The rise – die sozialen Bedingungen des Wachstums

17 Mrz

Die nächsten drei Kapitel in the Rise of Christianity beschäftigen sich mit der Rolle von Frauen und Städten in der Ausbreitung des Christentums. In den letzten Post ging es darum, wie Wachstum stattgefunden hat und welche Netzwerke benutzt wurden.

Die Rolle von Frauen und Menschenwürde
Stark beginnt damit, dass in der Zeit die Verteilung von Männern zu Frauen bei 1,4:1 lag. Das ist kein natürliches Verhältnis und kann nur durch unnatürliche Maßnahmen zustande kommen (Tötung von weiblichen Babys). Das führt zum Problem, dass Ehen schwierig waren, weil nicht jeder Mann eine Frau finden konnte und generell Partnerschaft und Kinder nicht populär waren. Damit hatte die Bevölkerung Probleme, sich zahlenmäßig zu erhalten. Die Christen legten Wert auf die Würde des Lebens, erlaubten keine Tötungen von Babys und hatten damit ein positiveres Verhältnis von Männern zu Frauen als die Umgebung. In der heidnischen Kultur hatten die Männer mehr Rechte als Frauen und konnten über ihr Schicksal häufig entscheiden. Die Christen stellten die Frauen den Männern gleich und gaben ihnen mehr Rechte, höheren Status und viel mehr Bedeutung. Die positive Einstellung zu Ehe und Kindern führte dazu, dass Christen mehr Kinder hatten. Viele christliche Frauen heirateten heidnische Partner und produzierten viele sekundäre Bekehrungen (die Partner) und christliche Familien.

Hier habe ich nur die Argumente aufgeschrieben, die Stark benutzt hat. Aber wenn er in diesem Kapitel die Realität damals beschrieben hat, war ich echt gestresst:

Frauen in Athen wurden mit Beginn der Pubertät verheirate oder noch davor. Im Gesetz waren sie als Kinder angesehen, egal wie alt sie waren, und gehörten zu allen Lebensstadien zu einem Mann. Männer konnten sich von einer Frau scheiden, indem sie sie einfach aus dem Haus befohlen.

Außerdem gab es die Abschnitte über Kindertötung, die mich auch überwältigt haben:

Es war die gängige Praxis, ungewünschte Kinder einfach auf die Strasse zu geben, wo sie entweder von jemand aufgenommen wurden oder aber den Elementen zum Opfer fielen und von Tieren und Vögeln gegessen wurden. Bei einer Ausgrabung wurde ein Kanal gefunden, der unter einem Badehaus verlief. Er war mit den Knochen von über 100 Kindern verstopft gewesen. Obwohl man das Geschlecht nicht ermitteln konnte, ist anzunehmen, dass die meisten davon kleine Mädchen waren.

Es scheint, dass es damals gängige Praxis war und sozial akzeptiert, so zu handeln. Die Philosophen haben das unterstützt und niemand hat das sozial angeprangert. Es zeigt mir zu einen, wie launenhaft und unzuverlässig die allgemeine Meinung ist; und zum anderen wie gut und radikal die christlichen Werte sind. Es ist auch beachtlich, dass die Christen diese Werte so anti-kulturell umgesetzt haben. Sie haben total anders gehandelt als ihre Umwelt, weil sie das so erkannt hatten. Das finde ich superbeachtlich. Sie lebten die Aufwertung der Frauen und Kinder nicht erst nach dem Humanismus, sondern in einem Umfeld, wo sie dafür wahrscheinlich als asozial angesehen wurden. Respekt und Bravo an euch Vorläufer!

Die Rolle von Städten und konstantem Choas
Im nächsten Kapitel geht Stark davon aus, dass Gemeinden fast nur in Städten entstanden. Städte sind offener für neue Bewegungen und das Christentum konzentrierte sich fast ausschließlich darauf. Je größer eine Stadt, je mehr jüdischer Einfluss und je weniger römischer, desto früher und schneller entstanden Kirchen. Aber das wirklich interessante ist die Zusammensetzung von Städten:

