsten mit Menschen, die eine ähnliche Lebenserfahrung haben wie sie selbst.

clustersbook.jpg(Einige andere machen ähnliche Beobachtungen: Reinhold redet über die Holding Church; Walter aus der Tiefebene übersetzt die Beschreibung aus Sheffield und reflektiert seine eigene Erfahrung; und diese Woche kam ein Buch von Bob Hopkins und Mike Breen über Cluster raus – creative mid-sized missional communities)

Daher wollten wir in Heidelberg schon früh auf eine 2. Gemeindegründung raus. Ich habe gemerkt, dass viele mit diesem Ansatz wenig anfangen. Kleine Gruppen – klar, das macht Sinn. Aber noch eine Gemeinde?! Wir haben uns dann geeingt, dass wir einen 2. Gottesdienst planen, der so eine Art Quasi-Gemeindegründung wird. Die Idee war, das etwas mehr emergent zu machen (also eigene Zielgruppe). Bei den ersten Treffen kam dann raus, dass ein eigener Namen enstanden ist (also Identität) und einige Leute sich dort besser integriert fühlten. Deckst sich also mit den Annahmen und Beschreibungen von Mike.

sim_logo1.jpgZurück nach Zürich: In einem Nebensatz meinte Mike – „don’t build a church, focus on building a village“. Ein Dorf bauen? Wie macht man denn das? Mike hat keine richtige Antwort darauf gegeben, aber ich ahne was er meint (es sind meist nicht die Antworten, die zählen, sondern die Fragen, die uns plagen). anno_logo1.jpgWeniger eine Organisation organisieren und mehr ein Ökosystem anlegen, in dem sich Menschen wohl fühlen. Ich war bisher weder Ortsgründer noch Bürgermeister und habe keins von beiden vor. Meine limitierte Erfahrung im Anlegen von Orten bezieht sich auf 2 Computerspiele – Sim City und Anno 1701. In den nächsten Posts will ich meinen Fragen nach Missions-orienterten Gemeinschaften dort nachgehen.

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17 Antworten to “Wie man ein Dorf baut – Cluster in Sheffield”

  1. simondevries 17 Mai, 2007 um 8:48 pm #

    Hat er was darüber erzählt, wie das Ganze in seiner neuen Gemeinde in Phoenix klappt?

  2. Arnachie 17 Mai, 2007 um 10:29 pm #

    Hehe, das gefällt mir; vielleicht sollten künftige Gemeindegrünbder mehr Strategie PC Spiele spielen ;-D

  3. marlster 18 Mai, 2007 um 12:21 am #

    @simon: ich weiß nicht, wie das in Phoenix läuft. Er meinte, dass es darum ginge, dort die Gemeinde von Attractional zu mehr Relational umzuprogrammieren. Aber ich habe nicht nach den Clustern gefragt. Wie ist dein Eindruck davon? Bist du skeptisch?

  4. lifenavigator 18 Mai, 2007 um 5:51 am #

    Danke!

  5. Susan 18 Mai, 2007 um 12:01 pm #

    Interessante Gedanken, die Dein Post in mir anregt. Bin gespannt, mehr zu lesen.

  6. simondevries 18 Mai, 2007 um 3:45 pm #

    @ Marlin: Von dem, was ich bisher gehört habe, gibt es glaube ich nur ein oder zwei Cluster in dieser sehr großen Gemeinde und ich habe von einigen gehört, dass die Schwierigkeiten dabei, so ein Modell in einen anderen Kontext (der nicht englisches Studentenmilieu ist), völlig unterschätzt worden sind. Die Male, die ich bei Joy gewesen bin, habe ich überhaupt nichts über Cluster gehört oder gelesen. Insofern hätte mich das interessiert – mein Eindruck ist, dass dieses Modell für Joy überhaupt keine Rolle spielt.

    Diese Umprogrammierung, die du nennst, kann ich schon viel eher sehen – die hat allerdings auch dazu geführt, dass jetzt z.B. im Abendgottesdienst nur noch 100 Leute dabei sind, was sich etwas merkwürdig in so einem Megagemeinde-Gebäude anfühlt. Gesund-Schrumpfen muss ja nicht schlecht sein, wenn man allerdings einen Multi-Millionen-Etat hat, macht einem das wahrscheinlich schon irgendwann Sorgen …

  7. marlster 18 Mai, 2007 um 9:05 pm #

    @simon: ist eine gute Beobachtung und sicherlich auch eine spezielle Situation, wenn eine Megagemeinde sich darauf einlässt. Vielleicht passt auch der Kontext nicht so gut. Im Buch über Cluster nennen sie folgende Kirchen, die das umgesetzt haben oder gerade dabei sind:
    St Thomas’, Sheffield
    Holy Trinity, Cheltenham
    St Andrew’s Chorleywood (MSCs)
    St Barnabas, Kensington
    St Mary Bredin, Canturbury
    St George’s, Deal
    St Paul’s, Hammersmith
    Fountain of Life, Norfolk
    Emmanuel & St James, Didsbury
    North London Vineyard
    St Mark’s, Haydock
    St Barnabas, Cambridge
    Hillsong London (pub-sized groups)
    St John’s Westwood, Coventry
    Highgrove & Woodlands, Bristol
    Good Shepherd, Romford
    St John’s Harbourne, Birmingham

  8. simondevries 19 Mai, 2007 um 10:24 am #

    Vielen Dank, Marlin – das finde ich recht ermutigend, weil ich das Konzept klasse finde, nur bisher noch irgendwie von keinen Gemeinden außer der in Sheffield gehört hatte, wo es tatsächlich gelebt wird. Zusammen mit den interessanten Sachen, die Walter schreibt, macht das allerdings dann echt Mut, da dran zu bleiben.

