Ein Spaziergang mit George Ladd

28 Sep

Diesen Sommer hatte ich am Strand von Südfrankreich das Vergnügen, eine Theologenbiografie lesen. Wow – da sind so viele Widersprüche in dem Satz, dass er fast nur noch getoppt wird von dem Ausdruck: englischer Elfmeterspezialist. Egal. George Eldon Ladd war ein Theologe, der zwischen 1940 und 1970 viel gewirkt hat und am Ende seines Lebens ziemlich besoffen durch die Geschichte lief. Er ist nicht so wirklich bekannt; außer dass ein gewisser John Wimber damals an der gleichen Fakultät war und seinen New-Style-of-Charismatic-Ministry auf diesen George Ladd aufgebaut hat.

Die Biografie war super. Denn sie war nicht glatt, kein Happy End und eben so ein gewisser Insider-Flair. George Ladds Vater war schon dauernd besoffen, er wuchs ziemlich arm und sozial ungelenk auf. Sein Bruder war ein super Sportler, was George noch mehr frustrierte und isolierte. Er kam in einer konservativen Kirche zum Glauben und half gleich eifrig mit – Jugendgruppe, Stühle stellen und dann endlich mal Predigen. Das klassische Programm eben.

George Ladd heiratete früh, studierte auf dem College Theologie und half in zwei Gemeinden mit. Kaum Geld, viel Anforderungen. Aber er haute rein und machte sich. Mit der Zeit wollte er seine Außenseiterrolle dadurch überwinden, dass er akademische Anerkennung findet. Er wollte ein „Place at the Table“ – Anerkennung von den großen Jungs – den Theologen in diesem Fall. Die ersten 4 Unis lehnten ihn ab. Die nächsten 4 auch. Irgendwann fand er dann eine mittelmäßige, verdiente sich dort seine Sporen und landete dann eher zufällig als Doktorand an der Harvard Uni,

Einige Jahre danach wurde in Südkalifornien das Fuller Institut gegründet. Es war ein Projekt, das die Fundamentalisten aus ihrer verborten Ecke holen wollte und sie mit wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit ausstatten sollte. George Ladd war einer der Gründungsprofessoren. Er lehrte (gut sogar), er schrieb und forschte. Er machte eine Auszeit in Heidelberg (der Mann hatte Geschmack) und bereitete sich auf die Veröffentlichung seines Lebenswerks vor.

1970 erschien dann „Jesus and the Kingdom“ – 400+ Seiten voll theologischer Schwergeschütze. Er beschrieb Jesu Lehre vom Königreich Gottes und die damals heikle Frage der Endzeitvorstellung. Die ersten zwei Rezensonisten waren pro, der Dritte nicht. Norman Perrin schrieb eine Rezension, die kein gutes Haar an Ladds Werk ließ. Zur Zeit der Veröffentlichung war Ladd wieder in Heidelberg (yeah), und ein Freund überreichte ihm den Brief. Ladd wurde beim Lesen weiß, verließ lautlos das Zimmer. Er war tagelang nicht gesehen und ab dem Moment ein anderer Mensch.

Die Kritik seines Kollegen setzte George Ladd so zu, dass er alle akademischen Ambitionen ziehen ließ. Sein Antriebsfeder im Leben war gebrochen. Sein Alkoholproblem kam immer mehr in den Mittelpunkt. Er soff so viel, dass er öfter nicht für Lektionen erschien. An der Fakultät war es ein offenes Geheimnis, genauso wie der schlechte Zustand seiner Ehe und sein schlechtes Vatersein. George Ladd war gebrochen.

In den letzten 20 Jahren seiner Karriere schrieb er noch einiges, wohnte einigen Gremien bei und lehrte. Er wurde ab und zu mal beurlaubt, wenn es mit seinem Trinken zu schlimm wurde. Er starb als einsamer, gescheiterter Mann. Auch heute ist George Ladd nicht wirklich berühmt, aber seine Thesen üben einen weiten Einfluss aus (vor allem via die Vineyard-Gemeinden weltweit).

Der Spaziergang mit Ladd brachte mich ins Nachdenken: über Ambition, über den Wert von Familie und Freundschaften, über das Üben und Empfangen von Kritik. Ich habe über das Buch mehr nachgedacht als über die typischen Happy-End-Storys. Und es spricht noch immer zu mir. Es sind die gebrochenen Linien, mit denen Gott öfter mal Geschichte schreibt.

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5 Antworten zu “Ein Spaziergang mit George Ladd”

  1. Cooolia 28 September, 2011 um 3:53 nachmittags #

    danke für’s posten. habe von diesem ladd auch noch nichts gehört, aber wie du ihn beschreibst, finde ich es gut… ehrlich.
    krass eigentlich und vor allem krass, dass man seinen antrieb erkennen kann. es gibt so viele “fertige”, die sich nie mit ihren grundproblemen auseinandersetzen mussten und dann doch irgendwie ne geistliche karriere hinbekommen haben- leider oft auf kosten anderer… schade aber, dass diese dritte review ihn dann so aus der bahn werfen konnte.
    mich bewegt dieser bericht mehr als viele andere einträge.

  2. Mike 28 September, 2011 um 8:43 nachmittags #

    Danke für den Beitrag. Ein Freund von mir hat mal in Analogie zur Geschichte von Jakob gesagt: “Trau keinem, der nicht hinkt”. Aber tragisch, wenn die Brüche und Kämpfe in einem Leben zum definitiven Zerbruch führen, von dem man sich nicht erholt.

  3. Rami A. 30 November, 2011 um 8:04 vormittags #

    Danke für den Beitrag! Ich habe während meines Studiums alle 700 Seiten von Ladds “A New Theology of the New Testament” von 1974 gelesen und hab es sicher nicht bereut, im Gegenteil. War sehr lehrreich!! Von seiner Biographie wusste ich nichts, klingt sehr tragisch. Werde sie wohl bald mal lesen… Grüße und nochmals danke!

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