urban01.jpgGriechisch-römische Städte waren geprägt von Chaos, Angst, Leid und Brutalität. Die meisten Leute gingen in die Städte, weil es auf dem Land zu gefährlich und ungeschützt war. Stark geht auf Antiochien ein: bei einer Population 150.000 Bewohnern innerhalb der Stadtmauern ergeben sich 117 Bewohner pro Morgen. Zum Vergleich: diese Zahl ist in Chicago 21, San Fransisco 23, New York 37 und Manhattan 100, Calcutta 122. Die Bautechnik und Materialien waren nicht sehr ausgeprägt, so dass man bei dieser Überbevölkerung in antiken Schriften häufig vom „Krach von einstürzenden Häusern“ redet. Die Straßen waren so eng, dass sie häufig nur Fußpfade waren. Es gab keine Kochmöglichkeiten anders als Holzfeuerstellen, was die engen Wohnungen verrauchte und häufig zu Bränden führte. Fenster hatten kein Glas, sondern wurden mit Tierfellen abgehängt, was zu Durchzug und Kälte führte. Es gab keine Kanalisation in den Häusern und kein fließendes Wasser, so dass der Nachttopf über den Balkon auf die Strasse gekippt wurde. Außerdem gab es keine Seife, so dass Hygiene … na ja.

All das führte dazu, dass Menschen nicht sehr lang in Städten blieben, was wiederum zu erhöhter Kriminalität führt. Außerdem war die Lebenserwartung mit kaum über 30 Jahren nicht sehr hoch. Wie erwähnt: Chaos, Angst, Leiden und Brutalität. Die Christen brachten mit ihrem Wert auf Gemeinschaft und Sorge für die schwächeren eine Gegenkultur in diese Umstände. Sie hatten Normen und soziale Verbindungen, die den Menschen halfen, mit der Situation zurecht zu kommen.

In Städten voller Obdachloser und armer Menschen bot Christentum Nächstenliebe und Hoffnung.

In Städten voller Neulinge und Fremder bot Christentum die schnelle Basis für Verbindungen und Beziehungen.
In Städten voller Witwen und Waisen bot Christentum eine neue Art von Familie.
In Städten zerrissen von gewaltsamen ethnischen Auseinandersetzungen bot Christentum eine neue Basis sozialer Solidarität.
In Städten bedroht von Epidemien, Feuern und Erdbeben bot Christentum effektive Versorgung und Unterstützung.

Bin ich froh, dass ich heute lebe (und nicht in jener Zeit). Das muss ja echt nicht angenehm gewesen sein! Es war mir nicht so bewusst, dass es die in so einer dauerhaften Krise gelebt haben. Was mich dabei beeindruckt ist, wie die Christen eine Antwort auf ihre Zeit hatten. Sie mussten nicht groß philosophisch überlegen, wie sie Leute überzeugen, sondern ihr Lebensstil war eine praktische Hilfe und wirkliche Alternative. Außerdem scheint es mir, dass nur die Gemeinde diese Kraft hatte, diese Gegenkultur zu leben. Es war wahrscheinlich gar keine Option, ein Jahr lang gemeindelos zu sein oder mal das Ding mit Gott alleine zu probieren. Es hat mir die Kraft von Gemeinde neu gezeigt. Außerdem bringt es mich zum Nachdenken, was die Stresspunkte in unsrer Gesellschaft sind und was wir als Alternative bieten können.

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3 Antworten to “The rise – die sozialen Bedingungen des Wachstums”

  1. tilman 21 März, 2007 um 12:48 pm #

    hey marlin,
    zum thema kindheit und erziehung kann ich dir das buch des psychohistorkers lloyd de mause „hört ihr die kinder weinen“ (original: „The History of Childhood“) empfehlen. an einer stelle schreibst du übrigens, dass kindstötung „damals gängige Praxis war und sozial akzeptiert“. ich denke angesichts von abtreibungszahlen und den immer häufiger auftauchenden geschichten in der presse, in denen kinder vernachlässigt werden, dass die traurigen praktiken weiterhin bestehen bzw. scheinbar wieder öfters auch ans tageslicht gelangen, auch wenn sie sozial nicht akzeptiert sind. was meinst du?

Trackbacks/Pingbacks

  1. der normale Durchlauf in Gemeinden « siyach - 29 Juli, 2011

    […] ersten Christen hatten sicher auch keine 20-Jahres-Rumhäng-Harmonie. Damals war die Lebenserwartung um die 30-35 Jahre. Die Leute sind häufig in die Städte gezogen, weil das Land gefährlich war […]

  2. Wie Veränderung gelingt – der lange Weg zu Mission-Shaped Communities « siyach - 15 Februar, 2012

    […] Vernetzung und postmodernen Ansichten) mit der Hoffnung, der Kirche neues Leben einzuhauchen, Christsein relevant zu machen und damit nah am ursprünglichen Gedanken von Jesus dran zu […]

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