    Ich glaube tatsächlich auch, dass es besonders schwer ist, eine ehemalige Megagemeinde, die ganz auf Programme und Attraktion ausgelegt war (und ist), umzugestalten – und das insbesondere in einer amerikanischen Vorstadt. Die Bereitschaft, sich eine neue Gemeinde zu suchen, wenn irgendwas verändert wird, ist doch ziemlich hoch. Bei Joy kommt noch dazu, dass es mit Mike Breen einen ziemlichen Ruck in Richtung Entdeckung von Geistesgaben gegeben hat, was eine große lutherisch-evangelikale Gemeinde, die das vorher so nicht betont hat, erschüttern und zu Abgängen führen musste (ob dies gut oder schlecht ist, wird wahrscheinlich sehr unterschiedlich gesehen werden).

  9. simondevries 20 Mai, 2007 um 1:55 am #

    Ich habe heute im Fuller-Seminar nochmal zwei Leute getroffen, die aus England zu Joy gekommen sind und wir haben uns ein wenig über Cluster oder vielmehr deren Nicht-Existenz bei Joy unterhalten. Die beiden waren schon etwas frustriert, einer kehrt in diesem Jahr wieder nach England zurück, Joy hat in den drei Jahren fast die Hälfte der GoDi-Besucher verloren, es gibt zwar nominell 12 Cluster, aber das Ganze sind eigentlich eher Kleingruppen, wenn sie sich denn treffen – alles ganz anders als in Sheffield. Dazu kommen inzwischen offenbar Finanzprobleme. Ziemlich ernüchterndes Fazit zum Thema Export von „erfolgreichen“ Modellen in einen völlig anderen Kontext … ich bin fest davon überzeugt, dass das Ganze im deutschen Kontext mehr Sinn macht als in amerikanischen Vorstädten.

  10. marlster 20 Mai, 2007 um 10:16 am #

    Danke, Simon, für diesen Nachschlag. Hatten die beiden denn etwas zu den Gründen gesagt? Das wäre interessant. Ich finde es auch nicht unbedingt schlecht, wenn eine Gemeinde schrumpft und sich neu orientiert. Wobei 50% ja schon eine Menge sind. Das wäre spannend, zu hören, was die Gründe dafür sind.

  11. Simon 20 Mai, 2007 um 3:50 pm #

    Wahrscheinlich eine Kombination aus Gründen:

    Mein Eindruck ist, dass es unglaublich schwierig ist, eine Gemeinde mit 2500 Leuten, die auf ein Attraktions-Modell gepolt sind. Viele sind einfach dabei, die sagen: Wenn mehr von mir erwartet wird, als mich in den Gottesdienst zu setzen, dann such ich mir eine andere Megagemeinde – wir haben hier ein paar davon zur Auswahl. Die Bereitschaft zu diesem Schritt ist hier ungleich höher. Das ist wahrscheinlich der Anteil an Leuten, wo man sagen könnte, dass es vielleicht ein gesundes Schrumpfen ist.

    Manche können auch einfach mit dem neuen Stil nix anfangen. Als Mike Breen angefangen hat, Tims Gottesdienst zu übernehmen, als er vor drei Jahren kam, ist dieser fast gestorben (also: der Gottesdienst, nicht Tim), weil das einfach überhaupt nicht in die Gemeinde passte. Manche von den Leuten kommen inzwischen jetzt zu uns zu Grace.

    Dann kommt sicher auch die zunehmend pfingstlerische Orientierung dazu. Ich bin ja selbst schon einigermaßen rumgekommen und auch mal ein Jahr in einer Pfingstgemeinde gewesen, aber für einen lutherischen Gottesdienst hat mich das schon sehr überrascht, was inzwischen bei Joy abgeht. Das irritiert viele sehr …

    Und dann ist es wohl so, dass der Senior Pastor Walt Kallestad sehr angetan von dem Modell ist, aber letztlich nicht derjenige, der die Cluster-Philosophie wirklich in der Gemeinde vermitteln kann. Insofern hat die gesamte Gemeindeleitung das noch gar so richtig verinnerlicht. Und es gibt ja nach wie vor auch die ganzen Gottesdienste und Programme. Und beides geht offenbar nicht: Eine programmorientierte Gemeindearbeit und ein Clustersystem. Die beiden Engländer haben auch gesagt, dass man entweder Cluster und Kleingruppen macht oder aber Gottesdienste und Kleingruppen. Joy und wir bei Grace haben Gottesdienste und Cluster versucht und sind wieder bei Gottesdiensten und Kleingruppen gelandet.

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